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Author: Hubertus Busche

Zusammenfassung

Aristoteles hat die Theorie und das Bild der Medizin im Abendland so nachhaltig geprägt wie kein anderer. Der vorliegende Beitrag legt erstens Aristoteles’ Auffassung von der Sonderstellung des Menschen im Kosmos dar, die zugleich wichtige Konzepte zur medizinischen Physiologie enthält. Zweitens werden Aristoteles’ Gedanken zur Gesundheit, Heilung und Pflege von Körper, Seele und Geist erläutert. Drittens wird der Status der Medizin zwischen Theorie und Praxis, Wissenschaft und Kunst geklärt. Viertens schließlich wird die Stellung der Medizin zwischen Gelderwerb und Ethik skizziert und anhand der Themen Abtreibung und Euthanasie Aristoteles’ politisches Ethos mit dem Ethos des Hippokratischen Eides verglichen.

In: Philosophie der Medizin

Zusammenfassung

Um die Belastung, die schwere, tödliche Krankheiten für Menschen bedeuten, im ganzen Umfang zu verstehen und um entsprechend medizinisch-therapeutisch darauf eingehen zu können, ist es wichtig, auch den Aspekt der Erschütterung der zeitlichen Orientierung zu berücksichtigen, die eine fatale Diagnose für Kranke auslösen kann. In diesem Aufsatz zeige ich, wie man die Befunde psychotherapeutischer Studien zu diesem Thema theoretisch präzisieren und vertiefen kann, indem man sie philosophisch erläutert. Dazu wird auf die phänomenologische Tradition zum personalen Zeitbewusstsein und auf Grundelemente philosophischer Theorien des guten Lebens zurückgegriffen. Die Kernthese lautet, dass eine fatale Diagnose zu einer Veränderung des personalen Zeitbezugs auf die drei Dimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft führen kann, die das Leben von Kranken zusätzlich beeinträchtigt. Ideal wäre eine Einheit der drei Zeitdimensionen, in der jede von ihnen nur so viel Aufmerksamkeit bekommt und solche eine Art von Präsenz hat, als dadurch der Bezug auf die je anderen beiden nicht behindert wird.

In: Philosophie der Medizin

Zusammenfassung

Wenn sich die Medizin am Ideal der partizipativen Entscheidungsfindung orientiert, entsteht das Problem der Vermittelbarkeit von lebensweltlichem und biomedizinischem Wissen. Der Beitrag argumentiert für eine Hermeneutik der Unübersetzbarkeit in Form von drei Thesen: (1) Sprache selbst beinhaltet schon Grenzen der Übersetzbarkeit von vorsprachlichen und sprachfernen Erfahrungsinhalten in Sprache. (2) Die Sprache klinischer Entscheidungen ist dominiert von biomedizinischem Wissen und schließt damit bestimmte Sinngehalte aus, die nur in lebensweltlicher Sprache sagbar sind. (3) Es ist wichtig, dass ein Rest Unübersetzbarkeit anerkannt wird.

In: Philosophie der Medizin
In: Philosophie der Medizin

Zusammenfassung

Die Begriffe von Krankheit und Gesundheit sind sowohl die Schlüsselkonzepte der medizinischen Wissenschaft als auch zentrale Probleme in der medizinphilosophischen Diskussion. Der Beitrag gibt einen Überblick über die theoretische Entwicklung und den Diskussionsstand in Medizin und Philosophie mit dem Schwerpunkt auf der Entwicklung seit 1950 bis heute. Nach einer Analyse des begrifflichen Verhältnisses der beiden Grundkonzepte gibt der erste Hauptteil eine Rekonstruktion des derzeitigen theoretischen Paradigmas der Medizin, nämlich des Konzeptes der Krankheitsentität, seiner theoretischen Kriterien und seines Bezugs zu den normativ-praktischen Grundlagen der Medizin. Der zweite Hauptteil setzt bei der Diskussion seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ein und gibt eine Rekonstruktion der in der medizinphilosophischen Diskussion vertretenen Hauptpositionen, insbesondere der Autoren H.T. Engelhardt, C. Whitbeck, C. Bootse und B. Gert. Im Ergebnis werden die Thesen vertreten, dass 1. das moderne Paradigma der Medizin ein theoretisch und praktisch extrem erfolgreiches Forschungsprogramm ist, das aber in der Gegenwart den Bezug zu den eigenen historischen und wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen zu verlieren droht, und dass 2. die philosophischen Krankheitstheorien aufgrund diverser gravierender Fehlwahrnehmungen den Kontakt zur medizinischen Theorie und Praxis verloren haben und sich in einer Vielzahl unterschiedlichster philosophischer Positionen zu verlieren drohen, anstatt den Erfolg des wissenschaftlichen Paradigmas zu analysieren und dessen Möglichkeiten und Grenzen kritisch zu reflektieren.

In: Philosophie der Medizin

Zusammenfassung

Palliative medizinische Therapien vermögen die Lebensqualität von Menschen mit unheilbaren Krankheiten oft über lange Zeiträume hinweg so zu stabilisieren, dass ein Alltag möglich wird, welcher sich somatisch nicht wesentlich vom Leben vor der Diagnosestellung unterscheidet. Die Unheilbarkeit manifestiert sich in diesen Situationen vornehmlich in diskursiven Elementen wie Diagnosen und medizinischen Befunden. Wir postulieren, dass sich in dieser Situation Befunde nicht auf einen abstrakten Informationswert reduzieren lassen, sondern eine leibkörperliche Wirkmacht entfalten können, indem moderne Diagnostik leibkörperlich Erfahrbares im Krankheitsverlauf erst in Erscheinung bringt und dabei auf die Vulnerabilität der Patient*innen trifft. Komplementär zum techniksoziologischen Konzept des Doing Health, das sich mit Konstitution von Gesundheit durch das Individuum befasst, nennen wir die verletzende Inkorporation von medizinischen Befunden Doing Illness. Auch für den Arzt und die Ärztin haben medizinische Befunde in der palliativen Situation eine Wertigkeit, die den Informationsgehalt übersteigt, stehen jene doch als im Heilen Geschulte einer Unheilbarkeit machtlos gegenüber. Die umfangreiche Demonstration medizinischer Daten im Gespräch kann sich für sie ungewollt zu einem Abwehrdispositiv gegen die Zumutung primärer Verantwortung formieren. Die resultierende situative Interdependenz von Verantwortung und symbolischer Verletzbarkeit entzieht sich einer handlungstheoretischen Analyse und muss tiefer greifend reflektiert werden. Hierzu ist die Hinzunahme in der Medizinethik bisher wenig diskutierter subjektkritischer Theorien unerlässlich. Für die Praxis resultieren aus dem Dargelegten nicht ethische Normen, sondern Vorschläge für situative und erzähltheoretische Modifikationen der klinischen Befundbesprechen.

In: Philosophie der Medizin
In: Philosophie der Medizin

Zusammenfassung

Philosophie des Geistes und Neurowissenschaften sind seit historischen Zeiten in engem Austausch begriffen. Gegenseitige Beeinflussung ist die Norm in diesem Verhältnis, keine Besonderheit der Dekade des Gehirns und ihrer Nachfolgezeit. Gegenwärtig fördert der enge Kontakt zu den Neurowissenschaften eine Form mechanistischen und wissenschaftstheoretischen Denkens in der Philosophie des Geistes. Zudem stoßen konkrete Entwicklungen in den Neurowissenschaften wie predictive processing, neural reuse und situated cognition Hypothesen neue Theorieentwicklungen in der Philosophie des Geistes an. Von beiden Entwicklungen – abstrakten wie konkreten – profitiert, wenn auch mit erheblicher zeitlicher Verzögerung, die Translation in medizinische Diagnose und Therapieansätze.

In: Philosophie der Medizin

Zusammenfassung

Die existenzielle Grundkonstellation des Ausgeliefertseins an die conditio humana und die Unverfügbarkeit des Lebens, Leibes und Lebensanfangs wird mit der biomedizinischen und biopolitischen Etablierung der prädiktiven Genetik, Pränataldiagnostik und des genetischen Wissens in Frage gestellt. Diese Praktiken zielen auf den Menschen als Lebewesen, um dessen biologische Substanz zu testen und Schicksalskontingenz zu vermeiden. Führt diese Vermeidung zu einem neuen Ausgeliefertsein an medizintechnische Praktiken? Wer hat in welcher Weise Verantwortung für den Lebensanfang eines Menschen? Die rezente biomedizinische und biopolitische Praxis, die die existenzielle Grundkonstellation der conditio humana zentral betrifft, provoziert auch über die Gegenbegriffe einer genetischen Verantwortung, nämlich genetische Verantwortungslosigkeit und Unverantwortlichkeit, nachzudenken. Hier möchte ich verstehen, wie die existenzielle Grundsituation – zwischen Ausgeliefertsein und Ermöglichung – durch die heutige genetische Pränataldiagnostiken verändert wird, um dann über die Frage nachzudenken, inwiefern für diese Praxis Verantwortung übernommen werden kann.

In: Philosophie der Medizin