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Recht der Armen, Pflicht der Reichen
Barbara Bleischs und Peter Schabers Sammelband »Weltarmut und Ethik« bringt individual- und institutionenethische Ansätze miteinander in Beziehung

In den vergangenen Jahren drohte das globale Armutsproblem in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend hinter dem globalen Sicherheitsproblem zurückzutreten, auch wenn diese Fragen eng zusammenhängen. Punktuelle Aktionen wie Rockkonzerte (zum G8-Gipfel 2005 in Gleneagles) und Großdemonstrationen (anlässlich der gleichen Veranstaltung zwei Jahre später in Heiligendamm) vermochten es nicht, das sozio-ökonomische Thema unter den Bedingungen des »Spotlight-Journalismus« dauerhaft auf der Agenda zu halten. Eine vertiefende Auseinandersetzung scheint den Medien nicht lohnenswert, ist doch der Sachverhalt, dass in großen Teilen der Welt bittere Armut herrscht, einerseits bekannt, und andererseits scheint sich die Öffentlichkeit längst damit arrangiert zu haben. Das Gefälle von Reichtum hier und Armut dort wird zunehmend als Normalität empfunden. Erst die steigenden Lebensmittel- und Rohstoffpreise in der ersten Jahreshälfte 2008, die nicht nur Auswirkungen auf die sich entwickelnden, sondern auch auf die bereits entwickelten Länder zeigten, brachten das Thema wieder stärker in die Medien.
Es ist umso mehr Aufgabe der philosophischen Ethik, sich ernsthaft des Themas Weltarmut anzunehmen, um diesen Aspekt in die globalen Debatten um Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit einzubringen. Insbesondere zwei Philosophen haben dies in den letzten Jahren in einer vornehmlich im angelsächsischen Raum intensiv geführten Debatte immer wieder getan: Peter Singer und Thomas Pogge. Beharrlich unterbreiteten sie Vorschläge für eine Individual- beziehungsweise eine Institutionenethik, die den Armen ins Zentrum stellt, mal als Adressat individueller Pflichten des Reichen zur Hilfeleistung (Singer), mal als Inhaber des Rechts auf Gerechtigkeit (Pogge), aus dem sich dann, das ist entscheidend, kollektive Erfüllungspflichten ableiten lassen. Die Frage lautet also nicht: »Pflicht der Reichen oder Recht der Armen?«, sondern: »Wie können aus den Rechten der Armen Pflichten der Reichen in begründeter Weise erwachsen?«
Dabei ist beides nötig: die »Opfer« und Anstrengungen des Einzelnen sowie das kollektiv geteilte Bewusstsein, dass es eine Menschheitsaufgabe ist, gerechte Strukturen zu schaffen, durch Organisationen und Institutionen, die schon in ihrer Konstitution das Problem der Armut berücksichtigen. Dass der Einzelne auch an dieser Aufgabe mitwirken sollte, zusätzlich zur üblichen Weihnachtsspende, ist eine in dieser Debatte häufig erhobene berechtigte Forderung.
In dem vorliegenden Sammelband »Weltarmut und Ethik«, herausgegeben von Barbara Bleisch und Peter Schaber, werden nun dreizehn Beiträge zugänglich gemacht, die den Stand der Diskussion wiedergeben und in erfreulich konkreter Weise die Kernpunkte der Problematik ansprechen; darunter befinden sich auch Aufsätze von Singer und Pogge. Schade ist nur, dass die Struktur der Kontroverse sich nicht in der Struktur des Bandes wiederfinden lässt - die Anordnung der Beiträge bleibt undurchsichtig.
Ausgehend von Singer, dessen Aufsatz »Famine, Affluence, and Morality« (1972) hier erstmals in deutscher Sprache erscheint (»Hunger, Wohlstand und Moral«), werden beide Perspektiven, Überlegungen zu Hilfspflichten und zur Gerechtigkeit, betrachtet. Und zwar nicht isoliert voneinander, sondern mit der Leitfrage verbunden, wie sich denn jene aus dieser ergeben.
Singer stellt ein Prinzip auf (»Wenn es in unserer Macht steht, etwas Schlechtes zu verhindern, ohne dabei etwas von vergleichbarer moralischer Bedeutung zu opfern, so sollten wir dies, moralisch gesehen, tun.«), das mit dem Zusatz »oder ohne etwas zu tun, das in sich schlecht ist« zwischen Verfechtern deontologischer und teleologischer Moraltheorien durchaus konsensfähig ist. Er diskutiert es (»Der Schein, das eben genannte Prinzip sei unkontrovers, trügt.«) vor dem Hintergrund der Problematik von Nähe und Distanz (»Es scheint keine Rechtfertigung dafür zu geben, Personen aus geographischen Gründen zu diskriminieren.«) sowie der Schwierigkeit, dass die große Anzahl der zur Hilfe Verpflichteten die Bereitschaft des Einzelnen, wirklich zu helfen, sinken lässt, um schließlich die schwierige Entscheidung zur Erfüllung unserer individuellen Hilfspflichten mit persönlichem Wohlbefinden (»Genugtuung einer Lebensweise, in welcher Theorie und Praxis sich annähern«) utilitaristisch zu motivieren.
Schnell wird dabei jedoch klar: Die allein auf den einzelnen Akteur bezogenen Appelle, so richtig und wichtig sie sind, reichen nicht aus, um das Armutsproblem zu lösen, dass ein komplexes ist. Komplexe Probleme brauchen komplexe Lösungen, deshalb geht es nicht ohne Organisationen und Institutionen, die eine gerechte Ordnung schaffen und die Menschenrechte ernstnehmen. Wichtig ist dabei, dass, wie Pogge klarstellt, diese gerechte Ordnung, die im Rahmen einer »globalen institutionellen Reform« geschaffen werden soll, am Ende des Reformprozesses hier wie dort besteht, denn die vorhandene Ungerechtigkeit könne »auf institutionelle Faktoren zurückgeführt werden«, und zwar sowohl »auf die nationalen institutionellen Strukturen vieler Entwicklungsländer, für die primär deren politische und ökonomische Eliten die Verantwortung tragen«, also auch »auf globale institutionelle Strukturen, für die in erster Linie die Regierungen und Bürger der wohlhabenden Staaten verantwortlich sind.« Regierung und Bürger, also: wir alle - individuell und kollektiv. Derart jedoch, wie die IWF, WTO und ihre Vertragswerke derzeit aufgestellt sind, allein durch die Macht der Reichen und von deren Interessen motiviert, handele es sich, so argumentiert Pogge, um eine »kollektive Menschenrechtsverletzung ungeheuren Ausmaßes«. An den dringenden Reformbedarf erinnert zu haben, ist das große Verdienst dieses Sammelbandes.

Josef Bordat

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12127










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Die Herausgeber/innen

Barbara Bleisch

geb. 1973, Studium der Philosophie, Germanistik und Religionswissenschaften in Zürich, Basel...
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Peter Schaber

Studium der Philosophie, Linguistik und Literaturkritik in Zürich; Forschungsaufenthalte in...
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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

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Rezension

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