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Colloquia germanica, Band 34, Heft 3/4, 2001

Karl Eibll/Bernd Scheffer(Hrsg.): Goethes Kritiker



Das Thema dieses Bandes ist aktuell seit der Diskussion um die Archivforschungen des kalifornischen Germanisten W. Daniel Wilsons zu den politischen Praktiken des Weimarer «Musenstaates» und Goethes Rolle dabei. (Vgl., W. Daniel Wilson, Geheimräte gegen Geheimbünde. Ein unbekanntes Kapitel der klassisch-romantischen Geschichte Weimars, 1991; Das Goethe-Tabu. Protest und Menschenrechte im klassischen Weimar, 1999; Unterirdische Gänge. Goethe, Freimaurerei und Politik, 1999. Zu Wilsons drei Goethe-Büchern s. meine Rezension in den Colloquia Germanica 33.4:367-85.) Was kann in dieser Situation wirkungsvoller sein als eine «Ringvorlesung» mit einer Reihe von Vorträgen über «Goethes Kritiker»? Leider steht das Goethe-Bild gar nicht zu Debatte, und damit wird die Chance einer offenen Diskussion vertan. Schon im Vorwort betonen die Herausgeber, es gehe ja «nicht um Goethe», sondern «um den Streit um Goethe» (10). Es ist eine merkwürdige Auffassung, die in der Erörterung von Argumenten gegen Goethes Werke und Person selbst die Möglichkeit der Veränderung des eigenen und des gesellschaftlichen Goethe-Bildes von vornherein ausschließt. Diese Zielsetzung mindert den Wert der Beiträge erheblich. Die einzelnen Aufsätze lassen sich, mit einer Ausnahme, gar nicht ernsthaft auf die von ihnen vorgestellten Kritiken als mögliche Veränderung des heutigen Goethe-Bildes ein.
Die Mehrzahl handelt ihr Thema nach dem hundertmal gelesenen Muster ab: Schriftsteller Xy und Goethe, mit großem Gefälle: hier der große Goethe, dort der geringere Rezipient; das Goethe-Bild bleibt unantastbar. Konrad Feilchenfeld erörtert die Wilhelm-Meister-Interpretation durch den von Karl August Varnhagen und seinem Freund Wilhelm Neumann kapitelweise gemeinsam verfaßten Roman Die Versuche und Hindernisse Karls von 1808 mit der längst bekannten These, für Rahel und Karl August sei «Goethe Mittelsmann und Medium ihrer persönlichen Beziehung» gewesen (80). Ebenso bieder reden die anderen über die Beziehungen zu Goethe: Walter Hettche über Fontane, Hans-Edwin Friedrich über Arno Schmidt, Ethel Matala de Mazza über Hans Blumenberg, Sven Hanuschek über Eckhard Henscheid; Erich Meuthens recht willkürliche Assoziationen zur schönen Seele in Iphigenie, Penthesilea und Käthchen von Heilbronn mag man plausibel finden oder auch nicht.
Wenig solide wirkt Günter Häntzschels (über Heine) und Wolfgang Frühwalds (über Thomas Mann) Verzicht auf die Wahrnehmung der Forschungsliteratur; so merken sie nicht, daß sie nur Altbekanntes wiederholen. Was Häntzschel vorträgt, läßt sich bei Karpeles, Robert-Tarnow, Geiger, Strich, Wadepuhl, Windfuhr und Brummack nachlesen, z.T. präziser, weil die Genannten mehr Bewußtsein für die historische Differenz beider Schriftsteller aufbringen. Neumann, Birus, Häntzschel, Friedrich, Frühwald und Hettche stützen sich auf Mandelkows vierbändige Textsammlung Goethe im Urteil seiner Kritiker (1975-1984) und dessen zweibändige Darstellung Goethe in Deutschland (1980/89), aber nur Hettche und Friedrich zitieren Mandelkow.
Gerhard Neumann geht in seinem Essay über Lichtenberg und Goethe immer noch davon aus, daß Goethe in seinem Werther-Roman «seine unglückliche Liebe zu Kestners Lotte zu einem neuen, bisher unerhörten Identitätsmuster» verarbeitet hat (13), obwohl spätestens seit 1963 bekannt ist, daß Goethes Konflikt nicht Charlotte Kestner, sondern Maximiliane Brentano und die Schwester Cornelia betraf. Die Anspielungen auf Charlotte Kestner hat Goethe der Öffentlichkeit bewußt präsentiert, um ihr Sand in die Augen zu streuen. Neumann weiß auch nicht, was noch viel länger bekannt ist, daß Werther keineswegs an der unglücklichen Liebe, noch weniger an der «Unmöglichkeit» zugrunde geht, die von Neumann herausgearbeiteten vier «Karrieren» «des Künstlers, des Liebenden, des Beamten und des Erlösers» «ineinander zu verkeilen» und daraus eine eigene «Identitätskarriere aufzubauen», sondern daß er gleich zu Beginn des Romans bedroht ist vom Zerfall seines Persönlichkeitskerns, den verzweifelt abzuwehren die Funktion der Liebesgeschichte, der Berufskarriere und der Malerei ist. Lichtenberg hatte ein sicheres Gespür für die psychische' Brisanz der Werther-Figur. Seine Kritik an der literarischen Kultivierung von Gefühlen, schon gar von Liebesgefühlen, beruht auf seiner Sorge um die daraus resultierende Gefährdung durch psychotische Egomanie, die signifikant im neuen bürgerlichen Individuum latent vorhanden ist und welche durch die Konzentration auf die schöpferische Gestaltung der materiellen Außenwelt verhindert werden soll. Die Chance, dies begreiflich zu machen, läßt sich Neumann entgehen .Charakteristisch ist der Mangel an Analyse bei konservativer Grundhaltung. Häntzschel rettet Goethe gegen Heines Diktum vom «Ende der Kunstperiode» für eben diese Kunst im Sinne Goethes. Hendrik Birus versieht die Zitate von Friedrich Schlegel und Novalis über Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre mit ein wenig Bindetext und enthält sich jeder Auswertung. Was hätte er machen können aus dem Gegensatz von Schlegel und Nicolai, von denen der erste «die Französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre und Goethes Meister» für «die größten Tendenzen des Zeitalters» hält, während Nicolai einwendet: «Friedrich der Große und die Amerikanische Republik und - die Kartoffeln» seien «ganz andere Tendenzen des Zeitalters, als der arme Meister, der in seinen Lehrjahren nichts gelernt hat, als sich von jedem Geschöpfe regieren zu lassen, das er antraf» ... (34)! Laden diese Zitate nicht ein, die Kontroverse gesellschaftspolitisch zu erörtern? Birus offenbar nicht, er verweist nicht einmal auf Mandelkow (1980,1:22).
Frühwalds Darstellung von Thomas Manns Goethe-Reden 1932 zeichnet dessen Positionen als Abwehr des drohenden Nationalsozialismus nach, bar allen Gespürs für die seltsame, gespenstische Situation, daß ausgerechnet Goethe, der strikte Antidemokrat und rigide Verteidiger des Absolutismus, als Garant der Republik beschworen werden soll, und das von einem Gerade-eben-Demokraten, einem Befürworter des Ersten Weltkrieges und Verteidiger eines antidemokratischen Konservatismus noch nach 1918. Daß nicht Heinrich Mann, der Demokrat, der Aufklärer, der strikte Pazifist und Goethe-Kritiker, Erster Vorsitzender der Sektion für Dichtung in der Preußischen Akademie der Künste, die Rede hält, sondern sein Bruder Thomas, der eben gerade den in seiner faschistischen Sprache unsäglichen Aufruf zum Goethe Jahr 1932 unterschrieben hatte - dafür hat Frühwald keinen Sinn und verschenkt damit sein Thema. Dieselbe Entschärfung der politischen Dimension nimmt Friedrich vor, wenn er Hans Carossas Goethebild als antifaschistisch deklariert und dabei nicht sagt, daß Carossa während des Dritten Reiches hoher Funktionsträger war, nämlich Präsident der Europäischen Schriftstellervereinigung, des nationalsozialistischen Gegen-PEN-Clubs (140). Daß Arno Schmidt Aufklärer, vor allem Christoph Martin Wieland und Karl Philipp Moritz, bevorzugte, gegen die Klassik mit ihrer Affirmation des Absolutismus, das zu diskutieren unterläßt Friedrich. Warum? Nach dem antisemitischen, biologischen Rassismus der nationalsozialistischen Zeit vom «Erbgut der jüdischen Goetheverehrung» zu sprechen, womit Feilchenfeld seinen Beitrag abschließt (86), ist ein übler metaphorischer Mißgriff, für den gleichermaßen die Herausgeber verantwortlich sind; es charakterisiert Eibl und Scheffer, daß sie diese Formulierung durchgehen ließen. Die Vorträge für studentisches Publikum wären als Broschüre für Studierende der Münchener Universität tragbar, mit der Veröffentlichung als - teures - Buch stellen sich die Verfasser und die Verfasserin der Wissenschaft und müssen sich nach dem Stand der Forschung beurteilen lassen.
Aus dem Konsens der Goethe-Verehrung fällt Clemens Pornschlegel über Heideggers Goethe-Rezeption heraus. Der Beitrag verdichtet Hauptthesen seiner Dissertation - Der literarische Souverän. Studien zur politischen Funktion der deutschen Dichtung, Freiburg 1994 - über die politische Dimension der Klassik und deren Rezeption. Er zeigt überzeugend, daß Heidegger seinen «neo-mythischen Kultus» (127) von Volk, Nation, Staat und Antisemitismus am mythischen Dichter-Begriff Hölderlins festmachte, weil Goethes Bildungs- und Kulturbegriff dem entgegenstand. Erst nach dem Scheitern des mythischen deutschen Weltreichs 1945 setzt eine Annäherung an Goethe ein, den Heidegger jetzt als Helfer in seinem Kampf «gegen die Begründungs- und Herrschaftswut der neuzeitlichen Techno-Wissenschaft» (117), gegen Demokratie, Parteien, Wahlen, Mehrheiten und Gewaltenteilung schätzt.
Wen verteidigen die Goethe-Verteidiger eigentlich? Goethe kann heute nur historisch verstehend, nicht aber aktuell moralisierend diskutiert werden. Die moralische Rettung Goethes scheint mir auf zu starker Identifizierung der germanistischen Goetheverehrer mit ihrem Gegenstand zu beruhen. Diese Identifikation verkürzt den historischen Blick um seine entscheidende Dimension. Nicht Wilsons Denkschema scheint mir festgezogen, sondern das der apologetischen Goethe-Forschung. Nicht Wilson, sondern Rezensenten wie Reinhardt und die Herausgeber des Bandes, Eibl und Scheffer, die mögliche Veränderungen des Goethebildes von vornherein ausschließen wollen, behindern die argumentierende Aufklärung über die Rolle Goethes, Weimars und der Klassik in der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.
Der Band hätte mit dem durchaus vorhandenen historischen Verständnis der Beiträger für die Kritiken in ihren Themen und in ihren Argumentationen zu dringend gebotenen Korrekturen des Goethe-Bildes beitragen können. So aber scheitern die Verfasser an den Scheuklappen ihrer Autoritätsgläubigkeit.
Treten wir ein in die inhaltliche Erörterung der Bücher Wilsons und ihrer Konsequenzen!



Rüdiger Scholz


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Die Herausgeber/innen

Karl Eibl

(1940-2014) war Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität...
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Bernd Scheffer

geb. 1947 in Bad Berneck|Oberfranken, ist seit 1995 Professor für Neuere Deutsche...
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Inhaltsverzeichnis

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Einleitung

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