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Jan Standtke, 09.05.2005

Versucht man die unübersichtliche und vielschichtige Diskussion über den Stand der gegenwärtigen Literaturwissenschaften auf handhabbare und abgrenzbare Merkmale zu reduzieren, wird sich relativ schnell die Einsicht einstellen, dass dieses Unternehmen auf eine differenztheoretische Argumentationsanalyse zwischen mitunter nicht wenig polemischen traditionalistisch philologisch oder aber kulturwissenschaftlich orientierten Positionen hinauslaufen wird.
Besonders die exklusive Stellung der Literatur als stringente Platzhalterin des Gegenstandbereichs der Literaturwissenschaft kristallisiert sich als Dreh- und Angelpunkt der Debatten heraus. Sicherlich zählt auch die Methodenfrage noch zum aktuellen Diskussionskanon, doch zweifellos bekleidet die Frage nach dem Gegenstandsbereich oder besser doch Gegenstandbereichen der Literaturwissenschaft eine unhintergehbar vorgeordnete Stellung im aktuellen Diskussionszusammenhang. Leider tut sich hinsichtlich vorzeigbarer Erkenntnisse im Rahmen dieser Debatten relativ wenig. Momentan scheinen sich die Diskutanten in ihren Positionen festgefahren zu haben. Publikationen im Dunstkreis der allgegenwärtigen Fragestellung reichen zumeist über die deskriptive Aneinanderreihung der vorgängigen Positionen nicht hinaus.
Hierin sehen auch Manfred Engel und Rüdiger Zymner ein wesentliches Desiderat der kulturwissenschaftlichen Diskussion. Und insofern versuchen sie zwar, programmatische Eckpunkte der kulturwissenschaftlichen Orientierung aufzugreifen, akzentuieren diese jedoch anders und gehen gewissermaßen einen Schritt vor die Gegenstandsfrage zurück und eröffnen so eine interessante Perspektive. Die zentrale Fragestellung, die der Konzeption des Bandes „Anthropologie der Literatur. Poetogene Strukturen und ästhetisch – soziale Handlungsfelder“ zugrunde liegt, setzt den Gegenstandsbereich Literatur voraus und wendet sich dem Menschen als einzigem uns bekannten Lebewesen zu, das überhaupt in der Lage ist, diesen Gegenstandsbereich zu konstituieren. Die Argumentation der Autoren setzt somit in einer grundlegenden Kritik der Literaturwissenschaften ein, deren Paradigmen keinen Platz für den Blick auf die Bedingungen und Voraussetzung lassen, die Literatur überhaupt erst ermöglichen, wenn nicht gar erzwingen. Dass diese Perspektive auf anthropologische bzw. biologische Voraussetzungen der „Poesie“ kein absolutes Novum ist, wissen auch die Autoren, zumal einer der Pioniere der „Biopoetik“, Karl Eibl, ebenfalls eine Beitrag zum vorliegenden Band liefert.
Und so beruft sich Zymner in seinem richtungweisenden Beitrag auch ausgiebig auf Eibls „Die Entstehung der Poesie“ und weist auf den bisher vernachlässigten Aspekt des bio-kulturellen Konstruktcharakters von Literatur und Poesie hin (S.8). Es gilt in diesem Zusammenhang somit, die Geltungsbereiche der Konstrukte neu zu denken, die zumeist als „innerstes Eigentum“ der Literatur gehandelt werden. Die von Zymner geforderte „Biopoetik“ versucht, die gemeinsamen anthropologischen Wurzeln der extra – literarischen und traditionell literarischen Verfahren und Praktiken zu eruieren und so die Grundlegung der „Dichtkunst“ in der „Nichtkunst“ zu fassen.
Diesem Grundsatz in mehr oder minder radikaler Ausprägung folgend, versuchen sich auch die weiteren Beiträge des Bandes an der Zusammenführung von „cultural- und biological turn“ und dies mit innovativer und flüssiger Argumentationslinie und zumeist interessanten und perspektivreichen Fazits.
Natürlich kann der Band keine völlig neuen Erkenntnisse liefern, allein schon aufgrund der Tatsache, dass dieses Feld vom bereits erwähnten Karl Eibl schon so ausgreifend bearbeitet wurde. Und doch gelingt es den Autoren, allesamt renommiert und routiniert im Umgang mit kulturwissenschaftlichen Wissensbeständen, dem Blick auf Literatur und den diese konstituierende Verfahren und Praktiken unter Rückbezug auf eine biopoetische Grundlegung der Literaturwissenschaft einen Akzent zu verleihen, der sicherlich nicht den schlussendlichen Ausweg aus der noch immer gültigen, wenn auch sich ständig verändernden, Krise der Literaturwissenschaften markiert, doch aber unbedingt weiterzuführende Impulse liefert. Die Tatsache, dass die Autoren um Eibl und Zymner gleichwohl bestrebt sind, die altbackene Dichotomie zwischen Geistes- und Naturwissenschaften zu unterlaufen, gestaltet die Lektüre umso anregender. Fernab aller „kompensationstheoretischer“ Überlegungen erscheint eine Kooperation in Form eine biopoetischen Fundierung der Literaturwissenschaft durchaus sinnvoll, wenn nicht sogar zwingend.
Nicht die Exemplifizierung der theoretischen Grundlegungen an speziell ausgewählten und so vorab als besonders zweckdienlich befundenen Gegenständen bildet die Basis des Bandes, sondern eine an der „Summe“ des Fachs vollzogene Rückführung literarischer Phänomene auf die anthropologischen und biologischen Funktionen des Dichtens lassen ein biopoetische Literaturwissenschaft als sinnfällige Erweiterung kulturwissenschaftlich ausgerichteter Philologien erscheinen. Die Gliederung des Bandes in die Abteilungen „Vorstellungen und Nachbildungen“, „Handlungen“, „Gestaltungen“, „Wirkungen“ und „Rekonstruktionen“ fügen sich in die anthropologische Grundlegung ein und die Beiträge, u.a. von Frank Zipfel, Manfred Engel, Doris Bachmann-Medick, Jürgen Link, Burkhard Moennighoff und Ulrich Gaier, finden eine interessante Balance zwischen den Komponenten einer ästhetisch-sozial ausgerichteten Literaturwissenschaft und einer Biopoetik der Kultur.
Vergeblich sucht man jedoch nach einem, die Herausgeber bedauern es ebenfalls ausdrücklich, Beitrag aus dem Feld der Naturwissenschaften. Man kann nur spekulieren, wo die Ursachen für diese Abstinenz liegen. In der Summe jedoch ist der vorliegende Band eine innovative Bereicherung für den kulturwissenschaftlichen Diskurs und es bleibt zu wünschen, dass er auch in der universitären Lehre eine dankbare Rezeption erfährt und die Impulse zur Kooperation von Geistes- und Naturwissenschaft nicht einem häufig anzutreffenden unbegründeten Skeptizismus zum Opfer fallen. 
 

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Die Herausgeber/innen

Rüdiger Zymner

geb. 1961, Studium in Göttingen, Promotion und Habilitation in Fribourg (Schweiz). Seit ist...
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Manfred Engel

ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken....
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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

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