Studien zu einem semiotisch-pragmatischen Veränderungsbegriff
Author: Matthias Warkus
Was heißt eigentlich, etwas habe sich verändert? Eine gängige Antwort lautet: Es heißt, dass ein Gegenstand zwischen zwei Zeitpunkten eine Eigenschaft verloren oder eine neue bekommen hat. Nun gerät man in größte Schwierigkeiten, wenn man ausschließlich mit diesen Mitteln (Gegenstände, Eigenschaften, Zeiten) die sich verändernde Welt plausibel und alltagstauglich beschreiben möchte. Es besteht daher unter den Philosophen, die einen Begriff von Veränderung als Eigenschaftswechsel akzeptieren, keinerlei Einigkeit über dessen genauen Entwurf. Dieses Buch macht den radikalen Gegenvorschlag, Veränderung als Verhältnis zwischen bedeutsamen Handlungen (d.h. Zeichen) zu beschreiben, ohne von Gegenständen, Eigenschaften und Zeiten zu reden. Als Grundlage dient dabei eine robuste, auf Praxistauglichkeit hin, aber ohne unzulässige Vereinfachung entwickelte Lesart der Zeichentheorie von C. S. Peirce. Dabei erweist sich ein solcher semiotisch-pragmatischer Veränderungsbegriff als schlüssig, anschlussfähig und nützlich. Veränderung als Eigenschaftswechsel stellt sich mit der richtigen Interpretation ihrer Voraussetzungen als Spezialfall des allgemeineren semiotisch- pragmatischen Begriffs heraus.
Der Band versammelt einschlägige Texte zum Thema der auf pharmazeutischer oder neurotechnischer Manipulation basierenden moralischen Verbesserung des Menschen. Diese Debatte umfasst Fragen der Anwendung und der praktischen Relevanz ebenso wie Reflexionen auf klassische Themen der Philosophie wie den Begriff der Person, der Verantwortung, der Würde und der Frage, was den Menschen ausmache. Damit wird der Band diese Debatte, die bekannte Dimensionen der Enhancement-Debatte weit übersteigt, erstmals einer deutschsprachigen akademisch interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen. Mit Beiträgen von John R. Shook, Julian Savulescu & Ingmar Persson, R. van Riel & Jan Schildmann, Ezio Di Nucci, Thomas Douglas, Nicole A Vincent und Nick Bostrom.
Kritische Studien zur transtemporalen Identität von Personen
Die gegenwärtige Diskussion um Personen und ihre transtemporale Identität steckt in einem Dilemma: Reduktionisten demontieren die Idee transtemporaler personaler Identität im Rahmen ihrer empirischen Analyse; Nichtreduktionisten verwandeln sie im Gegenzug in ein substanzmetaphysisches Mysterium. Transtemporale personale Identität wird entweder ‚wegerklärt‘ oder ‚pseudoerklärt‘. Die dilemmatische Struktur des Diskurses stellt unsere alltägliche Überzeugung, daß Personen länger als einen Augenblick existieren, radikal in Frage: In dem Maße, wie die transtemporale Identität von Personen sich offenbar systematisch einer befriedigenden metaphysischen Erklärung entzieht, erheben sich fundamentale Zweifel an ihrer Wirklichkeit. Mindestens ebenso fragwürdig wird aber auch die Metaphysik, die sich erfolglos an einer solchen Erklärung versucht. Die vorliegenden kritischen Studien erkunden die Möglichkeiten eines Ausweges aus dem, wie sich zeigt, weder neuen noch harmlosen Dilemma. Mit Kants Augen betrachtet manifestiert sich hier vielmehr eine fundamentale Dialektik, deren Gründe in der Struktur der menschlichen Vernunft liegen und in deren Folge die Metaphysik überhaupt einem unergiebigen Kampfplatz gleicht. Die Möglichkeit einer befriedigenden metaphysischen Erklärung transtemporaler personaler Identität entscheidet sich an der Möglichkeit einer ›guten‹ Metaphysik, die jene Dialektik hinter sich zu lassen in der Lage wäre.
Zur kohärentistischen Metaethik Julian Nida-Rümelins
Der Moralische Realismus vertritt die These, dass sich moralische bzw. ethische Urteile objektiv begründen lassen. Er hat in den letzten Jahrzehnten immer mehr Anhänger gefunden. Sein bekanntester Vertreter im deutschsprachigen Raum ist Julian Nida-Rümelin. Neben zwei Originalbeiträgen, in denen Nida-Rümelin seine Position des moralischen Realismus präzisiert und verteidigt, enthält dieser Band Aufsätze, welche diese Position aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit unterschiedlicher Zielrichtung diskutieren. Mit Beiträgen von Julian Nida-Rümelin, Fiorella Battaglia, Monika Betzler, Christine Bratu, Jan-Christoph Heilinger, Georgios Karageorgoudis, Elif Özmen, Dietmar von der Pfordten, Thomas Pogge, Martin Rechenauer und Thomas Schmidt.
Series:  ethica, Volume: 30
Author: Jörg Löschke
Was ist Solidarität? Welchen Platz sollte der Begriff in unserem moralischen Vokabular haben? Gibt es eine moralische Pflicht zur Solidarität? Oder ist solidarisches Handeln supererogatorisch – also löblich und gut, ohne von Personen eingefordert werden zu können? Um diese Fragen zu beantworten, entwickelt dieses Buch ausgehend von den Theorien von Jürgen Habermas, Axel Honneth und Richard Rorty eine Solidaritätsauffassung, in der der Solidaritätsbegriff auf Hilfspflichten verweist, die Mitglieder partikularer Gruppen gegeneinander haben; das Ziel dieser Hilfspflichten besteht in der Beseitigung moralischen Missständen, die die praktischen Identitäten der Gruppenmitglieder betreffen. Dadurch grenzt sich Solidarität von anderen, verwandten Begriffen wie Mitleid, Barmherzigkeit oder Loyalität ab. Begründet wird Solidarität, indem sie als ein Prinzip moralischer Arbeitsteilung aufgefasst wird: Allgemeine Hilfspflichten werden unter bestimmten Akteuren aufgeteilt, um ungerechte Zustände möglichst effizient zu beseitigen. Solidarität verbindet in dieser Auffassung Aspekte von moralischem Universalismus und Partikularismus ebenso wie von Deontologie und Konsequentialismus.
Ethische Aspekte der Einwilligung in der pädiatrischen Stammzelltransplantation
Die Knochenmarkspende von Kindern für Geschwister, die an Leukämie erkrankt sind, ist eine lebensrettende Therapie. Kinder sind aber noch nicht in der Lage, selbst eine Einwilligung zu geben. Wie sollen Kinder beteiligt werden? Welche ethischen Fragen stellen sich? Die Beiträge diskutieren moralische, rechtliche, psychologische, philosophische und gesellschaftliche Aspekte: Fragen zur Freiwilligkeit bei der Einwilligung zu einer Spende, zur Verletzlichkeit des Kindes und zu Verstrickungen in Familienbeziehungen, zum Verhältnis von Recht und Ethik, zur möglichen Diskrepanz von Kindeswohl und Kindeswille und zu den Kinderrechten. Wie sich zeigt, geht es um mehr als um die Einwilligung selbst, nämlich um das Integrierenkönnen der Spende (oder in seltenen Fällen der Entscheidung gegen sie) in die Biographie des Spenderkindes, um die psychische und narrative Verarbeitung innerhalb der Familiengeschichte, um die Sicht auf die Geschehnisse aus der Retrospektive Jahre später. Diese Aspekte haben Implikationen für das Verständnis und die Bedeutung von 'Zustimmung und Zumutung' auch in anderen Bereichen der Medizin, in denen eine rettende Behandlung kaum abzulehnen ist.
Über das Verhältnis der Mathematik zur Welt, in der wir leben
Author: Martin Lemke
Wenn ein Biologe sagt, dass Haie lebendgebärend sind, dann meint er die Haie, die durch die Meere unserer Welt schwimmen. Spricht dagegen ein Mathematiker davon, dass es zu zwei Punkten genau eine Gerade gibt, dann sagt er nichts über unsere Welt: Geometrische Linien haben nämlich keine Breite und Punkte keine Größe. Wieso kann die Mathematik aber dennoch auf diese Welt angewendet werden, obwohl sie nicht von ihr handelt? Platon erklärte, das Inventar der Welt wäre ein unvollkommenes Abbild eines höheren, nicht wahrnehmbaren, mathematischen Seins. Doch wie kann man Wissenschaft von etwas treiben, das keiner wahrnehmen kann? Platon war überzeugt, dass die Seele bereits vor der Geburt das höhere Sein geschaut haben müsste. Doch es ist einfacher: Das Verhältnis zwischen Mathematik und den Anwendungsfällen in der Welt ist dasselbe wie zwischen Darstellern und ihren Rollen. Dieses Buch zeigt, dass Darsteller mathematischer Rollen von der Antike bis heute nach denselben Castingkriterien gefunden werden. Darüber hinaus zeigt es, dass Leibnizens und Freges Identität ein Sonderfall der relativen ist, und es enthält eine Mereologie ohne Summen, nach der Teil ist, was abgetrennt werden kann.
Phänomenologische Untersuchungen zur Struktur der menschlichen Affektivität
Author: Thomas Bulka
In den vergangenen Jahren sind die Emotionen und Stimmungen des Menschen immer stärker in den Fokus der philosophischen Aufmerksamkeit gerückt. Während jedoch Emotionstheorien, die sich an den Begrifflichkeiten und Kategorien der Psychologie orientieren, Emotionen, Stimmungen und auch Atmosphären als rein subjektive mentale Phänomene auffassen, kann die phänomenologische Beschreibung diesen Interpretationsansatz nicht stützen. Das vorliegende Buch stellt sich darum die Aufgabe, das Verhältnis von Atmosphären, Stimmungen und Emotionen neu zu bestimmen. Im Zentrum der Untersuchung steht dabei das Spannungsfeld von Affektivität und Wahrnehmung. Dieser Ansatz erlaubt es nicht nur, rein mentalistische Konzeptionen der Stimmungen und Emotionen zu kritisieren, sondern darüber hinaus auch, die gesamte leiblich fundierte Existenz des Menschen als stets affektiv vorgeprägt auszuweisen. Diese Grundaffektivität verwirklicht sich, so die These des Buches, im steten Wechsel von Situationserfahrung und Gegenstandswahrnehmung und bildet die Voraussetzung für die Orientierung des Menschen in einer von Bedeutsamkeit erfüllten Welt.
Über menschliche Erkenntnis und Wissen nachzudenken, gehört spätestens seit Platons Dialogen zum Kerngeschäft der Philosophie. Seit Descartes und Locke und insbesondere bei Kant wird die Erkenntnistheorie als eine grundlegende Disziplin für die gesamte Philosophie betrachtet, die gegenwärtig eine neue Blüte erfährt. Vor diesem Hintergrund ist es verwunderlich, wie wenig Aufmerksamkeit bis vor kurzem der Frage geschenkt worden ist, wie und wozu Erkenntnistheorie eigentlich betrieben wird. Diese Frage ernst zu nehmen und explizit zu erörtern, ist das Ziel dieses Bandes. In sieben Teilen geht es um die folgenden Themen: 1. Warum Metaerkenntnistheorie?; 2. Perspektiven gegenwärtiger Erkenntnistheorie; 3. Methodologie der Erkenntnistheorie (I): Spielarten der Begriffsanalyse; 4. Methodologie der Erkenntnistheorie (II): Spielarten des Naturalismus und der experimentellen Erkenntnistheorie; 5. Neuorientierung der Erkenntnistheorie (I): Tugenderkenntnistheorie; 6. Neuorientierung der Erkenntnistheorie (II): Wissensforschung und schließlich 7. Dissense in der Erkenntnistheorie. Insgesamt ergeben sich durch die Anlage des Bandes neue Perspektiven zur Beantwortung der Frage, warum wir uns mit Erkenntnistheorie beschäftigen sollen. Mit Beiträgen von: Günter Abel, Peter Baumann, Ansgar Beckermann, Sven Bernecker, Michael Bishop, Gerhard Ernst, John Greco, Thomas Grundmann, Joachim Horvath, Andrea Kern, Dirk Koppelberg, Martina Plümacher, Duncan Pritchard, Joshua Shepherd, Ernest Sosa, Stefan Tolksdorf und Markus Wild.
Kitarô Nishidas Philosophie der modernen Physik
Author: Max Groh
Kitarô Nishida (1870-1945) ist der Begründer der 'Kyôto-Schule' und gilt als Vater der modernen japanischen Philosophie. In seiner Ontologie denkt er Realität in ihrer Struktur nicht gegenstands- oder sachlogisch, sondern grundlegend feldhaft und relational. Für ihn erhalten Dinge oder Vorgänge erst ihre Realität durch ein zugrundeliegendes und permanent produktives, rein gegenwärtiges und endlos dynamisches Feld absoluter Relationalität. In diesem Buch wird die naturphilosophische Tiefe dieses Gedankens ausgelotet. Dabei wird deutlich, dass Nishida in seinem Spätwerk seinen philosophischen Gedanken auch anhand der modernen Physik und Quantenmechanik zu veranschaulichen versuchte, einer lebenslangen mathematischnaturwissenschaftlichen Neigung Folge leistend. Nishida selbst erscheint dabei in völlig neuem Licht als naturwissenschaftlich-positivistisch orientierter, eorealistischer Denker, ohne aber gefangen zu sein in Begriffen und Weltbildern westlicher Wissenschaftstradition. Statt dessen erarbeitet er ein neuartiges Grundparadigma, das in seiner Anwendung weit über den engen Bereich der Physik hinausgehen kann und dessen Umrisse in dieser Studie veranschaulicht werden.