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Arbitrium 2/2005

»Heimgekehrt von Reisen/Ins Metaphysische«:(*1)  Diesen (aus einem ganz anderen Kontext stammende) Vers von Ernst Stadler könnte man als Leitmotiv über den opulenten Sammelband setzen, der nach Jahrzehnten der Dominanz ideologisch geprägter Strömungen in der Literaturwissenschaft und nach dem Einbruch der Postmoderne in die Geisteswissenschaften ein neues Forschungsparadigma zu etablieren helfen will: »Bio-Poetik der Literatur« (S. 8) nennen die Herausgeber Rüdiger Zymner und Manfred Engel jene in Deutschland vornehmlich von Karl Eibl vertretene literaturwissenschaftliche Richtung, in der es um die Untersuchung jener »Verfahren, Praktiken und Handlungsfelder« geht, »die traditionell als innerstes Eigentum von Literatur und Kunst gelten«, sowie um »proto-ästhetische bzw. proto-poetische Verfahren«, die zahlreiche weitere kulturelle Bereiche durchdringen (ebd.). Um eine »Ästhetik bzw. Poetik der Kultur« in diesem anthropologischen Sinn auf empirische und interdisziplinäre Weise erarbeiten zu können, sollen nach dem Vorsatz der Herausgeber Vertreter der »biopoetischen Wende in der Literaturwissenschaft« (S. 8f.) mit solchen kulturwissenschaftlich orientierter Methoden ins Gespräch gebracht werden. Das Ergebnis kann sich aus mehreren Gründen sehen lassen: Statt Kompendien zur weltanschaulichen Orientierung samt quasi-metaphysischen Großtheorien zu präsentieren, bietet der Band einen breiten Querschnitt durch jene Forschungsansätze, die anthropologische mit literaturwissenschaftlichen Fragestellungen zu verbinden trachten. Gemeinsam ist den 18 in sechs thematische Gruppen gegliederten Artikeln zum einen ihre durchgehend empirische, nicht-spekulative methodische Ausrichtung und die starke Bezugnahme auf angloamerikanische Forschungen, die die bis vor kurzem verbreitete Orientierung am französischen poststrukturalistischen Paradigma abzulösen scheint, zum anderen die meist mehr oder weniger deutlich erkennbare Tendenz, in Literatur beziehungsweise Poesie »anthropologische Universalien« (S. 13) festzustellen, biologische Dispositionen in unterschiedlichen kulturellen Manifestationen aufzuspüren, jedenfalls soweit diese in literarischen Strukturen greifbar sein können. Ein Hauptgewinn dieses nicht risikofreien Unternehmens für die traditionelle Literaturwissenschaft steht jedenfalls vorab bereits fest: Da der Band nicht vorrangig Werkanalysen oder Detailstudien bietet, sondern neue inhaltliche und methodische Perspektiven eröffnen will, ist er vielfach auch als Handbuch des neuen Forschungsparadigmas zu lesen und eignet sich als Nachschlagewerk einerseits für neueste Entwicklungen in der Erzähl-, Mythos-, Metrik-, Metaphern- oder Symbolforschung, andererseits für wissenschaftliche Tendenzen außerhalb des engeren philologischen Bereiches, die für diesen im hier anvisierten Rahmen von Bedeutung sein können (wie der Kognitionspsychologie, der Soziobiologie oder der Ethnologie und Kulturanthropologie). […]
Einer der bemerkenswertesten Artikel des gesamten Bandes ist Manfred Engels ebenso präziser wie gedankenreicher Beitrag zum »poetogene tential des Traumes«: Im Gegensatz zu jenen psychoanalytischen Methoden in der Literaturwissenschaft, die freudianisierende Theorien zumeist flektiert übernahmen, ist Engel um eine historische Verortung dieser Traumdeutungsansätze bemüht: »Die seit Lacan — bei Freud gibt es dafür allenfalls Ansätze — gängige Rede vom Traum (oder vom Unbewußten überhaut) einer ›Sprache‹ ist nicht einmal als Metapher sinnvoll. Sie gehört vielmehr selbst zu den vielfältigen kulturellen Strategien, mit denen die Fremdheit und Andersartigkeit des Traumes aufgehoben werden soll« (S. 108). Daß Träume als »Black Boxes« dem Wachenden immer unzugänglich bleiben müssen, ist jene grundlegende Einsicht, die alle »kulturelle Arbeit an der Fremdheit und Andersart des Traums« (S. 110) als wesentlichen Bereich der Dichtung beziehungsweise der Kunst überhaupt ausweist, nicht aber der Wissenschaft. (*4)  Engels knappe Aufschlüsselung der poetogenen Qualitäten des Traums besticht ebenso wie sein historisch-typologischer Abriß der Beziehungen zwischen Traum und Literatur durch Genauigkeit und Originalität: So hebt er etwa am Beispiel der »Dominanz von auf Analogie und Assoziation beruhenden Verknüpfungsformen« die Beziehung des Traumes zu literarischen und frühgeschichtlichen Denkformen hervor (S. 113). Daß in modernen Texten »traumhafte Prinzipien« Gestaltungsprinzipien werden können (S. 116), ist ein überaus fruchtbarer und weiterzuverfolgender Ansatz. […]
Die hohe fachwissenschaftliche Kompetenz der Beitragenden des Bandes ist fast überall erkennbar. Leider erhält man keine Informationen zu den Beiträgern und Beiträgerinnen, etwa zu einschlägigen Forschungsprojekten und Publikationen, sofern diese nicht in den Ansätzen selbst aufscheinen.
Man wird aber durch wichtige methodische Überlegungen für eine kulturwissenschaftlich sich orientierende Literaturwissenschaft sowie durch bibliographische und weiterführende Sachinformationen aus fachfremden Gebieten bereichert. Eine Bibliographie am Schluß rundet den Band sinnvoll ab.


Herwig Gottwald


(*1) Ernst Stadler, Ende. In: ders., Dichtungen, Schriften, Briefe. Kritische Ausgabe. Hg. Von Klaus Hurlebusch und Karl Ludwig Schneider. München 1983, S. 132.
(*4) Zu einer vergleichbaren Kritik empirischer Psychologie an Freud vgl. Werner Greve / J Roos


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Die Herausgeber/innen

Rüdiger Zymner

geb. 1961, Studium in Göttingen, Promotion und Habilitation in Fribourg (Schweiz). Seit ist...
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Manfred Engel

ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken....
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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

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