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Philosophischer Literaturanzeiger, Band 59, heft 1, Januar-März 2006

Die Ethik der Gegenwart läßt sich unter anderem durch ihr starkes Interesse an der Lebenskunst charakterisieren. Seit Pierre Hadot und Michel Foucault am Beginn der 80er Jahre die antiken Ideen der Sorge um sich und der geistigen Übungen in Erinnerung riefen, haben sich auch hierzulande zahlreiche Moralphilosophen der lange vernachlässigten Frage nach dem guten Leben zugewandt. Zu nennen sind hier beispielsweise die Schriften Wilhelm Schmids und Martin Seels Versuch über die Form des Glücks. Im angelsächsischen Raum haben u. a. Bernard Williams und Harry Frankfurt die Renaissance der eudämonistischen Ethik vorbereitet. Diese Rückbesinnung auf die antike Frage, wie man leben sollte, kann nicht folgenlos für die Moralphilosophie bleiben. Sobald man nämlich die Beschränkung der Ethik auf die Begründung allgemeingültiger Handlungsnormen aufhebt, stellt sich die Frage, wie sich die Regeln der Lebenskunst und die moralischen Normen zueinander verhalten.
Dieses Problem bildet den Ausgangspunkt für Elif Özmens Untersuchung. Der Gegensatz, von dem es auszugehen gilt, bestehe allerdings nicht, wie häufig angenommen, zwischen antiker und moderner Ethik oder zwischen Aristoteles und Kant, sondern er müsse allgemeiner gefaßt werden als Opposition zwischen der »Theorie des richtigen Handelns« (Im folgenden: TRH) und der »Theorie des gelungenen Lebens« (20 f.). Der TRH zufolge, als deren Hauptvertreter Kant und der Utilitarismus gelten, weise die Moral vier wesentliche Aspekte auf (21 ff.): (i) In der Moral werden Handlungen in einem absoluten Sinn als gut bzw. richtig oder als schlecht bzw. falsch beurteilt. (ii) Ein moralisches Urteil wird begründet, indem eine Handlung durch ein moralisches Prinzip gerechtfertigt wird. (iii) Die normativen Urteile der Moral sind objektiv gültig. (iv) Der Standpunkt, von dem aus Handlungen moralisch gerechtfertigt werden, zeichnet sich durch Verallgemeinerbarkeit und Unparteilichkeit aus. Da alle einzelnen moralischen Regeln in einem einzigen Prinzip gründen und da dieses Prinzip nichts anderes ausdrückt als die vernünftige Fähigkeit, Urteile widerspruchsfrei zu verallgemeinern, seien
der TRH zufolge Konflikte zwischen Rationalität und Moral ausgeschlossen (31 f.).
Um die Richtigkeit und die Tragweite dieser Thesen zu prüfen, diskutiert die Autorin die Positionen einiger einflußreicher Moralphilosophen der Gegenwart. Im zweiten Kapitel wendet sie sich zunächst Bernard Williams zu. Im Mittelpunkt stehen dabei Williams' Thesen über den moralischen Zufall und die rückblickende Rechtfertigung von Handlungen. Özmen gelangt zu dem Ergebnis, daß der Zufall nicht so sehr, wie Williams meint, die Rechtfertigung einer Handlung betrifft wie das Gelingen des Lebens (46). Außerdem bleibe bei Williams ungeklärt, inwiefern die retrospektive Rechtfertigung von Handlungen etwas mit der Moral zu tun habe (48).
Auch das dritte Kapitel beschäftigt sich vorrangig mit Williams, und zwar mit seiner Behauptung, daß die Moral das Individuum von seinem Personsein und seiner Integrität entfremde (76). Özmen zufolge vermag diese Gegenüberstellung von persönlicher Integrität und Moral aus verschiedenen Gründen nicht zu überzeugen. Erstens weise Williams nicht nach, daß es nicht zu den grundlegenden Interessen einer Person gehören könne oder sollte, daß sie moralisch ist (80). Zweitens handle es sich bei dem von ihm aufgezeigten Konflikt weniger um den Gegensatz zwischen Egoismus und Moral als um die Spannung zwischen der Moral und persönlichen Interessen, die von moralischen Erwägungen unabhängig sind (81). Drittens ergebe sich aus Williams' These die kaum akzeptable Schlußfolgerung, daß auch die Handlungen als integritätsstiftend gelten könnten, die vom Akteur selbst als unmoralisch beurteilt werden (82). Schließlich folge aus der Tatsache, daß jemandem etwas wichtig ist, noch nicht, daß dies auch einen moralischen Wert hat (94). Diese Überlegung führt auf Özmens entscheidenden Einwand gegen Williams: Die persönliche Moral und die Integrität einer Person bedürfen ebenso normativer Kriterien wie die allgemeingültige Moral, wenn sie denn ernst zu nehmende Konkurrenten für Letztere darstellen sollen (95).
Die Auseinandersetzung mit Williams mündet in eine aufschlußreiche Systematisierung der möglichen Verhältnisse zwischen Moral und Glück. Grundsätzlich kann dieses Verhältnis entweder als eines der Konvergenz oder des Konflikts charakterisiert werden. Die Konvergenzthese läßt sich ihrerseits in drei Varianten unterscheiden: »1) Moralität ist notwendig und hinreichend für das Gelingen des Lebens.« »2) Moralität ist notwendig für das Gelingen des Lebens.« »3) Das Gelingen des Lebens ist notwendig für Moralität.« (100) Außerdem ließen sich zwei Lesarten der Konfliktthese unterscheiden: »4) Das Gelingen des Lebens und Moralität stehen in einem Verhältnis der Spannung zueinander. 5) Das Gelingen des Lebens und Moralität stehen in einem Verhältnis der Unvereinbarkeit zueinander.« (101)
In den folgenden Kapiteln argumentiert die Autorin für die vierte These, der zufolge Moral und Glück zwar nicht miteinander unvereinbar sind, aber zumindest in einem Spannungsverhältnis stehen. Dabei greift sie Gedanken von Harry Frankfurt, Susan Wolf und Philippa Foot auf und verknüpft diese in einer »Strukturanalyse des gelungenen Lebens«. Bei der Behandlung der genannten Autoren verbindet Özmen auf wohltuende Weise die Darstellung mit der kritischen Beurteilung der einzelnen Positionen, ohne beide Aspekte je zu vermengen. Da ihre Überlegungen hier nicht im Detail referiert werden können, soll es genügen, Özmens Begriff des gelungenen Lebens wiederzugeben, in den wesentliche Gedanken Frankfurts, Wolfs und Foots eingegangen sind. Ein gelungenes Leben zeichne sich durch folgende acht Aspekte aus: »(i) Die innere Harmonie der Person (ii) Die Identität der Person und die Aktivität ihres Handelns (iii) Fundamentale Orientierung.« (175) Diese Merkmale gehen auf Frankfurts Überlegungen zur Rolle von wholeheartedness, identification und caring zurück. Die nächsten beiden Aspekte berücksichtigen wichtige Hinweise von Susan Wolf: »(iv) Der subjektive Wert des glücklichen Lebens und der objektive Wert des sinnvollen Lebens (v) Integrität und individuelle Freiheit« (ebd.). Schließlich kommen zwei Aspekte hinzu, die Özmen von Phillipa Foot übernimmt: »(vii) Lust und gelungenes Leben (vii) Vernunft als Quelle der Normativität« (ebd.).
Von besonderer Bedeutung scheint mir dabei die sechste Bestimmung zu sein, weil sie das verbreitete Mißverständnis zurückweist, daß das Gelingen eines Lebens entweder nur aus der subjektiven oder nur aus der objektiven Perspektive zu beurteilen sei:
»Objektiv Wertvolles gehört zu einem gelungenen Leben ebenso dazu wie Lust und Glück, d. h. ein gelungenes Leben ist dasjenige, das sowohl von der individuellen als auch von der objektiven Perspektive aus als gelungen zu bewerten ist. Ein rein selbstbezogenes, obgleich lustvolles, glückliches Leben kann daher ebenso wenig als gelungen gelten wie ein rein moralisches Leben.« (179)
Was das Verhältnis zwischen Moral und gelungenem Leben betrifft, so folgt aus Özmens Analyse, daß weder die von Williams vorgenommene Identifizierung des gelingenden Lebens mit dem richtigen Handeln noch Habermas' strikte Trennung von »Ethik« und »Moral« zu überzeugen vermögen (195). Personen sollten ein Interesse daran haben, sich sowohl an moralischen Ansprüchen als auch an denjenigen Interessen zu orientieren, die ihrem Leben einen Sinn verleihen und die weitgehend moralunabhängig sind. Diese Versöhnung kann gelingen, allerdings nur wenn man das dazu nötige Glück hat (192 f.). Aus der unvermeidbaren Kontingenz des menschlichen Lebens folgt, daß es keine Garantie dafür gibt (196).
Elif Özmen hat mit ihrer Untersuchung einen lesenswerten Beitrag zur Klärung des Verhältnisses zwischen Lebenskunst und Moral vorgelegt, der zugleich einen repräsentativen Überblick der gegenwärtigen Debatte gibt. Daß ihre Strukturanalyse des gelungenen Lebens noch der Ausarbeitung bedarf, wie sie selbst eingesteht (175 f.), wird man wohl kaum als einen Mangel des Buchs werten dürfen. Die Autorin hat einen begrifflichen Vorschlag unterbreitet, den es auszuarbeiten gilt. Dies allein ist eine bemerkenswerte Leistung.



Hector Wittwer, Berlin


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Über den Autor/in

Elif Özmen

geb. 1974, Studium der Philosophie, Wissenschaftsgeschichte, Deutschen Philologie in...
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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

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