Vom Tribunal der Erfahrung zum wissenschaftlichen Prozess
2012, 169 S., kart.
ISBN: 978-3-89785-772-8
EUR 28,00
Die
Unterbestimmtheitsthese ist in der wissenschaftstheoretischen Diskussion
wesentlicher Bestandteil der Realismus-Debatte. Sie thematisiert das Verhältnis
wissenschaftskonstitutiver, theoretischer Aspekte zur Empirie und dessen
philosophische Konsequenzen. Die forschungspraktische Bedeutung von
Unterbestimmtheiten für die Wissenschaften gerät nie in den Blick. Die
vorliegende Untersuchung kommt nach einer philosophiehistorischen Rekonstruktion
der Unterbestimmtheitsthese bei Duhem, Neurath und Quine zu dem Ergebnis, dass
es keine einheitliche Unterbestimmtheitsthese gibt: Unterbestimmtheit übernimmt bei den drei
Autoren je unterschiedliche Rollen, die nur vor dem Hintergrund ihrer
philosophischen Gesamtkonzeption angemessen zu verstehen sind, aber keine
Rückschlüsse auf eine realistische oder instrumentalistische Interpretation von
Wissenschaften erlauben. Dieses Buch schlägt einen anderen Weg zur
Analyse von Unterbestimmtheiten ein: Es rekonstruiert ausgehend von William
James’ und C. I. Lewis’ Verständnis der konstitutiven Bedingungen von
Wissenschaften theore tische Rahmenbedingungen als pragmatische Aprioris, die
dem historischen Wandel unterliegen. Im Zuge dieses Wandels können sich die
apriorischen Bedingungen semantisch aufladen und werden der empirischen
Erforschung zugänglich. In diesem Prozess werden sie von formalen Bedingungen
der Forschungspraxis zu unterbestimmten empirischen Hypothesen. Die
Unterbestimmtheitsthese mutiert damit vom metatheoretischen Postulat zum
empirischen Werkzeug zur Analyse wissenschaftlicher Entwicklung.