Kapitel 3 Anwendung I

In: Vorstellungen und Überzeugungen
Author:
Victor Lindblom
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Nach den Annäherungen an die Werke und den Rekonstruktionen der Fiktionstheorien werden in diesem Kapitel erste Lösungsvorschläge für das Fiktionalitätsproblem von Montauk und Koala skizziert. Damit beginnt der argumentative Teil der Untersuchung und der Prozess der wechselseitigen Erhellung. Die Fiktionstheorien werden zum Analyseinstrumentarium für die Grenzfälle – und die Grenzfälle zu Testfällen für die Fiktionstheorien.1

Je nach Theorie werden die aufgelisteten provisorischen textuellen und kontextuellen Fiktions- und Nichtfiktionssignale2 einen unterschiedlichen Einfluss auf die Klassifikationen haben. In den Annäherungen wurden Fiktionssignale als Merkmale verstanden, die gemessen an der im Groben etablierten Unterscheidungspraxis häufiger im Text und Kontext von als fiktional geltenden Werken zu beobachten sind als im Text und Kontext von als nichtfiktional geltenden Werken. Die Frage, ob es sich bei diesen Merkmalen um notwendige und/oder hinreichende Merkmale für Fiktionalität handelt, wurde offengelassen.

In der Anwendung kommt die Funktion eines Fiktionssignals nun allen textuellen und kontextuellen Merkmalen zu, die mehr oder weniger deutlich auf die Erfülltheit der je nach Theorie verschiedenen notwendigen und zusammen hinreichenden Bedingungen für Fiktionalität hinweisen. Fiktionssignale legen nahe, dass die jeweiligen Bedingungen für Fiktionalität erfüllt sind. Nichtfiktionssignale legen nahe, dass sie nicht erfüllt sind. In dieser ersten Anwendung werden die Signale und ihre Begründungsleistung noch in ihrer Summe betrachtet. Am Ende des Kapitels sollen unterschiedliche Klassifikationen und Erklärungsansätze für den Grenzfallstatus von Montauk und Koala stehen. Auf der Basis der Evaluation dieser Ergebnisse wird im Laufe der nächsten Kapitel die vorzuschlagende Fiktionstheorie erarbeitet. Danach wird eine zweite und umfassendere Anwendung dieser Fiktionstheorie erfolgen.

Der Fiktionalitätsstatus wird im Folgenden nach den Theorien von Walton (3.1), Currie (3.2), Lamarque/Olsen (3.3), Davies (3.4), Konrad (3.5) und Stock (3.6) analysiert. Die Definitionen werden zuerst knapp resümiert und operationalisiert, dann auf Montauk (a) und Koala (b) angewendet. Das Kapitel wird mit einem Zwischenfazit abgeschlossen, in dem diese vorläufigen Ergebnisse zusammengetragen und verglichen werden (3.7).

3.1 Walton: Funktionalismus

Waltons funktionalistische Theorie wurde im letzten Kapitel in folgende Definition gefasst:

(FW)

Ein Erzählwerk W (oder ein Werkteil WT) ist fiktional genau dann, wenn es die Funktion von W (oder WT) ist, als Hilfsmittel in einem Vorstellungsspiel zu dienen.

Der Fiktionalitätsstatus eines Werks oder Werkteils hängt demnach entscheidend von der Zuschreibung einer Funktion ab. In einer Anwendung ist danach zu fragen, ob und inwiefern es die Funktion von Montauk und Koala ist, in Waltons Sinne als Hilfsmittel in einem Vorstellungsspiel zu dienen.

(a) Montauk

Nach (FW) ist Montauk fiktional.

Neben weiteren Funktionen kann dem Werk die für Fiktionalität ausschlaggebende Funktion zugeschrieben werden. Wer den Text liest, stellt sich (nach Waltons weitem Vorstellungsbegriff) das Erzählte propositional und sinnlich vor: Max Frisch trifft in New York Lynn und verbringt mit ihr ein Wochenende in Montauk, denkt über seine Beziehungen nach und kommentiert die erzählten Ereignisse. Die Nichtfiktionssignale haben keinen direkten Einfluss auf den Fiktionalitätsstatus. Sie weisen jedoch auf weitere Funktionen hin: etwa jene der autobiografischen Selbstdarstellung. Eine solche Funktion kann Montauk nach Walton auch als fiktionales Werk erfüllen.

Die Klassifikation könnte möglicherweise graduiert werden. Wenn die Funktion, als Hilfsmittel in einem Vorstellungsspiel zu dienen, nicht als zentrale oder primäre Funktion von Montauk verstanden würde, sondern als periphere oder sekundäre, ließe sich in Waltons Sinne vielleicht von einem weniger ausgeprägt fiktionalen Werk sprechen. Es ließe sich zudem etwa argumentieren, die Binnenerzählungen seien weniger fiktional als die Rahmenerzählung, wenn den Werkteilen unterschiedliche (zentrale) Funktionen zugeschrieben würden.

(b) Koala

Auch Koala ist nach (FW) fiktional.

Dem Werk kann (unter anderem) die Funktion zugeschrieben werden, als Hilfsmittel in einem Vorstellungsspiel zu dienen. Die Rezipienten stellen sich bei der Lektüre des Textes vor, wie der namenlose Ich-Erzähler (oder Lukas Bärfuss) den Suizid seines Bruders verarbeitet und dabei die Geschichte des Koalas und Australiens nacherzählt. Die Nichtfiktionssignale im Text und Kontext weisen wiederum auf weitere Funktionen des fiktionalen Werks hin: etwa jene der Darstellung historisch überlieferter Tatsachen.

Auch hier ließe sich möglicherweise aufgrund der weiteren Funktionen eine Graduierung begründen. Insofern könnte von einem mehr oder weniger ausgeprägt fiktionalen Werk gesprochen werden. Es könnte zudem etwa argumentiert werden, die Tiererzählung sei weniger fiktional als die Bruder- und die Bucherzählung, wenn den Werkteilen unterschiedliche zentrale Funktionen zugeschrieben würden.

3.2 Currie: Intentionalismus I

Curries intentionalistische Theorie wurde in folgende Definition gefasst:

(FC)

Eine Äußerung U ist fiktional genau dann, wenn (i) der Autor reflexiv intendiert, dass sich der Leser vorstellt, die durch U ausgedrückte Proposition p sei wahr, und (ii) p höchstens zufällig wahr ist.

Der Fiktionalitätsstatus von Äußerungen und den resultierenden Sätzen hängt demnach von einer Intentionsbedingung und einer quasireferenzialistischen Gehaltsbedingung ab. In einer Anwendung sind auf der Basis aller einschlägigen Text- und Kontextdaten begründbare Hypothesen darüber aufzustellen, ob die notwendigen und zusammen hinreichenden Bedingungen für Fiktionalität in einzelnen Sätzen erfüllt sind: (i) Kann Frisch bzw. Bärfuss die Intention zugeschrieben werden, dass der Leser sich vorstellt, die durch den Satz ausgedrückte Proposition sei wahr? (ii) Ist dieser Satz, falls er wahr ist, höchstens zufällig und nicht absichtlich wahr?

In einem zweiten Schritt stellt sich die Frage nach dem Fiktionalitätsstatus des Werks. Nach Currie hängt dieser (in einer nicht explizit bestimmten Weise) vom Fiktionalitätsstatus der im Text enthaltenen Sätze ab.

(a) Montauk

Nach (FC) ist der Text von Montauk eine Mischung aus fiktionalen und nichtfiktionalen Sätzen.

Für die von Frisch und Lynn handelnden Sätze der Rahmenerzählung kann plausibel argumentiert werden, sie seien Ergebnisse von fiktionalen Sprechakten im Sinne von Curries fiction-making. Die verschiedenen Fiktionssignale legen nahe, dass Frisch den kooperierenden Leser dazu auffordert, die epistemische Haltung des Make-believe einzunehmen und sich vorzustellen, dass die durch die Sätze ausgedrückten Propositionen wahr sind. Auch die Gehaltsbedingung scheint in diesen Sätzen erfüllt zu sein.

In den Binnenerzählungen (und den Sätzen der Rahmenerzählung, die nicht von Lynn handeln) scheint die Gehaltsbedingung hingegen nicht erfüllt zu sein. Die Sätze über Frischs Leben als Mann sind, insofern sie wahr sind, absichtlich wahr. Selbst wenn die Intentionsbedingung erfüllt wäre, könnten die Sätze nach Curries Definition nicht fiktional sein. Dasselbe gilt für die Sätze der Kommentarspur. In diesen thematischen Reflexionen scheint Frisch den Leser nicht dazu aufzufordern, sich vorzustellen, dass etwas der Fall ist, sondern es zu glauben.

Es lässt sich für Montauk feststellen, was nach Curries kompositionalistischer Theorie für die Texte fiktionaler literarischer Werke im Allgemeinen gilt. Sie sind in aller Regel Mischfälle aus fiktionalen und nichtfiktionalen Sätzen. Ob Frisch eine hinreichende Menge fiktionaler Äußerungen getätigt hat – ob der Text also eine hinreichende Menge fiktionaler Sätze enthält –, um das Werk als fiktional zu klassifizieren, bleibt offen. Eine Antwort auf die Frage wäre Currie zufolge ohnehin nicht erhellender, als es die Beschreibung der vorliegenden Mischung ist.

(b) Koala

Auch der Text von Koala ist nach (FC) eine Mischung aus fiktionalen und nichtfiktionalen Sätzen.

Die Fiktionssignale legen in ihrer Summe zunächst nahe, dass die Intentionsbedingung in den Sätzen der Bruder- und der Bucherzählung erfüllt ist. Ob auch die Gehaltsbedingung erfüllt ist, hängt unter anderem von der Antwort auf die Frage ab, wem die Sätze als Sprecher zugeordnet werden. Falls sie einem namenlosen Ich-Erzähler ohne textexterne Referenz auf eine reale Person zugeordnet werden, kann die Gehaltsbedingung als erfüllt gelten. Wird der Erzähler hingegen mit Lukas Bärfuss (sowie die Heimatstadt mit Thun, der Dichter mit Kleist, das Jahr des letzten Treffens mit 2011 etc.) identifiziert, scheint die Gehaltsbedingung nicht erfüllt zu sein. Unter dieser Annahme wären die Sätze, insofern sie wahr sind, absichtlich wahr. Folglich könnten sie nicht fiktional sein. Unabhängig von der Identifizierung oder Unterscheidung von Erzähler und Autor sind jedoch die Sätze der Pfadfindertaufe fiktional. Bärfuss fordert in diesen den Leser zu Vorstellungen im Sinne simulierter Überzeugungen auf. Zudem sind die Sätze höchstens zufällig wahr. Dasselbe gilt für die Sätze der Bucherzählung, die eine widersprüchliche Ordnung der Ereignisse behaupten.

Die Nichtfiktionssignale legen nahe, dass in den Sätzen der Tiererzählung die Gehaltsbedingung nicht erfüllt ist. Die wahren Sätze sind insofern absichtlich wahr, als sie auf der historischen Forschung über Australien und den Koala beruhen. Selbst die intern fokalisierten Passagen über Drittpersonen beruhen auf historischen Quellentexten. Diese Sätze können insofern nicht das Ergebnis fiktionaler Äußerungen sein, selbst wenn die Intentionsbedingung erfüllt wäre.

Auch bei Koala bleibt der Fiktionalitätsstatus des Werks offen. Jedoch lässt sich die Mischung aus fiktionalen und nichtfiktionalen Sätzen beschreiben. Damit ist nach Curries Theorie die Frage der Fiktionalität hinreichend beantwortet.

3.3 Lamarque/Olsen: Institutionalismus I

Lamarques und Olsens institutionelle Theorie wurde in folgende Definition gefasst:

(FLO)

Ein Erzählwerk W ist fiktional genau dann, wenn es in der Fiktionalitätsinstitution produziert wird, das heißt wenn (i) der Autor in fiktionalen Äußerungen reflexiv intendiert, dass sich der Leser vorstellt, es handle sich bei den im Text von W enthaltenen Sätzen um das Ergebnis regulärer Sprechakte, und (ii) der Gehalt dieser Sätze (überwiegend) von den fiktionalen Äußerungen abhängt.

Der Fiktionalitätsstatus eines Werks hängt demnach von einer Intentionsbedingung und einer quasireferenzialistischen Gehaltsbedingung ab. In einer Anwendung sind auf der Basis der Text- und Kontextdaten Hypothesen darüber aufzustellen, ob Montauk und Koala in der Fiktionalitätsinstitution produziert wurden: (i) Kann Frisch bzw. Bärfuss die Intention zugeschrieben werden, dass der Leser sich vorstellt, es handle sich bei den Sätzen im Text um das Ergebnis regulärer Sprechakte, auch wenn es keine regulären Sprechakte sind? (ii) Hängt der Gehalt dieser Sätze überwiegend von den fiktionalen Äußerungen ab und nicht davon, was in der Welt der Fall (gewesen) ist?

(a) Montauk

Nach (FLO) ist Montauk eher nichtfiktional.

Zunächst lässt sich ausschließen, dass beide Bedingungen für Fiktionalität im gesamten Werk erfüllt sind. Es lässt sich kaum überzeugend argumentieren, Frisch fordere den Leser in allen Werkteilen dazu auf, sich nur vorzustellen, die Sätze im Text seien das Ergebnis regulärer Sprechakte. Für die Sätze der Binnenerzählungen und der Kommentarspur scheint die gegenteilige Hypothese plausibler. Zudem hängt in diesen Sätzen der Gehalt nicht von den Äußerungen ab, sondern von Frischs Biografie. Das Werk kann insofern nicht insgesamt Teil der Fiktionalitätsinstitution sein. Im Sinne von Lamarques und Olsens Bestimmungen scheinen zu viele Äußerungen nicht fiktional, und der Gehalt der Sätze scheint zu oft nicht fiktiv.

Gleichwohl ließe sich aufgrund der Fiktionssignale plausibel argumentieren, in den von Lynn handelnden Teilen der Rahmenerzählung seien die Bedingungen erfüllt. Frisch fordere den Leser zu der Vorstellung auf, es handle sich bei den Sätzen um das Ergebnis regulärer Sprechakte, obwohl es keine sind. Zudem hänge der Gehalt der Sätze über das Wochenende von Frisch und Lynn von den fiktionalen Äußerungen ab. Folglich sei angezeigt, gegenüber diesen Werkteilen die fiktionsadäquate Rezeptionshaltung einzunehmen.

Ein solches Mischverhältnis von fiktionalen und nichtfiktionalen Werkteilen sieht Lamarques und Olsens (gemäßigt) autonomistische Theorie jedoch nicht vor. Angemessen scheint darum die zurückhaltende Klassifikation des Werks als eher nichtfiktional. Es scheint unter Berücksichtigung der einschlägigen Text- und Kontextdaten eher nicht der Fall zu sein, dass Montauk von Frisch mit der Absicht produziert wurde, das Werk solle insgesamt nach den Regeln der Fiktionalitätsinstitution rezipiert werden.

(b) Koala

Koala ist nach (FLO) eher nichtfiktional.

Auch für Koala lässt sich ausschließen, dass beide Bedingungen im gesamten Werk erfüllt sind. In der Tiererzählung hängt der Gehalt der Sätze nicht überwiegend von den Äußerungen ab, sondern von den historischen Tatsachen. Auch wenn die Intentionsbedingung erfüllt wäre, könnten die Werkteile somit nicht fiktional sein.

Aufgrund der Fiktionssignale könnte argumentiert werden, die Bedingungen seien hingegen in der Buch- und der Brudererzählung erfüllt. Die Plausibilität der Hypothese ist jedoch von der Identifizierung oder Unterscheidung von Erzähler und Autor abhängig. Werden die Sätze einem namenlosen Ich-Erzähler zugeordnet, können beide Bedingungen als erfüllt gelten. Werden die Sätze dem Autor Bärfuss zugeordnet und die erzählten Ereignisse unter Berücksichtigung von Kontextinformationen örtlich, zeitlich und personell lokalisiert, scheint die Gehaltsbedingung nicht erfüllt zu sein. Der Gehalt der Sätze wäre nicht durch die Äußerungen bestimmt, sondern durch Bärfuss’ Biografie.

Weil ein Mischverhältnis von Lamarque und Olsen nicht vorgesehen ist, scheint wiederum die zurückhaltende Klassifikation des Werks als eher nichtfiktional angemessen. Es scheint eher nicht der Fall zu sein, dass Koala von Bärfuss mit der Absicht produziert wurde, das Werk solle insgesamt gemäß den Regeln der Fiktionalitätsinstitution rezipiert werden.

3.4 Davies: Intentionalismus II

Davies’ intentionalistische Theorie wurde in folgende Definition gefasst:

(FDE)

Eine Erzählung E ist fiktional genau dann, wenn (i) der Autor reflexiv intendiert, dass sich der Leser vorstellt, die durch die Äußerungen U1–Un ausgedrückten Propositionen seien wahr, und (ii) der Autor beim Verfassen von E nicht primär nach Faktentreue strebt.

Der Fiktionalitätsstatus einer Erzählung hängt demnach von einer Intentionsbedingung und einer quasireferenzialistischen Gehaltsbedingung ab. In einer Anwendung sind Hypothesen aufzustellen: (i) Kann Frisch bzw. Bärfuss die Intention zugeschrieben werden, dass der Leser sich vorstellt, die durch die Sätze der Erzählung ausgedrückten Propositionen seien wahr? (ii) Kann Faktentreue, falls die Sätze wahr sind, als primäres Ziel von Frisch bzw. Bärfuss ausgeschlossen werden?

Auf der Werkebene wurde Davies’ Theorie in folgende Definition gefasst:

(FDW)

Ein Erzählwerk W ist fiktional genau dann, wenn (a) es nur aus einer fiktionalen Erzählung oder mehreren fiktionalen Erzählungen besteht oder (b) die enthaltenen nichtfiktionalen Erzählungen eine heuristische Funktion in Bezug auf die enthaltenen fiktionalen Erzählungen erfüllen.

Die Fiktionalität eines Werks hängt bei einem Mischverhältnis demnach von der Beziehung der Erzählungen ab. In einer Anwendung ist danach zu fragen, in welchem Verhältnis die Erzählungen zueinander stehen.

(a) Montauk

Montauk ist nach (FDE) eine Mischung aus einer fiktionalen Erzählung und mehreren nichtfiktionalen Erzählungen.

In der Lynn-Rahmenerzählung können beide Bedingungen als erfüllt gelten. Auf der Basis der Fiktionssignale kann Frisch die Intention zugeschrieben werden, dass der Leser sich vorstellt, die durch die Sätze ausgedrückten Propositionen seien unabhängig von ihrem effektiven Wahrheitswert wahr. Zudem kann auf der Basis der Fiktionssignale argumentiert werden, Faktentreue sei nicht Frischs primäres Ziel gewesen.

In den Binnenerzählungen und der Kommentarspur scheint die zweite Bedingung hingegen nicht erfüllt zu sein. Hier ist die Hypothese plausibel, die wahren Sätze seien gerade deshalb Teil der Erzählungen, weil sie wahr sind. Auf der Basis der Nichtfiktionssignale kann Frisch Faktentreue als ein primäres Ziel zugeschrieben werden. Selbst wenn die Intentionsbedingung erfüllt wäre, können die Erzählungen insofern nicht fiktional sein.

Der Fiktionalitätsstatus des Werks ist von einer – noch ausstehenden – Interpretation abhängig. Wird der Rahmenerzählung eine heuristische Funktion in Relation zu den Binnenerzählungen zugeschrieben, ist das Werk nichtfiktional. Wird den Binnenerzählungen eine heuristische Funktion in Relation zur Rahmenerzählung zugeschrieben, ist das Werk fiktional.

(b) Koala

Koala ist nach (FDE) eine Mischung aus zwei fiktionalen Erzählungen und einer nichtfiktionalen Erzählung.

In der Bruder- und der Bucherzählung scheinen die Bedingungen für Fiktionalität erfüllt zu sein. Bärfuss kann auf der Basis der Fiktionssignale die Intention zugeschrieben werden, dass der Leser sich vorstellt, die durch die Sätze ausgedrückten Propositionen seien wahr. Zudem kann (nach Davies’ Theorie unabhängig davon, ob der Erzähler mit Bärfuss identifiziert wird) darauf geschlossen werden, dass Faktentreue nicht sein primäres Ziel war. Die Schilderung der Pfadfindertaufe sowie die erzählte Ordnung der Rahmenerzählung unterliegen keinem übergeordneten fidelity constraint.

In der Tiererzählung scheint die Gehaltsbedingung nicht erfüllt zu sein. Hier ist die Hypothese plausibel, die wahren Sätze über die Geschichte Australiens und den Koala seien Teil der Erzählung, weil sie wahr sind. Bärfuss kann Faktentreue als ein primäres Ziel zugeschrieben werden. Selbst wenn die erste Bedingung erfüllt wäre, kann die Erzählung somit nicht fiktional sein.

Der Fiktionalitätsstatus des Werks ist wiederum abhängig von einer noch ausstehenden Interpretation. Wird der Bruder- und/oder der Bucherzählung eine heuristische Funktion relativ zur Tiererzählung zugeschrieben, ist das Werk nichtfiktional. Wird der Tiererzählung eine heuristische Funktion relativ zur Bruder- und/oder zur Bucherzählung zugeschrieben, ist das Werk fiktional.

3.5 Konrad: Institutionalismus II

Konrads Theorie wurde in folgende Definition gefasst:

(FK)

Ein Erzählwerk W (oder ein Werkteil WT) ist fiktional genau dann, wenn es (er) in der Fiktionalitätsinstitution produziert wird, das heißt wenn (i) der Autor in fiktionalen Äußerungen reflexiv intendiert, dass sich der Leser vorstellt, es handle sich bei den Sätzen im Text von W (oder WT) um das Ergebnis regulärer Sprechakte, und (ii) der Autor W (oder WT) hinreichend deutlich mit Signalen auszeichnet, die auf diese Intention hinweisen.

Die Fiktionalität eines Werks oder Werkteils hängt demnach von zwei pragmatischen Bedingungen ab. Es ist in einer Anwendung eine Hypothese aufzustellen: (i) Kann Frisch bzw. Bärfuss für das Werk oder Werkteile die Intention zugeschrieben werden, dass der Leser sich vorstellt (und eventuell auch glaubt), bei den Sätzen handle es sich um das Ergebnis regulärer Sprechakte? Die Hypothese ist zudem zu begründen: (ii) Signalisiert Frisch bzw. Bärfuss diese Intention für das Werk oder den Werkteil hinreichend deutlich?

(a) Montauk

Montauk ist nach (FK) entweder nichtfiktional oder eine Mischung aus fiktionalen und nichtfiktionalen Werkteilen.

Es lässt sich ausschließen, dass beide Bedingungen in allen Werkteilen erfüllt sind. Selbst wenn die Intentionsbedingung für die Sätze der Binnenerzählungen und der Kommentarspur erfüllt wäre, weist Frisch nicht hinreichend deutlich auf eine solche Intention hin. Die Sätze können insofern nicht Teil der Kommunikation in der Fiktionalitätsinstitution im Sinne Konrads sein.

Bei der Lynn-Rahmenerzählung könnte eher argumentiert werden, die Intentionsbedingung sei erfüllt. Jedoch würde sich in einem solchen Fall immer noch die Frage stellen, ob die Kennzeichnung der Intention (falls sie Frisch zugeschrieben wird) hinreichend deutlich ist. Zumindest ist sie nicht eindeutig. Es wird darum nicht abschließend klar, ob die Rahmenerzählung Teil der Fiktionalitätsinstitution ist.

Es handelt sich insofern entweder um ein nichtfiktionales Werk oder um ein Mischverhältnis von fiktionalen und nichtfiktionalen Werkteilen. Wird von einem Mischfall ausgegangen, handelt es sich entweder um ein fiktionales Werk mit nichtfiktionalen Teilen oder um ein nichtfiktionales Werk mit fiktionalen Teilen. Bei dieser Ausgangslage scheint es nach Konrad geboten zu sein, sich eines Urteils über den Fiktionalitätsstatus des Werks bewusst zu enthalten. Es bleibt unklar, ob das Werk Teil der Fiktionalitätsinstitution ist, weil unklar ist, ob sich Frisch an die Konventionen der sozialen Praxis der Fiktionalität (insbesondere die Kennzeichnungskonvention) gehalten hat.

(b) Koala

Koala ist nach (FK) entweder fiktional oder eine Mischung aus fiktionalen und nichtfiktionalen Werkteilen.

Für die Bruder- und die Bucherzählung kann Bärfuss auf der Basis der Fiktionssignale die Intention zugeschrieben werden, dass der Leser sich vorstellt, es handle sich bei den Sätzen um das Ergebnis regulä-rer Sprechakte. Er kennzeichnet die Intention zudem hinreichend deutlich. Selbst wenn der Erzähler mit Bärfuss identifiziert wird und die Sätze als wahr bewertet werden, sind beide Bedingungen von Konrads Bestimmung erfüllt. Insofern sind die Bruder- und die Bucherzählung Teil der Fiktionalitätsinstitution.

Bei der Tiererzählung legen die Nichtfiktionssignale eher nahe, dass die Intentionsbedingung nicht erfüllt ist. Selbst wenn sie erfüllt wäre, könnte die Kennzeichnung einer solchen Intention wohl nicht als hinreichend erachtet werden. Unter der Annahme eines namenlosen Ich-Erzählers ohne textexterne Referenz als Sprecher könnte nach Konrads Theorie jedoch argumentiert werden, die Sätze der Tiererzählung seien fiktional und nichtfiktional zugleich. Die Sätze wären dann das Ergebnis von fiktionalen und assertiven Sprechakten.

Es handelt sich damit entweder um ein fiktionales Werk (falls beide Bedingungen durchgängig als erfüllt erachtet werden) oder um ein Mischverhältnis von fiktionalen und nichtfiktionalen Werkteilen (falls in der Tiererzählung eine oder beide Bedingungen als nicht erfüllt erachtet werden). Bei dieser zweiten Möglichkeit wäre es nach Konrad wiederum geboten, sich eines Urteils über den Fiktionalitätsstatus des Werks bewusst zu enthalten.

3.6 Stock: Intentionalismus III

Stocks Theorie wurde in folgende Definition gefasst:

(FS)

Ein Erzählwerk W (oder ein Werkteil WT) ist fiktional genau dann, wenn der Autor reflexiv intendiert, dass sich der Leser vorstellt, die in der Vorstellung zu verknüpfende Menge der durch die Äußerungen U1–Un ausgedrückten Propositionen {p, q, r, …} sei wahr.

Die Fiktionalität von Werken und Werkteilen hängt demnach von einer Intentionsbedingung ab. In einer Anwendung ist eine Hypothese aufzustellen: Kann Frisch bzw. Bärfuss die Intention zugeschrieben werden, dass der Leser sich vorstellt, die Menge der durch die Sätze in einem Text oder Textteil ausgedrückten und zu verknüpfenden Propositionen sei insgesamt wahr? Diese notwendige und zugleich hinreichende Bedingung für Fiktionalität enthält dabei eine implizite quasireferenzialistische Gehaltsbedingung: Enthält diese Menge mindestens eine Proposition, die der Autor für unwahr hält?

(a) Montauk

Montauk ist nach (FS) eine Mischung aus einer Fiktion und mehreren Nichtfiktionen.

In der Lynn-Rahmenerzählung scheint die Bedingung erfüllt zu sein. Frisch kann auf der Basis der Fiktionssignale die Intention zugeschrieben werden, dass der Leser sich im Sinne von Stocks F-imagining vorstellt, die Menge der zu verknüpfenden Propositionen sei insgesamt wahr. Auch die implizite Gehaltsbedingung scheint erfüllt. Die Erzählung enthält dabei nach Stocks Bestimmungen Sätze, die das Ergebnis von allein fiktionalen Sprechakten sind (jene, die von Lynn handeln) und Sätze, die das Ergebnis von fiktionalen und assertiven Sprechakten zugleich sind (jene, die nicht von Lynn handeln). Die Rahmenerzählung bildet damit eine Fiktion: eine Menge an in der Vorstellung zu verknüpfenden Propositionen.

In den Binnenerzählungen und in den Sätzen der Kommentarspur kann die Bedingung nicht als erfüllt gelten. Die Nichtfiktionssignale legen die gegenteilige Intention Frischs nahe: Der Leser soll sich nicht vorstellen, sondern glauben, die verknüpften Mengen an Propositionen seien insgesamt wahr. Der effektive Wahrheitswert der Sätze ist dabei für den Fiktionalitätsstatus unerheblich. Insofern, als die Sätze der Binnenerzählungen das Ergebnis von allein assertiven Sprechakten zu sein scheinen, bilden die verknüpften Propositionsmengen Nichtfiktionen.

Montauk ist demnach eine Mischung aus einer Fiktion und mehreren Nichtfiktionen. Auf der Werkebene bleibt der Fiktionalitätsstatus unbestimmt.

(b) Koala

Koala besteht nach (FS) aus zwei Fiktionen und einer Nichtfiktion.

Die Bruder- und die Bucherzählung bilden Fiktionen. Bärfuss kann plausibel die Intention zugeschrieben werden, der Leser solle sich vorstellen, die beiden durch die Sätze ausgedrückten Mengen an Propositionen seien insgesamt wahr. Dabei ist die implizite Gehaltsbedingung in der Brudererzählung durch die Sätze der Pfadfindertaufe und in der Bucherzählung durch die Ordnung der Ereignisse erfüllt. Je nach Annahme über das Verhältnis von Erzähler und Autor verändert sich nach Stocks Bestimmungen zwar nicht der Fiktionalitätsstatus der Sätze, aber die Bewertung der ausgeführten Sprechakte. Werden die Äußerungen einem Ich-Erzähler ohne textexterne Referenz zugeordnet, sind die Sätze das Ergebnis von allein fiktionalen Sprechakten. Bärfuss würde den Leser nur zu Vorstellungen auffordern. Wird der Erzähler mit Bärfuss identifiziert, können hingegen viele (aber nicht alle) Sätze als Ergebnis von fiktionalen und assertiven Sprechakten zugleich bewertet werden. Bärfuss würde den Leser zu Vorstellungen und Überzeugungen auffordern.

In der Tiererzählung scheint die Bedingung hingegen nicht erfüllt zu sein. Die Nichtfiktionssignale legen nahe, dass Bärfuss den Leser nicht dazu auffordert, sich vorzustellen, die Menge der Propositionen sei wahr, sondern es zu glauben. Der Wahrheitswert der Sätze ist für den Fiktionalitätsstatus der Erzählung unerheblich. Die Propositionen der Tiererzählung bilden eine Nichtfiktion.

Insofern handelt es sich um eine Mischung aus zwei Fiktionen und einer Nichtfiktion. Auf der Werkebene bleibt die Klassifikation wiederum offen.

3.7 Zwischenfazit: Klassifikationen

Die Anwendung der Fiktionstheorien von Walton, Currie, Lamarque/Olsen, Davies, Konrad und Stock führt zu unterschiedlichen Klassifikationen von Montauk und Koala. Dabei unterscheiden sich auch die durch die Theorien implizierten Erklärungsansätze für den in den Annäherungen beobachteten Grenzfallstatus der Werke.

  • (FW): Nach Walton sind Montauk und Koala fiktional. Waltons streng ausgelegter Theorie zufolge sollte es sich nicht um Grenzfälle handeln. Eine nur grob durch Walton inspirierte Erklärung für den Grenzfallstatus könnte jedoch lauten: Das Publikum ist sich nicht einig darüber, welche Funktionen die Werke erfüllen bzw. welche dieser Funktionen die zentrale ist. Die Werke wären nach einer solchen Erklärung Grenzfälle, weil sie mehrere Funktionen erfüllen und keine dieser Funktionen allgemein als zentrale anerkannt wird. Vielmehr schreiben die Interpreten den Werken unterschiedliche zentrale Funktionen zu und beantworten deshalb die Frage nach dem Fiktionalitätsstatus unterschiedlich.

  • (FC): Nach Currie sind die Texte von Montauk und Koala Mischungen aus fiktionalen und nichtfiktionalen Sätzen. Der Fiktionalitätsstatus der Werke bleibt unbestimmt. Nach Curries Theorie ließe sich der Grenzfallstatus der Werke mit dieser Mischung erklären. Weil keine klare Tendenz auszumachen ist, ob es sich um fiktionale Sätze im Text eines nichtfiktionalen Werks oder um nichtfiktionale Sätze im Text eines fiktionalen Werks handelt, klassifizieren Interpreten die Werke unterschiedlich.

  • (FLO): Nach Lamarque und Olsen sind Montauk und Koala eher nichtfiktional. Es scheint eher nicht der Fall zu sein, dass die Werke insgesamt Teil der Fiktionalitätsinstitution sind, aber die Urteile bleiben unsicher. Eine Ermessensfrage ist etwa, ob die Texte tatsächlich zu viele Sätze enthalten, die in Lamarques und Olsens Sinne nicht von fiktivem Gehalt sind, damit die Werke als fiktional gelten können. Der Grenzfallstatus erklärt sich nach ihrer Theorie aus dieser Unsicherheit. Manche Interpreten erachten die Werke als Teil der Fiktionalitätsinstitution, andere nicht.

  • (FDE)/(FDW): Nach Davies sind Montauk und Koala Mischungen aus fiktionalen und nichtfiktionalen Erzählungen. Der Fiktionalitätsstatus kann auf der Werkebene bestimmt werden, die Bestimmung muss aber durch eine Interpretation begründet werden. Nach Davies ließe sich der Grenzfallstatus mit der unterschiedlich beantwortbaren Frage nach der Beziehung zwischen den enthaltenen Erzählungen erklären. Manche Interpreten schreiben im Hinblick auf die strukturelle Organisation des Werkganzen den fiktionalen Teilen eine heuristische Funktion für die nichtfiktionalen Teile zu, andere bewerten die Beziehung umgekehrt.

  • (FK): Nach Konrad ist Montauk entweder nichtfiktional oder eine Mischung aus fiktionalen und nichtfiktionalen Teilen mit unbestimmtem Fiktionalitätsstatus auf der Werkebene. Koala ist entweder fiktional oder eine Mischung aus fiktionalen und nichtfiktionalen Teilen mit unbestimmtem Fiktionalitätsstatus auf der Werkebene. Der Grenzfallstatus ließe sich auf der Basis von Konrads Theorie mit der nicht hinreichend deutlichen Kennzeichnung der jeweiligen Intention der Autoren erklären. Manche Interpreten bewerten die Kennzeichnung der Intention, dass das Werk oder ein Werkteil nach den Konventionen der Fiktionalitätsinstitution rezipiert wird, als hinreichend deutlich und schreiben sie Frisch bzw. Bärfuss zu, andere nicht.

  • (FS): Nach Stock sind Montauk und Koala Mischungen aus Fiktionen und Nichtfiktionen. Auf der Werkebene bleibt die Klassifikation unbestimmt. Der Grenzfallstatus erklärt sich nach ihrer Theorie aus dieser Mischung. Es bleibt unklar, ob es sich um ein fiktionales Werk mit einer Nichtfiktion (bzw. Nichtfiktionen) oder um ein nichtfiktionales Werk mit einer Fiktion (bzw. Fiktionen) handelt.

1

Zum Konzept der wechselseitigen Erhellung (reflective equilibrium) vgl. den Überblick von Daniels 2020: „Viewed most generally, a ‚reflective equilibrium‘ is the end-point of a deliberative process in which we reflect on and revise our beliefs about an area of inquiry“. Das Ziel einer wechselseitigen Erhellung ist somit Kohärenz zwischen Urteilen, die voneinander abhängen. Vgl. dazu auch Stock 2017, 9: Die wechselseitige Erhellung wird dort verstanden als „the practice of mutually adjusting general principles and particular judgements until they cohere“.

2

Vgl. die Listen in den Kapiteln 1.1.3.1/1.2.3.1 Signale.

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Vorstellungen und Überzeugungen

Zur Grenzziehung zwischen fiktionalen und nichtfiktionalen Erzählwerken mit Untersuchungen zu Max Frischs Montauk und Lukas Bärfuss’ Koala

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