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Neues aus Theologie und Philosophie, Heft 2, 2003

Der wissenschaftliche Fortschritt fördert nicht nur erstaunliche Erkenntnisse zu Tage, sondern wirft auch Fragen auf, die die Grundlagen der Wissenschaften selbst betreffen. Nicht selten zeigen sich dabei Probleme, die in ähnlicher Form schon lange im Schwange sind. So wird auf dem Hintergrund der Hirnforschung die Frage nach dem menschlichen Bewusstseins zum Anstoß für die grundlegende Frage nach dem Verhältnis von Geist und Materie, die seit langem zwischen Materialismus und Idealismus hin- und herschwankt. Es fehlen ganz einfach die Kriterien zur Klärung dieses Problems. Deswegen verspricht das neue Buch des Regensburger Philosophen Franz von Kutschera, im Dschungel der Begriffe und Theorien eine Orientierungsroute zu entwickeln, zumal die Wissenschaftstheorie sein zentrales Fachgebiet ist. Auf die Hirnforschung geht er nicht direkt ein, aber im Spektrum seiner Grundlagenreflexion trifft er Unterscheidungen, die zur Vorsicht gegenüber der Vermischung von Hirnforschung und Philosophie mahnen: „Nur wer sich nicht mehr von den Beteuerungen von in Neurologie dilettierenden Philosophen und von in Philosophie dilettierenden Neurologen suggerieren lässt, man wisse schon heute fast alles darüber, wie das Gehirn Bewusstsein erzeugt, und übermorgen werde auch die letzte einschlägige Frage beantwortet sein, bekommt den Kopf frei für ernsthafte eigene Bemühungen um Einsicht" (162 f.). In noch höherem Maße trifft dies zu, wenn man jetzt auch von einer „Neurotheologie" zu reden beginnt. Mit seiner Marginalie verdeutlicht der Autor nur dem Leser, dass es in diesem Buch das Grundproblem zu klären gilt: der „Wahrheitsanspruch des Materialismus und der anderen Positionen zum Verhältnis von Psychischem und Physischem" (8). Man darf davon ausgehen, dass die Schwierigkeit der Materie den Leser zu anstrengendem Studium herausfordert. Und wer sich darauf einlässt, wird trotzdem feststellen: Die Sicht wird klarer, das Gewirr der Begriffe bekommt eine Ordnung, der Freiheit des Denkens werden die Türen geöffnet.
Die Reichweite des Materialismus lässt sich nur klären durch die Unterscheidung von physischer Realität und psychischen Eigenschaften und Zuständen. Physisches wird mit der Sprache der Physik beschrieben. Das Psychische zeigt sich an Personen und fällt in das Reich des Bewusstseins, wird aus einer Innenperspektive des Trägers formuliert; es hat intentionalen Charakter, d.h. es bezieht sich auf etwas (Objekt oder Sachverhalt). Der Materialismus führt nun alle Erscheinungen auf physikalische Vorgänge zurück. Wegen seiner Einfachheit empfiehlt er sich als „Dogma der Menge" (Platon, Sophistes 265 c 5). Er beruht hauptsächlich auf zwei Argumenten: Kein Geist ohne Gehirn. - Alles lässt sich naturgesetzlich aus Früherem ableiten. Eine sorgfältige logische Abwägung stellt hier freilich eine Grenzüberschreitung fest, die schon damit beginnt, dass die These von der physischen Natur der gesamten Wirklichkeit keine physikalische Aussage mehr ist, sondern eine metaphysische. Am Ende des Durchgangs verschiedener Argumente und Varianten des Materialismus wird deutlich, dass man zwar „naturgesetzliche Korrelationen zwischen einzelnen psychischen und physischen Ereignissen" nachweisen kann, „aus ihnen folgt aber nicht die Identität der korrelierten Ereignisse" (23), die der Materialismus behauptet. Man kann psychische Ereignisse naturwissenschaftlich bestimmen, aber die Neurologie ersetzt nicht die phänomenale Bedeutung von Gefühlen. „Noch so vollständige neurologische Kenntnisse über Fledermäuse geben uns keine Informationen darüber, was sie fühlen. Ebenso liefern Theorien über die Vorgänge in unseren Gehirnen keine Informationen über das, was wir bewusst erleben" (36 f.). Der Autor macht deshalb den Materialisten den Vorwurf der Resistenz gegen rationale Argumente.
Die Bestimmung von Wirklichkeit als Geistiges geschieht in zwei Formen. Der ontologische Idealismus „will die ganze Welt physikalischer Tatsachen durch die Gesamtheit psychologischer Tatsachen bestimmen" (40); auch die körperlichen Eigenschaften einer Person ließen sich auf seelische reduzieren. Der epistemologische Idealismus betrachtet die Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung nur als „mentale Objekte oder Ereignisse" (39). Das Problem wird schon darin deutlich: „Streicht man die physische Außenwelt, so auch die möglichen Ursachen unserer Eindrücke" (41). Der Idealismus definiert Physisches durch Sinnesdaten; was diese sind, bleibt aber unbestimmt. Mit dieses Betrachtungsweise verliert der Mensch die Welt, wie sie ist, ganz aus dem Blick. Ihr Hauptfehler besteht darin, „die Sache selbst mit Vorstellungen von ihr, bzw. Beschreibungen oder Theorien von ihr zu verwechseln" (53). Sie unterscheidet nicht zwischen Vorstellung und Vorgestelltem. Was eine Sache ist, bleibt, was sie ist, wie auch immer ich sie bestimme. Unser Begreifen hängt von dem gelernten Begriffssystem ab, deshalb sind aber die Dinge selbst nicht etwas Begriffliches. Die Grenzen der Sprache sind noch nicht die Grenzen der Erde. Das genaue Durchforsten der verschiedenen Argumentationsstränge endet in der Feststellung: „Selbst wenn alle empirischen Eigenschaften sekundär sind, haben die natürlichen Dinge und die Natur insgesamt mit den dispositionellen Eigenschaften eine bestimmte, angebbare Beschaffenheit, die nicht davon abhängt, ob Beobachtungen durchgeführt werden und welche Ergebnisse sie haben. Diese Beschaffenheit lässt sich zwar ... unter Bezugnahme auf Beobachtungen bestimmen, die Natur wird dadurch. aber nicht zu etwas Mentalem. Sie ist ... insofern eine eigenständige Wirklichkeit, als sie es ist, die bewirkt, dass wir dies und jenes beobachten" (60).
Die dritte Form des Verhältnisses von Geist und Materie ist der Dualismus. Für Descartes gibt es zwei autarke Welten: die ausgedehnten Körper, die kein Bewusstsein haben, und die Seelen, die Bewusstsein haben, aber nicht ausgedehnt sind. Der menschliche Körper funktioniert wie eine Maschine, die Seele ist ein Geist in der Maschine. Das philosophische Problem ist jedoch die Verknüpfung von Leib und Seele in der Person. Die Schwierigkeiten bestehen dann in der Frage nach dem Ursache-Wirkungs-Verhältnis in dieser Verknüpfung. Was die Erkennbarkeit der Welt betrifft, bleibt es möglich, physikalische Tatsachen zu erkennen und manche Erkenntnisse sind richtig, aber die empirischen Erkenntnisansprüche lassen sich „nicht legitimieren" (83). Außerdem lässt sich die Auffassung von der Autarkie und Eigenständigkeit der beiden Bereiche nicht aufrechterhalten. Wie aber kann die Bezogenheit positiv bestimmt werden? Festzuhalten gilt dabei als erstes: Es gibt für uns keinen externen Standpunkt. „Von einer Wirklichkeit, zu der wir selbst gehören, gibt es keine Außenansicht; sondern nur eine Innenansicht; es gibt keine transzendente Erklärung von Geist und Natur, sondern nur eine immanente Erhellung der Wirklichkeit, in der wir leben, mit den geistigen Mitteln, die uns nun einmal zur Verfügung stehen" (86). Zudem steht fest: „Es gibt keine vollständige Theorie unserer intellektuellen Kompetenzen, also auch keine vollständige Theorie menschlichen Verhaltens oder von Personen" (89). In der Reflexion auf das Erfahren, Handeln und Denken (intentionales Bewusstsein) lässt sich zwar Subjektives und Objektives unterscheiden, aber wir nehmen die Welt nicht einfach so wahr, „wie sie an sich ist", vielmehr „in einer Weise, die von uns selbst in hohem Maße mitbestimmt ist" (93). Dies ist Sache aktiver (subjektiver) Deutung, aber auch der (intersubjektiven) Überprüfung durch andere; denn was wir denken und fühlen, wird auch durch die Welt mitbestimmt, in der wir uns zurechtfinden müssen. Hier kommt der kulturelle Horizont ins Spiel, der sich als „gemeinsame Welt" in der Bildung von Sprache und Verhaltenformen niederschlägt und sich so auf die Gefühle auswirkt. Trotz der Innenperspektive bleibt der Mensch als körperliches Wesen in der Welt und greift handelnd in ihre Abläufe ein. Nur dadurch können wir uns über die Welt verständigen und „die physische Welt als eine Wirklichkeit bestimmen, in der wir selbst unseren Platz haben" (101).
Wir können nicht von den sinnlichen Eindrücken auf die Beschaffenheit der physischen Welt schließen, aber man kann eine Wahrscheinlichkeitsrelation zwischen gewissen Eindrücken und objektiven Sachverhalten annehmen. Im Quantenbereich kann „einem System nur relativ zu Beobachtungen eine Beschaffenheit zugeschrieben werden" (118); das beobachtende Subjekt kann nicht eliminiert werden, denn es legt den Schnitt zwischen Beobachtung und Beobachtetem fest. Für die Betrachtung der Natur als ganzer ist deshalb festzuhalten, dass alle Beobachter zu ihr gehören und ihre Handlungen auf das System selbst einwirken.
Ein wesentliches Moment geistigen Lebens ist die Reflexion, die ein Thematisieren des eigenen Bewusstseins ermöglicht. Durch Reflexion erfassen wir mittelbar oder unmittelbar Seelisch-Geistiges. Dabei bildet aber der Geist als Objekte eine Hierarchie von Begriffen. Auf dieser Fähigkeit beruht nun ein wesentliches Moment der geistigen Welt: „Die prinzipielle Offenheit der Hierarchie abstrakter Objekte zeigt... die Kreativität des Geistes und seine Fähigkeit, über jeden gegebenen Horizont hinauszugehen" (130). Sie geht von der essentiellen Bindung des Geistigen an Physisches aus. Durch das Erleben der Natur und unser Handeln als Ausgangspunkt gelangen wir zu einem Bewusstsein unserer selbst und zur Differenzierung von Physischem und Psychischem. Auf dieser Basis, die von nichtintentionalen Empfindungen und intentionalen Haltungen bestimmt ist, kommt es „zur Entfaltung der gesamten geistigen Welt abstrakter Gegenstände wie auch von Theorien, Wertordnungen und Idealen" (130). Sprache als das gegenständliche Medium des Denkens ermöglicht den Ausdruck des Mentalen, der Bedeutungen. Der Austausch der Bedeutungen setzt ein Medium der Kommunikation voraus, das alle Subjekte als gemeinsame objektive Welt haben. Das Geistige entwickelt sich also nur unter den Bedingungen des Physischen. Dennoch vertritt Franz von Kutschera den Vorrang des Geistigen, den er am Subjektbegriff festmacht. Über Hume und Kant hinaus versteht er das menschliche Ich als „Noumenon, das sich in der moralischen Autonomie des Menschen manifestiert,.. es ist „Gegenstand unseres Selbstbewusstseins wie unserer äußeren Erfahrung" (142). Als Subjekt ist es bestimmt durch Bewusstsein („etwas für sich"), durch Freiheit (aktive Bildung von Urteilen) und durch seinen dialogischen Charakter (Aufbau einer gemeinsamen Welt durch Kommunikation). Es ist Urheber auch physikalischer Wirkungen und steht in Wechselwirkung mit seiner physischen Umwelt. Hinzu kommt die Fähigkeit der Selbsterkenntnis, die nur im Gegenüber zu einem Anderen möglich ist. Auch wenn seine genaue Bestimmung offen ist, hat das Selbst, die Seele ein besonderes Gewicht; denn „was jemand ist, bestimmt er durch sein Tun und Wollen in gewissem Maße auch selbst. Es gibt eine - in Grenzen - freie Selbstbestimmung der Persönlichkeit" (155). Der Autor verschiebt hier die Frage nach dem Vorrang dahingehend: „Was soll für mich selbst den Vorrang haben?" Das Geistige ist eine Möglichkeit des Menschen, die nur dadurch wirksam wird, dass der Mensch sie ergreift. Dass es geistig-seelische Eigenschaften und Aktivitäten gibt, die nicht mit Körperlichem verbunden sind, wie Intelligenz, Gerechtigkeit, Liebe u.a., ist ein bedeutsamer Hinweis auf die Existenz geistiger Subjekte. Ihre Realität bleibt jedoch an die Existenz einer gemeinsamen gegenständlichen Welt gebunden. Mit der Priorität des Geistigen kommt über alle Erklärungswege hinaus eine teleologische Erklärung hinzu: die Frage nach dem Sinn. In der Erfahrung der Endlichkeit, die diese Frage provoziert, liegt der Anfang zu kreativer geistiger Selbstentfaltung.
Dieses Spektrum des Denkens über Materie und Geist stellt mit seinem „polaren Dualismus" ein starkes Band zwischen Natur- und Geisteswissenschaften her. Zugleich entwirft es Ansätze zu einer Besinnung des Menschen auf sich selbst, die im Strudel der Business-Kultur verloren zu gehen scheint.



Rudi Ott


 


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Über den Autor/in

Franz von Kutschera

geb. 1932, Studium der Physik und Philosophie in München. 1968-1998 Professor für Philosophie...
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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

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