Seit meinem ersten Aufsatz zur Bioethik im Jahre 1985 (Siep 1985) gilt mein Interesse der Frage nach den Zielen und Grenzen moderner Technologien. Wenn philosophische Ethik nicht nur eine problematische »Wächterfunktion« ausüben soll – für die das Recht eher geeignet ist –, sondern auch bei der Beurteilung der Richtung sozialer und technologischer Entwicklungen mitwirken soll, muss sie an Zielvorstellungen dafür arbeiten. Seit den immer schnelleren Fortschritten der Biotechnologie wird die Frage auch zunehmend öffentlich diskutiert: »In welcher Natur, in welchem Körper wollen wir leben?«. Allzu oft wird diese Frage gleichsam selber technisch beantwortet, wenn vom »enhancement« des Körpers und dem »improvement« der Natur – etwa in der synthetischen Biologie – die Rede ist. Da beides aber nicht einfach Mittel für unumstrittene Ziele sind – wie ein guter Rechner oder ein gutes Verkehrsmittel – müssen an der Diskussion über »gut« und »besser« die Öffentlichkeit und die »Normwissenschaften« mitwirken. Dazu gehört die philosophische Ethik, die es seit ihren griechischen Anfängen mit den Kriterien eines guten Lebens, ja sogar mit den bejahenswerten Ordnungen und Zuständen der Welt (»Kosmos«) zu tun hat. Sie war, zusammen mit anderen Wissenschaften, auch an den Beiräten und Kommissionen beteiligt, die seit den 1980er Jahren für die öffentliche Beratung über neu entstehende oder abzusehende technologische Entwicklungen eingerichtet wurden. An einigen waren auch gesellschaftliche Gruppen oder staatlicher Einrichtungen beteiligt. In einigen dieser Beratungsgremien (klinische Forschung, Nanomedizin, Stammzellforschung) durfte der Autor zwischen 1986 und 2011 mitarbeiten.

Schon früh erwuchs daraus die Überzeugung, dass traditionelle oder gegenwärtig dominierende Richtungen der philosophischen Ethik schlecht für diese Aufgaben geeignet sind. In einer Welt, in der von der kosmischen und biologischen Evolution über den kulturellen Wertewandel bis zur immer schnelleren technischen und normsetzenden Entwicklung sozusagen alles in Bewegung ist, können zeitlose Prinzipien und hoch abstrakte Regeln keine Orientierung geben. Um bloße Subsumtion neuer Fälle unter alte Regeln kann es in der »angewandten« Ethik, das war bald auch eine gemeinsame Überzeugung fast aller Richtungen dieser neu entstehenden Disziplin, nicht gehen. Indem die Urteilskraft zwischen allgemeinen Normen und konkreten Problemen zu vermitteln sucht, ändern sich auch die Wertvorstellungen. Zu der Überzeugung, dass es in der philosophischen Ethik auch um Zielvorstellungen für technische und soziale Entwicklungen gehen muss, trat die zweite, dass moralische Kriterien und historische Erfahrungen sich in der angewandten oder konkreten Ethik wechselseitig bestimmen.

Im Hinblick auf eine jahrzehntelange Beschäftigung mit der Philosophie Hegels standen dabei in der Konzeption einer »konkreten Ethik« zwei Hegelsche Begriffe – allerdings aus einiger Entfernung – Pate: Erstens, »Konkret« muss vom Verfahren der Konkretion einer Vorstellung des Ganzen der natürlichen und kulturellen Welt verstanden werden, das in umfassendem Sinne »gut« genannt werden kann. Zweitens, »Erfahrung« ist im Sinne eines Prozesses des kollektiven Bewusstseins zu verstehen. Im »normativen Selbstbild« einer Epoche entstehen Konflikte und Umwälzungen, deren institutionelle Lösungen die zukünftige Entwicklung bestimmen. Nur eine Vernunft, die durch das Verständnis dieser Entwicklungen »belehrt« ist, kann für Ziele und Grenzen der Technisierung Kriterien entwickeln.

»Historisch belehrt« heißt aber nicht, historisch relativ. Zwar kann die Philosophie ihren Zeithorizont, wie auch Hegel konstatiert, nicht überspringen. In diesem sind vergangene Erfahrungen institutionell »aufgehoben«, d.h. bewahrt und verarbeitet. Für eine Philosophie, die öffentlich berät und nicht »vom Lehnstuhl« deduziert, sind dabei diejenigen grundlegenden Erfahrungen die wichtigsten, über deren Ergebnis ein möglichst stabiler und globaler Konsens besteht. Jedenfalls dann, wenn sie sich zugleich mit guten allgemeinen Einsichten in das rechtfertigen lassen, was Moral und Recht ausmachen und was den menschlichen Fähigkeiten und Verletzlichkeiten spezifisch ist. Auch das sind keine essentialistischen oder apriorischen Begriffe, sondern solche einer Entfaltung von Dispositionen (Vernunft, humane Emotionalität und Bedürftigkeit) und der Ausweitung und Universalisierung von Ansprüchen auf Rechte und auf »unparteiisches Wohlwollen«. Im technischen Zeitalter ist dieser Horizont für eine antizipierbare Zukunft der »Technikfolgen« offen.

In der Hegelschen Konzeption war diese Entwicklung die Realisierung immanenter Zwecke der vernünftigen Natur des Menschen. Sie musste vom »an sich« der vorhandenen Anlagen zum »für sich« einer reflektierten und institutionalisierten vernünftigen Ordnung voranschreiten. Von einer solchen Teleologie kann man heute nicht mehr ausgehen, sie entspricht unserer Sicht der Evolution und der Geschichte nicht mehr. Aber zum einen ist eine Moral, die nach jeder neuen Wende der technischen und kulturellen Entwicklung gänzlich verwandelt sein kann, nicht zur Bestimmung von Richtungen und Grenzen einer »guten« Entwicklung in der Lage. Zum anderen verfügt das kulturelle und institutionelle Gedächtnis über Erfahrungen, die zu einem Entsetzen des »Nie wieder« geführt haben. Das ist nicht nur eine emotionale Reaktion, sondern hat zu weltweiten Rechtskonventionen und einer Fülle gut durchdachter Theorien des Minimums geführt, dass der Würde des Menschen geschuldet ist. An die Stelle einer Hegelschen Teleologie dessen, was die Vernunft nicht nur erreichen kann, sondern aufgrund ihrer inneren Logik und ihrer Macht über das Bewusstsein und Handeln zunehmend aufgeklärter Menschen auch erreichen muss, tritt eine bescheidenere Erfahrungsgeschichte der Fortschritte und Rückfälle – mit einigen normativ unumkehrbaren Erfahrungen.

Der Verteidigung dieses Programmes habe ich in den fünfzehn Jahren seit Erscheinen der »Konkreten Ethik« (2004) eine Reihe von Arbeiten gewidmet (vgl. Siep 2013). Dabei hatte und habe ich mich mit einer Reihe gründlicher und lehrreicher Kritiken auseinanderzusetzen, die vor allem in zwei Sammelbänden vorliegen (Vieth/Halbig/Kallhoff 2008, Hoesch/Laukötter 2017). Während ich im ersteren bereits auf die Beiträge und Kritiken geantwortet habe, steht das für den zweiten Band noch aus und erfolgt in diesem Buch. Gliederung und Schwerpunkte sind daher teilweise der Antwort auf die Kritiken geschuldet. Ich konnte aber nicht allen Beiträgen und Kritiken den gebührenden Platz einräumen, weil das Buch zugleich eine selbständige Neufassung und Fortentwicklung meines Projekts darstellt. Die Entwicklung der eigenen Überlegungen war bis vor einigen Jahren auch durch Erfahrungen in Kommissionen und Beiräten angeregt.

Zu danken habe ich außer den Beiträgern des Buches von 2017 vor allem den mündlichen und schriftlichen Stellungnahmen des Münsteraner Forschungskolloquiums von Michael Quante, neben ihm selber vor allem Mathias Hoesch, Amir Mohseni, Nadine Mooren, Katja Stoppenbrink, Simon Derpmann und Tim Rojek. Thomas Gutmann danke ich für kritische Lektüre des Textes. Bei der Erstellung des Manuskripts und der Besorgung von Literatur halfen mir Elisabeth Huckschlag, Pia Jauch und Lea Kipper. Ermutigung und sorgfältige verlegerische Betreuung verdanke ich Michael Kienecker.

Münster, im Februar 2020, Ludwig Siep