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Philosophisches Jahrbuch, 110. Jahrgang, 2003

Thorsten Sander, Redesequenzen - Untersuchungen zur Grammatik von Diskursen und Texten, Paderborn: mentis, 2002, 323 S.: ISBN 3-89785-062-1



Auch wenn die These nicht neu ist, dass die Sprache in erster Linie als ein soziales Phänomen zu begreifen ist, und nicht primär als ein Mittel zur Abbildung der Realität, werden genaue Antworten auf die Frage, was dies im Einzelnen heißt, vergleichsweise selten formuliert. Das Buch Sanders gehört zu den Arbeiten, welche eine detaillierte Antwort bezogen auf das Gebiet der vom Vf. sogenannten Redesequenzen geben. Als Redesequenz wird die Kombination von einzelnen Redehandlungen zu einem größeren sprachlichen Gebilde bezeichnet. Das Ziel der Arbeit besteht in der Rekonstruktion der Regeln, die der Erstellung von kohärenten Texten bzw. Diskursen zugrunde liegen könnten. Damit erschließt Sander nicht nur einen bisher von der philosophischen Sprachpragmatik vernachlässigten Bereich, sofern sich diese vorrangig mit der Analyse einzelner Äußerungen beschäftigt hat, sondern er formuliert ebenfalls die Grundzüge zu einer in groben Zügen an die Sprechakttheorie Austins angelehnten handlungstheoretischen Semantik und damit eine Alternative zu vergleichbaren Theorieprojekten in der Tradition des Intentionalismus. Die ersten beiden Kapitel des Buches haben vorbereitenden Charakter: Kapitel 1 entwickelt die Unterscheidung zwischen Redehandlungen und Redesequenzen auf dem Hintergrund einer kritischen Auseinandersetzung mit Searle. Das methodisch überaus reflektierte Kapitel 2 erläutert die für die Arbeit maßgeblichen Begriffe der Rekonstruktion und der Regel. Die Kapitel 3 und 4 erörtern Grundprobleme einer Theorie der Redehandlungen und vertiefen diese durch eine Diskussion von Ansätzen zu einer solchen Theorie in Logik, Dialektik, Argumentationstheorie, Textlinguistik und Diskursanalyse. Die Leistungsfähigkeit des von Sander entwickelten handlungstheoretischen Vokabulars zur Analyse von Redesequenzen schließlich wird in den Kapiteln 5 und 6 getestet, die sich der ausführlichen Auseinandersetzung mit zwei Typen von Redesequenzen widmen: Texten, die als Sequenz sprachlicher Handlungen verstanden werden, an denen ,.lediglich eine Partei beteiligt ist" (vgl. 190) und Diskursen, die als Sequenzen verstanden werden, an der mehrere Parteien beteiligt sind" (ebd.).
Ein Begriff hat in derzeitigen sprachphilosophischen Diskussion mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen und mehr Kontroversen entfacht als der Begriff der Regel. Sanders Überlegungen zum Begriff der Regel und zur Frage, was es heißt, die einer Praxis impliziten Regeln zu rekonstruieren, lassen sich mit Gewinn lesen. Der Vf. wendet sich zunächst gegen gelegentlich als "intellektualistisch" oder "platonistisch" - im Anschluss an die inferentielle Semantik von Brandom hat sich nunmehr auch der Terminus ..regulistisch" eingebürgert - bezeichnete Verständnisse des Regelbegriffs, denen zufolge Normen des richtigen und falschen Gebrauchs von Ausdrücken in Form von expliziten Regeln unserer Praxis vorgeordnet sind, die uns dann in unserem Verhalten binden. Ein Problem derartiger Positionen besteht darin, wie nicht zuletzt Kripkes Wittgenstein-Deutung akzentuiert hat, dass auch explizite Regeln deutungsfähig bleiben und keine Handlungsweise eindeutig festlegen. Auch deshalb macht sich Sander für eine implizite Regelauffassung (im Anschluss an Brandom ist inzwischen auch der Terminus "regularistisch" im Gebrauch) stark, und er geht davon aus, dass es "in bezug auf die sprachliche Praxis der Normalfall [ist], daß ein Agent die seinem Handeln zugrundeliegenden" Regeln nicht kennt" (48). Mit einem Bewußtsein für die Schwächen der Rede von impliziten Regeln stellt sich der Vf. allerdings auch die Frage, ob und inwieweit es überhaupt sinnvoll sein kann, von einem Akteur zu sagen, er verhalte sich gemäß einer (impliziten) Regel, wenn gar keine (explizite) Regel befolgt wird. Und an dieser Stelle kommen seine Überlegungen zum Begriff der Rekonstruktion zum Tragen. Er entwickelt - wenn man so will - ein antirealistisches Verständnis von Rekonstruktionen, welches nicht den Anspruch erhebt, die impliziten Regeln, die einer Praxis wirklich zugrunde liegen, zu rekonstruieren, sondern lediglich Regeln explizieren möchte, die der betreffenden Praxis zugrunde liegen könnten. "Es sind also grundsätzlich mehrere Rekonstruktionen einer Praxis denkbar [...]. Das Rekonstruieren gleicht dem nachträglichen Erstellen eines Bauplans für ein bereits vorhandenes Gebäude. Mit dem rekonstruierten Plan wird nicht der Anspruch erhoben (...1, daß [...1 der rekonstruierte Plan mit demjenigen identisch ist, der bei der Erstellung des Rekonstruendums eingesetzt wurde, wohl aber, daß man unter Verwendung des Plans das gleiche [...] Gebäude noch einmal errichten könnte" (40f.). Mit diesem Begriff der Rekonstruktion kann der Vf. auch Konzeptionen zurückweisen, denen zufolge Verhaltensregelmäßigkeiten in einer Praxis, die keinen expliziten Regeln folgt, eher als durch Naturgesetze bestimmt angesehen werden sollten. Die Überlegungen Sanders, die sich durch differenzierte Ausführungen zur unterschiedlichen Funktion von Regeln und
Naturgesetzen auszeichnen, machen deutlich, inwiefern sich derartige Einschätzungen der Lage häufig von einem "hyperrealistischen Begriff des Naturgesetzes" (55) leiten lassen, zumal dann, wenn menschliches Handeln bzw. Redehandeln als kausal determiniert angesehen wird, ohne dass die jeweils zugrunde liegenden Naturgesetze auch nur im Entferntesten bekannt sind.
Von den verschiedenen Grundproblemen einer Redehandlungstheorie, die der Vf. eingehend diskutiert, sei lediglich das Problem des mit der Wendung von einer Doppelstruktur der Rede häufig verbundenen Vorrangs der Aussage herausgegriffen. Die - in erster Linie von Searle, in Deutschland auch von Habermas diskutierte - These von der Doppelstruktur sprachlicher Äußerungen besagt, dass sprachliche Äußerungen im Kern zwei Aspekte aufweisen: einen propositionalen Gehalt und eine illokutionäre Kraft. Sander meldet Zweifel an dieser Analyse an, indem er fragt, "ob eine Theorie sprachlichen Handelns notwendig" mit dieser These verbunden sein muss, und "ob man die These nicht vertreten kann, ohne sich dadurch [...] auf eine Theorie der Redehandlungen zu verpflichten" (68).
Die erste Frage wird verneint, insofern sich einerseits alternative Analysen sprachlicher Handlungen denken lassen, der Vf. denkt u. a. an Austins Unterscheidung verschiedener Dimensionen einer sprachlichen Handlung, andererseits kann man aber auch (wie etwa Wittgenstein) die These zurückweisen, dass es so etwas wie eine allgemeine "Satz- oder Handlungsform" überhaupt gibt (vgl. 71). Die Doppelstrukturthese sei also nicht notwendig mit einer Theorie des Redehandelns verbunden. Außerdem, so macht Sander geltend, werde die These häufig auch in theoretischen Kontexten vertreten, in denen es gerade nicht um eine Theorie der Redehandlungen geht, und er verweist auf die Unterscheidung zwischen dem Sinn und der Kraft einer Äußerung bei Frege. Dem Vf. ist wohl v. a. deshalb an einer Zurückweisung bzw. Relativierung der Doppelstrukturthese gelegen, da er wittert, dass sich ihre Dominanz dem "Primat des assertiven Sprachgebrauchs (oder der kognitiven Vermögen)" verdankt (vgl. 74). Sander macht sich für die Auffassung stark, "daß alle sprachlichen Handlungen grundsätzlich gleichberechtigt" sind (vgl. 77), und es ist genau diese Einsicht, welcher die Analysen seines Buches insgesamt verpflichtet sind. Sowohl formale bzw. syntaktische Bestimmungen des Sprachbegriffs, aber auch ,kognitivistische' oder realistische Auffassungen, die den Darstellungsaspekt der Sprache in den Vordergrund rücken, werden immer wieder relativiert (vgl. z. B. auch 285). Anders als viele Autoren, welche diese Einsicht teilen - man mag an sprachphilosophische Überlegungen in der Nachfolge Wittgensteins denken oder auch an vereinzelt innerhalb der philosophischen Hermeneutik, etwa bei H. Lipps oder H.-G. Gadamer, artikulierte Relativierungen des Primats der behauptenden Rede - lässt sich Sander allerdings nicht zu theoretischer Abstinenz verführen, sondern er entwickelt mit beharrlicher Konsequenz eine systematische Theorie des Redehandelns und entfaltet eine für diesen Zusammenhang einschlägige Begrifflichkeit in anspruchsvoller Form.
Bestandteile dieser Theorie sind Überlegungen zur "Pluralität von Tiefenstrukturen" (83), zu kollektiven Sprechakten (90 ff.), zur Klassifikation sprachlicher Handlungstypen (101 ff.), welche sich dem Problem der Beliebigkeit vieler philosophischer und auch linguistischer Taxonomien auf offensive Weise stellen. Von besonderem Interesse sind auch Sanders Versuche, Ansätze zu einer Theorie der Redesequenzen aus dem Kalkül des natürlichen Schließens (118ff.), der im Rahmen des Erlanger Konstruktivismus entwickelten Protologik und Protoethik (126 ff) sowie der im
Wesentlichen mit R. Hegselmann verbundenen formalen Dialektik (140 ff.) herauszupräparieren. Zentral im Rahmen des Ansatzes jedoch sind die Analysen zu Texten (190ff.) und Diskursen (253 ff.) als den beiden Grundtypen von Redesequenzen. Ohne die Fülle der hier vorgeschlagenen Unterscheidungen und explizierten Regeln zum Ausführen und Verstehen von Texten und Diskursen sowie deren Bezüge zur Handlungstheorie im Einzelnen nachzuzeichnen, sei lediglich auf die grundsätzliche Stoßrichtung dieser Analysen verwiesen. Texte werden als eine Abfolge sprachlicher Handlungen, durch die ein Redehandelnder [...] einen Zweck, den er sich gesetzt hat, realisieren kann" (207) verstanden. Diskurse hingegen, an denen mehrere Redehandelnde beteiligt sind, müssen nicht unbedingt zweckrational organisiert sein, weshalb als Grundkategorien der Diskursanalyse nicht die Begriffe des Zwecks und des Mittels verwendet werden, sondern von den Begriffen der Rederechte und Redepflichten Gebrauch gemacht wird (vgl. 192). Der Vf. ist bemüht, die Vielfalt sprachlicher Phänomene in den Blick zu nehmen, indem er nicht etwa nur argumentative Redesequenzen zum Gegenstand seiner Analysen macht, sondern auch beispielsweise narrative Texte (vgl. 239 ff.) und phatische Diskurse, wie das Grüßen oder den small talk in die Betrachtung mit einbezieht.
So theoretisch wie möglich, so nahe an den sprachlichen Phänomenen wie nötig - mit dieser Formel könnte man Sanders Bemühungen um eine Theorie der Redesequenzen charakterisieren. Man kann allerdings die Frage stellen, ob der überaus komplexe theoretische Apparat, der erzeugt werden muss, um der Vielfalt menschlichen Redehandelns gerecht zu werden, nicht am Ende zu einer Überformung des in Frage stehenden Gegenstandsbereichs führt? M. a. W.: Ob sich die Kritik, die der Vf. etwa an Searle übt, wenn er die Rede von einer Doppelstruktur der Rede mit dem theoretischen Vorurteil einer Auszeichnung des Aussagesatzes in Verbindung bringt, oder das rhapsodische Element der üblicherweise in der Sprechakttheorie klassischen Zuschnitts vorgenommen Klassifizierungen bemängelt, nicht auch in ähnlicher Form auf dessen eigenes Theorieangebot ausdehnen lässt? Nicht alle der im Einzelnen durchgeführten
"Rekonstruktionen", die häufig genug auch als Konstruktionen angesehen werden könnten, muss man in der vorgeschlagenen Form nachvollziehen. Auf Einwände dieser Art könnte der Autor mit dem Hinweis reagieren, der Anspruch der Arbeit sei ein bescheidener, und die Analyse operiere nicht mit einem realistischen Verständnis der explizierten Regeln. Dann allerdings ließe sich argwöhnen, hinter dem bescheidenen Anspruch des Vf. stecke letztlich der Versuch einer Selbstimmunisierung. Trotz der Kritik, die sich im Einzelnen an diesem oder jenem konkreten Vorschlag üben lässt, und auch wenn das theoretische Instrumentarium gelegentlich ein wenig überanstrengt wirkt,
handelt es sich um einen im Großen und Ganzen gelungenen Gegenentwurf zur Verschränkung von Handlungstheorie und Sprachphilosophie, wie sie verschiedentlich im Anschluss an Grice und den Intentionalismus durchgeführt wurde. (Die Kritik an Grice ist zwar häufig sehr deutlich, z. B. am Begriff der Konversationspostulate [175 ff], aber die in diesem Zusammenhang einschlägigen Argumente sind überzeugend.) Der wesentliche und auch wichtige Ertrag der Arbeit besteht darin, die Sprache nicht als ein Mittel zur Darstellung von sei es objektiven, sei es subjektiven Sachverhalten zu begreifen, sondern am Ende jenseits von Realismus und Mentalismus und in theoretisch
anspruchsvoller Form die Bedeutung von Äußerungen auf der Basis von Regeln zu rekonstruieren, welche die Frage betreffen "wie Sätze als angemessene Züge" (vgl. 310) in Diskursen eingesetzt werden können. Das Buch eröffnet viele Anschlussmöglichkeiten z. B. für Theorien logischen Argumentierens, für die Diskussion um den Holismus, für das Projekt einer inferentiellen Semantik und nicht zuletzt für alle Ansätze, denen an einer Explikation der von Wittgenstein vorgeschlagenen Verbindung von Bedeutung und Gebrauch gelegen ist. Und es enthält mindestens eine kuriose Fußnote, die auch den Forschungsdrang von Biografen und Historikern in Gang setzen und in die Irre führen wird.



Christoph Demmerling



 


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Über den Autor/in

Thorsten Sander

Dr. phil., geb. 1970, Studium der Philosophie, Anglistik und Germanistik an der Universität...
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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

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