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Phil. Jahrbuch 118. Jg., II (2011)

Fabian Wendt, Liberäre politische Philosophie (=Perspektiven der Analytischen Philosophie), Paderborn: Mentis 2009, 274 S., ISBN 978-3-89785-220-4


Michael Kilpper, Freiheit ohne Staat? Eine Kritik des libertären Ordungsentwurfes einer reinen Privateigenturnsgesellschaft, Stuttgart: Lucius & Lucius 2009, 170 S., ISBN 978-3-8282-0461-4


 


Die akademische Auseinandersetzung mit dem Libertarismus ist bis zum heutigen Tag maßgeblich durch die Rezeption des im Jahre 2002 verstorbenen amerikanischen Philosophien Robert Nozick bzw. seines Werkes Anarchy, State, and Utopia (1974) geprägt. Darüber hinaus spielt der Libertarismus hierzulande, anders als etwa im angelsächsischen Raum, kaum eine Rolle; die in deutscher Sprache zu diesem Thema vorliegenden Publikationen sind überwiegend älteren Datums oder behandeln den Libertarismus lediglich als radikal marktwirtschaftlich orientiertes Extrem im Spektrum der Gerechtigkeitstheorien. Die Politikwissenschaftler Fabian Wendt und Michael Kilpper haben nun mit ihren jeweiligen Dissertationen zwei Bände vorgelegt, die geeignet wären, eine differenzierte Debatte über den Libertarismus - wenigstens im akademischen Kontext - zu befördern. Unvoreingenommenheit gegenüber dem häufig mit Zynismusvorwürfen konfrontierten libertären Denken zeichnet beide Arbeiten ebenso aus, wie ihr systematischer Ansatzpunkt in der Diskussion des Libertarismus als einer Theorie des Politischen. Wendt und Kilpper liefern keine an großen Namen orientierten Einführungen, ebenso wenig Kompendien libertärer politischer Forderungen oder schlichte Bibliographien einschlägiger Referenzliteratur - Folge ihres jeweils selbstbewusst bekundeten und unaufgeregten Zugangs zu den von ihnen behandelten Sachfragen.


lm Mittelpunkt von Fabian Wendts Buch Libertäre politische Philosophie steht der Versuch, den Libertarismus als eine allein am Begriff der Freiheit orientierte politische Philosophie zu rekonstruieren. Wendt bestimmt in einer ausführlichen Diskussion den libertären Freiheitsbegriff als deskriptive Handlungsfreiheit und grenzt ihn von Diskussionen um Willensfreiheit und personaler Autonomie ebenso ab wie von positiven Freiheitsbegriffen, die aus libertärer Perspektive zu inakzeptablen Beschränkungen individueller Handlungsfreiheit führen könnten. Die libertäre Rede von einem Recht auf Freiheit meint demnach das Recht, an eigenen Handlungen nicht gehindert zu werden, sofern Rechte Dritter dadurch nicht berührt werden. Dabei handelt es sieh um ein Recht, das unabhängig von Konsequenzen Geltung habe, insofern ist der Libertarismus eine Theorie deontologischen Charakters. Die Operationalisierung libertärer Rechte wird ermöglicht durch Eigentumsrechte am eigenen Körper (self-ownership) und, darauf basierend, an äußeren Gegenständen, welche die materielle Welt in persönliche Freiheitssphären aufteilen. Im Anschluss an eine auf diesen Grundlagen aufbauende Rekonstruktion einer libertären politischen Philosophie geht Wendt auf drei häufig vertretene Begründungsansätze libertärer lndividualrechte ein: Zunächst auf den konsequentialistischen, an der Maximierung materieller Wohlfahrt orientierten Ansatz des klassischen Liberalismus (Ludwig von Mises, Friedrich von Hayek, Milton Friedman), gegen den er mit Recht einwendet, dass er deonotogisch strukturierte libertäre Rechte nicht zu begründen vermag. Ferner behandelt Wendt den „objektivistischen“ Ansatz Ayn Rands, welchen er als teleologisch-essentialistische Position vorstellt, die davon ausgeht, dass alle Lebewesen das je eigene Leben bzw. Überleben als obersten Wert anstreben. Diese Position weist Wendt ebenfalls zurück: Es gibt „keinen Weg von der These, dass Werte Leben voraussetzen, zu der These, dass das eigene Leben (oder Überleben) für jedes Lebewesen der höchste Wert ist.“ (200) Schließlich diskutiert er den Ansatz des Kontraktualismus, wobei der sich an Jan Narveson sowie verschiedene nicht-libertäre Theoretiker anlehnt (namentlich James Buchanan, David Gauthier, Peter Stemmer, Norbert Hoerster). Ihnen hält Wendt im Anschluss an Peter Schaber entgegen, dass die Begründung einer libertären Moral auf Grundlage eines rationalen Interessenkalküls systematisch unmöglich sei: Ein auf Klugheitsargumenten basierender Ansatz könne kategorische Pflichten nicht begründen.


Insoweit seine Diskussion dreier Ansätze zur Begründung einer libertären Moral erfolglos bleibt, sieht Wendt keine guten Gründe dafür, sich das libertäre Gesellschaftsmodell zu eigen zu machen. Er erkennt allerdings an, dass der Libertarismus als politische Philosophie die Freiheit konsequent und theoretisch elegant in den Mittelpunkt stellt. Aus libertärer Sicht ist das nicht das schlechteste Ergebnis, zumal Wendts Analyse es nicht nahe legt, dass eine alternative Theorie besser tragfähig begründet werden könnte. Es ist allerdings irritierend, dass Wendt seine Arbeit in der Absicht antritt, eine politische Philosophie des Libertarismus von Grund auf zu rekonstruieren, deren Begründung jedoch ausschließlich unter etablierten Ansätzen sucht. Damit kann er zwar herausstellen, dass ein in seinem Sinne konsequenter Libertarismus bislang noch nicht ausreichend ausgearbeitet ist, andererseits sind die von ihm diskutierten Begründungsansätze im Kontext seiner anti-konsequentialistisch und deontologischen Theorie von vorneherein nicht aussichtsreich. Die von Wendt bemühten Argumente richten sich dabei allerdings weniger gegen den Libertarismus, als vielmehr gegen die jeweils vorgestellten Begründungsfiguren. Sie haben mithin auch Konsequenzen für andere Theorien des politischen Gemeinwesens wie für die von Wendt zum Ende seiner Arbeit ins Auge gefasste „pluralistisch politische Philosophie“, die den libertären Impuls nach einem Recht auf Freiheit mit wenigstens einem weiteren Recht, dem auf Subsistenz, kombinieren will. Gute Gründe für eine politische Philosophie, die mehr als lediglich ein Recht auf Freiheit fordert, werden durch Wendts Arbeit freilich nicht ersichtlich. Insofern ist sein abschließender Ausblick auch als solcher zu betrachten: als Aufforderung zu weiterer Begründungsarbeit.


Zu bedauern ist schließlich, dass Wendt nur am Rande auf den durch Murray Rothbard und Hans-Hermann Hoppe repräsentierten Anarchokapitalismus eingeht, welcher die handlungstheoretischen Überlegungen der österreichischen Schule der Nationalökonomie zu einem libertären Argument auszubauen versucht. Auch das gewissermaßen transzendentalphilosophische Argument Hoppes, der libertäre Rechte aus den impliziten Voraussetzungen der Sache ableiten will, findet bei Wendt nur eine Randbemerkung. Insofern kann Wendts Diskussion nicht als vollständig angesehen werden und sein Schluss, dass es keine überzeugende Begründung des Libertarismus gebe, zumindest als voreilig.


[…] Als politische Philosophie tritt der Libertarismus dafür ein – unabhängig von internen Differenzen zwischen Befürwortern und Gegnern des Staates –, dass mehr als ein Minimalstaat zur Garantie von Rechtsordnung und Sicherheit nicht notwendig ist. Dass das damit verbundene Laisser-faire in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen, insbesondere der Wirtschaft, zu einer den Wohlstand aller Bürger steigernden ökonomischen Dynamik führt, ist ein häufig zu hörendes Argument, es berührt jedoch nicht den Kern des libertären Denkens. Wie Fabian Wendt in seiner Rekonstruktion verdeutlicht, ist der Libertarismus im Kern eine freiheitsethische Theorie, die spezifischen Verteilungszuständen von Nutzen oder Wohlstand indifferent gegenübersteht, solange sie auf legitime Weise zustande gekommen sind. Obwohl der Libertarismus auf einem unbedingten individuellen Recht auf Freiheit besteht, bedeutet dies nicht notwendigerweise, dass in einer libertär verfassten Gesellschaft größtmögliche Freiheit herrscht. Nicht nur wirken Eigentumsrechte auf Dritte begriffsnotwendig freiheitshemmend, mehr noch kann man aber daran zweifeln, ob eine ungehemmte Marktwirtschaft tatsächlich im Namen individueller Freiheit zu wünschen wäre – völlig unabhängig davon, dass auch und gerade in einer Anarchie, ohne staatliches Einwirken, rechtswidrige Freiheitsbeschränkungen möglich bleiben. Es ist deshalb zu bedauern, dass sich weder Wendt noch Kilpper einer Auseinandersetzung mit dem sogenannten Linkslibertarismus widmen, der von eben solchen zweifeln an der Freiheitlichkeit von Anarchie und Minimalstaat seinen Ausgang nimmt und auf der Grundlage einer libertären Feiheits- und Eigentumsrechte gegen den Marktradikalismus votiert.


Als politische Philosophie der Freiheit macht der Libertarismus über den moralischen Wert von Handlungen keine Aussagen und beschränkt sich auf die Feststellung, dass etwa politische oder rechtliche Sanktionen, z.B. gegen Pornographie, Drogen oder Prostitution, nicht zu rechtfertigen seien. Eben weil der Libertarismus keine moralische Lehre ist, ist es möglich, ihn mit verschiedenen solcher Lehren zu verbinden, wie Wendt am Beispiel der kulturkonservativen Haltungen Hans-Hermann Hoppes verdeutlicht. Wie jede liberale politische Theorie, die individuelle Freiheiten in den Vordergrund rückt und comprehensive doctrines im Sinne Rawls’ aus dem öffentlichen Bereich weitgehend heraushält, so bleibt auch der Libertarismus auf diesen privatisierten Bereich der Moral verwiesen, zumal dessen Bedeutung gerade dort proportional zunehmen muss, wo der Wirkungsbereich des politischen Gemeinwesens beschränkt wird. Es ist deshalb nicht ausgeschlossen und viele libertäre Theoretiker erwarten es sogar, dass moralische Pflichten etwa zur Unterstützung Bedürftiger innerhalb einer libertären Ordnung mit größerer Bereitschaft erfüllt werden. Es bleibt allerdings fraglich, ob man auf diesen Aspekt einer Befreiung hin zu mehr verantwortlicher Selbstbindung des Individuums vertrauen darf. Auch in diesem Zusammenhang ist die Forderung nach einer weiteren Begründungsarbeit zu erheben.


Martin Ingenfeld (München)


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Über den Autor/in

Fabian Wendt

Fabian Wendt ist derzeit als Research Associate an der Chapman University in Kalifornien...
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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

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Rezension

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