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Eine emotionspsychologische Analyse der Literatur der Aufklärungsepoche
Author: Katja Mellmann
Über die Emotionalisierung der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert besteht seit langem Konsens. Jedoch gründet sich dieser Befund bislang in erster Linie auf die poetologische Selbstbeschreibung der Zeitgenossen. An den literarischen Texten selbst wurde die Emotionalisierungstendenz noch nicht systematisch nachgewiesen. Das liegt vor allem daran, daß die derzeitige Literaturwissenschaft über kein geeignetes Instrumentarium zur objektiven Beschreibung emotionaler Textwirkungen verfügt. Ausgehend von Emotionstheorien aus Evolutionärer Psychologie und der Verhaltensforschung entwickelt die vorliegende Studie deshalb ein neues literaturpsychologisches Beschreibungssystem, das emotionale Wirkungen literarischer Texte plausibel zu rekonstruieren und mit hergebrachten Verfahren der Textanalyse in Beziehung zu Setzen vermag. Der historische Teil der Studie beginnt mit der ›Nebenstundenpoesie‹ der Frühaufklärung und des Rokoko. An den Gedichten Brockes', Hallers, Hagedorns, Gleims und anderer werden poetische Innovationen herausgearbeitet, die die Grundlage für die emotionalisierte Dichtung der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang bilden. So werden die Erfindung der Perspektive, die Neuentdeckung des Erhabenen und die Witzkultur der Frühaufklärung emotionspsychologisch reformuliert und in ihrer Bedeutung für die Herausbildung der dichterischen Erlebniskonvention, für die neue Rezeptionshaltung gegenüber einem Buch als einem ›Freund‹ und für das spezifisch moderne Verhältnis von Ernst und Scherz in der Dichtung beleuchtet. Nachgezeichnet wird schließlich, wie die zunächst vor allem an lyrischen Texten beobachtbaren Textstrategien auf andere Gattungen übergreifen und den Prototyp moderner Dichtung schlechthin ausbilden.
Aufsätze, Vorträge, Glossen zur deutschen Poesie
Series:  Explicatio
Der Verfasser der 'Deutschen Metrik' (5. Auflage im Erscheinen) vereinigt in diesem Band seine in Zeitschriften, Sammelbänden und Handbüchern verstreut gedruckten Arbeiten zur Versdichtung mit einigen bisher unveröffentlichten Schriften einschließlich einer Reihe von Glossen zu Goethes Tagebuch-Gedicht. Das Buch gliedert sich in "Abhandlungen vornehmlich zur Verstheorie", "Studien zur Geschichte der deutschen Poesie" und "Miszellaneen zur Theorie und Geschichte der Verskunst". Die behandelten Texte reichen von der deutschen Renaissancepoesie bis zur Lyrik der jüngsten Vergangenheit.
Diaspora und Identitätssuche im poetischen Entwurf Else Lasker-Schülers
Else Lasker-Schüler: Eine alters- und zeitlose Dichterin, die sich als ortlos zwischen Himmel und Erde stilisiert, dem biblischen Ägypten genauso zugetan wie dem deutschen Heimatland, zwischen der realen Gegenwart und einer mythischen jüdisch-orientalischen Vergangenheit gespalten: 'Poesie' bedeutet für Lasker-Schüler eine dem Menschen zumutbare Wahrheit, die den Anspruch erhebt, die Misere einer prosaischen Welt durch die höhere Ordnung einer phantasierten Gegenwelt zu transzendieren. Die Identitätssuche vollzieht sich als experimentelle Poetik der Existenz. Die kultivierte Ego-zentrik der Dichterin wird hier in die Werkstruktur integriert und als konstitutives Moment ihres Versuches gedeutet, die eigene Vita als Metapher zu konstruieren – ein Experiment, das darauf abzielt, nicht als Diskurs über das eigene Ich, sondern als Metadiskurs über das Wagnis des schöpferischen Prozesses rezipiert zu werden. Die Texte werden also in deren eigentümlicher Verschränkung von fiktiven Begebenheiten und ekstatischen Bekenntnissen gelesen, um dabei der chiffrierten Kombination von Utopie, Reflexion, Spiel auf die Spur zu kommen. Den Rahmen bilden die antibürgerlichen Enklaven der Berliner Boheme und im besonderen die antinaturalistische Programmatik der Neuen Gemeinschaft, die sich um charismatische Figuren wie Peter Hille, Julius und Heinrich Hart, Gustav Landauer, Martin Buber gruppiert, wobei das neue Pathos der expressionistischen Moderne mit den geistigen Impulsen der parallel aufkommenden zionistischen Avantgarde zu einem kreativen Dialog im Sinne eines mystischen Monismus findet. Mit Bezug auf diesen kulturkritischen Diskurs, der sich aus dem unglücklichen Bewußtsein der Diaspora speist, wird Lasker-Schülers Unbehagen an der Assimilation als kühner Entwurf einer Ästhetik des Widerstandes gedeutet, kraft derer der Mythos eines uralten, 'wilden' Morgenlandes gegen den Logos eines kalten, 'unerquicklichen' Abendlandes ausgespielt wird. Als Stationen im Drama einer symbolischen Identitätssuche gelten die unsichtbaren Städte von Bagdad, Theben, Jerusalem zugleich als Fluchtpunkte einer imaginierten Topographie des Orients, das im Sinne eines exotisch anmutenden 'Heimwehs' neu inszeniert wird.
Theoretische, historische und empirische Untersuchungen zum akademischen Umgang mit Lektürer-Empfehlungen
Series:  Explicatio
Author: Elisabeth Stuck
Fragen des literarischen Kanons sind in den letzten Jahren Gegenstand eines lebhaften öffentlichen Interesses. In die wissenschaftliche AuseinanderSetzung mit Kanonisierungsprozessen werden soziologische, historische und didaktische Aspekte vermehrt einbezogen. Das Buch befasst sich mit dem literarischen Kanon an Bildungsinstitutionen, insbesondere mit Lektüre-Empfehlungen im Fach "Neuere deutsche Literatur". Einleitend wird ein theoriebasiertes Modell des Lektürekanons vorgestellt, das wertungstheoretische, institutionsgeschichtliche und argumentationstheoretische Aspekte berücksichtigt. Ausgehend von einem sozialhistorischen Verständnis literarischer Wertung werden die Auswahldimensionen für einen akademischen Kanon herausgearbeitet. Im historischen Teil werden Lektürekanones innerhalb der Fachgeschichte situiert. Der rhetorisch angelegte Teil wendet sich Problemen kollektiver Entscheidungsfindung zu unter den Gesichtspunkten von Konsens, Dissens und Assens. Abschließend werden die Ergebnisse aus zwei empirischen Studien vorgestellt: (1) Aus einer Befragung von 113 Hochschulgermanisten in der Schweiz, Deutschland und Österreich liegen Erkenntnisse vor, wie Dozierende mit Kanon-Problemen umgehen und welche Argumentationsfiguren zentral sind. (2) Aus einer Untersuchung von über 500 Prüfungsaufgaben erhalten wir Auskunft über Kanon-Erwartungen an literaturwissenschaftliche Staatsexamina.
Poetogene Strukturen und ästhetisch-soziale Handlungsfehler
Warum dichten Menschen als einzige uns bekannte Lebewesen? Und zu welchem Zweck tun sie dies, müssen sie es vielleicht sogar tun? Und wie wird aus Nichtkunst eigentlich Dichtkunst? Gibt es etwa grundlegende, poetogene Strukturen, die Poesie bedingen und gar erzwingen? Die Beiträge des vorliegenden Bandes behandeln solche und ähnliche Fragen aus kulturwissenschaftlicher und biopoetischer Sicht und beschreiten damit insgesamt neue Wege zu einer empirischen Anthropologie der Literatur.