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Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie, Band 50, Heft 3, 2003

Rudolf Schüßler, " Moral im Zweifel", mentis Verlag, Paderborn: ISBN: 3-89785-206-3



(...) Obwohl Rudolf Schüssler gelegentlich andeutet, am Probabilismus, weil er die Handlungsspielräume erweiterte, das dem Individualismus und Liberalismus der Neuzeit zusagende Moralprinzip zu haben, ist ihm dessen Ambivalenz doch bewußt. Ganz richtig betont er, daß der Probabilismus im Dienst konträrer sozialer Interessen stand (S. 151). Wer, wie Schüssler, nach der Gegenwartsbedeutsamkeit des Probabilismus fragt, wird sie also nicht auf dieser Ebene suchen. Der moraltheologische Probabilismus, so die These, sei vielmehr methodisch der eigentliche Vorläufer der modernen Entscheidungstheorie. Auf dem Erfahrungshintergrund der gegenwärtigen Hochkonjunktur der Praktischen Ethik hält Schüssler es für den Kardinalfehler aller nachscholastischen Moralphilosophie, daß sie ein jahrhundertelang kultiviertes Problembewußtsein in der Bewältigung moralischer Unsicherheit schlicht verleugnet hat. «Die modernen Ethiken Kants und des Utilitarismus zogen sich auf diesem Weg ein Problem zu. Auf der einen Seite wurden diese Ethiken mit wesentlichen quasi-juridischen Elementen ausgestattet, auf der anderen Seite wurden die Weiterungen der quasi-juridischen Perspektive nicht beachtet» (S. 310). Dieser Kritik wird der angekündigte 2. Teil von Schüsslers Werk gewidmet sein. Der hier vorgelegte erste Teil legt dafür die Basis, indem er, bezogen sowohl auf die Zeit vor als auch nach 1577, die scholastische Entscheidungstheorie entfaltet. Anhand einer Reihe kanonischer Autoren, die freilich schon lange nicht mehr systematisch zueinander in Beziehung gesetzt worden sind (die Dominikaner Cajetan und Medina, die Jesuiten Vázquez, Suárez, T. Sánchez), werden die ethischen Prämissen des in dem zweiten Stadium erfolgten und zunehmend reflektierten Übergangs zum Probabilismus analysiert. Zwei im 16. Jh. geführte naturrechtliche Diskussionen, die um die spanische Landnahme in Amerika und die um die Grenzen des Gehorsams, exemplifizieren das erste Stadium. Besonders instruktiv ist das Licht, das von dem zweiten Stadium auf den Fall Galilei fällt. Schüssler gibt Pierre Duhems bekannter These, derzufolge Kardinal Bellarmin wissenschaftstheoretisch die aufgeklärtere Position vertreten habe, noch ein Pointe: 1656, direkt unter den Augen des Papsts Alexander VII., wurde von Caramuel die Rechtmäßigkeit der Verurteilung Galileis ausführlich diskutiert. Wenn Galilei - im Sinne Caramuels - nur etwas gewitzter gewesen wäre, behauptet Schüssler, würde sogar die unbestreitbare extrinsische Probabilität des Kopernikanismus ausgereicht haben, um diesen «mit den Mitteln des Probabilismus legitimerweise vertreten zu können» (S. 245). Von Caramuels Votum hat die Wissenschaftsgeschichte so gut wie keine Notiz genommen. Das liegt daran, daß es nicht in einer astronomischen Abhandlung steht, sondern in Caramuels Moraltheologie. Ein Umstand, der Schüssler in seiner ethischen Lesart des Falls Galilei bestärkt: Im Grunde hatte Galilei gegen die «Wissenschaftsethik» seiner Zeit verstoßen. Was daraus zu lernen ist - der Bayreuther Ethikprofessor hält damit nicht hinterm Berge: «Sofern Gutachterkommissionen im Auftrag von Regierungen oder Organisationen über die Einhaltung ethischer Normen wachen, wie es zunehmend in der Praktischen Ethik der Gegenwart propagiert und auch in der Praxis umgesetzt wird, könnten sich Ethikgutachter in der Situation Bellarmins wiederfinden.» Schüssler warnt, daß «wir in Zukunft mit ein, zwei, vielen Galilei-Fällen zu rechnen haben, wenn die ethische Kontrolle naturwissenschaftlicher Forschung ernsthaft betrieben werden sollte» (S. 263).
Da Schüsslers Buch trotz seiner systematischen Absicht auch ein Beitrag zur Geschichtsschreibung ist, muß es sich Einwände von historischer Seite gefallen lassen. Die Menge der aufgeführten Quellenliteratur ist gewiß beeindruckend. Bei der Anlage des Buchs fehlt trotzdem zu viel und zu Wichtiges, als daß auf die Skandierung Verlaß wäre. Das Kirchenrecht kommt praktisch nicht vor, über die 88 hochinteressanten Rechtsregeln im Sechsten Buch der Dekretalen und deren Kommentierungstradition fällt kein Wort. Am anderen Ende kommt ausgerechnet die Systematisierungshochblüte des Probabilismus genauso schlecht weg wie seit eh und je. Die ihm eigens gewidmeten Monographien fallen allesamt erst in die zweite Hälfte des 17. Jh. (z.B. in demselben Jahr 1669 die beiden von Francesco Bordopi und Antonio Terillo), werden kaum oder gar nicht ausgewertet. Überhaupt ist der Umgang mit den Quellen kein besonders pfleglicher. Allzu sparsam dosiert sind die Zitate. Wo sie eine Kontrolle des Texts ermöglichen, ergeben sich mitunter erhebliche Dissonanzen, z.B. bei der Wiedergabe von Liguoris gewiß nicht nebensächlicher Unterscheidung zwischen der probabilitas facti und der probabilitas iuris (S. 297/98). Allzu eilig wird generalisiert. So trifft es nicht zu, daß «die iberischen Autoren ... in ihrer Ablehnung von Adrians Sondermeinung zu Befehl und Gehorsam übereinstimmen» (S. 139). Von dem Jesuitenkardinal Juan de Lugo (gestorben 1660), einem der bedeutendsten Moraltheologen der Schule von Salamanca, habe ich 1993 nachgewiesen, daß er dieselbe strikt tutioristische Fassung der Gehorsamspflicht oder, anders gesagt, dieselbe weit gefaßte Möglichkeit zur Befehlsverweigerung verteidigt, die, wie ich jetzt aus Schüssler lerne, auf Adrian von Utrecht (den späteren Papst Hadrian VI.) zurückgeht. Wieso ausgerechnet Hugo Grotius sich nachsagen lassen muß, in dem einschlägigen Kapitel seines Hauptwerks seine scholastischen Gewährsleute unterschlagen zu haben (S. 275f.), wird jedem unerfindlich sein, der eine ungekürzte Ausgabe von De iure belli ac pacis konsultiert. Dort bezieht sich Grotius unter anderem ausdrücklich auf Vitoria, Medina und Vázquez. So abrupt, wie Schüssler es darstellt, ist der Faden der Überlieferung also nicht abgerissen. Erst jüngst wieder ist darauf von Paola Negro in ihrem Beitrag zu Dalla prima alla seconda Scolastica (Hg. Alessandro Ghisalberti, Bologna 2000) hingewiesen worden.
Monita dieser Art zeigen freilich, daß die Erforschung des in den beiden hier vorgestellten Studien mutig betretenen Kontinents immer noch in den Anfängen steckt. Bevor man sehr viel weiter kommt, wäre literargeschichtlich erst einmal geduldig das Gelände zu vermessen. Bis dahin wird jeder auch noch so ambitionierten Arbeit auf diesem Feld leicht nachzuweisen sein, daß auch sie im Nebel stochert.



Sven K. Knebel



 


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Über den Autor/in

Rudolf Schüßler

geb. 1960, Studium der Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Philosophie an der Universität...
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Rezension

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