Die Frage, ob gegenwärtig lebende Individuen künftig lebenden Individuen und Generationen gegenüber eine gewisse Verwantwortung haben, ist schon längst keine rein akademische mehr. Mit dem zunehmenden Bewusstsein der teils drastischen Konsequenzen gegenwärtiger Handlungen für das Wohl künftiger Generationen wächst der Druck auf gegenwärtige Akteure, seien es Individuen, Gruppen oder Regierungen, ihre Handlungen zu rechtfertigen. Angeheizt durch globale Protestbewegungen, die beispielsweise auf die Bedeutung des Klimaschutzes hinweisen und auf weitreichende Änderungen des Verhaltens gegenwärtiger Akteure drängen, scheint sich insbesondere im öffentlichen Diskurs ein Konsens etabliert zu haben, dass das Wohlergehen künftig lebender Individuen zweifelsohne moralische Berücksichtigung verdient.

Die vorliegende Untersuchung dient der Auseinandersetzung mit einem begründungstheoretischen Problem, welches sich bei der Frage, was gegenwärtig lebende Individuen künftig lebenden Individuen im umweltethischen oder reproduktionsethischen Kontext schulden, ergibt. Dieses Problem stellt nicht nur die grundlegende Forderung nach der Berücksichtigung des Wohls künftig lebender Individuen in Frage, sondern veranschaulicht auch die Grenzen der Anwendung gängiger normativer Prinzipien sowie des sogenannten »personenbezogenen Moralverständnisses«, nach dem Handlungen nur dann moralisch falsch sein können, wenn sie schlecht für jemanden sind. Ziel dieser Untersuchung ist es, nicht nur eine konstruktive Auseinandersetzung mit bisherigen Lösungsvorschlägen zu diesem Problem zu liefern, sondern auch einen neuen Ansatz vorzustellen, mithilfe dessen man sich der Beantwortung zentraler Fragen der Umwelt- oder Zukunftsethik nähern kann, der jedoch mit einem neuem Moralverständnis einhergeht. Bevor die konkreten Überlegungen, die zu den hier angedeuteten »Umbrüchen« im moralischen Denken führen, erläutert werden, scheint jedoch eine Hinführung und Einordnung des Problems ratsam.