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Frankfurter Rundschau, Montag, 28. Februar 2005 1 Nr. 49 1 D/H/R/S; von Martin Hartmann

Eine Moral für Endliche


"...Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin", spöttelte einst Schiller.
Ein Sammelband zeigt, wie heutige Philosophen an Kant anknüpfen


Kaum eine Formel der abendländischen Philosophie ist so prominent geworden wie der Kategorische Imperativ aus Immanuel Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, kaum eine Formel hat so viele Deutungsversuche ausgelöst. Den zahlreichen Interpretationen gesellten sich schon früh kritische Stimmen zur Seite. Hegel wirft Kants Moral "Formalismus" vor; fast belustigend fragt er, was denn mit Hilfe des Kategorischen Imperativs nicht zum allgemeinen Gesetz gemacht werden könne. Kann ich mir etwa Geld leihen wollen, ohne die ernsthafte Absicht, es zurückzuzahlen?
Kants Antwort ist klar: Das kann ich nicht als allgemeines Gesetz wollen, denn wenn niemand seine Schulden bezahlt, wird bald niemand mehr Geld verleihen. Unaufrichtigkeit führt hier also zum Ende der Praxis, von der man gerade profitieren möchte. Doch, so fragt Hegel, warum sollte ich einen Zustand ablehnen, in dem die Praxis des Leihens nicht mehr existiert? Schopenhauer wiederum mokiert sich über Kants Gesetzesbegriff und sieht darin eine der Philosophie fremde Anleihe beim Mosaischen Dekalog. Der Philosoph wird zum Priester, hinter der scheinbar autonomen Moral verbirgt sich Religion.
Trotzdem: Kants Moralphilosophie hat ihre prominenten Kritiker überlebt, und sie zählt gegenwärtig zu den einflussreichsten moralphilosophischen Strömungen überhaupt. Wer sich ein Bild von der Art und Weise machen will, wie Autoren der Gegenwart an Kant anknüpfen, für den ist der von Karl Ameriks und Dieter Sturma herausgegebene Band Kants Ethik genau richtig. Die Herausgeber interessieren sich dabei nicht für Autoren, die sich der Moralphilosophie Kants nur in philosophiehistorischer Perspektive nähern: Vielmehr geht es ihnen um Ansätze, die "auf der Basis philologisch gesicherter Auslegungen Argumentationen und Theoriestücke mit Blick auf gegenwärtige moralphilosophische Debatten" rekonstruieren. Kant soll als ein Autor herangezogen werden, dessen Werk sich gut dazu eignet, aktuelle Fragen der Moral und Politik angemessen zu beantworten.
So kann es nicht überraschen, dass John Rawls den Reigen der Aufsätze eröffnet, denn Rawls ist der Autor, der spätestens in den Schriften nach der Theorie der Gerechtigkeit (1971) explizit auf Elemente der Kantischen Philosophie zurückgreift, um mit ihrer Hilfe die moralphilosophischen Grundlagen der politischen Philosophie zu erläutern.
Rawls nennt seinen Ansatz "konstruktivistisch", denn der Kategorische Imperativ dient in seinen Augen rationalen und vernünftigen Personen dazu, moralische Gehalte überhaupt erst zu generieren. Was moralisch richtig ist, lässt sich, anders gesagt, nicht einfach intuitiv erkennen. Erst wenn wir Einzelne unserer Maximen dem "Verfahren" des Kategorischen Imperativs ausgesetzt haben, wissen wir, was zu tun ist, so dass die Moral in diesem Sinne konstruiert werden muss.


 


Idealisierungen sind unausweichlich


Nicht alle der Aufsätze des Bandes nutzen Kant, um mit seiner Hilfe eigene systematische Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen. im Gegenteil, oft herrscht die Tendenz vor, Kant gegen seine alten und neuen Kritiker in Schutz zu nehmen. So versucht Onora O'Neill, die Vorwürfe zu entkräften, Kants Moraltheorie beruhe auf inakzeptablen Idealisierungen, erzwinge aufgrund ihrer Orientierung an Prinzipien eine "uniforme Behandlung unterschiedlicher Fälle" und verfüge über keine Theorie des Urteilens.
Idealisierungen seien in der praktischen Philosophie unausweichlich und auch gar nicht problematisch, wenn sie nur darauf beruhten, einzelne Eigenschaften konkreter Fälle oder Personen "einzuklammern". Etwas anderes sei es, bestimmte Eigenschaften, die Fällen oder Personen zukommen, zu leugnen. Nur wenn man Kant und den zeitgenössischen Kantianern diesen Vorwurf machen könne, seien ihre Ansätze zu verwerfen, aber das müsse erst einmal an Beispielen gezeigt werden.
Auch die Orientierung an Prinzipien sei nicht per se, schlecht. Es stimme einfach, nicht, dass das Bekenntnis zu abstrakten Prinzipien kein Gespür für die Unterschiede besonderer Fälle habe. "Wenn universelle Prinzipien abstrakt sind, so werden sie allerdings die Handlung unterbestimmen undd gerade keine uniforme Handlung vorschreiben." Weil Prinzipien abstrakt sind, können sie eine Handlung nur in bestimmten Hinsichten erfassen; auf andere Hinsichten derselben Handlung treffen sie nicht zu, so dass hier Spielräume für die Urteilskraft des Einzelnen gegeben sind. Dementsprechend kommt keine Kantianische Moral ohne Bezug auf Urteilskraft aus und erlaubt somit in ihrem Innern ein Vermögen, das uns dabei hilft, Situationen kontextsensibel einzuschätzen.


 


Pflicht, Neigung, Gefühl


Marcia Baron fragt in ihrem Aufsatz, ob der Kantische Pflichtbegriff tatsächlich ein Absehen von allen Neigungen und Gefühlen nach sich ziehe. Schon Schiller hatte sich hierüber lustig gemacht: "Gerne dien ich den Freunden, doch thu ich es leider mit Neigung, / Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin." Baron bemüht sich um den Nachweis, dass Kant das Vorliegen von Neigungen in einer moralischen Handlung durchaus nicht verdammt hat. Die eine moralische Handlung begleitenden Gefühle werden von Kant vielmehr als "Teil der Tugend" betrachtet und spielen insofern durchaus eine Rolle. Wichtig bleibt allerdings für Baron der Hinweis, dass die Moralität einer Handlung nicht gegeben ist, wenn wir "aus" einer Neigung heraus handeln, denn geneigt sein können wir schließlich auch einer schlechten Person. Einzig das Handeln aus Pflicht garantiert Moralität, soweit bekommt Kant dann doch Recht. 
Es gibt noch weitere Aufsätze in dem Band, die eher aus einer Verteidigungshaltung heraus zu verstehen sind. Barbara Herman etwa glaubt, man könne zeigen, dass auch Kants Moral wie die von Aristoteles als Antwort auf die Frage nach dem Guten (und nicht nur nach dem moralisch Richtigen) zu verstehen ist. Christoph Horn schließlich sucht in seiner Diskussion der so genannten Selbstzweckformel des Kategorischen Imperativs nach Elementen einer "material orientierten Ethik".
Alles in allem geht es also auch in diesen Texten darum, die kantische Moral von dem Vorwurf zu befreien, sie sei abstrakt, bloß formal und enthalte keine motivationalen Anreize. Auf Kants Moraltheorie insgesamt soll damit zutreffen, was Rawls vom Verfahren des Kategorischen Imperativs sagt. Dieses Verfahren passe den Imperativ an unsere Lebensumstände an, "indem es die normalen Bedingungen des menschlichen Lebens und unserer Situation als bedürftige endliche Wesen in der Ordnung der Natur in Rechnung stellt".



 


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Die Herausgeber/innen

Karl Ameriks

ist McMahon-Hank Professor of Philosophy an der University of Notre Dame.
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Dieter Sturma

Prof. Dr. phil., geb. 1953, Studium der Philosophie, Linguistik, Literaturwissenschaft und...
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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

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Rezension

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