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Es ist an der Zeit, die gegenwärtige Trennung von Moralphilosophie und empirischer Psychologie aufzugeben. Mehrere der einflussreichsten Ethikparadigmen werfen Fragen auf, zu deren Beantwortung psychologisches Wissen beitragen kann – ohne dass dadurch in unzulässiger Weise die Grenze zwischen dem Sein und dem Sollen überschritten würde. Weiterhin kann einer psychologisch informierten Ethik ein deutlich weniger rationalistisches und damit realitätsnäheres Menschenbild zu Grunde liegen als psychologisch uninformierten Moralphilosophien. Auf Basis einer intensiven Auseinandersetzung mit psychologischem Wissen verabschiedet sich eine solche Ethik in produktiver Weise zu einem gewissen Grade von der moralphilosophisch primären Charakterisierung des Menschen über dessen prinzipielle Vernunftbegabung. Eine psychologisch informierte Ethik kann zur Kenntnis nehmen, inwieweit die menschliche Vernunftbegabung in ihrer Ausübung erheblicher Kontingenz unterlegen ist und wie schlecht Menschen darin sind, diese Kontingenzen zu erkennen. Menschen überschätzen ihre eigene Rationalität teils erheblich. Psychologische Informiertheit kann eine Ethik davor bewahren, diese Selbstüberschätzung unhinterfragt aufzugreifen. Dies sind zusammengefasst die zentralen Thesen, für die in diesem Buch argumentiert wird.

Mit der Ausarbeitung und Untermauerung dieser Thesen wird in dieser Schrift eine Antwort auf folgende Frage formuliert: Welche Konsequenzen ergeben sich aus einer breit angelegten Rezeption psychologischen Fachwissens für ein philosophisches Verständnis des Menschen als moralisch verantwortliches Wesen? Menschliche Verantwortlichkeit beruht auf der Fähigkeit, Handlungsgründe zu erkennen, zu bewerten und in die Tat umzusetzen. Diese Fähigkeit kennzeichnet einen wichtigen Teil des menschlichen Selbstverständnisses. Menschen verbringen einen großen Teil ihres Lebens damit, eigenes Verhalten zu rechtfertigen und zu begründen sowie andere Menschen auf deren Handlungsgründe hin zu befragen und deren Verhalten unter Bezug auf diese Gründe zu verstehen. Zugleich bildet diese Fähigkeit den Kern der meisten moralphilosophischen Theorien. Dass die menschliche Fähigkeit, aus Gründen handeln zu können, ein fundamentaler Teil einer Theorie der moralischen Verantwortlichkeit sein muss, dürfte der kleinste gemeinsame Nenner unterschiedlichster philosophischer Analysen der moralischen Verantwortlichkeit sein. Wie muss aber eine Konzeption der moralischen Verantwortlichkeit aussehen, wenn man psychologisches Wissen über die menschliche Fähigkeit zum an Gründen orientierten Handeln möglichst umfassend zur Kenntnis nimmt? Wie gut sind Menschen dazu in der Lage, ihr eigenes Denken, Argumentieren und Begründen verlässlich zu verstehen? Wie hoch ist das Ausmaß an Kontingenz, dem die praktische Vernunft des Menschen in ihrer Ausübung unterliegt? Wie stark idealisierend und simplifizierend ist es, den Menschen primär über sein Rationalitätsvermögen zu charakterisieren? Und was gewinnt und was verliert eine Ethik, wenn sie ihre philosophische Konzeption von moralischer Verantwortlichkeit um psychologisches Wissen über die Abhängigkeiten und Beschränktheiten der Ausübung der menschlichen Vernunftfähigkeit ergänzt? Zur Beantwortung solcher Fragen ist eine intensive Auseinandersetzung mit der empirischen Psychologie aus moralphilosophischer Perspektive notwendig.

Die interdisziplinäre Herangehensweise dieser Arbeit ist keine Erfindung des Verfassers. Besonders im englischsprachigen Raum ist in den letzten Jahren ein großes interdisziplinäres Debattenfeld zu moralpsychologischen und moralphilosophischen Fragestellungen entstanden, das unter anderem durch ein erstarktes Interesse philosophischer Autoren an der Rezeption psychologischer Forschungsbefunde gekennzeichnet ist.1 Die für die Moralphilosophie wahrscheinlich brisantesten Diskussionsthemen dieses Forschungsbereichs werden häufig als zwei Herausforderungen für philosophische Ethiken und für Konzeptionen der moralischen Verantwortlichkeit charakterisiert.

Die erste Herausforderung stellt der von einigen Moralphilosophen vertretene Situationismus dar (Doris 1998; 2002; Doris & Stich 2005; Harman 1999; 2000; Merritt et al. 2010). Nach dieser Position machen die Ergebnisse sozialpsychologischer Studien deutlich, dass (moralisch bedeutsame) Handlungen auf verheerende Weise von trivialen Situationsfaktoren beeinflusst werden – wie bspw. vom zufälligen Fund einer Münze oder der An- bzw. Abwesenheit unbeteiligter Menschen. Insofern moralrelevantes Verhalten aus psychologischer Sicht größtenteils unter der Regentschaft äußerer Kontextfaktoren steht, ist der moralische Charakter eines Menschen laut den Situationisten weitgehend oder völlig bedeutungslos für moralrelevantes Handeln. Dadurch werden charakterfokussierte Ethiken als mehr oder weniger sinnlos entlarvt. Die Bedeutung situationistischer Forschungsbefunde für philosophische Diskurse wird jedoch nicht nur in der möglichen Fundamentalkritik an aristotelisch inspirierten Tugendethiken gesehen. Es finden sich auch Stimmen, die im Situationismus eine grundlegende Infragestellung der menschlichen Handlungsfähigkeit und moralischen Verantwortlichkeit erkennen, von denen eine hier exemplarisch zitiert werden soll:

[T]he situationist literature provides a rich area of exploration for those interested in freedom and responsibility. Interestingly, it does not do so primarily because it is situationist in the sense of supporting the substantive thesis about the role of character traits. Rather it is because it makes us wonder whether we really do act on a regular basis with the particular normative, epistemic, and reactive capacities that are central to our identity as free and responsible agents. (Nelkin 2005, 205; Hervorhebung im Original).2

Nach dem Situationismus ist der Mensch in seinem Tun situativen Einflüssen hilflos unterlegen und weder sein individueller Charakter noch seine Fähigkeit zum Handeln nach (moralischen) Gründen können diesen Einflüssen effektiv und verlässlich entgegenwirken.

Die zweite Herausforderung wird von manchen Autoren als »zombie challenge« (Vierkant et al. 2013, 5) charakterisiert. Angeblich zeigt die empirische Forschung, dass der größte Anteil menschlichen Verhaltens mehr oder weniger vollständig auf unbewusste Prozesse zurückzuführen ist. Bewusste Prozesse machen demnach lediglich einen verschwindend geringen Prozentsatz kognitiver Aktivität aus und stehen zumindest zu einem großen Teil menschlicher Handlungen in keiner robusten Verbindung. Menschliches Verhalten findet zumeist im Autopilotenmodus statt, während das Bewusstsein größtenteils untätig zusieht und höchstens noch post hoc plausibel klingende Gründe für bereits an den Tag gelegtes Verhalten erfindet. Auch dies stellt nach Meinung einiger Autoren grundsätzlich die moralische Verantwortlichkeit des Menschen in Frage:

The zombie challenge presents a threat to our practices of ascribing responsibility to an agent by purporting to show that the conscious self is an impotent bystander, and so is not causally responsible for bringing about actions we praise or blame. (Vierkant et al. 2013, 15).3

Glaubt man dieser Rezeption psychologischer Forschung, entlarvt die Psychologie menschliches Handeln als zombieartiges Herumsteuern, das nur sporadisch bewusster Kontrolle unterliegt und von Menschen meist lediglich im Nachhinein durch zusammenfantasierte Begründungen als intendiert und rational beschrieben wird.

Beide Herausforderungen kratzen derart massiv am Verständnis des Menschen als handlungsfähigem und moralisch verantwortlichem Akteur, dass Ethik letztlich mehr oder weniger überflüssig wird: Warum noch auf moralische Normen, auf ethische Argumente oder auf ein schlechtes Gewissen setzen, wenn menschliches Handeln hauptsächlich der Kontrolle der Situation oder unbewussten Prozessen unterliegt? Ob derart drastische Konsequenzen wirklich zu ziehen sind, ist jedoch Gegenstand einer größeren Kontroverse. Unter Philosophen wird intensiv über die richtige Interpretation, argumentative Reichweite und philosophische Bedeutung sowohl des Situationismus4 als auch der Zombieherausforderung5 gestritten. Dass das Ausmaß der Herausforderung nach wie vor nicht klar ist, ist jedoch nur ein erster Anlass zu dieser Arbeit. Ein deutlich gewichtigeres Argument für die Notwendigkeit einer intensiven Auseinandersetzung mit psychologischem Fachwissen aus moralphilosophischer Perspektive besteht darin, dass es in beiden Diskussionen sowohl in a) empirisch-psychologischer als auch in b) normativ-philosophischer Hinsicht an einem ausreichenden methodischen Fundament für einen verlässlichen interdisziplinären Erkenntnisgewinn fehlt.

a) Ganz besonders die Situationismusdebatte leidet deutlich unter dem Fehlen einer umfassend ausgearbeiteten Methode zum philosophischen Umgang mit der immensen Komplexität psychologischer Forschung. Viele der Diskutanten in der Situationismusdebatte unterlassen es zumeist gänzlich oder größtenteils, sich eingehend mit der Differenziertheit, den Inkonsistenzen und Schwierigkeiten sowie der variierenden methodischen Qualität psychologischer Forschung auseinanderzusetzen. Vielmehr werden wenige einschlägige Studien immer wieder zitiert, relevante statistische und methodische Aspekte bei der interpretativen Einordung der zitierten Studien nicht beachtet, Forschungsbereiche selektiv zur Kenntnis genommen und grundlegende Diskussionen zur Verlässlichkeit von psychologischen Theorien und Befunden vermieden. Dies führt dazu, dass die Debatte von einem völlig verzerrten Bild des psychologischen Forschungsstandes geprägt ist. Der Situationismus ist schlicht empirisch nicht haltbar. Im zweiten Kapitel werde ich diese Vorwürfe mit ausreichenden Belegen untermauern und so am Beispiel der Situationismusdebatte eingehend verdeutlichen, wie wichtig eine grundlegende Methodenreflexion für die philosophische Rezeption der empirischen Psychologie ist.

Auch in der Debatte um die Zombieherausforderung lassen sich ähnliche Probleme identifizieren. Allerdings treffen die in dieser Debatte geäußerten Thesen zumindest ein Stück weit zu: Ich werde ebenfalls dafür argumentieren, dass Menschen sich selbst weniger transparent sind als sie glauben, und dass menschliches Handelns oft von zumindest in Teilen unbewusst ablaufenden Rationalisierungsprozessen geprägt ist. Jedoch folgt aus dem Umstand, dass Menschen sehr stark zur Selbsttäuschung neigen, nicht, dass alles menschliche Handeln oder auch nur der größte Teil einer unbewussten Steuerung unterliegt. Ein solcher Schluss ist meines Erachtens nach empirisch nicht zu stützen – sind doch unter anderem gerade solche Studien im Zuge der Replikationskrise der Psychologie in die Kritik geraten, die vermeintlich spektakuläre unbewusste Einflüsse auf menschliches Verhalten nachweisen (vgl. 1.2.1). Wenn sich entsprechende Befunde dann tatsächlich als robust erweisen, sind die Effekte jedoch bei weitem nicht groß genug, um diese als Beleg für die umfassende Bedeutungslosigkeit bewusster Prozesse anzusehen. Nur weil bspw. unbewusste Verarbeitungsprozesse in einem gewissen Ausmaß bestimmte gedankliche Inhalte leichter verfügbar und damit spezifische Verhaltensweisen wahrscheinlicher machen können (Cameron et al. 2012; Kidder et al. 2018; Weingarten et al. 2016), findet nicht der größte Teil menschlichen Verhaltens ohne Beteiligung des Bewusstseins statt. Und schließlich folgt ganz allgemein aus dem Nachweis unbewusster Prozesse im Rahmen psychologischer Studien nicht, dass Menschen prinzipiell überhaupt nicht dazu in der Lage sind, sich dieser Prozesse bewusst zu werden.

Um kurz an einem Beispiel zu illustrieren, wie problematisch es ist, auf Basis psychologischer Forschung die Handlungsrelevanz des Bewusstseins in Frage zu stellen: Als implizite Stereotypen (»implicit bias«) werden von Psychologen stärker ausgeprägte unbewusste Assoziation von Menschen einer anderen Gruppe (bspw. Menschen anderer Hautfarbe) mit negativen Attributen (bspw. Gefährlichkeit) als Mitglieder der eigenen Gruppe (also Menschen gleicher Hautfarbe) bezeichnet. Diese implizite Voreingenommenheit ist häufig auch bei solchen Menschen nachweisbar, die sich in ihrer bewussten Selbstbeschreibung für unvoreingenommen halten. Zunächst klingt das nach einem Phänomen, das deutlich für die Brisanz der Zombieherausforderung spricht. Jedoch kommen die aktuellen Überblicksarbeiten zu inkonsistenten Einschätzungen dazu, ob und inwiefern sich implizite Stereotypen auch auf realweltliches diskriminierendes Verhalten auswirken oder ob diese lediglich ein Phänomen des psychologischen Labors darstellen (Carlsson & Agerström 2016; Greenwald et al. 2009; Greenwald et al. 2015; Jones et al. 2017; Oswald et al. 2013).6 Nimmt man an als Vertreter der Zombieherausforderung an, dass diskriminierendes Verhalten gänzlich oder größtenteils auf unbewussten Assoziationen beruht, so müssten entsprechende Effekte viel robuster und statistisch größer auftreten, als sie es tatsächlich tun. Wenn sich implizite Assoziationen robust als handlungsrelevant erweisen sollten, wäre zwar ein interessanter Nachweis für unbewusste Einflüsse auf menschliches Handeln erbracht. Die Effekte dürften aber kaum derart groß ausfallen, dass man vorurteilsbehaftetes Verhalten von Menschen generell oder in großen Teilen auf unbewusste Prozesse zurückführen könnte. Hält man die Zombieherausforderung für real, ist es nicht leicht zu erklären, warum die Forschungslage zu impliziten Stereotypen nicht deutlich konsistenter ausfällt und von beeindruckend großen Effekten geprägt ist.

Dieser sehr kurze Einblick in eine hochkomplizierte psychologische Fachdiskussion soll hier folgendes verdeutlichen: Eine valide Einschätzung zu psychologischen Forschungsergebnissen ist nur auf Basis eines festen methodischen Fundaments möglich. Jedoch sucht man in der Debatte zur Zombieherausforderung weitgehend vergeblich nach grundlegenden Reflexion darüber, in welchem Umfang die empirische Psychologie, mit welchen Forschungsmethoden, mit welcher Verlässlichkeit und in welcher (statistischen) Größe der Effekte unbewusste Einflüsse auf menschliches Verhalten nachweisen müsste, um das Bewusstsein berechtigterweise in die Bedeutungslosigkeit zu verabschieden. Auch hier ist also ein Bedarf an der Ausarbeitung eines Methodenrepertoires zur philosophischen Rezeption psychologischer Forschung erkennbar.

b) Die Notwendigkeit grundlegender methodischer Überlegungen in normativ-philosophischer Hinsicht ist an dem Umstand zu erkennen, dass es an differenzierten Überlegungen zur Relevanz psychologischen Fachwissens für die philosophische Ethik fehlt: In welchem Umfang können psychologische Erkenntnisse an welcher systematischen Stelle von Bedeutung für welche philosophische Ethik sein? Beide oben angesprochenen Debatten sind zu stark auf die Diskussion vermeintlich fundamentaler Infragestellungen der Ethik fokussiert und vernachlässigen die Möglichkeit eines produktiven Erkenntnisgewinns für die Moralphilosophie durch eine interdisziplinäre Ausrichtung. Beim Lesen philosophischer Auseinandersetzungen mit psychologischer Forschung gewinnt man oft den Eindruck, dass für nicht wenige der an solchen Debatten partizipierenden Philosophen am Ende immer eine dichotome Entscheidung zu treffen ist: Entweder gebietet es die intellektuelle Redlichkeit des naturwissenschaftlich denkenden Philosophen schlussendlich, bestimmte altehrwürdige moralphilosophische Positionen im Lichte empirischer Forschung als absolut unhaltbar anzusehen, bzw. im Extremfall sogar, die philosophische Ethik gänzlich zu verabschieden. Oder jede Problematisierung philosophischer Positionen unter Rückgriff auf empirische Forschung lässt sich argumentativ vollständig zurückweisen, wodurch auch automatisch die generelle Irrelevanz psychologischen Wissens für die Moralphilosophie bewiesen ist. Es ist auffallend, dass es in empirisch inspirierten philosophischen Debatten oft um alles oder nichts zu gehen scheint. Arbeiten, die gezielt in moralphilosophischen Theorien nach Anschlussfähigkeiten für psychologisches Fachwissen suchen und damit von der Annahme getragen sind, dass die Rezeption psychologischen Wissens produktiv für die Moralphilosophie sein kann, findet man selten.

Man könnte nun kritisch gegen ein solches Suchen nach Anschlussfähigkeiten für psychologisches Wissen in philosophischen Ethiken auf dem Fundamentalunterschied zwischen dem Sein und dem Sollen bestehen und jeder Integration von psychologischem Wissen in moralphilosophische Theorien von vornherein eine prinzipielle Absage erteilen. Ich halte es jedoch für vielversprechend, diesen philosophischen Reflex wenigstens ein Stück weit zu unterdrücken und unvoreingenommen die Frage zu stellen: Werfen einschlägige Ethikparadigmen Fragen auf, die sich unter Bezugnahme auf psychologisches Wissen besser beantworten lassen als ohne dieses Wissen? In Abschnitt 2.1 wird sich zeigen, dass sich sehr viele Gründe dafür finden lassen, diese Frage mit einem klaren »Ja« zu beantworten.

Diese Arbeit möchte nicht nur Lösungen für die angeführten methodischen Probleme vorschlagen. Sie will vor allem zeigen, dass mit einer interdisziplinären Ausrichtung neben Verlusten auch Gewinne für die Ethik verbunden sind. Auf der Verlustseite wird am Ende dieser Arbeit die Erkenntnis stehen, dass weiten Teilen der Moralphilosophie ein übertrieben rationalistisches und damit zu stark idealisierendes Menschenbild zugrunde liegt. Durch die Offenlegung der Kontingenz der praktischen Vernunft durch psychologisches Fachwissen wird die Realitätsferne dominanter Traditionen der Moralphilosophie erkennbar. Mit dieser Feststellung geht aber auch ein Gewinn einher, da die Moralphilosophie durch psychologische Informiertheit die Chance erhält, dieser übertriebenen Idealisierung entgegenzuwirken. Ein weiterer Gewinn besteht darin, dass für eine psychologisch informierte Ethik ersichtlich wird, in Bezug auf welche ethischen Fragestellungen das Heranziehen psychologischen Wissens hilfreich sein kann und welche zusätzlichen Forschungsfragen sich im interdisziplinären Grenzbereich zwischen Philosophie und Psychologie auftun.

Bevor der Aufbau dieses Buches vorgestellt wird, sei noch ein letzter einleitender Punkt angesprochen: Eine philosophische Doktorarbeit widmet sich naturgemäß in erster Linie philosophischen Forschungsfragen – auch wenn sie deutlich interdisziplinär angelegt ist. Trotzdem gehen aus dieser Arbeit auch Erkenntnisse und Fragen hervor, die speziell für Psychologen interessant sein können. Soll eine intensive Zusammenarbeit von Psychologie und Philosophie gelingen, müssen auch Psychologen verstehen, bis zu welchem systematischen Punkt einer philosophischen Theorie ihre Fachexpertise benötigt wird, und ab wann es um Fragen geht, die empirisch nicht zu beantworten sind. Entsprechend kann diese Arbeit von Psychologen auch als Einführung in die Moralphilosophie mit einem Hauptaugenmerk auf der Bedeutung und Reichweite psychologischen Fachwissens gelesen werden.

Darüber hinaus versucht diese Arbeit einen Großentwurf psychologischen Fachwissens über sehr viele verschiedene Forschungsbereiche hinweg. Auch wenn sicher von vielen Psychologen schon häufig auf die in dieser Arbeit hervorgehobene beschränkte Selbsttransparenz des Menschen hingewiesen wurde, so wird dies von Psychologen zumindest seltener in dem hier vorliegenden Umfang getan. Entsprechend stellt diese Arbeit auch einen aktuellen Überblick dazu dar, welche psychologischen Theorien und empirische Evidenzen für die These sprechen, dass Menschen ihr Verhalten nur eingeschränkt verstehen und es rationalisierend beschreiben.

Schließlich werden – wie oben bereits angedeutet – in dieser Arbeit eine ganze Reihe methodischer Probleme diskutiert und Fragen aufgeworfen, die von Psychologen zu lösen und zu beantworten sind: In welchem Ausmaß und in welcher Qualität muss empirische Evidenz für psychische Phänomene und Zusammenhänge vorliegen, dass diese in anderen Fachwissenschaften bedenkenlos aufgegriffen werden können? An welchen Heuristiken kann sich ein Nichtpsychologe orientieren, um den Evidenzgrad eines psychologischen Forschungsbereichs einzuschätzen? Um nichtpsychologische Wissenschaftler in die Lage zu versetzen, verlässlich mit psychologischer Fachliteratur umzugehen, müssen Strategien zum Umgang mit der Komplexität dieser Literatur und mit zahlreichen Problemen psychologischer Forschung (bspw. Publikationsbias, fehlgeschlagene Replikationen, vgl. 1.2) entworfen werden, die dezidiert für Nichtpsychologen konzipiert sind. In dieser Arbeit werden unter Bezugnahme auf aktuelle psychologische Methodendiskussionen Vorschläge für solche Strategien vorgebracht. Damit soll in erster Linie ein ausreichendes Fundament für die vorliegende Arbeit bereitgestellt werden. Auf längere Sicht sind interdisziplinär interessierte Psychologen dazu eingeladen, die methodischen Vorschläge dieser Arbeit weiterzuentwickeln und zu verbessern.

Die Arbeit ist folgendermaßen aufgebaut: Kapitel 2 erarbeitet die methodischen Grundlagen für eine moralphilosophische Auseinandersetzung mit der Psychologie. In Teilabschnitt 2.1 wird eruiert, inwiefern psychologisches Wissen für mehrere einflussreiche Ethiken von Bedeutung ist. Teilkapitel 2.2 setzt sich mit den derzeit größten Problemen psychologischer Forschung auseinander, um verlässliche methodische Strategien zur Rezeption psychologischer Forschung für die Moralphilosophie zu entwerfen. In Kapitel 3 wird gezeigt, dass sich unterschiedliche philosophische Analysen der moralischen Verantwortlichkeit in einem zentralen Punkt einig sind: Praktische Vernunft ist die zentrale Voraussetzung für moralische Verantwortlichkeit. Zu diesem Zweck werden nach einer kurzen Einführung in das Debattenfeld über Determinismus und Willensfreiheit (3.1) einschlägige Theorien der moralischen Verantwortlichkeit aus dem kompatibilistischen (3.2) und dem libertarischen (3.3) Lager diskutiert. Im Teilkapitel 3.4 werden Gründe dafür angeführt, warum dieser Fokus auf der Vernunftfähigkeit des Menschen unzureichend ist. Ausführlich wird die Unzulänglichkeit der vernunftfokussierten Charakterisierung des Menschen mit der psychologisch zentralen These der Kontingenz der praktischen Vernunft in Kapitel 4 verdeutlicht. In diesem Kapitel wird unter Bezugnahme auf eine Vielzahl verschiedener psychologischer Forschungsbereiche gezeigt, wie die menschliche Vernunfttätigkeit sehr vielen Abhängigkeiten unterliegt und wie wenig transparent diese Abhängigkeiten oft sind (4.1 bis 4.7). Ebenso werden in diesen Teilabschnitten erste spezifische Konsequenzen für philosophische Ethiken angeführt. Im fünften Kapitel (5) werden allgemeine Grundzüge einer psychologisch informierten Ethik vorgestellt: die Inklusion eines psychologischen Wissenstransfers in ethische Forderungen (5.1), eine kritische Auseinandersetzung mit moralisch aufgeladener Kommunikation (5.2), eine kollektive und kontextualisierte Erweiterung des Adressatenkreises philosophischer Ethiken (5.3), die Integrierung psychologischen Fachwissens in das Studium der Philosophie (5.4) und die explizite Reflexion von Limitationen der eigenen Position (5.5). Den Abschluss bildet eine kurze Konklusion (6).

1

Für einen Überblick über interdisziplinäre Debatten zwischen Moralphilosophie und (Moral-)Psychologie siehe Alfano (2016); Bonnefon & Trémolière (2017); Brand (2016); Doris & the Moral Psychology Research Group (2010); Sinnott-Armstrong (2008a; 2008b; 2008c; 2014); Tiberius (2015).

2

Vergleichbar starke Thesen finden sich bspw. auch bei Shepherd (2015a, 203); Taylor (2010, 124); Vargas (2013b, 333).

3

Ähnliche Ausführungen finden sich bspw. bei Doris (2015, X); Sie (2009, 518 f.); Vargas (2013b, 331).

4

Den Standpunkt, dass der Situationismus keine echte Herausforderung für Konzepte von Handlungsfähigkeit und moralischer Verantwortlichkeit darstellt, vertreten Brink (2013); Churchland & Suhler (2014); Martin (2014); Mele & Shepherd (2013); Schlosser (2013); Suhler & Churchland (2009); Tiberius (2015, Kap. 8). Revisionistische Thesen, nach denen die situationistische Forschung zeigt, dass wir deutlich seltener moralisch verantwortlich sind als wir glauben, äußern Caruso (2015); Taylor (2010). Für etwas moderatere Positionen, nach denen der Einfluss von Situationsfaktoren zumindest einige philosophische Annahmen und Theorien zur moralischen Verantwortlichkeit bis zu einem gewissen Grade problematisiert, siehe Amaya & Doris (2015); Ciurria (2013); Furlong & Santos (2014); Herdova & Kearns (2015); Nelkin (2005); Shepherd (2015a); Sridharan (2014). Einige Autoren sehen im Situationismus durchaus eine ernstzunehmende Herausforderung, glauben aber gleichzeitig, dieser begegnen zu können: K. Levy (2015); Nahmias (2007); Vargas (2013b); Doris (2002, Kap. 7). Schließlich argumentieren Doris & Murphy (2007) ausführlich dafür, dass Situationseinflüsse im Krieg derart massive und überwältigende Auswirkungen auf das moralische Urteilsvermögen haben, dass typischerweise den Soldaten keine moralische Verantwortlichkeit für ihr Verhalten in Kriegszeiten zugeschrieben werden kann (für eine kritische Diskussion dazu siehe Brink 2013; Talbert 2009).

5

Stark skeptische Einschätzungen in Bezug auf moralische Verantwortlichkeit liefern Caruso (2012; 2015); Taylor (2010). Eine immense Herausforderung für zentrale Annahmen der philosophischen Literatur zur Handlungsfähigkeit und moralischen Verantwortlichkeit sieht Doris (2009; 2015). Spezifischere Problematisierungen von alltäglichen oder philosophischen Annahmen zur moralischen Verantwortlichkeit finden sich bei Ciurria (2013); N. Levy (2011; 2014); Sridharan (2014); Wigley (2007). Lediglich einen Bedarf zur Präzisierung unseres Verständnisses von moralischer Handlungsfähigkeit identifiziert Sie (2009). Keine echte Herausforderung für ein angemessenes Verständnis von Handlungsfähigkeit bzw. moralischer Verantwortlichkeit können folgende Autoren erkennen: Levy & Bayne (2004); Martin (2014); Mele & Shepherd (2013); Meyers (2015); Schlosser (2013); Shepherd (2015b); Suhler & Churchland (2009); Tiberius (2015, Kap. 8).

6

Für einen interessanten Versuch, diese Inkonsistenzen in der Forschung aufzulösen, siehe Payne et al. (2017).

Die Kontingenz der praktischen Vernunft

Auf dem Weg zu einer psychologisch informierten Ethik