Hundert Jahre Dunkelheit?

Nachwort: Zur Geschichte der polaristischen Forschung an Goethes Farbenlehre

In: Goethe, Ritter und die Polarität
Author: Olaf Müller

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Statt den vorliegenden Sammelband zu resumieren, soll hier im Nachwort die hundertjahrige Forschungstradition skizziert werden, auf die seine Beitrage zustimmend oder ablehnend reagieren. Aus Sicht mancher Vertreter der herkommlichen Physik ware Hundert Jahre Dunkelheit vielleicht deshalb ein ins Schwarze treffender Name dieser Tradition, weil sie der hellen Wahrheit und Klarheit der bekannten Optik nur aus dunklen Beweggrunden widerspricht. – So selbstkritisch ist der Titel dieses Nachworts aber nicht gemeint. Stattdessen soll damit einerseits die Frage wachgehalten werden, ob man die Rolle der Dunkelheit in der Optik vielleicht wichtiger nehmen sollte, als es sich seit Newtons Tagen durchgesetzt hat. Andererseits wirft der Titel durchaus selbstkritisch die Frage auf, woran es liegt, dass es hundert Jahre lang kaum gelungen ist, den Reichtum der empirischen Forschungsergebnisse zur gleichberechtigten Hell / Dunkel-Symmetrie bekanntzumachen und ans Licht der wissenschaftlichen Offentlichkeit zu bringen. Zwei Faktoren sind dafur verantwortlich: Einerseits die Abwehr aus der herkommlichen Physik, die aus verstandlichen Grunden nicht an ihren Errungenschaften rutteln lassen mag; andererseits die auf den ersten Blick erstaunliche Tendenz vieler fruher Protagonisten der polaristischen Hell / Dunkel-Forschung, sich nur untereinander auszutauschen. Vielleicht lasst sich diese Tendenz aus einem wissenschaftsgeschichtlichen Blickwinkel a la Thomas Kuhn ver standlich machen. Demzufolge kann ein neuartiges oder doch abweichendes Forschungsparadigma nur in einem gedeihlichen Umfeld überleben, in dem ein halbwegs stabiler Konsens über Leitideen, Arbeitsstrategien, Standards der Kritik usw. herrscht. Dass sich dieser Konsens hundert Jahre lang halten konnte, ist erstaunlich genug; offenbar handelt es sich um reife Wissenschaft im Sinne Kuhns. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Kein newtonisches Experiment (aus der geometrischen Optik) hat seiner vertauschungssymmetrischen Umkehrung widerstanden; es gibt sogar helle Schatten als Gegenstücke zu den bekannten dunklen Schatten. Zudem konnte man den Wärmewirkungen des herkömmlichen Spektrums (bis zum Maximum im Infraroten) tatsächlich gegenläufige Abkühlungswirkungen im Goethespektrum an die Seite stellen (bis hin zum Wärmeminimum bzw. Kältemaximum im Infratürkisen). Selbst wellenoptische und photochemische Phänomene haben ihre komplementären Gegenstücke. Ob diese empirischen Ergebnisse in ihrem systematischen Zusammenhang irgendwelche Änderungen in der herkommlichen Physik nahelegen und wie gravierend diese Änderungen im Fall des Falles wären, ist mit alledem nicht entschieden. Klar ist nur, dass es an der Zeit ist, nicht langer im Dunkeln zu munkeln; man muss sich der Diskussion mit etablierten Fachwissenschaftlern stellen.