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ARSP (Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie), Band 91/2 (2005)

Recht und Objektivität


Die Frage nach der Objektivität des Rechts zählt zu den großen Themen der Rechtsphilosophie, die tief in die allgemeine Philosophie hineinführen, ohne dass allerdings immer klar wäre, was unter Objektivität verstanden wird. Im Recht ist vor allem die Objektivität rechtlicher Urteile mit normativem oder evaluativem Charakter fraglich, während die Objektivität des Recht als institutionalisiertes Normensystem oder als soziale Tatsache relativ unproblematisch erscheint. Die Urteile, die in der Rechtspraxis als Aussagen über das geltende Recht getroffen werden, sind jedoch nicht nur von der Art, dass sie das empirisch vorfindbare Recht beschreiben, sondern sie enthalten häufig oder gar stets normative Festlegungen oder Wertungen. Ob und in welchem Sinne solche normativen rechtlichen Urteile als objektiv bezeichnet werden können, ist umstritten. Besonders deutlich wird dies an Auffassungen Ronald Dworkins, der einerseits die These der einzig richtigen rechtlichen Entscheidungen vertreten hat, andererseits aber die Frage nach der Objektivität solcher Urteile für sinnlos erklärt hat. Der Streit führt auf die Frage, was unter der Objektivität ethischer oder moralischer Urteile verstanden werden kann.



VERONICA RODRIGUEZ-BLANCO versucht in ihrem Buch Meta-Ethics, Mora lObjectivity and Law, einer von Nigel Simmonds an der Universität Cambrigde betreuten Dissertation, die ametaphysische Position Dworkins zu widerlegen, dass Objektivität keinerlei ontologische Verpflichtungen einschließe und metaethische oder metaphysische Annahmen entweder nicht nachvollziehbar oder auf substantielle moralische Stellungnahmen reduzierbar seien (10). Im Gegensatz dazu möchte sie zeigen, dass metaethische und metaphilosophische Fragen nach Skeptizismus, moralischem Realismus, Antirealismus und Wahrheit wichtig für das Verständnis von Objektivität in Recht und Moral sind (10, 191). Im ersten Kapitel analysiert und kritisiert sie Dworkins durch die ametaphysische Position gekennzeichnetes „ontologisches Projekt" und diskutiert die Natur der Debatte um Realismus und Antirealismus als Voraussetzung für das Verständnis von Dworkins Sichtweise. Im zweiten Kapitel wird die Spannung zwischen Dworkins ametaphysischer Position und der Notwendigkeit einer robusten Konzeption der Moral innerhalb von Dworkins interpretativem Projekt problematisiert. Das dritte Kapitel behandelt die Spannung zwischen Dworkins Unterscheidung zwischen „genuinen" theoretischen und semantischen Streiten und seiner ametaphysischen Konzeption. Abschließend kritisiert sie die Naturrechtstheorie Michael Moores als einen zu starken metaphysischen Realismus.
Die Kritik an Dworkins ametaphysischer Position richtet sich gegen die beiden von Dworkin vorgebrachten Argumente. Das erste ist die These des Scheiterns des „archimedischen" Ansatzes, der versuche, moralische Urteile von einem neutralen und nicht-moralischen Standpunkt aus zu rechtfertigen. Dazu gehören einerseits realistische Auffassungen, aber auch antirealistische Auffassungen (10). Das zweite Argument ist die Annahme, objektive normative Urteile seien ohne ontologische Voraussetzungen, aufgrund eines Prozesses konstruktiver Interpretation, zu begründen (11).
Als Hauptkritik Dworkins an „archimedischen" Theorien nennt Rodriguez-Blanco deren Externalität, d.h. den Versuch, wertende Prämissen zu vermeiden (11). Ein externer oder archimedischer Skeptizismus beanspruche, neutral und enthaltsam (austere) zu sein. Sie richteten sich nicht gegen substantielle moralische Überzeugungen, sondern gegen Annahmen 2. Stufe über die Natur solcher Überzeugungen, also nicht dagegen, dass Sklaverei schlecht sei, sondern dagegen, dass dies eine Aussage über eine moralische Wirklichkeit sei. Solche Annahmen zweiter Stufe werden als externe Propositionen (e-propositions) bezeichnet (12).
Im Gegensatz dazu enthielten interne Konzeptionen positive Werturteile. Dworkin wende gegen den Neutralitätsanspruch externer Theorien ein, dass der Objektivitätsanspruch bereits in moralischen Überzeugungen selbst enthalten sei und wir daher über Objektivität und Wahrheit nur in Form interner Propositions (i-propositions) sprechen müssten. Alle e-Propositionen könnten in i-Propositionen übersetzt werden und seien tatsächlich positive moralische Urteile. Andererseits gebe es keine philosophisch gehaltvolle Interpretation von e-Propositionen, die nicht zugleich eine i-Proposition sei (13). Jeder Grund, eine moralische Überzeugung aufzugeben, sei zugleich ein Grund für eine andere Überzeugung. Zudem könnten externe Aussagen keine moralischen Urteile rechtfertigen. Sie hätten keinen Bezug zu den moralischen Inhalten, die gerechtfertigt werden sollten, und zu den Überzeugungen, die wir in diesem Bereich bereits für verlässlich halten würden (15). Ein zweiter Punkt Dworkins sei, dass der Anspruch der Austerität nicht erfüllt werden könne (16). Er verwerfe zwei Argumente John Mackies, dass der Umstrittenheit moralischer Fragen und das der fehlenden inhärenten Motivation durch moralische Argumente (16f.). Nur ein Skeptizismus, der innerhalb des Bereichs der Moral selbst formuliert werde, sei einsehbar. Dworkin selbst nimmt allerdings an, dass es richtige Antworten auf moralische Fragen gebe (18). Er verwirft die Thesen der Unbestimmtheit (indeterminacy) und der Unsicherheit (uncertainty) als Auffangpositionen und nimmt an, dass die These, es gebe keine richtige Antwort, auf einer Theorie des Rechts (oder der Moral) basieren müsse (19). Die These, dass jede Qualifizierung moralischer Argumente auf erster Stufe stattfinden müsse, wendet Dworkin sowohl gegen realistische wie gegen anti-realistische Theorien, da beide philosophische Annahmen 2. Ordnung einführten (20).
Zur Vorbereitung ihrer Kritik an Dworkin behandelt Rodriguez-Blanco zunächst die Unterscheidung von Realismus und Anti-Realismus, insbesondere die Theorien von Michael Devitt und David Brink, die einen Realismus vertreten, der nicht den von Dworkin angeführten Kriterien der Neutralität und Austerität genüge (21ff.).
Ein zentrales Merkmal dieser Theorien sei die Unterscheidung von metaphysischen (im Sinne von ontologischen), epistemischen und semantischen Fragen und die Annahme der Priorität der ontologischen Fragen (65). Auf dieser Grundlage weist Rodriguez-Blanco die These Dworkins zurück, Neutralität und Austerität seien die Hauptmerkmale externer, philosophischer oder metatethischer Theorien (65). Sie meint, dass realistische Positionen komplexer und subtiler seien als von Dworkin dargestellt. Ferner führe die Kritik einer hierarchischen Epistemologie, wie etwa der „archimedischen", nicht notwendig zur Verwerfung des moralischen Realismus (67). Drittens treffe es nicht zu, dass ein externer moralischer Skeptizismus in einen internen Skeptizismus kollabiere. Viertens sei es nicht ausreichend zu zeigen, dass das metaphysische Projekt der Wahrheit auf das „assertion project of truth", demzufolge sich aus der grammatischen Struktur ergebe, was wir mit einer Aussage sagen (70), reduzierbar sei. Dworkin müsse auch zeigen, dass das metaphysische Projekt nicht einsichtig oder unplausibel sei (20) - was von Dworkin allerdings zumindest beansprucht wird (vgl. S. 13).
Im zweiten Kapitel wird Dworkins interpretative Theorie des Rechts behandelt und die These vertreten, dass dieses Projekt nicht mit Konventionen oder einer lediglich interpretativen Konzeption der Moral auskomme. Dworkins Konzeption erfordere eine stärkere Konzeption der Moral, was in Gegensatz zu seiner ametaphysischen These stehe (72). Rodriguez-Blanco stützt dies auf die These, dass ein moralischer Realismus als interpretative Konzeption die beste Erklärung unserer moralischen Überzeugungen biete (117). Auf dieser Grundlage wird im dritten Kapitel eine Rekonstruktion von Dworkins Theorie entworfen, einerseits als realistische Theorie, andererseits als nicht realistische Theorie. Ausgangspunkt ist Dworkins Unterscheidung von genuinen theoretischen Streiten und semantischen Streiten. Rodriguez-Blanco argumentiert, dass erstere eine realistische Interpretation erforderten (119). Habermas' postmetaphysische Konzeption der Moral wird als ebenso problematisch angesehen (141). Andererseits wird im vierten Kapitel die Naturrechtskonzeption von Michael Moore verworfen, der annehme, dass die Wahrheit rechtlicher Urteile von der Wahrheit moralischer Urteile abhänge (162).
Rodiguez-Blanco betont die Notwendigkeit metaphysischer Reflexionen im Recht, entwickelt allerdings keine eigene Konzeption der Objektivität des Rechts. Gleichwohl enthält das Buch eine klar geschriebene und sorgfältig argumentierende Einführung in den Streit um die Rolle, die metaphysische Fragen nach der Objektivität des Rechts in der Rechtswissenschaft spielen sollten. Ob Dworkins Position, dass gegen normative Argumente nur Argumente mit normativen Implikationen angeführt werden können, allerdings durch das Argument, metaphysischrealistische Argumentationen seien komplexer als von Dworkin dargestellt, zu Fall gebracht werden kann, erscheint fraglich.


Prof. Dr. Jan-R. Sieckmann, Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Feldkirchenstraße 21, D-96045 Bamberg


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Über den Autor/in

Veronica Rodriguez-Blanco

born 1966 in Venezuela, studied Logic and Philosophy of Science in Caracas, and Law in Oxford...
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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

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Rezension

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