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Solange Menschen zurückdenken können, sind sie Krankheit, seelischem Leid, Unrecht, Rohheit und Schuldbewusstsein ausgesetzt. Alle Gesellschaften, die wir kennen, haben Praktiken und Handlungssysteme entwickelt, mit diesen Übeln, Unfertigkeiten umzugehen, sie einzuhegen, zu wenden. Erst allmählich sind sie Gegenstand von systematischer Forschung und Wissenschaft geworden. Damit ist aus den traditionellen Praktiken und Handlungssystemen eine dem entsprechenden Problemkreis gewidmete akademische Disziplin mit einer je eigenen Praxis erwachsen.

Dieses Buch sucht Antworten auf die Frage, wie Praxis und Wissenschaft heute zusammenhängen. Auf welche je eigenen Grundfragen und wissenschaftlichen Grundlagen, auf welche Bezugswissenschaften berufen sich die klinische Medizin (vertreten durch Heiner Raspe), die Psychotherapie (Thole H. Hoppen, Nexhmedin Morina), die Rechtspflege (Bijan Nowrousian), die Seelsorge (Traugott Roser) und die Pädagogik (Ewald Terhart)? Welche Wissensbestände nutzen sie in ihrer Praxis? Wie werden sie erarbeitet, wie geprüft und erweitert? Welche Beiträge leistet die jeweilige Praxis zur wissenschaftlichen Entwicklung der Disziplin? Welche Rolle spielen Einzelfall und Kasuistik?

Die Beiträge dieses Bandes gehen auf eine öffentliche Ringvorlesung des Zentrums für Wissenschaftstheorie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) zurück. Im Wintersemester 2018/2019 reflektierten die fünf Vortragenden den Zusammenhang von »Praxis und Wissenschaft« aus der Perspektive ihrer jeweiligen Disziplin. Ausgangspunkt jeder Vorlesung war die eigene Praxis, oft verdeutlicht an einem Fallbeispiel. Am Ende der Reihe stand eine wissenschaftstheoretische Vorlesung (Ulrich Krohs) zur Frage der »Familienähnlichkeit«1 der fünf Disziplinen und deren Beziehung zu traditionellen Wissenschaftsklassifikationen. Auch diese Vorlesung fragte noch einmal nach »Orte[n] der Wissenschaft in der Praxis«.

Im Ergebnis zeichnet sich eine bisher schwer einzuordnende, dennoch fassbare, aber offen zu haltende Gruppe von praxisorientierten Wissenschaften ab. Umfang und Gewicht ihrer Gemeinsamkeiten scheinen erheblicher als ihre zweifellos gegebenen Unterschiede. Von beidem ist in jedem einzelnen Beitrag die Rede.

Zwei der Herausgeber (Heiner Raspe, Hans-Georg Hofer) sind der Medizin, ihrer Geschichte, Theorie, Praxis, Lehre und Forschung besonders verbunden. Dies legt es ihnen nahe, die folgenden Gemeinsamkeiten der fünf Disziplinen hervorzuheben. Alle haben neben ihrem Ausgangspunkt in einer eingangs genannten Facette der »gebrechlichen Einrichtung der Welt« (H. v. Kleist, siehe Beitrag Heiner Raspe) weitere Gemeinsamkeiten:

Alle Disziplinen haben es mit Menschen zu tun und arbeiten in der Spannung, dass diese gleichzeitig »Gegenstand« und »Gegenüber«2, »jemand« und »etwas«3 sind. Das, was Thure von Uexküll dem ärztlichen Beruf aufgegeben hat, gilt auch für alle anderen – mehr oder weniger: Man »muss lernen, in der professionellen Beziehung zum Patienten [Klienten, Kläger/Beklagten, Verzweifelten, Auszubildenden; die Autoren] zwischen Nähe und Distanz zu ›pendeln‹.«4

Alle haben es, oft die Beziehung eröffnend und prägend, mit Berichten und Erzählungen zu tun. Der Gegenstand, der jeweilige Sachverhalt ist zu objektivieren, das Gegenüber ist zum Sprechen zu bringen und zu verstehen. Die ärztliche Anamnese ist auch Hilfe zur Erinnerung. H. Hübschmann hat die Innere Medizin, fast ein Kalauer, zur »Erinnerungsmedizin« erklärt.5 Ohne Hilfestellungen, also Mäeutik, wird es nicht gehen.

Jede Hebammenkunst beinhaltet ein Gefälle an Erfahrung, Wissen, Mitteln und Können gegenüber denen, deren (Kopf-)Geburten begleitet und geleitet werden sollen. Steiler noch ist dieses Gefälle zwischen Arzt und Patient bei schwereren und bedrohlichen Krankheiten. Auch die Beziehungen zwischen Lehrer und Schülerin, Seelsorger und Hilfesuchendem, Richter und Angeklagtem, Psychotherapeut und Klientin sind grundsätzlich asymmetrisch. Die eine Seite ist in der Regel auf Unterstützung bzw. eine günstige Beurteilung angewiesen, Aufgabe und Ziel der anderen ist es, gerecht, wenigstens rechtskonform zu urteilen, Not zu lindern, Entwicklung(en) zu fördern.

Gleichzeitig ist die offensichtlich stärkere Seite dennoch auf die Zu- und Mitarbeit der schwächeren angewiesen, wenn auch nicht in jedem Fall in gleichem Ausmaß. Diese kann immer jede Kooperation, jedes Arbeitsbündnis, jede noch so gut gemeinte Empfehlung rundheraus ablehnen. Die Asymmetrie erfährt weitere Regulierung durch Ethik, spezielle Rechtsnormen und eine teils fachspezifische Pflichten- und Tugendlehre. Bestimmte Beziehungsformen sind erwünscht, andere geduldet, einige verpönt. Nicht nur die Medizin ist immer auch Normwissenschaft.

Und schließlich kann die Praxis jeder Disziplin auch ein Ort wissenschaftlicher Tätigkeit der jeweiligen Fachleute werden. Dass diese Tätigkeiten unterschiedliche Ziele haben, sich unterschiedlicher Methoden bedienen, liegt auf der Hand. In jedem Fall können sie, und sollen es zunehmend6, reflektierend sein, um sich wissenschaftlich kontrolliert der Implikationen und Folgen des eigenen professionellen Handelns zu versichern. Die hiermit u.a. angesprochene Frage nach der ›Evidenzbasis‹ ist keine Besonderheit der klinischen Medizin; sie stellt sich auch, wie in den Beiträgen nachzulesen ist, in der Psychotherapie, der Seelsorge und Pädagogik und wenn nicht in der Rechtsprechung, so doch in der Kriminalistik und im Strafvollzug.

Eine noch offene Frage betrifft den Namen der Familie, die sich für Einheiraten und jüngere Abkömmlinge offenhält. Soll man sie angewandte oder praktische oder intervenierende oder Handlungs-Wissenschaften nennen? Die Diskussion ist in vollem Gange. Hans-Georg Hofer skizziert in seinem einleitenden Beitrag Umrisse und Geschichte des von Raspe und Hofer bevorzugten Begriffs der Handlungswissenschaften.

Zur Vorbereitung der gemeinsamen Publikation fanden 2019 zwei die Ringvorlesung begleitende Workshops statt. Im zweiten ging es um wechselseitige Kritik der ausgearbeiteten bzw. überarbeiteten Vorlesungstexte. Wir danken Dr. Jens Salomon und Dr. Markus Seidel vom Zentrum für Wissenschaftstheorie sehr herzlich für die fachliche Beratung und organisatorische Unterstützung des gesamten Unternehmens einschließlich der beiden Workshops. Beim Redigieren der Beiträge war uns Vina Zielonka eine große Hilfe. Auch ihr gilt unser Dank.

Abschließend danken wir dem mentis Verlag und seinem Lektor Dr. M. Kienecker für ihr Interesse an der Fragestellung und der Förderung dieser Publikation.

Münster, im September 2019

Heiner Raspe, Hans-Georg Hofer und Ulrich Krohs

Literaturverzeichnis

  • Hartmann, F.: Homo Patiens. Zur ärztlichen Anthropologie von Leid und Mitleid. In: Bausteine zur Medizingeschichte. Heinrich Schipperges zum 65. Geburtstag, hg. von E. Seidler und H. Schott. Stuttgart 1984, S. 3544.

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  • Hübschmann, H.: Von der Inneren zu einer Erinnerungsmedizin. In: Nachschatten im weißen Land, hg. von M. Brinkmann und M. Franz. Berlin 1982, S. 4357.

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  • Medical Professionalism Project: Medical Professionalism in the New Millennium. A Physicans’ Charter. In: Lancet 359, 2002, S. 520522.

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  • Spaemann, R.: Personen. Versuche über den Unterschied zwischen »etwas« und »jemand«, Stuttgart 3 2006.

  • Uexküll, Th. von: Die Einführung der psychosomatischen Betrachtungsweise als wissenschaftstheoretische und berufspolitische Aufgabe – Gedanken zum Problem der ärztlichen Verantwortung. In: Uexküll. Psychosomatische Medizin, hg. von R. Adler et al. München 4 1990, S. 12721288.

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  • Wittgenstein, L.: Philosophische Untersuchungen [1953]. In: Wittgenstein. Werkausgabe Band. Frankfurt am Main 1989.

1

Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, §§ 66–67, S. 277–278.

2

Hartmann, Homo Patiens, S. 37/38.

3

Spaemann, Personen.

4

von Uexküll, Einführung, S. 1286.

5

Hübschmann, Erinnerungsmedizin.

6

Die 2002 erschienene Charter on Medical Professionalism formulierte als »8. Commitment to scientific knowledge: […] Physicians have the duty (sic) to uphold scientific standards, to promote research, and to create new knowledge and ensure its appropriate use […].« Medical Professionalism Project, S. 521.