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Philosophischer Literaturanzeiger | Band 59, Heft 2, April-Juni 2006

Gibt es eine mögliche Welt, in der es keine physikalischen Entitäten gibt, in der aber Ich existiere? Und wenn es sie gibt, was für einen argumentativen Fortschritt brächte dies in der Diskussion um das Leib-Seele-Problem?
Uwe Meixner antwortet mit seiner Untersuchung unter anderem auch auf diese Fragen. Er tut dies in gewohnt souveräner Präzision und in äußerst detaillierter Analyse an zentraler Stelle mit einer beachtenswerten und umfänglichen Monographie zur Neubewertung des psycho-physischen Dualismus. Die Fragen werden im Dritten der insgesamt zehn Kapitel aufgenommen, mit dem Meixner ein neo-cartesianisches Argument für den Substanz-Dualismus vorlegt, nachdem mit den ersten beiden Kapiteln wichtige und äußerst subtile begriffliche Unterscheidungen, wie z. B. zum Begriff der physikalischen Entität getroffen werden. Das neo-cartesianische Argument ist eine, und zwar die zentrale der vielen Stützen, die Meixner mit seiner Monographie für seine momentan sehr exotisch anmutende Position in der Philosophie des Geistes installiert. Das Argument hat acht Prämissen und vier Konklusionen. Die angezeigten Fragen werden mit der dritten Prämisse akut.
  Was sind Meixners Antworten auf die aufgeworfenen Fragen. Zur ersten Frage: Ja, es gibt eine solche mögliche Welt, in der es keine physikalischen Entitäten gibt, in der aber Ich existiere (vgl. Meixner, 93-98). Zur zweiten Frage: Es erhebt den Substanz-Dualismus zu einer dem Physikalismus mindestens ebenbürtigen metaphysischen Position, weil diese mögliche Welt einem Argument dient, das von jeder rationalen Person Respekt verlangt, auch wenn es nicht jeden, besonders nicht den Physikalisten überzeugen wird (vgl. Meixner, 85 f.).
  Rational ist eine Person mindestens dann zu nennen, wenn sie in ihren Überzeugungen und Handlungen Gründen folgt. Das von Meixner vorgelegte neo-cartesianische Argument soll einen solchen Grund abgeben, um die Überzeugung zu stützen, daß Leib und Seele bzw. Geist und Körper unterschiedliche und irreduzible Substanzen sind. Für Meixner liefert damit das Gedankenexperiment von der Welt, in der nur Ich existiere, aber keine physikalischen Entitäten, den entscheidenden philosophischen Beitrag zu Gunsten seines neo-cartesianischen Arguments, weil es die dritte Prämisse stützen soll, die als »hub of the argument« (Meixner, 93) vorgestellt wird, um so die ausschlaggebende Promotion des Substanz-Dualismus voranzutreiben.
  Meixner erscheint zunächst sehr bescheiden, sofern er den Physikalismus nicht widerlegen, oder gar ein Argument liefern möchte, daß rationale Personen eher zu akzeptieren bereit sein sollten, als die Argumente, die für den Physikalismus sprechen. Für die rationale Akzeptabilität des Substanz-Dualismus sei mit dem Gedankenexperiment im Dienst des Dualisten auch dann schon viel gewonnen, selbst wenn dasselbe Gedankenexperiment im Dienst des Physikalisten ein anderes Ergebnis haben sollte. Diese Einschätzung der Leistungen eines Gedankenexperiments ist jedoch zweischneidig. Was den argumentativen Status der Gedankenexperimente anbelangt, hat Meixner vollkommen Recht, wenn er hier genauso wenig wie im Fall physischer Experimente an so etwas wie experimenta cruces glaubt — und zwar nicht zuletzt deswegen, weil auch Gedankenexperimente in ihrer kognitiven Effektivität von einer Hintergrundtheorie abhängig sind. Im Fall von Meixner ist das die Hintergrundtheorie, die sich aus der mit dem achten Kapitel entfalteten Theorie des interaktiven Parallelismus und der mit dem neunten Kapitel entfalteten Theorie der Akteursverursachung zusammensetzt. Hier versucht Meixner den gravierenden Problemen eines Substanz-Dualismus durch einen eigenen Theorieansatz gerecht zu werden. Die Bescheidenheit ist aus dieser Perspektive also angebracht. Bewertet man Meixners Einschätzung allerdings aus der Perspektive der Leib-Seele-Debatte, dann ist das Gegenteil der Fall.
Für den Fall einer Patt-Situation in dem gedankenexperimentbasierten Austausch zwischen dem Substanz-Dualisten einerseits und dem Physikalisten andererseits werden wohl die empirischen Studien gute Gründe an die Hand geben, rationalerweise eher die Position des Physikalisten einzunehmen, sofern das neo-cartesianische Argument zu schwach erscheint — die Stärken der dualistischen Hintergrundtheorie hin oder her. Was sollte die dualistische Hintergrundtheorie auch an Überzeugungsarbeit für ein nicht-physikalisches Selbst leisten, wenn das Gedankenexperiment, das dieses Selbst argumentativ sichern soll, scheitert? Wohl nichts. Meixner sieht das anders:
  »One can characterize philosophy [...] with some justification as a perennial reasoned controversy about what is reasonable in fundamental (often purely conceptual) questions. Perhaps philosophy has to be that way. If so, then this is likely to entitle both dualists and physicalists, even though their conflict cannot be (philosophically) decided, to being reasonably reasonable (without either side being able to lord it over the other); both sides may be within their rights, both may be able to work coherently within their respective conceptual frameworks, both frameworks having their advantages and disadvantages, none being, regarded as a whole, rationally preferable to the other.« (Meixner, 181)
  Auf eine Patt-Situation lässt Meixner es aber auch gar nicht ankommen. Das Gedankenexperiment kann nämlich aus seiner Sicht eindeutig zu Gunsten des Substanz-Dualisten argumentativ geltend gemacht werden:
  But, for the time being, I still have hopes that dualism can actually be shown to be more reasonable philosophically than physicalism. (Meixner, 181)
  Was spricht nun für das Ergebnis des Gedankenexperiments, also dafür, daß es eine mögliche Welt gibt, in der keine physikalischen Entitäten bestehen, aber Ich? In welchem Sinn soll dies möglich sein, lässt sich zunächst fragen, obgleich dadurch natürlich nicht die logische Gültigkeit des neocartesianischen Arguments berührt wird. Aber natürlich wird dadurch die Akzeptabilität des Gedankenexperiments und damit die der dritten Prämisse berührt, z. B. in negativer Hinsicht dann, wenn Meixner hier nur von einer epistemischen Möglichkeit in folgendem Sinn sprechen würde: Für jemanden, der mit den empirischen Befunden der Neurowissenschaften und der Psychologie nicht vertraut ist, erscheint das Szenario nicht ausgeschlossen und in diesem Sinn spräche er von der Möglichkeit einer Welt mit einem Ich unter Abwesenheit aller physikalischen Entitäten. Die Möglichkeit, von der Meixner spricht, muß offensichtlich stärker, d. h. in diesem Fall objektiver sein. Das kann aber auch nicht bedeuten, daß wir die Naturgesetze ins Spiel bringen und mit der nomologischen Möglichkeit operieren. Nomologisch ist das Szenario zwar nicht möglich, das beweist aber nichts, wie Ulrich Kühne zu Recht auch für das naturwissenschaftliche Gedankenexperimentieren betont:
  »Hingegen lehrt die Geschichte, daß dringend von der Anwendung von konservativen, auf große Nähe und Verträglichkeit zur bekannten Wirklichkeitsvorstellung bedachten Möglichkeiten in einem Gedankenexperiment gewarnt werden muss.« (Kühne, 382)
  Die angezeigte epistemische Möglichkeit erscheint also zu schwach, die nomologische Möglichkeit jedoch viel zu eng gefaßt, um den mit dem Gedankenexperiment angesprochenen Möglichkeitsbegriff einzuholen. Meixner selbst spricht wohl deswegen von logischer Möglichkeit bzw. begrifflicher Möglichkeit, womit zugleich metaphysische Möglichkeit gemeint sein soll. Wie sieht das Beweisverfahren also aus? In etwa wohl so:
1 (1) Manchmal führen die Erscheinungen der physikalischen Welt in die Irre.
2 (2) Wir haben keine Möglichkeit zu unterscheiden, wann wir uns bei den Erscheinungen der physikalischen Welt irren und wann wir uns nicht irren.
3 (1,2) Es ist möglich, daß wir uns in Bezug auf die Erscheinungen der physikalischen Welt immer irren.
4 (4) Die physikalische Welt erscheint uns als existierend.
5 (1,2,4) Es ist möglich, daß wir uns in Bezug auf die Existenz der physikalischen Welt irren.
6 (6) Gibt es keine physikalische Welt, dann gibt es auch keine physikalischen Entitäten.
7 (1,2,4,6) Es ist möglich, daß es keine physikalischen Entitäten gibt.
8 (8) Das Subjekt der Erscheinung bin Ich.
9 (9) Die Erscheinung bleibt unberührt davon, ob es die physikalische Welt nun gibt oder nicht.
10 (1,2,4,6,8,9) Es ist möglich, daß es keine physikalischen Entitäten gibt, und es trotzdem dem Subjekt der Erscheinung der physikalischen Entitäten so erscheint, als gäbe es sie, demnach das Subjekt der Erscheinung dennoch existieren kann, also Ich.
  Das hier meinerseits in Argumentform gepreßte Gedankenexperiment erinnert jeden sofort an das von Hilary Putnam scharf kritisierte Gehirn-im-Tank-Gedankenexperiment, demnach es ja sein könnte, daß wir alle bloß Gehirne in einem Tank sind, durch den wir am Leben gehalten und durch den alle unsere Bewußtseininhalte induziert werden. Meixner distanziert sich aber von diesem Szenario und betont, daß es weniger radikal und plausibel ist. Obgleich Meixner mit seinem Gedankenexperiment den Skeptizismus beschwört, plädiert er dafür, der skeptizistischen Versuchung zu widerstehen — so wie auch der des Idealismus. Hier gehe es nämlich nur um die Möglichkeit des Szenarios. Die mögliche Welt, von der im Gedankenexperiment die Rede ist, sei nämlich nicht tatsächlich realisiert — sie ist keine Welt ohne physikalische Entitäten, in der aber dennoch Ich existierte. Aber wenn sie tatsächlich realisiert wäre, dann erschiene sie uns genau so wie die reale Welt. Nur hierauf kommt es Meixner an, die dritte Prämisse soll damit als gut begründet gelten können. Geht die dritte Prämisse durch, dann auch das neocartesianische Argument. In Kurzform lässt es sich mit Meixners eigenen Worten so angeben:
  »Take any self; being a seif, it is a subject of consciousness, and it could be a subject of consciousness in the absence of all physical entities (even subject of that very same consciousness it is actually the subject of); but if this can be, the self is not a physical entity.« (Meixner, 393)
  Nach Meixner erweist sich also der Substanz-Dualist von Anfang an als eine sehr rationale Person, ja sogar als eine rationalere Person als der Physikalist, wenn sie mit Hilfe eines Gedankenexperiments dafür eintreten kann, daß es ein Ich im Sinne einer nicht-physischen Substanz gibt, um anschließend die dadurch in einem naturwissenschaftlichen Weltbild auftretenden Probleme, wie etwa das Problem der mentalen Verursachung, aus dem Weg zu schaffen. Hier erscheint das Gedankenexperimentieren nicht als Ausdruck unkontrollierter Spekulation im Sinne einer vor-kantianischen Metaphysik. Es erscheint als wissenschaftliche Methode rationaler Personen zur Klärung wichtiger Probleme. Zu Unrecht werden sicherlich die empirisch orientierten Philosophen des Geistes einwenden und dem Ergebnis des Gedankenexperiments geringere argumentative Schlagkraft bescheinigen, wenn es um die Klärung des Leib-Seele-Verhältnisses geht. Aber warum, fragt man sich sofort. Zwei Typen von Gründen liegen nahe: (1) Das Gedankenexperiment ist nicht akzeptabel, entweder (1a) auf Grund eines Defekts im Einzelfall, oder (lb) auf Grund von meta-philosophischen Vorbehalten gegen die Methode des Gedankenexperiments; (2) Die entfaltete Hintergrundtheorie ist mangelhaft. In Meixners Fall wird eine Kritik seiner Position wohl gut damit beraten sein, bei der Hintergrundtheorie anzusetzen.


 


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Über den Autor/in

Uwe Meixner

Prof. Dr. phil., geb. 1956, Studium der Philosophie und Anglistik in Regensburg, Promotion...
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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

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Rezension Philosophical Psychology

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Rezension

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Gibt es eine mögliche Welt, in der es keine physikalischen...

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