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KULT_online, Ausgabe 5 (2005)

Abstract


Wegweiser durchs Gattungsdickicht: Rüdiger Zymners Studie zur literaturwissenschaftlichen Gattungstheorie


Um das spezifische Leistungsvermögen der Gattungstheorie als theoretisches Instrumentarium erfassen zu können, ist eine solide Kenntnis der verschiedenen Ansätze, Richtungen, eben der »Probleme und Positionen« der gattungstheoretischen Literaturwissenschaft, erforderlich. Die vorliegende Studie hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine solche literaturwissenschaftliche Basisarbeit zu leisten. Ausgehend von der historischen Entwicklung der Gattungstheorie, stellt Zymner umfassend v.a. die dieser Teildisziplin inhärente Problematik von Begriffsfindung bzw. terminologischer Bestimmung dar und fasst die verschiedenen Aspekte der Gattungstheorie prägnant zusammen. Durch ihre insgesamt gelungene Strukturierung und die klare Argumentation ist die Studie gerade auch für Studierende geeignet, die sich in diese literaturtheoretischen Teilgebiete einarbeiten wollen.


 


Wegweiser durchs Gattungsdickicht: Rüdiger Zymners Studie zur literaturwissenschaftlichen Gattungstheorie


Ausgehend von einer Ubiquität von Gattungsbegriffen (und deren Verwendung in der Gesellschaft: so weiß jedermann ein Drama von einem Roman zu unterscheiden und würde gleichsam ein Schmöker einem Epos für einen gemütlichen Leseabend vorziehen) einerseits und einer daraus resultierenden Begriffsvielfalt andererseits liefert das erste Kapitel einen diachronen Überblick über die Entwicklung von einer Gattungsästhetik über eine normative und dann spekulative Gattungspoetik hin zu einer literaturwissenschaftlichen Gattungstheorie. Das zweite Kapitel stellt sich der »ontologischen« Frage nach der Existenz von Gattungen und referiert die Positionen von Pro und Contra ausführlich. Zu dieser Frage gehört auch die Diskussion des Universalienstreits, in welchem es um das Abhängigkeitsverhältnis von Gattungsexistenz und Einzelwerk geht. Zymner hebt hervor, dass es sich bei Gattungen im konstruktivistischen Sinne von Gattungen als historisch-sozialen Institutionen um »Sinnbildungsmuster« (S. 133) handelt, die historisch nicht unveränderbar sind, sondern stets auch von aktuellen Bedürfnissen nach individueller bzw. kollektiver Sinnstiftung beeinflusst werden. Angesichts der konstatierten kulturellen Bedingtheit von Gattungsvorstellungen und -begriffen erübrigt sich jede ontologische Frage nach der Existenz von Gattungen, die als »essentialistisches Missverständnis« (S. 59) bezeichnet wird.


Die Kapitel 3, 4 und 5 bilden das Herzstück von Zymners Studie. Dargestellt wird die komplexe Problematik der (gattungstheoretischen) Begriffsfindung, -bildung und -etablierung. Aufgrund der Vielfalt der Ansätze, Schulen und Richtungen und nicht zuletzt eben auch der Termini ist es nicht verwunderlich, dass diese Kapitel keine einfache Lektüre darstellen. Allerdings muss man Zymner zugute halten, dass er seinen studentischen Adressatenkreis stets im Auge behält und sich um größtmögliche Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit bemüht. Bei der Erläuterung von Definiendum bzw. Explicandum und Definiens bzw. Explicans (S. 83ff.) mag zwar der/die eine oder andere Studierende in Versuchung geraten aufzugeben, doch der Autor ist sich der Gefahr eines terminologischen ›Overkills‹ bewusst und beugt ihm durch die Erläuterung der zentralen Fremdwörter vor (vgl. u.a. S. 56).


Zur leserfreundlichen Ausrichtung trägt auch der systematische Aufbau des Bandes bei. Kapitel 4 widmet sich den verschiedenen Möglichkeiten der Begriffsdefinition, Kapitel 5 der Problematik von Gattungsbestimmung. Probleme der Korpuserstellung und die Frage danach, wie viele Texte eine Gattung ›braucht‹, bilden die Bausteine des sechsten Kapitels. Zymner betrachtet induktive und deduktive Korpusbildung und schließt mit der Einsicht, dass im gattungstheoretischen ›Teufelskreis‹ »das Allgemeine [...] nur aus dem Besonderen bestimmt werden, und das Besondere nur aus dem Allgemeinen erkannt werden kann.« (S. 126)


Die Beantwortung der eingangs als »Grundsatzfrage« bezeichneten Problematik nach der Einteilung der Literatur in Gattungen ist von zwei Faktoren abhängig, nämlich dem jeweiligen Literatur- und Gattungsverständnis. Folglich stellt Zymner zunächst verschiedene Auffassungen von »Gattung« vor, um dann verschiedene Literaturbegriffe (pragmatischer, deskriptiver und normativer Art) abzuhandeln. Es mag zunächst verwundern, dass diese verschiedenen Auffassungen von Gattung erst an so später Stelle expliziert werden, bedenkt man aber, dass sich der Hauptteil der vorliegenden Studie mit den Kriterien der (gattungstheoretischen) Begriffsbildung beschäftigt, so macht die gewählte Abfolge durchaus Sinn.
Abschließend werden das Verhältnis von Gattungstheorie und Gattungsgeschichte und die Problematik, statische Gattungsbegriffe mit einem auf dynamischen Prozessen beruhenden Konzept von Gattungsgeschichte in Verbindung zu bringen, beleuchtet. Zymner fordert, dass Gattungsbegriffe stets »geschichtsförmig« oder »geschichtsadäquat« (S. 192) sein müssen. Als eine Art Ausblick mutet das letzte Teilkapitel, »Faktoren der Gattungsentwicklung« (S. 204 ff.), an, da Prozesse der Weiterentwicklung, Überlappung oder Neuenstehung von Gattungen lediglich angerissen werden.


Kritisch anzumerken bleibt, dass die insgesamt gut nachvollziehbare Strukturierung durch eingebettete Exkurse z.T. beeinträchtigt wird. Diese sollen anhand praktischer Beispiele exemplarisch einige zuvor aufgeworfene Probleme erläutern. Diese Vorgehensweise erscheint zunächst sinnvoll – gerade auch im Hinblick auf den Einführungscharakter der Studie –, doch sind die Ausführungen recht lang geraten. (Auch die Auflistung von Forschungsliteratur zum Aphorismus bzw. Sonett verwundert in einer Einführung zur Gattungstheorie.) Angesicht der Menge der präsentierten Informationen vermisst der/die Leser/in zudem eine Schlussbetrachtung, in welcher der Autor sich um ein prägnantes Fazit seiner Darstellung bemüht. Gerade auch für die intendierte studentische Leserschaft wäre eine solche Zusammenfassung ein Desiderat. Die Ansprüche an eine Einführung kann auch die Schlussbibliographie nicht ganz erfüllen. So spricht der Autor zwar zu Recht von einer kaum noch zu überblickenden Fülle der Forschungsliteratur (vgl. S. 214), trotzdem wäre eine etwas ausführlichere Bibliographie doch wünschenswert gewesen.


Positiv hervorzuheben ist hingegen die formale Kohärenz der Studie, die sich durch große Übersichtlichkeit und dadurch Leserfreundlichkeit auszeichnet. Dazu gehört, dass jedem Kapitel eine Inhaltsübersicht vorangestellt ist. Die Gliederung der Kapitel liefert sieben zentrale »Prinzipienfragen« (S. 34), die Zymner als Abschluss seines ersten Kapitels aufwirft. Obgleich die Kapitelabfolge nicht identisch mit der Abfolge jener sieben Fragen ist, bleibt der Aufbau der Studie insgesamt gut nachvollziehbar und ermöglicht dem/r Leser/in ein systematisches Studium der Kapitel, wobei Kernpunkte im Text optisch durch Anordnung in einem Schaukasten, durch Auflistungen oder als Marginalnotizen hervorgehoben sind. Trotz der festgestellten Mängel handelt es sich um eine höchst informative, im Großen und Ganzen klar strukturierte einführende Studie, die besonders geeignet scheint, um sich in das Feld der literaturwissenschaftlichen Gattungstheorie einzuarbeiten.


[...]


Julijana Nadj


http://www.uni-giessen.de/graduiertenzentrum/magazin/rezension-1775%20.php


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Über den Autor/in

Rüdiger Zymner

geb. 1961, Studium in Göttingen, Promotion und Habilitation in Fribourg (Schweiz). Seit ist...
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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

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