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Theologie und Glaube, 1/2004

Der Begriff "Person" erlebt vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Debatten in der Angewandten Ethik eine Renaissance. Der inflationäre Gebrauch des Begriffs erzeugt ein Bedürfnis nach tieferer Durchdringung, nach Information über den ideengeschichtlichen und systematischen Hintergrund. Der vorliegende Band kommt dieser Aufgabe nach, in dem er mit einem hochwertig besetzten Autorenteam den Begriff aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu beleuchten sucht.
Der erste Teil zeigt die philosophiehistorische Entwicklung. Der Begriff "Person" wurde in der Philosophiegeschichte Träger unterschiedlicher Konzeptionen. So bringt Forschners Beitrag über den Personbegriff der Stoa dessen mehrschichtige Bedeutung zum Vorschein: Vom Rollenverständnis des Theaters her kommend bezeichnet die vierte der personae des Panaitios die Wahl der Lebensrolle, was eine starke Verankerung in der praktischen Philosophie deutlich macht. Kreuzers Darstellung der mittelalterlichen Persondefinitionen zeigt die Aufgliederung in einen relationstheoretischen und substanzontologischen Erklärungsversuch. Thiel hebt die Wichtigkeit des Neuansatzes Lockes im 17.
und 18. Jahrhundert hervor, der durch seine Abwendung von der substanzontologischen Persondefinition und dem Ignorieren der Seele die Begriffe Person und Mensch unterscheidet. Dagegen betonen Cudworth, Clarke und Leibniz die immaterielle transtemporale Identität als Voraussetzung der Person. Hume und die schottische Schule folgen der Sicht Lockes, indem sie den menschlichen Geist als "bundle or collection of different perceptions" bezeichnen. (92) Mit Kant sieht Mohr den Übergang zur moral- und rechtsphilosophisch ausgerichteten Personphilosophie gekommen. Person und Persönlichkeit werden zu "Kategorien der Freiheit", die sich in der Möglichkeit vernünftiger Selbstbestimmung und Achtung vor dem Sittengesetz niederschlagen. (115) Das Ich erscheint nach Fichte als Tathandlung, und so ist die Person ein durch seinen Willen in der Sinnenwelt wirksames, leibhaftig-vernünftiges Individuum, das sich eine begrenzte Sphäre im Handeln zuschreibt und diese reziprok auch anderen Personen einräumt. Hegel geht in seiner Definition der Person von der Rechtsphilosophie aus und bestimmt sie zum einen in ihrem Selbstverhältnis, zum anderen in ihrem Verhältnis zu anderen Personen. In der Logik bekommt der Begriff systemstrukturierenden Charakter, da er als Schnittpunkt von kollektivem und individuellem Selbstbewußtsein bestimmt wird. Nach Pieper hat der Personbegriff in der Existenzphilosophie nur geringe Bedeutung. Kierkegaard, Jaspers, Sartre nd Camus deuten ihn positiv, als Annahme von Identität, Heidegger dagegen negativ, da er das Apriori des Seins vor jeder Erfahrung der Personalität postuliert. Herrmann erarbeitet den Personbegriff in der analytischen Philosophie und stellt hier die Ansätze von Strawson, Frankfurt und Parfit vor. Strawsons sprachanalytischer Zugang umschreibt den Rahmen dessen, was der Person innerhalb eines "conceptual scheme" zugeschrieben werden muß. Handlungstheoretisch argumentierend ist für Frankfurt als Bedingung für das Selbstverhältnis von Personen als frei Handelnden die Feststellung der Handlungsfreiheit und der Willensfreiheit notwendig. Parfit vertritt den radikalsten Standpunkt: Personale Identität ist für ihn eine der religiösen Tradition entstammende Illusion, er möchte vielmehr den "stabileren" Begriff der psychophysischen Kontinuität benutzen.
Im zweiten Teil - über die theoretische Philosophie - tragen Nida-Rümelin und Quante zunächst zwei unterschiedliche Überlegungen zum Problem der transtemporären Identität der Person vor. Nida-Rümelin stellt dar, inwieweit transtemporäre Urteile an objektive Tatsachen rückgebunden werden. Quante zeigt, daß der rein biologisch verstandene Begriff des Menschen eine höhere Eignung als der Personbegriff besitzt, Kriterien für die transtemporäre menschliche Identität zu liefern. Der Beitrag von Stöcker versucht zu zeigen, warum der Begriff für eine angemessene Handlungstheorie unverzichtbar ist. Wimmer geht der Verschränkung der an die Person gebundenen Idealtypen Autarkie und Hingabe nach. Die Liebe überwindet die Einseitigkeiten der beiden Pole, indem sie Abhängigkeit und Unabhängigkeit mehrfach miteinander verschränkt. Im Grenzbereich dessen, was Person heißt, hält sich Birnbacher auf, der die These vertritt, daß sich der Begriff nicht auf Menschen einschränken läßt, sondern auch auf Tiere und Maschinen zutreffen kann. Gleichzeitig möchte er Person und ethische Dignität nicht in exklusiver Kongruenz miteinander verwoben wissen.
Der dritte Teil des Buches handelt über den Personbegriff im Kontext der praktischen Philosophie. Er beginnt mit Sturmas Überlegungen zu Person und Menschenrechten. Person zeichnet sich durch die Selbstbestimmungs- fähigkeit aus, die Menschenrechten sollen diese schützen. In bezug auf Letztere ist ihr kultureller Kontext zu beachten, der jedoch der universellen Geltung von Person nichts entzieht. Ist der Personbegriff interkulturell in dieser Weise zu vermitteln?
Diese Frage läßt Sturma offen. Merker entwirft in Auseinandersetzung mit der ontologischen Verhältnis-bestimmung von Person und Glück eine ethische Reformulierung beider Begriffe. Pauer-Studer greift die feministische Ethikdebatte auf, die ihre Thesen in Auseinandersetzung mit Hume und Kant entwickelt, und legt die Gleichberechtigung von Moralintellektualismus und Moralemotionalismus zur hinreichenden Situierung des moralischen Subjekts, der Person, dar. Gegen reduktionistische Konzepte des Menschen, die allein moralisch-universalistisch, ökonomistisch oder kommunitaristisch argumentieren, fordert Kersting eine durch entsprechende Weite gekennzeichnete politikphilosophische Persontheorie, die der Multipersonalität des modernen Menschen gerecht wird. Der letzte Beitrag ist der moralphilosophischen Verwendung des Personbegriffs im Kontext der biomedizinischen Ethik gewidmet. Siep zeigt, welche Konsequenzen für konkrete medizinethische Fragen mit Hilfe der beiden Personkonzepte der angelsächsischen bzw. kontinentaleuropäischen Tradition gezogen werden. Ob Mensch und Person voneinander getrennt oder miteinander übereinstimmend betrachtet werden, hat Folgen für die Begründung von Abtreibung und Sterbehilfe.
Dieser Sammelband ist ein wertvoller Beitrag zur Diskussion fundamentaler Fragen der philosophischen Anthropologie, die für sich den Personbegriff wiederentdeckt hat. Er zeigt, daß die Konzeptionen des 17. und 18. Jahrhunderts heute noch fortwirken. Jedoch wird auch ersichtlich, daß es durchaus Neuansätze der Personphilosophie gibt, die die dunklen Stellen dieser Konzeptionen orten und beseitigen wollen. Dies zeigt, daß der Personbegriff für die philosophische Anthropologie unverzichtbar ist. Der Band gibt Anstoß in mancherlei Richtung: Da er vor allem die westliche Tradition berücksichtigt, wäre zu fragen, ob nicht auch in anderen Traditionen dieser Begriff die anthropologische Diskussion anregt. An dieser Stelle sei z. B. auf den marokkanischen Philosophen Mohammed Aziz Lahbabi hingewiesen, der versucht, westliche Personphilosophie und islamische Anthropologie zu verbinden. Die Weite des Begriffs macht sowohl seine Attraktion als auch seine Versuchung aus. Begriffsbestimmung und Abgrenzung sind notwendig. Dies leistet das vorliegende Werk in hervorzuhebender Weise!


Markus Kneer


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Der Herausgeber/in

Dieter Sturma

Prof. Dr. phil., geb. 1953, Studium der Philosophie, Linguistik, Literaturwissenschaft und...
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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

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