Die ausserordentlichen Reisen des Jules Verne

Zur Wissenschafts- und Technikrezeption im Frankreich des 19. Jahrhunderts

Wenn ein umfangreiches Romanwerk über einen langen Zeitraum hinweg zahlreiche Leser interessieren kann, so muss es offenbar Probleme und Themen ansprechen, also Lesebedürfnisse erfüllen, die für die Leser von grosser Bedeutung sind. Wenn der Rezeptionszeitraum über die Epoche, in der die Texte entstanden sind, hinaus mehr als ein Jahrhundert umfasst, wird man im Werk nach Elementen Ausschau halten, die weitgehend unabhängig von jener Epoche bis heute strukturell stabil geblieben und geeignet sind, nach wie vor die Aufmerksamkeit der Leser zu fesseln. Bei der Analyse der strukturell stabilen wie auch variablen Elemente lässt sich zwischen diesen Elementen und dem allgemeinen Leseverhalten der Rezipienten eine Korrelation entdecken, die von zumindest soziologischer, wenn nicht anthropologischer Relevanz ist: Das Sozialverhalten einer bestimmten Gruppe lässt sich auch an der Literatur ablesen, die diese Gruppe liest. Das trifft in besonderem Masse auf das 19. Jahrhundert zu, weil damals der massenhaft konsumierte Roman überhaupt erst geschaffen wurde und die Romanliteratur das gleichsam natürliche Medium der aktuellen Kommunikation war. Die Hauptmotive der Romane Jules Vernes sind Abenteuer, Wissenschaft und Technik, so dass die Annahme naheliegt, dass gerade eine solche Kombination die Leser in hohem Masse anspricht. Dieses Buch versucht, Fragen nach der Wirkung dieser Kombination zu beantworten. Es gilt dabei vor allem herauszuarbeiten, welche Grundstrukturen des Sozialverhaltens hinter der Rezeption des Verneschen Werkes standen und noch stehen und welche Bedeutung Wissenschaft und Technik in diesem Zusammenhang wirklich hatten. Dazu ist es nötig, die eigene Rezeption Vernes zu untersuchen, vor allem die Rezeption der Werke E.T.A. Hoffmanns wie auch E.A. Poes. Und natürlich wird Jules Verne mit seinem Zeitgenossen Karl May verglichen, der eine ähnliche, im Detail aber doch ganz anders strukturierte Literaturform angeboten hat, die ihrerseits Aufschluss geben kann über die Mentalitätsunterschiede zwischen französischen und deutschen Lesern.

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