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Frankfurter Rundschau, 23.08.2005, Nr. 195

Lieb gewonnene Gewissheiten
Ist der Mensch natürlich? Ein Sammelband diskutiert eine alte Frage im Lichte der neuesten


Nicht erst die neuesten Kloningabenteuer ehrgeiziger Naturwissenschaftler oder Sektengurus, aber auch nicht die neuesten Errungenschaften der Robotik aus dem Hause Honda halten die Frage virulent: Wie hältst Du es mit dem künstlichen Menschen? Von den einen wird so ein Wesen mit frommem Glauben an das technisch Machbare herbeigesehnt, von den anderen gefürchtet wie der Leibhaftige. Beiden Gefühlsregungen mangelt es dabei an philosophischer Tiefenschärfe, wie die Autoren des von Kurt Bayertz herausgegebenen Bandes über die menschliche Natur uns zu versichern versuchen.


Nichts als eine Festplatte?
Denn was, so muss man sich im Ernst einmal fragen, soll das sein, ein „künstlicher Mensch"? Eigentlich ist das doch, so beruhigt uns Dieter Sturma, ein Unding. Künstliche Menschen sind gar keine Menschen, alles, was Mensch ist, ist natürlich. Damit liefe auch das Ansinnen der Transhumanisten, die lieber heute als morgen ihre lästige Natürlichkeit aufgeben und sich, das meint, ihr Bewusstsein, auf eine Festplatte speichern lassen würden, in ein virtuelles Abseits. Warum? Menschliches Bewusstsein ist, wie Sturma unter Bezug auf Merlau-Pontys Leib-Philosophie betont, auf eine körperliche, oder besser leibliche Repräsentation angewiesen.
Diese Feststellung stärkt, erst einmal, den Gegnern der Transhumanisten den Rücken, also jenen konservativen Menschen - sie machen zur Zeit noch die Mehrheit aus -, die einfach an ihrer Natur festhalten wollen, und sich hartnäckig weigern, ihr Dasein auf einer portablen Festplatte fortzusetzen. Indessen dürfen auch diese überzeugten Naturmenschen sich nicht zu feste auf ihre Schulter klopfen, denn die Frage, von welcher Art die denn ist, diese Frage mögen die meisten von ihnen wohl eher schlecht als recht zu beantworten.
Dieses Unvermögens müssen sie sich indes nicht schämen, den in diesem Band versammelten Autoren geht es hier auch nicht viel besser. Gerade die natürlichste Sache der Welt, eben die Natur, erweist sich nämlich immer dann als vertrackt, wenn sie als „menschliche" bezeichnet wird. Dies liegt eben daran, dass die Menschen gleichsam von Natur aus danach streben, ihre eigene Natur zu überbieten. Damit schaffen sie aber, wie Sturma betont, ihre andere Natur, also das, was wir gemeinhin „Kultur" nennen. Daher müsste man also eigentlich die Kultur Natur nennen, ist sie doch aus einem der Natur des Menschen eigenen Sinn entstanden.
Die Begriffsverwirrung, in die wir auf solche Art gelangen, hat indes nicht mehr alleine einen theoretischen, sondern längst schon einen praktischen Grund, sein Name ist Cyborg. Während Wesen, in denen sich Natürliches und Künstliches vermischen, noch die Stars der neuesten Science fiction-Produktionen sind, werden wohl schon bald solche Grenzgänger zwischen den beiden Welten real unter uns sein: Menschen also mit adaptiven Beinprothesen, mit Neuroprothesen, mit Retina-Implantaten, mit implantierten Sprechapparaten und weiteren Segnungen der Technik. Künstliche Menschen, natürliche Künstlichkeiten - schon bei der Begrifflichkeit geraten wir ins Stolpern.
Sollen wir deshalb die Mühe der Unterscheidung aufgeben und sollen wir erst recht, alles was machbar ist, auch wollen? – auch wollen dürfen? Ludwig Siep lehnt solcherlei Freizügigkeit entschieden ab. Analog der Einrichtung des UN-Kulturerbes plädiert er dafür, die „bisherige Beschaffenheit des Körpers" unter eine Art öffentlichen Protektorats zu stellen. Demnach wären einschneidende Veränderungen der menschlichen Natur nicht alleine als Privatangelegenheit der davon primär Betroffenen anzusehen, sondern müssten „Gegenstand öffentlicher Diskurse" sein. Wie soll man eine solche Verallgemeinerung an den Rechten der jeweils privaten Körper begründen können, warum eine solche Begründung wollen?


Unterschiede ausgleichen
Auch in dieser Frage zeigt sich, wie sehr die Natur des Menschen zugleich dessen Kultur ist. Denn menschliche Körper bilden, wie Siep ausführt, die Basis der sozialen Regeln. Die Hauptregel stellt einfach und schlicht und einstweilen noch nicht von Transhumanisten widerlegt fest, eine Person ist körperlich.
Und die Körperlichkeit von Personen fällt höchst unterschiedlich aus. Deren Unterschiede aber sind von Natur aus. Erst die Natürlichkeit dieser Unterschiede macht, wie Siep aufzeigt, unser soziales, das heißt kulturelles Bemühen verständlich, gegebenenfalls natürliche Unterschiede auszugleichen. Gingen wir (und das meint natürlich: gingen diejenigen, die den Zugang zu den entsprechenden Mitteln hätten) daran, ihre Natur zu verändern, so würden sie damit, wie Sieps pessimistische Prognose lautet, das soziale Miteinander unterlaufen. Denn der menschenrechtliche Grundsatz, dass wir von Natur aus alle gleich sind, dieser Grundsatz, der ja meint, dass unsere Unterschiedlichkeit rein natürlich gegeben ist, gelte dann nicht mehr.
Dieses überzeugende Argument könnte allerdings schleichend ausgehebelt werden. Wenn die technologisch betriebene Veränderung der menschlichen Natur sich nicht in einigen großen Schritten, sondern in vielen kleinen, also allmählich vollzieht, dann entsteht unter der Hand ein „neuer Mensch", der gemessen am heutigen künstlich erschiene. Gegen eine solche quasi evolutionäre Veränderung wären, wie Bayertz nachweist, Argumente, wie das genannte oder auch solche, die von einem inhärenten Wert der menschlichen Natur ausgehen, nicht gewappnet.
Es scheint also, dass wir nur dann verständlich sagen können, was wir unter der Natur des Menschen verstehen, wenn wir uns auf eine Natürlichkeit des Menschen beziehen, die ihm in seiner Vergangenheit einmal zugekommen ist und die er in der Gegenwart verloren hat.


ANDREAS BRENNER


 


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Der Herausgeber/in

Kurt Bayertz

ist Professor für praktische Philosophie an der Universität Münster.
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Rezension

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