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Der blaue Reiter, Nr. 13, 2001

Das Subjekt ist tot! Es lebe die Person!
Die Philosophie der Subjektivität als Theorie des »Zugrundeliegenden« (lat.: subjectum), des Trägers aller Eigenschaften, ist nach den als metaphysisch (jenseits der Erfahrung befindlich) verschrienen Theorien Fichtes und Hegels aus der Mode gekommen. Moderner klingt da schon der Begriff Person, der die Selbstverhältnisse des Menschen zusammenfasst unter Berücksichtigung einer erkennenden und handelnden Beziehung zur Umwelt und der je individuellen Geschichte.
Nach dem Tod des Subjekts, so der Herausgeber des voluminösen Sammelbands, »hat die Philosophie der Person die Aufgabe übernommen, epistemische (erkenntnistheoretische) und moralische Selbstverhältnisse konzeptionell wie praktisch zu rehabilitieren«. Dies vor allem auch im Hinblick darauf, dass in der ethischen Debatte die Zuschreibung von Rechten oft mit dem Status »Person« verbunden wird, was vor allem für Problemfelder wie die Menschenrechte (Dieter Sturma), die Biomedizin (Ludwig Siep) oder die Abtreibung der Fall ist. Auch in der politischen Philosophie nimmt der Begriff der Person eine begründungstheoretische Schlüsselstellung ein: »Man muss wissen, wer und was der Mensch ist, um zu wissen, welche Ordnung, welche Politik ihm bekömmlich ist«, heißt es in der Einleitung zum praktischen Teil von Wolfgang Kerting. Ziel der Beiträge des Buchs, welche die Philosophie der Person von der antiken Stoa (Maximilian Forscher) bis zur aktuellen analytischen Philosophie (Martina Herrmann) abhandeln, schreibt Dieter Sturma in seinem Vorwort, ist es, »bei allen methodischen und inhaltlichen Differenzen« der ethischen Diskussion »eine intensive Grundlagendiskussion der Philosophie der Person an die Seite« zu stellen. Wer die Wirrungen und Irrungen der Begrifflichkeiten, vor allem der philosophischen, in den aktuellen Auseinandersetzungen um die Gentechnik und die Menschenwürde kennt, wird ein solches Ansinnen der Begriffsklärung vorbehaltlos begrüßen.
Welch tiefe Schichten des menschlichen Selbstverständnisses die Diskussion um den Begriff der Person berührt, lässt sich anhand des Titels der »Grenzgänge am Rand des Personbegriffs«, den Dieter Birnbacher beisteuerte, erahnen: »Selbstbewusste Tiere und Bewusstseinsfähige Maschinen« Und in der Tat ist Birnbacher der Überzeugung dass es auf der Erde zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch nichtmenschliche Personen gibt, womit, dieses sei hier vorweggenommen, keine Außerirdischen gemeint sind. Annemarie Pieper diskutiert Kenntnisreich das Personverständnis der Existenzphilosophie. Auch wenn zum Beispiel Sartre, Jaspers und Camus das klassische Wortfeld des Personbegriffs vorwiegend unter den Begriffen Existenz und Selbst thematisierten, ist dieser Beitrag überaus lesenswert.
Der Band wurde lobenswerterweise in die Abteilungen »Philosophiegeschichte«, » Theoretische Philosophie« und »Praktische Philosophie« unterteilt. In bester angelsächsischer Tradition ist jedem dieser Hauptkapitel eine Kurz gefasste Einführung vorangestellt, anhand derer der Leser sich einen Überblick über die Hauptthesen der Beiträge verschaffen sowie sich die Themen auswählen kann, die er vertiefen möchte. Hervorzuheben ist diesbezüglich die informative und verständlich geschriebene Einleitung zur philosophischen Begriffsgeschichte »Der Personbegriff in der Geschichte der Philosophie« von Georg Mohr.
Als eine einführende Lektüre ist das Buch auf Grund der nicht immer einfachen Begrifflichkeit wie der Philosophischen Tiefe einiger Beiträge nicht geeignet. Wer sich aber bereits mit dem Begriff der Person auseinander gesetzt hat, findet in dem inhaltlich sehr breit angelegten Band viel Grundlegendes, Anregendes und manches, was zum Widerspruch reizt. Ist doch die Frage danach, »wer oder was« das Attribut Person »verdient« beziehungsweise was mit dem so Bezeichneten gemeint ist eine Grundfrage allen Philosophierens über den Menschen als gesellschaftliches Wesen.


Horst Merz


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Der Herausgeber/in

Dieter Sturma

Prof. Dr. phil., geb. 1953, Studium der Philosophie, Linguistik, Literaturwissenschaft und...
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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

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