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Der vorliegende Sammelband will sich dem Verhältnis von Normativität und Lebensform aus der Perspektive von Biologie, Ontologie und praktischer Philosophie annähern. Von besonderem Interesse ist dabei die Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit natürliches Leben selbst als normativ relevant angesehen werden kann und inwiefern ein Übergang vom natürlichen »Sein« zum normativen »Sollen« überhaupt möglich ist. Genereller Bezugspunkt ist der Begriff der Person, der als Horizont aller drei Zugänge fungiert.

In den letzten Jahren hat sich die Debatte um das Verhältnis von Normativität und Lebensform vor allem im Kontext der praktischen Philosophie, vorangetrieben durch Michael Thompsons epochemachendes Werk Life and Action,1 weitestgehend ausdifferenziert, so dass eine Bestimmung des Verhältnisses zwischen Normativität und Lebensform ohne Rückbezug auf biologische Gegebenheiten und ontologische Zuschreibungen auszukommen scheint. Die Lebensform ist dabei zu einer autonomen, rein handlungstheoretisch explizierbaren Urteils- bzw. Reflexionskategorie geworden, welche Normativität aus sich selbst heraus zu beanspruchen und zu begründen vorgibt.2 Allerdings stellt sich hier die Frage, ob dies der tatsächliche Endpunkt einer Auseinandersetzung mit der »Lebensform« sein kann.3 Der Begriff der Lebensform verlangt aus unserer Sicht nach einer ausführlicheren Klärung des Verhältnisses zur Natur – in biologischer, anthropologischer, ontologischer und ethischer Hinsicht. Dabei kommt dem Begriff der Person, der als systematischer Einheitspunkt der drei Dimensionen »Biologie« – »Ontologie« – »Praktische Philosophie« herausgearbeitet werden soll, eine besondere Bedeutung zu. Hier interessiert vor allem die Frage, inwiefern die personale Lebensform (i) eine biologische, (ii) eine ontologische und (iii) eine praktisch-ethische Kategorie ist, geht man davon aus, dass Personalität auf keinen der drei Zugänge allein reduziert werden kann.4

Der Band gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil (»Biologie und Anthropologie«) widmet sich der Untersuchung von verschiedenen Verwendungsweisen des Begriffes »Lebensform« sowohl in der aristotelischen als auch zeitgenössischen Philosophie der Biologie. Der zweite Teil (»Ontologie«) enthält Beiträge, die mittels des Lebensformkonzepts eine Ontologie des Lebens zu entwickeln beabsichtigen. Der dritte Teil (»Praktische Philosophie«) behandelt die Frage, welche normativen Implikationen ein ontologisch-biologisch informierter Lebensformbegriff für die praktische Philosophie hat.

Georg Toepfer (Berlin) untersucht in seinen Überlegungen den Begriff der »Lebensform« vornehmlich aus einer historisch-systematischen Perspektive. Dabei gibt er zu bedenken, dass ein neoaristotelisches Verständnis des Begriffes nicht dem in der Biologie etablierten Wortgebrauch entspricht. Demzufolge sind Arten als historische Entitäten bzw. Lebensformen als typologische Ähnlichkeitsbeziehungen zu betrachten und zu beschreiben, was sie als konzeptuelle Grundlage und empirisches Datum für die Ableitung einer ethisch relevanten Normativität ungeeignet erscheinen lässt. Aus diesem Grund plädiert Toepfer, im Unterschied zu dem Beitrag von Hähnel, für eine scharfe begriffliche und systematische Trennung von Lebensform und Spezies. Vielmehr besteht für Toepfer die Normativität der Lebensform im sozialen Miteinander von sprachbegabten rationalen Wesen. Der Mensch, welcher zwischen Art- und Lebensformbegriff steht, definiert sich als kollektive Lebensform durch einen kommunikativen Austausch, dessen Erfolg letztlich bestimmt, wie relevant die Zugehörigkeit zur biologischen Spezies für ihre moralische Berücksichtigungsfähigkeit ist.

In ihrem Beitrag versucht Christina Pinsdorf (Bonn) den Begriff der Lebensform als einheitsstiftendes Moment konkreter Lebewesen für naturethische Ansätze fruchtbar zu machen. Dabei untersucht sie vor allem die Frage, inwieweit neben der humanen Lebensform auch nicht-humanen Lebensformen normative Bestimmungen zuzuordnen sind. Pinsdorf geht davon aus, dass die zweckmäßige Verfasstheit von Lebewesen das zentrale Bestimmungsmoment der belebten Natur ist, wobei sie ausdrücklich betont, dass diese Zweckmäßigkeit weder im Sinne eines universal-mechanistischen Reduktionismus noch in Form einer intentionalen Universalteleologie zu interpretieren sei. Vielmehr müsse eine wohlverstandene Theorie der naturgemäßen Normativität, in der alle Lebewesen Berücksichtigung finden, auch moralischen Anerkennungsverhältnissen Rechnung tragen.

Martin Hähnel (Eichstätt-Ingolstadt) unterzieht, ähnlich wie Georg Toepfer, die Begriffe ›Lebensform‹ und ›Spezies‹ einer näheren historisch-systematischen Betrachtung. Dabei geht er sowohl auf biologische als auch auf philosophische Verwendungsweisen dieser Begriffe ein und arbeitet einige konzeptuelle Strukturanalogien und Inkommensurabilitäten heraus. Schließlich prüft Hähnel, inwieweit sich der Lebensform- und der Speziesbegriff für eine Indienstnahme als normgenerierendes Konzept eignen. Im Anschluss an die Prüfung aktueller neoaristotelischer Ansätze (vgl. auch der Beitrag von Kietzmann in diesem Band) in der Ethik zeigt Hähnel auf, dass ein revidiertes, möglicherweise personales Lebensformverständnis, das nicht allzu weit entfernt von einem nicht-reduktionistischen biologischen Speziesbegriff liegt, durchaus in der Lage sei, die Basis für eine Theorie zur Gewinnung ethischer Normen zu bilden.

Der Beitrag von Ralf Becker (Koblenz-Landau) zielt darauf ab, den Menschen nicht als Art einer Gattung zu definieren, sondern als individuelle Lebensform zu beschreiben. Als Mittel zum Zweck dieser Beschreibung wählt Becker den narrativen Ansatz Wilhelm Schapps zu einer Hermeneutik des In-Geschichten-Verstrickseins, mit deren Hilfe Becker die Schriften von Linné und Darwin neu deutet. In diesen Schriften kommt der als biologische Art beschriebene Mensch gleichzeitig auch in Geschichten vor, die zu einer bestimmten Kategorien- und Modellbildung herangezogen werden können. Für die adäquate Beschreibung der menschlichen Lebensform müssen demnach passende Strukturformeln gefunden werden, die das Leitmotiv der jeweiligen ,Biographie‹, den Gesichtspunkt, unter dem menschliche Geschichten zusammengefasst werden, bilden.

Dieter Sturma (Bonn) reflektiert auf den Begriff der Lebensform und ihre ontologische Einbettung in die Natur. Dabei widmet er sich insbesondere dem Begriff der menschlichen Lebensform als einer »zweiten Natur« und seinen epistemologischen Dimensionen. Sturma plädiert für einen erweiterten Naturalismus, der nicht auf den Gegenstandsbereich der Naturwissenschaften beschränkt ist, sondern auch kulturelle Phänomene mit einschließt. Ein solcher dynamischer wissenschaftlicher Realismus grenzt sich gleichermaßen von dualistischen wie von supranaturalistischen Positionen ab. Dabei knüpft Sturma an Ludwig Wittgensteins Begriff der Lebensform und ihrer sprachlichen Praxis an. Die humane Lebensform ist immer auch eine sprachliche Praxis und als solche auf einen Raum der Gründe bezogen, der die natürliche Ordnung überformt.

Andrea Kern (Leipzig) geht in ihrem Beitrag der Frage nach, wie spezifisch menschliche Erziehung und Bildung vor dem Hintergrund der menschlichen Natur gedacht werden muss. Kern unterscheidet zwischen einer kulturalistischen und einer naturalistischen Position im Anschluss an Aristoteles. Während die naturalistische Position das spezifisch Menschliche in seiner ersten Natur verortet, erkennt die kulturalistische Position dieses in der zweiten Natur. Kern argumentiert dafür, dass beide Positionen menschliche Bildung nicht befriedigend begreifen können und plädiert stattdessen für eine dritte Position. Erziehung und Bildung bedeuten demnach nicht, dass ein Individuum neue Vermögen erwirbt, noch, dass es das angeborene Vermögen der Vernunft nur vollständig entwickelt. Vielmehr beschreibt und expliziert der Begriff der Erziehung die spezifische Form der Entwicklung eines selbstbewussten Wesens.

Jörg Noller (München) entwickelt in seinem Beitrag im Unterschied zu Ralf Becker nicht einen Begriff der menschlichen, sondern der personalen Lebensform. Er knüpft dabei an den ökologischen Lebensformbegriff an, der nicht so sehr art-, sondern kontextgebunden ist. Noller argumentiert dafür, dass sich personales Leben formal durch eine höherstufige Selbst- und Fremdbezüglichkeit auszeichnet, aus der Selbstbewusstsein und intersubjektive Normativität weiter verständlich gemacht werden können. Ein solcher Begriff personaler Lebensformen erlaubt es, die Probleme zweier gegenwärtig prominenter Theorien der Person zu lösen: Während der Animalismus personales Leben allein auf die Persistenz des individuellen Organismus reduziert und dabei seine moralische Dimension vernachlässigt, fasst der Konstitutionalismus Person und Leben als voneinander ontologisch getrennt auf und muss somit starke ontologische Verpflichtungen eingehen. Noller zeigt, wie im Begriff der personalen Lebensform Person und Leben (gegenüber dem Konstitutionalismus) identisch gedacht und wie Personen darin zugleich als in einem moralischen Verbund koexistierend verstanden werden können (gegenüber dem Animalismus).

In seinem Aufsatz geht Christian Kietzmann (Erlangen) der Frage nach, welche metaphysischen und epistemologische Schwierigkeiten sich neoaristotelische Ethikansätze einhandeln, wenn sie evaluative Aussagen über die Lebensvollzüge und Merkmale a-rationaler Tiere und Pflanzen treffen. In seiner Analyse, die grundsätzlich an die Überlegungen von Michael Thompson anschließt, zeigt Kietzmann verschiedene Wege auf, die es einerseits erlauben sollen, sinnvoll von Lebensformen zu sprechen, ohne dabei überkommene Muster einer metaphysischen Biologie zu bedienen, andererseits Möglichkeiten eröffnen, wie wir die Lebensform des Menschen erkennen können. Die Lebensform ist für Kietzmann dabei eine apriorisch-logische Kategorie, die wie eine Art »Brille« funktioniert, mittels deren Denkformen überhaupt erst auf Lebendiges angewendet werden können. Daraus folgt, dass jedes ethisch relevante anthropologische Wissen von unserer Lebensform nicht empirisch, sondern nur durch interne praktische Reflexion auf unsere rationalen Dispositionen gewonnen wird.

Nicholas Rescher (Pittsburgh) befasst sich mit der philosophischen Anthropologie aus einer dezidiert prozessontologischen Perspektive. Im Gegensatz zum Substanzbegriff, der Einzelheit und Isolierung impliziert, umfasst der Begriff des Prozesses Relationalität, Interaktion und Reziprozität. Auch das menschliche Leben lässt sich so als ein Prozess beschreiben, der sich evolutionär herausgebildet hat. Prozessualität betrifft thematisch nicht nur physikalische Prozesse, sondern auch intellektuelle, chemische und soziale. Rescher betrachtet vor diesem Hintergrund personale Identität aus prozessontologischer Sicht. Personen sind nicht nur Resultate von diversen Prozessen, sondern Aggregate von Prozessen, die durch Handlungen bestimmt sind. Personen sind insofern mehr als bloß organisch bestimmte biologische Prozesse; sie bestehen darüber hinaus aus Prozessen, die ihre kognitiven Vermögen und ihre Freiheit betreffen.

Alice Carry (Oxford) beleuchtet in ihren Ausführungen die Beziehung zwischen der humanen und der nicht-humanen Lebensform vor dem Hintergrund der abwertenden Instrumentalisierung dieses Verhältnisses im Sinne einer sozialer Marginalisierung bzw. in Form des Missbrauchs bzw. der Tötung von Menschen, die ethnischen Minderheiten angehören. Gegen Peter Singers Neutralitätskonzeption, der zufolge man mit einer quasi naturwissenschaftlichen Neutralität und Distanz die empirisch nachweisbaren Eigenschaften und Fähigkeiten von Mensch und Tier in Erfahrung zu bringen sucht, und im Einklang mit der Spätphilosophie Wittgensteins, wonach die relevanten Konzepte zur Beschreibung des menschlichen Verstandes ethische seien, ist es Crarys Anliegen einen moralisch und philosophisch schlüssigen Weg aufzuzeigen, der das menschliche Leben zu würdigen weiß, ohne Menschen in eine normative Sphäre ›über‹ den Tieren zu situieren.

Elif Özmen (Gießen) reflektiert auf die Problematik der philosophischen Anthropologie und auf gegenwärtige Tendenzen, anthropologische Fragestellungen in der praktischen Philosophie wieder aufzunehmen. Özmen reflektiert dazu auf verschiedene Ansätze wie den ethischen Naturalismus, die Ethik der menschlichen Lebensformen und die gattungsethische Moralisierung der menschlichen Natur. Aus einer metaphilosophischen Perspektive argumentiert Özmen dafür, dass anthropologische Voraussetzungen unsere normative Theoriebildung strukturieren. Denn die Beantwortung der Frage, was moralisch relevant ist und welches Leben als gut zu bezeichnen ist, hängt mit unserem anthropologischen Selbstverständnis zusammen. Der Begriff der Lebensform erscheint so als ein Konzept, mit dem der problematische Begriff einer menschlichen »Natur« ersetzt werden kann, insofern »Lebensform« als eine Reflexionskategorie verwendet wird.

Julian Nida-Rümelin (München) argumentiert dafür, dass personale Identität nicht durch Wünsche, sondern durch die Praxis des Gründe-Gebens und Gründe-Nehmens eines Individuums konstituiert wird. Gründe betreffen dabei Überzeugungen, Handlungen und selbst Emotionen einer Person. Personale Identität muss demnach gradualistisch verstanden werden, da sie erst im Prozess des Affiziert-Werdens von normativen Gründen, des Deliberierens, in der Einheit der Praxis des Akteurs geformt wird. Personale Identität ist so verstanden rückgebunden an eine soziale Welt. Die Kohärenz einer geteilten Lebensform erweist sich als Voraussetzung dafür, dass ein Individuum handlungsfähig ist. Eine geteilte Lebensform basiert auf rationaler Verständigung und bedeutet gerade nicht, dass Individuen nur ihre eigene Lebensform ausprägen.

Die Herausgeber danken Philip Zogelmann M.A. für seine wertvolle Hilfe bei der Redaktion des Bandes.

1

Dt. Übersetzung: Michael Thompson, Leben und Handeln - Grundstrukturen der Praxis und des praktischen Denkens, aus dem Amerikanischen von Matthias Haase, Frankfurt a.M. 2011.

2

Vgl. z.B. Jens Kertscher, Jan Müller (Hg.), Lebensform und Praxisform, Münster 2015.

3

Erste konstruktive Ansätze für eine systematische Weiterbeschäftigung in: Markus Rothhaar u. Martin Hähnel (Hg.), Normativität des Lebens – Normativität der Vernunft?, Berlin/Boston 2015.

4

Ansätze einer Bestimmung der personalen Lebensform finden sich bei Marya Schechtman, Staying Alive. Personal Identity, Practical Concerns, and the Unity of a Life, Oxford 2014, ferner neuerdings in Jörg Noller (Hg.), Was sind und wie existieren Personen? Probleme und Perspektiven der gegenwärtigen Forschung, Leiden 2019 sowie Bert Heinrichs: Aristotelischer Naturalismus und der Begriff der Person in: Hähnel, Martin (Hg.), Aristotelischer Naturalismus, Stuttgart 2017, 314-330.