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Imago Hominis, Quartalschrift für medizinische Anthropologie und Bioethik – Wien; Band 13 – Heft 1 - 2006

Seit dem von Matthäus überlieferten Gleichnis vom Jüngsten Gericht wissen wir, dass wir nicht so sehr für unsere Taten als vielmehr für unsere Unterlassungen einst zur Rechenschaft gezogen werden. Angesichts solcher Dramatik kann es überraschen, dass bisher nur wenige systematische Untersuchungen zum Thema »Unterlassungen« vorliegen. Berger füllt hier eine Lücke und bringt Klarheit in einen philosophisch komplexen Sachverhalt.
  Vorangestellt wird eine Handlungstheorie und die hiefür notwendigen Begriffe und Definitionen. Handlungen, zu denen auch Unterlassungen zählen, sind absichtsvolle, verantwortungsvolle und durch ein Ergebnis bestimmte Vollzüge, die Berger unter den Oberbegriff der »werkartigen Entitäten« stellt. Davon zu unterscheiden ist das bloße Handeln, das mit keinem bestimmten Ergebnis ausgeführt wird. Die Betätigung eines Schalters oder das Drücken einer Türklinke ist demnach bloßes Handeln, während das Anmachen von Licht oder das Öffnen einer Türe Handlungen sind.
  Darüber hinaus stehen Handlungen stets unter dem Anspruch einer bestimmten Erwartung, einer bestimmten Norm oder einer bestimmten Pflicht. Sie besitzen daher eine interaktive Dimension in Bezug auf eine andere Person, eine Gruppe, einen Gesetzgeber oder die Gesellschaft als ganze. Erfüllt eine Handlung diesen Anspruch nicht, dann handelt es sich um eine Unterlassung im Berger'schen Sinne (sog. Infringismus). Der Autor distanziert sich damit sowohl von einem zu weiten (modalistischen) als auch von einem zu engen (nonmovistischen) Unterlassungsbegriff. Beiden liegt eine falsche, kausalistische Handlungstheorie zugrunde. Denn Handlungen lassen sich nicht auf bloße Ursache-Wirkungsverhältnisse reduzieren, vielmehr geht jeder Handlung eine spontane Entscheidung voran, welche den Kontext von Ursache und Wirkung transzendiert (sog. Agenskausalität im Unterschied zur Ereigniskausalität). Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang bei einer besonderen Kategorie von Handlungen, nämlich den Sprechakten bzw. deren Unterlassung, dem Schweigen. Leider geht Berger auf dieses Lehrbeispiel nur beiläufig ein. Es wäre ihm sonst aufgefallen, dass die reklamierte Objektivität seines Unterlassungsbegriffs gerade im Rahmen dialogischer Handlungen keine Gültigkeit besitzt, und er hätte zeigen können, dass ein Urteil über unsere Handlungen deshalb allein Gott zusteht.
  Hingegen illustriert der Autor seine Theorie anhand der medizinethischen Debatte über »Töten versus Sterbenlassen«. Dabei geht es nicht um ethische Rechtfertigung, sondern nur um die Veranschaulichung verschiedener Formen von Unterlassungen. Zunächst hängt der Tatbestand der Unterlassung ärztlicher Hilfe (passive Sterbehilfe) von vorgegebenen Erwartungshaltungen ab. Diese können durch Gesetze des Staates, die Garantenpflicht des Arztes oder den Patientenwillen kundgegeben sein. Je nach juridischem Gewicht dieser Erwartungshaltungen kann derselbe Sachverhalt in einem Fall eine Unterlassung bedeuten, im anderen nicht. Eine andere Form des Sterbenlassens ist der technische Behandlungsabbruch. Hier erhebt sich die Frage, ob es sich dabei um eine Unterlassung oder um ein Tätigkeitsdelikt handelt – mit entsprechend unterschiedlicher juridischer Bewertung. Vom movistischen Standpunkt aus handelt es sich um ein Tätigkeitsdelikt, da das Abschalten eines Gerätes getätigt werden muss, vom infringistischen Standpunkt aus handelt es sich hingegen um eine Unterlassung, da einem prozesshaften Todesgeschehen sein natürlicher Lauf gelassen wird. Das Lassen ist hier einer Unterlassung gleichwertig, weil hinter beiden dieselbe Absicht steckt. Der intentionsskeptische Standpunkt (Birnbacher) muss hingegen bestimmte Randbedingungen willkürlich auszeichnen, um zu einer Differenzierung zu gelangen. Hinsichtlich der moralischen Bewertung des Behandlungsabbruchs kommt es auf gesatzte gesellschaftliche Normen an. Entsprechend können bestimmte Unterlassungen privilegiert werden.
  Bergers Buch beinhaltet wichtige Differenzierungen und Klarstellungen zum komplexen Begriff der Unterlassung und stellt daher eine wertvolle Orientierungshilfe in dieser Materie
dar. Hat man sich erst die Mühe gemacht, den in der ersten Buchhälfte getroffenen logischen Herleitungen zu folgen, dann wird man die in der zweiten Buchhälfte gereiften Früchte dieser Analyse mit Gewinn und Vergnügen ernten. Berger wendet sich gegen einen weitverbreiteten, vom Behaviourismus und Szientismus infizierten Unterlassungsbegriff und zeigt auf, dass dieser von den inneren Einstellungen der Person nicht getrennt werden kann. Die Vernachlässigung der interaktiven Dimension von Handlungen verhindert aber, dass dem Autor auch deren transzendente Perspektive — wie von Matthäus aufgezeigt — in den Blick kommt.


W. RELLA


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Über den Autor/in

Armin Berger

geb. 1971 in Heidenheim a.d. Brenz. Studium der Philosophie, Logik und Wissenschaftstheorie,...
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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

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Rezension

Imago Hominis, Quartalschrift für medizinische Anthropologie und Bioethik – Wien; Band 13 – Heft 1 - 2006

Seit dem von Matthäus überlieferten Gleichnis vom Jüngsten...

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