Vorwort

Vom 06.–09. November 2019 wurde auf dem Campus der Universität zu Köln und in der Fritz Thyssen Stiftung unter dem Thema Philosophische Anthropologie als interdisziplinäre Praxis: Max Scheler, Helmuth Plessner und Nicolai Hartmann in Köln – historische und systematische Perspektiven über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der philosophischen Anthropologie und Ontologie diskutiert. Gerahmt wurde die Tagung, die gemeinsam mit der Max Scheler Gesellschaft, der Helmuth Plessner Gesellschaft und der Nicolai Hartmann Society veranstaltet wurde, von einem einleitenden Workshop über Interdisciplinary Anthropology of the Future – Social, Political, and Ethical Dimensions und einem abschließenden Panel über Epistemische Praktiken des Edierens und Übersetzens. Ziel der Tagung war eine Standortbestimmung der philosophischen Anthropologie und Ontologie im Ausgang von neuen Erkenntnissen rund um das ›Kölsche Dreigestirn‹ Nicolai Hartmann (1882–1950), Helmuth Plessner (1892–1985) und Max Scheler (1874–1928).

Rahmen und Anlass für die Tagung und den Workshop bot das 100-jährige Jubiläum der nach der Schließung der ›alten‹ Universität durch Napoleon im Jahr 1798 auf Initiative des Kölner Rats und des damaligen Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer 1919 wieder gegründeten ›neuen‹ Universität zu Köln.1 Diese wurde zum Ort einer besonderen Konstellation dreier Philosophen, nämlich Max Scheler, Helmuth Plessner und Nicolai Hartmann, die einen nachhaltigen interdisziplinären Dialog initiierten und dabei eine erhebliche internationale Strahlkraft entfalteten. Eingebunden in den zeitlichen Kontext der intellektuell und politisch turbulenten 20er Jahre wurden sie zu Pionieren einer philosophischen Anthropologie und Ontologie, die von der heute so oft eingeforderten, aber nur selten realisierten inter- und transdisziplinären Forschungspraxis beseelt war. Diese paradigmatische Signatur ihres Schaffens, der in der populären Philosophiegeschichte immer noch zu wenig Beachtung geschenkt wird, macht nachvollziehbar, warum ihr Denken uns bis heute berührt und angesichts der großen Fragen von Gegenwart und Zukunft – wie Klimawandel, Menschenrechte und Technisierung – aktueller denn je ist.

Für die Herausgeber ist es deswegen eine besondere Freude, zahlreiche Beiträge von Tagung und Workshop im vorliegenden Band versammeln zu können und für eine breite wissenschaftliche Diskussion zur Verfügung zu stellen. Oder, in Anlehnung an den Titel, die interdisziplinäre Praxis der anthropologisch-ontologischen Diskussion im Rahmen der epistemischen Praxis der Edition zu realisieren. Wie bedeutsam diese Praxis des Edierens war und auch in digitalen Zeiten immer noch ist, wird mit Blick auf die heute immer noch spürbaren Effekte der historischen Verwerfungen zu Zeiten Schelers, Plessners und Hartmanns deutlich: Schließlich geriet das produktive Kölner Milieu rund um die drei Denker, zu dem auch Künstler und Musiker gehörten, mit dem Weggang und Tode Schelers, dem erzwungenen Exil Plessners und schließlich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Vergessenheit und fand ein jähes Ende. Erst nach und nach erholte sich die philosophische Anthropologie von dieser Zäsur und erst allmählich – nach Nachkriegszeit und chronischem Biologismusverdacht von Seiten der Soziologie und Sozialphilosophie – wird die systematische Bedeutung der philosophischen Anthropologie und Ontologie Hartmanns, Plessners und Schelers für die akademische Philosophie einerseits sowie für die an anthropologischen Fragestellungen interessierten Disziplinen andererseits erkannt. Wenn dieser Band und die in ihm versammelten Beiträge zu diesem Transformationsprozess beitrügen, wäre schon viel erreicht.

Sektionen und Beiträge

Das Ziel einer Standortbestimmung der philosophischen Anthropologie und Ontologie, wie sie von Hartmann, Plessner und Scheler ausgearbeitet wurden, ist systematisch an die interdisziplinäre Herausforderung der philosophischen Anthropologie geknüpft, die nicht nur heute besteht, sondern bereits zu Zeiten der drei Denker bestand. So schreibt Max Scheler 1928 im Vorwort zu seiner wohl bekanntesten Schrift Die Stellung des Menschen im Kosmos: »Die immer wachsende Vielheit von Spezialwissenschaften, die sich mit dem Menschen beschäftigen, verdecken, so wertvoll sie sein mögen, überdies weit mehr das Wesen des Menschen, als daß sie es erleuchten.«2 Diese Problemanzeige ist immer noch aktuell. Und sie wird durch die Herausforderung einer globalen Welt, durch die alltäglich gelebte, mitunter spannungsvolle Pluralität der Kulturen, durch die Vielfalt religiöser oder weltanschaulicher Geltungsansprüche und durch die Vielzahl neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und damit verbundener wissenschaftlicher Weltbilder noch verschärft. Die interdisziplinäre Herausforderung, die Scheler und Plessner vielleicht als erste in einer derartigen Klarheit erkannt haben, ist enorm. Wohl deswegen haben Scheler, Plessner und Hartmann mit ihren Philosophien einen neuen Weg eingeschlagen, um das Verhältnis von Philosophie und Einzelwissenschaften neu zu bestimmen. Denn weder Philosophie noch die Einzelwissenschaften kommen ohne die jeweils andere aus: Auch die Einzelwissenschaften setzen ontologisch immer schon etwas voraus; die Philosophie hingegen braucht die Erfahrungen und Ergebnisse der Wissenschaften, um ihre Begriffe und Kategorien zu erläutern. Von dieser Perspektive auszugehen, bedeutete auch, dass die Philosophie nicht mehr nur auf die Entwicklungen in den Wissenschaften zu reagieren hatte, sondern selbst Ansätze bereitstellen konnte, die dann in den Wissenschaften zu neuen Ansätzen führen sollten. Um das Profil dieses neuen Weges der philosophischen Anthropologie und Ontologie zu erfassen, der von Hartmann, Plessner und Scheler lokalisiert, kartiert und schließlich begangen wurde, gliedert sich der Band in fünf Sektionen, in denen jeweils ein eigener Akzent gesetzt wird.

I. Wissenschaftsgeschichtliche Reflexion: die Kölner Konstellation

Im Sinne wissenschaftsgeschichtlicher Reflexionen lassen sich unter dem Begriff der ›Kölner Konstellation‹ zahlreiche vertiefende Fragen formulieren: Was waren die historischen (Arbeits-)Bedingungen im Umfeld von Scheler, Plessner und Hartmann? Wie prägten diese Bedingungen den produktiven Austausch der involvierten Disziplinen (wie Philosophie, Soziologie, Theologie oder Biologie) und der umfassenden Sphären (Wissenschaft, Kultur und Politik)? Und – lokaler zugespitzt – welche Bedeutung hatte der liberale und progressive Wissenschaftsstandort Köln zur Zeit der Weimarer Republik für die Überlegungen der Denker? Schließlich wurde hier in Köln, nachdem Scheler und Plessner schon mit der Neugründung der Universität 1919 und Hartmann dann 1925 hier begannen zu wirken, die Anthropologie als Frage nach der Genese und Geltung von Grundkategorien des Menschlichen ganz neu konzipiert.

Wie Joachim Fischer in seinem Beitrag über »Philosophische Anthropologie und Neue Ontologie. Die ›Kölner Konstellation‹ zwischen Max Scheler, Nicolai Hartmann und Helmuth Plessner als philosophiegeschichtliches Ereignis im 20. Jahrhundert« darstellt, entwickelte sich in Köln – nach der fundamentalen Erschütterung des humanistischen Weltbildes durch die Katastrophe des 1. Weltkrieges – eine einzigartige Konstellation, die als grundlegend für die Tradition der Philosophischen Anthropologie in Deutschland angesehen werden muss und, so Fischer, in der Philosophiegeschichte des frühen 20. Jahrhunderts ihren rechtmäßigen Platz neben Neukantianismus, Kritischer Theorie oder dem Wiener Kreis finden sollte. Festmachen lässt sich diese Konstellation an den gleichsam parallel entstandenen Kölner Hauptschriften Schelers, Plessners und Hartmanns sowie einschlägigen wechselseitigen Besprechungen. Fischer gelingt es aus wissenssoziologischer Perspektive die politischen, kulturellen und universitären Verhältnisse jener Zeit zu rekonstruieren und derart die besondere Atmosphäre zu erfassen, in welcher das Projekt einer neuen philosophischen Anthropologie und Ontologie gedeihen konnte. Den Koinzidenzpunkt sieht er in einem Begriff der spezifisch menschlichen Lebenswelt und ihrer Sonderstellung in der Welt des Lebendigen als Basis einer breit angelegten interdisziplinären Forschung.

Was die konkreten Entwicklung des intellektuellen Kölner Milieus ab 1919 betrifft, so kommt Max Scheler eine Sonderstellung zu: Dieser wurde von Konrad Adenauer nach Köln berufen, erhielt die Gründungsprofessur für Philosophie und Soziologie, baute hier das Institut für Soziologie und Sozialpsychologie auf und versuchte, wie später auch Plessner, die großen Fragen der Politik mit den Mitteln von Philosophie und Soziologie zu durchdringen. In dieser Perspektive rekonstruiert Olivier Agard unter dem Titel »Wissenssoziologie und Liberalismuskritik bei Max Scheler« die Kontur eines ›dritten Weges‹ im Denken Max Schelers, der weder ganz dem demokratischen Kontraktualismus noch dem bürgerlichen Individualismus zuzuschlagen ist. Agard zeigt, wie Scheler in der politisch bewegten Phase im Übergang von Kaiserreich zur Weimarer Republik Positionen entwickelt, die schließlich unter dem Stichwort des ›Ausgleichs‹ in einem Ansatz kulminieren, der eine solidarische Gemeinschaft anvisiert, die auf identitätsstiftenden Geistes- und Lebenswerten gründet, ohne sich mit konservativen oder antiliberalen Bewegungen gemein zu machen. Schelers Balanceakt zwischen völkischem Kulturnationalismus, liberaler Demokratie und Sozialismus wird von Agard pointiert zur Geltung gebracht und erscheint angesichts des gegenwärtigen (Wieder-)Erstarkens von Nationalismus, sozialer Ungleichheit und Segregation erstaunlich aktuell.

Auch der Beitrag von Mikhail Khorkov knüpft bei Scheler an und erweitert die Kölner Konstellation um Paul Ludwig Landsberg. In seinem Beitrag widmet er sich »Lehrer-Schüler-Beziehungen« und dem »Kölner Kontext der Entstehung der philosophischen Anthropologie zwischen Wissenssoziologie und Philosophiegeschichte«. Zentrales Ergebnis dieser Untersuchung ist, so Khorkov, dass die Entstehung der philosophischen Anthropologie ohne den philosophiegeschichtlichen Ansatz der Wissenssoziologie – und hier insbesondere der Methode des Symphilosophein – nicht erklärt werden kann. Letztlich befruchten sich Wissenssoziologie und philosophische Anthropologie im Symphilosophein gegenseitig: Denn hier verbindet sich das Nachdenken über den Menschen als Ganzes und als Lebewesen im Kosmos mit dem Bemühen, im Rahmen der sich im historischen Fluss verändernden Gesellschaft verbindliche Werte für das Zusammenleben festzulegen, die wiederum die philosophische Suche nach Wahrheitskriterien nähren. Diese enge Verbindung von Gesellschaft, Wert und Wahrheit macht die Relevanz des Konzeptes des Symphilosophein für aktuelle Debatten (bspw. um Migration) und die Art und Weise, wie diese Debatten geführt werden (Stichwort: Populismus) deutlich und markiert zugleich die Nahtstelle, an der die Stimme(n) der philosophischen Anthropologie(n) sich in den Dialogprozess einschalten kann (können).

II. Epistemische Praktiken: Anthropologie, Phänomenologie und Psychologie

Was sich bereits in den Beiträgen der ersten Sektion abzeichnete, ist die tiefe Verflochtenheit von philosophischer Anthropologie und Ontologie mit den Lebenswegen und Lebensumständen der drei Denker. Der Beitrag von Emanuele Caminada bildet einen Übergang zwischen den Sektionen, da er die historischen Bedingungen der Kölner Konstellation zum Ausgangspunkt nimmt und von hier aus im Geiste Fischers nach dem systematischen Verbindungsstück sucht. Vor dem Hintergrund dieser Suche schlägt Caminada vor, die »Philosophische Anthropologie als Konvergenzwissenschaft« zu verstehen: Er betont, dass alle drei Denker in ihrer gemeinsamen Zeit in Köln zwischen 1919 und 1928 aus geographischen Ursachen eine genuine ›Kölner Konstellation‹, jedoch aus ontologischen Gründen eine ›Kölner Konstellation‹ bilden. Was diese Philosophen verbindet, ist die Annahme einer Schichtenontologie. Dies führt Caminada zu der ersten These, dass Hartmanns kritische Ontologie mit ihrer Annahme eines materialen Apriori als Rückgrat der philosophischen Anthropologie fungierte, wie sie dann bei Plessner und Scheler ihre Ausarbeitung fand. Eng damit verbunden ist die zweite These, dass allen drei Entwürfen letztlich eine Fundierung durch eine phänomenologische Ontologie zugrunde liegt, wie sie von Edmund Husserl (1859–1938), dem Begründer der Phänomenologie, ausgearbeitet wurde. Indem Caminada diese phänomenologische Ontologie als das Alleinstellungsmerkmal der ›Kölner Konstellation‹ gegenüber späteren philosophischen Anthropologien behauptet, legt er eine These vor, die es in den kommenden Jahren zu überprüfen gilt. Darüber hinaus zeigt er wie sich anhand des Verständnisses der Anthropologie als Konvergenzwissenschaft neben den Gemeinsamkeiten auch die Divergenzen zwischen Scheler, Hartmann und Plessner konturieren lassen.

Die weiteren Beiträge dieser Sektion stellen sich die Aufgabe, die enge Verbindung von Anthropologie, Phänomenologie und Ontologie zu erforschen, erweitern dabei jedoch noch den Blick um die Psychologie, wobei erneut Scheler als zentrale Vermittlerfigur zwischen den Disziplinen fungiert: Íngrid Vendrell Ferran liefert eine pointierte Darstellung von »Emotional Expression: The Phenomenological View«, der es nicht um eine Ontologie der Werte (also was Werte sind und in welchem Verhältnis sie bspw. zum Denken oder Wollen stehen), sondern um eine Epistemologie geht (wie also Werte erkannt werden bzw. welche Funktion diese in unserer Erkenntnistätigkeit haben). Zunächst stellt sie der weit verbreiteten Überzeugung, dass Ausdruck einer Emotion die externe körperliche Darstellung eines internen psychologischen Zustandes ist, die phänomenologische Perspektive gegenüber. Diese nimmt ihren Ausgang beim lebendigen Körper (›lived body‹), den sie dem physischen Körper (›physical body‹) gegenüberstellt. Auf dieser Grundlage diskutiert sie (unter anderem) eine These Schelers – dass Werte in einem Fühlen, nicht aber in einem Gefühl erfahren werden – in Auseinandersetzung mit Denkern wie Meinong, Reinach, Geiger oder y Gasset und erzeugt so ein Panorama der Wertetheorien zur Zeit Schelers bzw. im Anschluss an diesen.

Diese phänomenologische Untersuchung von Fühlen und Werten bei Vendrell Ferran ergänzt Eugene Kelly durch eine des Wollens und des Willens unter dem programmatischen Titel: »Can There Be a Phenomenology of Free Will?« Im Ausgang von den vier Dimensionen der Frage nach einem freien Willen – der metaphysischen, ontologischen, anthropologischen und phänomenologischen – nimmt er mit Scheler und Hartmann Phänomene in den Blick, anhand derer sich die menschliche bzw. personale Willensfreiheit exemplarisch zeigt (Können, Moral, Handeln u. s. w.). Auf diese Weise gelingt es Kelly in kritischer Auseinandersetzung mit den experimentellen Neurowissenschaften eine Phänomenologie der Willensfreiheit zu konzipieren, die die Annahmen des Liberalismus anthropologisch fundiert, ohne gegenüber den Argumenten des Determinismus taub zu sein. Derart exemplifiziert Kelly das synergetische Potenzial zweier Denker für Grundfragen der Philosophie, das gemäß der Annahme von phänomenologisch-ontologischer Konvergenz bei Caminada bereits ausgewiesen wurde.

Die Sektion beschließt der Beitrag von Alexander Nicolai Wendt unter dem Titel »Unsichtbar und unerhört: Kontroversen um Max Schelers Wertphilosophie«. Darin knüpft er an den scheinbar widersprüchlichen Umstand an, dass Scheler einerseits als die im Deutschland des beginnenden 20. Jahrhunderts »stärkste philosophische Kraft« wahrgenommen wurde3, jedoch andererseits zahlreiche seiner wagemutigen Gedankengänge zu Lebzeiten ebenso wie posthum keinen Widerhall fanden. Dazu gehört Wendt zu Folge insbesondere die Auffassung, dass die Werterfahrung, »die uns echte objektive Gegenstände und eine ewige Ordnung zwischen ihnen zuführt« eine vom Verstand vollkommen verschiedene Form der Erfahrung sei.4 Um nun die spezifische Signatur der Schelerschen Axiologie herauszuarbeiten, kontextualisiert Wendt diese zunächst historisch durch den Vergleich mit einer weiteren Wertphilosophie des frühen 20. Jahrhunderts, nämlich der des Neukantianers Heinrich Rickert. Darauf aufbauend verteidigt er in systematischer Hinsicht die Nähe der Schelerschen Wertlehre zur Alltagserfahrung gegen den sogenannten ›Paraoptik-Vorwurf‹ von Bernhard Waldenfels, der in Schelers Wertlehre nichts anderes zu erkennen vermag als eben Alltagserfahrung in ›neuen Kleidern‹. Bei diesen Überlegungen leitet Wendt die originäre These Schelers, der gemäß die Wertnehmung gegenüber der Wahrnehmung primär ist und dass Werte als unsichtbar, als der Wahrnehmung gänzlich fremd und sie zugleich fundierend zu beschreiben sind.

III. Anthropologische Grenzen: Animalität, Personalität und Geist

Ein zentrales Anliegen der Philosophischen Anthropologie und Ontologie Hartmanns, Plessners und Schelers lautete, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Mensch, Pflanze, Tier und anderen Entitäten (z. B. rein geistigen Wesen) zu erörtern, um spezifische Differenzen zu markieren, die conditio humana herauszuarbeiten und schließlich eine vertiefende Verhältnisbestimmung (u. a.) von Natur und Geist leisten zu können. Die dritte Sektion liefert vor diesem Horizont anthropologischer Grenzziehungen einerseits vertiefende Verhältnisbestimmungen zwischen den drei Denkern und markiert andererseits, insbesondere im Ausgang von Plessner, innovative Verbindungslinien der philosophischen Anthropologie zu Gendertheorie, Alteritätsphilosophie, Transhumanismus, Fundamentalontologie und Psychopathologie.

Unter dem Titel »Geistiges Sein und Parteilichkeit« diskutiert Volker Schürmann die These der Anthropologie als Wissenschaft nicht des Menschen, sondern der Person. Als solche schon bemerkenswert, vertieft er diese These dadurch, dass die gesuchte Klammer zwischen Hartmann, Plessner und Scheler darin zu finden sei, dass sie geistiges Sein als Sein von Personen konzipieren. Indem Schürmann das historische Novum der bürgerlichen Revolutionen in Frankreich und Amerika herausstellt – dass nämlich der Statusbegriff der Person mit der sozialen Kategorie des Akteurs sowie der biologischen Gattung Mensch in Deckung gebracht wurde –, gelingt es ihm in der Folge, die Unterschiede der drei Philosophien auf der Basis des Gemeinsamen herauszustellen: Anders als Scheler gehen Plessner und Hartmann von der Leibgebundenheit des Geistes aus; und anders als Hartmann stellt Plessner die unhintergehbare Parteilichkeit allen Denkens in den Mittelpunkt seines Philosophierens. Dabei können die drei Denker sich nur inhaltlich ›abhängen‹, so umschreibt Schürmann dies bildlich, weil sie ›Teil eines gemeinsamen Zuges‹ sind.

Lisa Alexandra Henke prüft am Beispiel der postpartalen Depression die Anwendbarkeit der Plessnerschen Positionalitätslehre auf Herausforderungen von Posthumanismus, Feminismus und Psychopathologie. Im Anschluss an feministische Care-Debatten der 1980er und 90er Jahre, die die fundamentale ethische Relationalität zwischen Menschen betonten, erweitern in jüngster Zeit posthumanistische Akteurs-Debatten diese Perspektive, indem sie von einer radikalen ontologischen Verbundenheit aller innerweltlichen Akteure ausgehen. Folglich wird im Zuge der Ausweitung des Begriffs der Sozialität in den Science and Technology Studies auch der Begriff der Sorge vom Menschen dezentriert und auf weitere Akteure erweitert. Um der sich hier vollziehenden Nivellierung der Unterschiede zu begegnen, ohne zugleich die wichtigen Lehren aus der Relativierung der menschlichen Perspektive aufgeben zu müssen, behauptet Henke »die exzentrische Struktur der Sorge«. Sorge wird mit Plessner als grenzrealisierende Praxis verstanden, durch die der Bezug zum Selbst, zum Anderen und zur Welt im Sinne eines medial und technisch zugeschnittenen Zukunftsbezugs realisiert wird. Dabei macht Henke am Beispiel der postpartalen Depression deutlich, dass durch die exzentrische Struktur der Sorge auch die Möglichkeit des »Verlustes des Worum der Sorge, das augenblickliche Verlieren aller weltlichen und leiblichen Bezüge, die Abgehobenheit in der Praxis des In-Sorge-Seins selbst« besteht. Derart gelingt es Henke ein Kriterium für die »seinsentsprechende Distanz« zwischen den jeweiligen Lebensformen zu bestimmen.

Hannes Wendler versucht in seinem Beitrag unter dem Titel »Deus Absconditus! Homo Absconditus. Animal Absconditum?« einen Brückenschlag zwischen der philosophischen Anthropologie Plessners und der postmodernen Alteritätsphilosophie Levinas’. Er lässt dazu die Ausführungen Levinas’ zur grundlegenden Fremdheit des Menschen in dem Plessnerschen Konzept des homo absconditus aufgehen, um am entscheidenden Punkt ihrer theoretischen Konvergenz auf einen gemeinsamen Mangel hinzuweisen: Alterität und Unergründlichkeit werden nur dem Menschen vorbehalten, obwohl eine Erweiterung auf Tiere gemäß einem alteritätssensiblen Denken prinzipiell möglich wäre. Doch wie für Plessner nur der Mensch prinzipiell unergründlich ist, so kann auch für Levinas nur der Mensch absolut fremd sein. Diese Grenzziehung sprengt Wendler auf, indem er auch dem Tier zuspricht, was ihm üblicherweise abgesprochen wurde: eine tiefe Verborgenheit und Andersartigkeit. So geht er mit Levinas und Plessner über beide hinaus und führt, anhand einer gewagten tierphilosophischen Transformation des homo absconditus, den Begriff des animal absconditum ein, der als Anstoß einer vertiefenden Diskussion verstanden werden kann.

Die Beiträge dieser Sektion zeigen auf je unterschiedliche Weise, wie wichtig es ist, das historische Ineinander von philosophischen, biologischen und soziologischen Bestimmungsversuchen von Lebensformen kritisch zu reflektieren. Auch im letzten Beitrag dieser Sektion steht, wie schon bei Henke und Wendler, das Verhältnis von Mensch und Tier im Zentrum. Seit ihrer Artikulation birgt die anthropologische Bestimmung des Menschen als vernünftiges Tier das Potenzial einer eigentümlichen Form des Schreckens und Erschauderns, die Thiemo Breyer unter dem Titel »Bestien – Zur Anatomie des Schreckens vor dem Animalischen« phänomenologisch darstellt. Das Tier mag in seiner triebhaften Wildheit und tödlichen Brutalität angsteinflößend sein, doch erst wenn wir eine derartig animalische Gewalt in menschlichen Sinnzusammenhängen entdecken – seien sie politischer, sozialer oder individueller Natur – kommt jene Form von Grausamkeit und von damit einhergehendem Grauen zustande, dem Breyer das Prädikat bestialisch zuschreibt. Er untersucht dieses Verhältnis anhand unterschiedlicher Figurationen – namentlich der blutigen damnatio ad bestias in den römischen Arenen, den mittelalterlichen Tierprozessen sowie der Praxis des Amoks – und zeigt im Zuge dessen, welche Erfahrungsgehalte, Reaktionen und Bedeutungsebenen sich aus der jeweiligen Verquickung des menschlich-vernünftigen mit dem Animalischen ergeben.

IV. Interdisziplinäre Praxis: Philosophie, Wissenschaft und Gesellschaft

Der erste Beitrag der vierten Sektion von Roberta de Monticelli folgt unter dem Titel »Cultural Anthropology: An Axiological Approach« der vielschichtigen Geschichte und Axiologie der Kulturanthropologie. Den Ausgang bildet die UNESCO Constitution von 1945, die de Monticelli als ›normative Inkarnation der praktischen Vernunft‹ beschreibt, die die Werte und Prinzipien einer aufgeklärten Moral und liberaler demokratischer Prinzipien widerspiegelt. De Monticelli diagnostiziert, dass die hier auftretende Spannung – zwischen dem universalistischen Werteverständnis des kosmopolitischen Humanismus einerseits und dem relativistischen Werteverständnis der französischen Kulturanthropologie, das auch in postmodernen Philosophieverständnissen Einzug gehalten hat, andererseits – aus einem grundlegenden Missverständnis des Wertebegriffs entspringt, dem wir auch heute noch vielerorts begegnen. Demgemäß ist es das zentrale Anliegen des Beitrags, die Ursachen dieses Missverständnisses in Auseinandersetzung insbesondere mit den französischen Anthropologen wie Lévi-Bruhl und Lévi-Strauss herauszuarbeiten. Dieses Bemühen gipfelt im Dialog mit den späten Arbeiten Husserls in der Einsicht in die intrinsische Verbindung von Kultur, Philosophie und Wertlehre. Dabei lässt uns diese phänomenologische Perspektive die tiefe Verantwortung erkennen, die wir durch unsere personale Existenz für uns und unsere Mitlebewesen tragen; eine universale Verantwortung jenseits des Eurozentrismus, die die kontingenten Grenzziehungen des menschlichen Lebens transzendiert.

Doch (wie) lässt sich diese Nähe von Philosophie, Gesellschaft und Wissenschaft methodologisch abbilden? Hier ist ein Blick auf eines der interessantesten Zeitschriftenprojekte der 20er Jahre instruktiv, den Philosophischen Anzeiger, den dessen Gründerfigur Plessner explizit als transdisziplinäre Zeitschrift für die Zusammenarbeit der Philosophie mit den Einzelwissenschaften verstand. In ihrem Beitrag nimmt Julia Gruevska dieses ambitionierte, innovative und fordernde Vorhaben unter der Überschrift »›Kritische Forschung und forschende Kritik‹. Triadische Transdisziplinarität in Helmuth Plessners Philosophischem Anzeiger« genauer in den Blick. Trotz des geringen wirtschaftlichen Erfolges dieses Projektes muss Plessner als einzigartiger Fürsprecher und Multiplikator einer philosophischen Idee gesehen werden, die von einer tiefen gegenseitigen Befruchtung der Philosophie und der Einzelwissenschaften ausgeht, die nicht zuletzt in der Kooperation Plessners mit Buytendijk in der gemeinsamen Grundlegung einer philosophischen Biologie des Lebens eine ganz konkrete Umsetzung fand. Im Sinne einer Plattform für transdisziplinäre Kooperation ging es beim Anzeiger darum, ein nachhaltig wirkendes Netzwerk aufzubauen, um eine Transformation des Denkens in Disziplinen einzuleiten und innovative Wissenschaftsstrukturen zu generieren. Aus diesem Grund stand Plessner in engstem Kontakt mit zahlreichen Größen seines Fachs, nicht zuletzt auch mit Hartmann.

Diese und ähnliche Synergien zwischen den drei Philosophen sind vor dem Hintergrund der bisherigen Erkenntnisse (auch dieses Bandes) nicht überraschend. Das große synergetische Potenzial wird aber noch besser verständlich, wenn wir weitere theoretische Entwürfe ihrer Zeit beachten, mit denen sich Scheler, Plessner und Hartmann auf ihre Weise kritisch auseinandersetzten: In ihrem Beitrag »›Von Natur aus?‹« blickt Susan Gottlöber auf »Darwin und die Evolutionstheorie aus der Perspektive der Schelerschen Anthropologie« und liefert »einen ersten Problemaufriss«. Mit Gottlöber können wir uns in Erinnerung rufen, dass im ausgehenden 19. Jahrhundert noch eine rege Diskussion um die konkrete Gestalt der Evolutionstheorie herrschte, die wiederum neue Antworten auf zentrale Fragen des Menschseins evozierte. Dieser Diskurs provozierte zudem eine umfassende interdisziplinäre Diskussion der Wissenschaften, an der sich Max Scheler, wie Gottlöber zeigt, als engagierter Teilnehmer beteiligte. Er verfolgte aus phänomenologisch-anthropologischer Warte die naturwissenschaftliche Entwicklung akribisch und verarbeitete neue Erkenntnisse unter kritischer Einbeziehung von Lebensphilosophie und Vitalismus im Rahmen seiner philosophischen Anthropologie. Insbesondere mit Bezug auf die ›Urphänomene‹ Leben und Geist kann Scheler die spezifische Differenz von Tier und Mensch artikulieren: Zwar begreifen beide Phänomene des Lebens, aber der Mensch gehört als Geistwesen einer Seinssphäre an, die dem Tier schlechterdings verschlossen bleibt.

Corvin Rick knüpft in seinen »Sondierungen zur evolutionären Anthropologie des ›Atmosphären‹-Begriffs« an das Erbe des Evolutionsgedankens an und schlägt von hier aus in systematischer Manier die Brücke von philosophischer Anthropologie zu Ethnologie und Ethologie. Sich der Gefahr des Zoomorphismus durchaus bewusst, parallelisiert Rick das ethologische Konzept der Stimmungsübertragung mit dem Ausdrucksverhalten von Menschen in ritualisierten Praktiken und lässt die gewonnenen Einsichten im phänomenologischen Begriff der Atmosphäre von Hermann Schmitz aufgehen. Ähnlich dem Gruppenverhalten von Tieren, wo anhand bestimmter Ausdrucksbewegungen und -laute Stimmungen auf Artgenossen übertragen werden können und gleichsam das Verhalten im Sozialverband synchronisiert wird, lässt sich auch eine wechselseitige Stimmungsassimilation durch standardisiertes Ausdrucksverhalten innerhalb der menschlichen Praxis des Rituals feststellen. Damit macht Rick einen Vorstoß in Richtung einer interdisziplinären Anthropologie an der Schnittstelle zwischen Phänomenologie und evolutionärer Verhaltensforschung, die zur weiteren empirischen Validierung und theoretischen Vertiefung einlädt.

Diesem Gestus einer interdisziplinären Anthropologie folgt auch Marie Louise Herzfeld-Schild in ihrem Beitrag über »Metapher und Mitvollzug. Zwei Ansätze zum Zusammenhang von Musik und Emotionen bei Plessner«. Da Plessner das Verständnis der spezifischen Modalitäten des Hörsinns und die Verwandtschaft von Körper und Klang in den Mittelpunkt seiner musiktheoretischen Überlegungen stellt, erlaubt es dieser Ansatz – so die zentrale Annahme des Beitrags –, über neueste Theorien des Embodiments und der Praxeologie hinauszugehen. So kann Herzfeld-Schild dualistischen Konzeptionen, in denen zwischen Rezipient und Kunstwerk einerseits sowie zwischen emotionaler Erfahrung und körperlichem Ausdruck andererseits binär unterschieden wird, den Begriff des mindful body entgegensetzen. Dieser ist Instrument und Akteur zugleich und stellt aktiv – wenn auch habituell bedingt durch den gesellschaftlich-kulturellen Kontext – seine emotionale Musik-und Klangerfahrung selbst her. Auf diese Weise gelingt es Herzfeld-Schild, die interdisziplinäre Anthropologie Plessners aus kulturwissenschaftlicher Perspektive fruchtbar zu machen und die dynamischen Verhältnisse von Körper und Musik, Resonanz und Vollzug, Gefühl und akustisch-klanglicher Erfahrung zu erhellen.

V. Interdisziplinäre Anthropologie der Zukunft: Mensch, Technologie und Umwelt

Die Beiträge der fünften und letzten Sektion erlauben es, die Bedeutung der interdisziplinär orientierten Anthropologie und Ontologie von Hartmann, Plessner und Scheler für die großen Fragen von Gegenwart und Zukunft hervorzuheben, die mit Stichworten wie Technologie, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Klimawandel verknüpft sind.

Jos de Mul zeichnet unter dem Titel »The Political Task of Philosophical Anthropology in the Age of Converging Technologies« ein weites Panorama, in dem die philosophische und interdisziplinäre Anthropologie gegenwärtig unverzichtbar ist: Die immer stärker werdenden Biowissenschaften, die mehr und mehr mit den Informationswissenschaften verschmelzen und von hier aus das althergebrachte Verständnis des Menschen als freie und selbstbestimmte Person in Frage stellen. De Mul nimmt die Kritik des Reduktionismus und Neo-Darwinismus, die Plessner im Rahmen seiner philosophischen Anthropologie und politischen Philosophie formuliert, zum Ausgangspunkt, um so den Fluchtpunkt dieses biopolitischen Projektes auszuloten: der Übergang der humanen zur trans- oder posthumanen Lebensform. De Mul macht dabei eindrücklich klar, worum es bei einer interdisziplinären Anthropologie und ›Philosophischen Anthropologie als interdisziplinären Praxis‹ geht: fundamentale Einsichten in das Wesen des Menschen zu verteidigen und dabei den vielfältigen wissenschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart auf Augenhöhe kritisch zu begegnen.

Doch können wir die informationstheoretische Transformation menschlichen Geistes überhaupt philosophisch nachvollziehen? Daire Boyle versucht genau dies in seinem Beitrag über »Approaching Artificial Consciousness via Schelers Framework: Considering the Possibility for Geist in Machines«. Zu diesem Zweck sondiert Boyle die Fruchtbarkeit der Schelerschen Stufenontologie in Die Stellung des Menschen im Kosmos für Künstliche Intelligenzen (KI). Dabei kommt Boyle zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Auch wenn nicht alle Charakteristika des psychischen Lebens (nach Scheler: Instinkt, assoziatives Gedächtnis und praktische Intelligenz) von Maschinen realisiert werden können, so weisen Maschinen mit KI auf der phänomenologischen Beschreibungsebene Merkmale von Geistigkeit auf, wenngleich der Übergang vom Psychischen zum Geistigen nicht, wie bei Scheler, über den Gefühlsdrang verläuft. Mit einem spekulativen Gestus lädt Boyle zur Re-evaluation der Schelerschen Stufenlehre mit Blick auf die Partizipation von nicht-menschlichen Akteuren an Geistigkeit ein. So betont er, dass wir die drei zentralen Eigenschaften des Geistes, die Scheler (zumindest teilweise zu Unrecht) der tierischen Lebensform abspricht – also Freiheit, Gegenstands-Sein und Selbstbewusstsein – nicht a priori auch der maschinellen Existenzform absprechen können.

Um die gegenwärtig drängende Menschheitsaufgabe eines verantwortlichen Umgangs mit den natürlichen Grundlagen alles Lebens zu adressieren, blickt Evrim Kutlu auf »Max Schelers Wertetheorie«. Unter Einbeziehung aktuellster Erkenntnisse zu Klimawandel und Klimaforschung und eingedenk der Fragmentierung von Interessen zentraler Klimaakteure betont Kutlu, dass die naturphilosophische Metaphysik Schelers – die er nicht nur mittels interdisziplinärer Methoden, sondern auch mit Hinblick auf ihre soziopolitische Funktion konzipierte – genau zu den »Anforderungen einer veränderten ökologischen Ethik« passe, die heute dringender denn je benötigt wird. Kutlu insistiert mit Scheler darauf, dass eine Philosophie, die sich als offen gegenüber den Fragen und Problemen der Gesellschaft versteht, vor allen in Zeiten der globalen Klimakrise dazu angehalten ist, einen alternativen Blick auf die Natur als Ganze aufzuzeigen und von hier aus solidarische und verantwortliche Handlungsweisen des Menschen darzulegen.

Die technische Durchdringung unserer Lebenswelt und die damit verbundenen Möglichkeiten und Wirklichkeiten, die von De Mul, Boyle und Henke im Hinblick auf Fragen von Neo-, Post- und Transhumanismus bereits sondiert wurden, werden von Johannes F. M. Schick unter dem Titel »Mein fremder Killer in mir: Menschen, Organismen und Designer-T-Zellen« am Beispiel der Immuntherapie konkretisiert. Bei dieser Therapie werden Betroffenen in einem aufwendigen Verfahren ihre biotechnisch modifizierten Immunzellen, die CAR-T-Zellen, reinjiziert, die sich so zu einem ›fremden Killer in mir‹ transformieren. Wie Schick ausführt, verknüpft der dabei stattfindende Prozess Menschen, Organismen und Dinge innerhalb einer Operationskette, die die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt sowie zwischen dem, was als Eigenes und Fremdes erfahren wird, verschwimmen lässt. Vor diesen Horizont führen Schicks Überlegungen am Leitfaden der Überlegungen von Denker*innen wie Bergson, Canguilhem, Simondon, Haraway und vielen weiteren zu vertiefenden Einsichten über das Verhältnis von Natürlichkeit und Künstlichkeit, Organischem zu Technischem und von Gesundheit und Krankheit.

Wie Evrim Kutlu mit Scheler so blickt schließlich Keith Peterson mit Hartmann auf die gegenwärtig drängende Herausforderung des Klimawandels. Indem er nach »Hartmann’s Contribution to an Ecological Materialist Anthropology« fragt, legt er das kritische und kreative Potenzial der Hartmannschen Schichtenontologie frei. Hartmanns Ontologie ist kritisch, weil sie voreiligen Reduktionismen vorbeugt; und sie ist kreativ, weil mit Hartmann das Ineinander der unterschiedlichen ontologischen Stufen dabei hilft, die Einzigartigkeit des Menschen zu erfassen, ohne dessen leiblich-entwicklungsgeschichtliche Verankerung in der Welt (und dessen Abhängigkeit von dieser) aus dem Blick zu verlieren. Dabei unterstreicht Peterson noch einmal die Anschlussfähigkeit des Hartmannschen Denkens, das über Jahrzehnte hinweg nahezu vergessen schien. Damit zeigt sich einmal mehr die Bedeutung, die Hartmann – dessen ›Disputationen‹/›Circel-Protokolle‹ für die Wissenschaftslandschaft der Weimarer Republik von hoher Strahlkraft waren – innerhalb der Kölner Konstellation besaß. Zudem bestätigt die fünfte Sektion, warum diese drei Denker für die großen Fragen von Gegenwart und Zukunft bedeutsam sind und womöglich von zunehmender Bedeutung sein werden. Dies liegt nicht zuletzt daran – das ist die These dieses Bandes –, dass sie die philosophische Anthropologie und Ontologie als interdisziplinäre Praxis konzipierten.

Dank und Plädoyer

Abschließend sei all denen namentlich gedankt, ohne die die namensgebende Veranstaltung und der vorliegende Band nicht möglich gewesen wäre: Allen voran den Präsidenten der drei philosophischen Fachgesellschaften – Olivier Agard, Volker Schürmann und Frederic Tremblay –, allen Kolleg*innen, die im Vorfeld bei der Organisation und Gestaltung unverzichtbare Dienste geleistet haben – Thiemo Breyer, Emanuele Caminada, Niklas Grouls, Katherina Kalinowski, Andrew Krema, Evrim Kutlu, Sidonie Kellerer, Johannes Schick, Matthias Schloßberger, David Sittler und Paula Vosse –, die bei der Realisierung des Bandes eine unverzichtbare Hilfe waren – Anne Korfmacher, Bernd Quante und Verena Wurth –, sowie alle helfenden Hände vor, während und nach Tagung und Workshop – also allen Mitarbeiter*innen der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities, des Thomas-Instituts und der Fritz Thyssen Stiftung.

Ein ganz besonderer Dank gilt der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Universität zu Köln für die gewährte Tagungsförderung, die für die erfolgreiche Durchführung der Tagung ebenso wie für das Zustandekommen dieses Bandes eine unerlässliche Voraussetzung darstellt. Unser Dank gilt ferner den Autor*innen sowie den Verlagen mentis und Brill, namentlich Frau Lisa Sauerwald und Herrn Michael Kienecker, für die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Zu guter Letzt soll darauf hingewiesen werden, dass der produktive Gemeingeist des Research Labs der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne eine zentrale Bedeutung für die Konzipierung und Realisierung von Tagung und Tagungsband hatte. So ist dieser Band auch die Frucht einer jahrelangen Diskussion um die gegenwärtige Möglichkeit einer interdisziplinären Anthropologie, die weder der Skylla einer mehr oder weniger isolierten philosophischen Grundlegung, noch der Charybdis einer disziplinären Atomisierung verfällt. ›Interdisziplinäre Anthropologie‹ bezeichnet den Versuch, derartige Klippen zu umschiffen und die verschiedenen Zugänge von Menschen zum Menschen miteinander zu vermitteln. Diese auch für das ›Kölsche Dreigestirn‹ charakteristische Verknüpfung von individuellen Lebenswegen mit institutionellen Rahmenbedingungen kann als ein Plädoyer für nachhaltige Strukturen verstanden werden, die sich nicht nur auf eine Karrierestufe der akademischen Ausbildung beschränken, sondern ein lebendiges Umfeld für integrative, internationale und interdisziplinäre Forschung bieten.

Erik Norman Dzwiza-Ohlsen & Andreas Speer im Januar 2021 in Köln

1

Hierzu Knoch, H./Jessen, R./Ullmann, H. P. (Hg.): Die Neue Universität zu Köln. Ihre Geschichte seit 1919, Wien–Köln–Weimar 2019, S. 33–65.

2

Scheler, M.: Die Stellung des Menschen im Kosmos, Hamburg 2018, S. 7f.

3

Heidegger, M.: Andenken an Max Scheler. In: Max Scheler im Gegenwartsgeschehen der Philosophie, hg. von P. Good. Bern/München 1975, S. 9.

4

Scheler, M.: Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik, Halle 1921, S. 262.

Philosophische Anthropologie als interdisziplinäre Praxis

Max Scheler, Helmuth Plessner und Nicolai Hartmann in Köln – historische und systematische Perspektiven

Metrics

All Time Past Year Past 30 Days
Abstract Views 0 0 0
Full Text Views 17 17 4
PDF Views & Downloads 0 0 0