Kapitel 4 Evaluation

In: Vorstellungen und Überzeugungen
Author:
Victor Lindblom
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Die vorläufigen Ergebnisse der ersten Anwendung sollen nun evaluiert werden. Die Evaluation erfüllt dabei eine Begründungsfunktion für die letztlich vorzuschlagende Fiktionstheorie und die vorzuschlagenden Klassifikationen von Montauk und Koala.

Die in den letzten beiden Kapiteln rekonstruierten und angewendeten Theorien wurden mehrheitlich durch die Beschreibung der Produktion und Rezeption von unumstritten als fiktional geltenden Werken generiert. Bei Montauk und Koala handelt es sich indes absichtlich um umstrittene Fälle. Zwar ist an paradigmatischen Fällen von Fiktionalität zu untersuchen, was Fiktionalität ist. Jedoch ist an Grenzfällen zu testen, wie leistungsfähig konkurrierende Fiktionstheorien sind. Es wäre wenig aufschlussreich, Theorien an denselben unumstrittenen Fällen zu prüfen, anhand derer die Theorien generiert wurden. Durch die Konfrontation mit umstrittenen Fällen treten hingegen die Konsequenzen der Bestimmungen deutlicher hervor. Diese Konsequenzen lassen sich bewerten, und diese Bewertungen erlauben wiederum Rückschlüsse auf die Leistungsfähigkeit der Fiktionstheorien. Kurz: Theoriegenerierung muss anhand möglichst eindeutiger Fälle geschehen – zur Theorieevaluation bergen jedoch uneindeutige Fälle das größere Potenzial. Dies die Idee hinter dem Vorgehen.

Dabei ist ‚Leistungsfähigkeit‘ ein relativer und gradueller Begriff. Theorien sind je nach definiertem Ziel mehr oder weniger leistungsfähig. Die hier geltenden Gütekriterien sind: Erklärungspotenzial (a), Adäquatheit (b) und Anwendbarkeit (c).

(a) Erklärungspotenzial

Als erstes Kriterium zur Evaluation der Leistungsfähigkeit einer Theorie soll das Potenzial zur Erklärung des beobachteten Grenzfallstatus der Werke gelten. Auf der Basis einer leistungsfähigen Theorie sollte, so die dem Kriterium zugrunde liegende Überzeugung, nicht nur der Fiktionalitätsstatus von unumstrittenen Fällen adäquat bestimmt werden können. Sie sollte zudem zur Beschreibung und Analyse von umstrittenen Fällen (wie Montauk und Koala) dienen können. Erstens sollte sie erklären können, warum es sich um umstrittene Fälle handelt. Zweitens sollte aus dieser Erklärung ein Lö-sungsvorschlag resultieren: entweder zur Klassifikation oder zumindest zum Umgang mit dem Grenzfall.

(b) Adäquatheit

Als zweites Kriterium zur Evaluation der Leistungsfähigkeit soll die intuitive Adäquatheit der Ergebnisse gelten. Dieses Kriterium gilt als erfüllt, wenn die Anwendung zu einer mit der im Groben etablierten Unterscheidungspraxis zwischen Fiktionalität und Nichtfiktionalität kompatiblen Klassifikation führt. Als ‚intuitiv adäquat‘ wird ein Ergebnis – und dies gilt insbesondere bei Grenzfällen – nicht dann verstanden, wenn es mit der Intuition eines Individuums übereinstimmt, sondern wenn es in den beobachtbaren Sprachgebrauch integrierbar ist. Dieses Kriterium wird berücksichtigt, damit es sich bei der vorzuschlagenden Bestimmung des Fiktionalitätsbegriffs um eine Explikation und keine Umbestimmung handelt.1 Der feststehende Sprachgebrauch in und außerhalb der Wissenschaft soll, wo er feststeht, durch den Vorschlag zunächst möglichst gut abgebildet werden. Darüber hinaus soll er in den Grauzonen (um Fälle wie Montauk und Koala analysieren zu können) geschärft werden.

(c) Anwendbarkeit

Als drittes Kriterium sollen die Operationalisierbarkeit und der Nutzen einer Theorie für die literaturwissenschaftliche Praxis gelten. Eine leistungsstarke Theorie sollte diesem Kriterium zufolge als methodisch fundiertes Analyseinstrument zur systematischen Bestimmung des Fiktionalitätsstatus eines Werks verwendet werden können. In derselben Weise, wie eine Interpretationstheorie etwa angeben sollte, wie die Bedeutung eines Werks zu bestimmen ist, sollte im Rahmen einer Fiktionstheorie angegeben werden, wie vorzugehen ist, um den Fiktionalitätsstatus eines Werks zu bestimmen.

Anhand dieser Gütekriterien werden im Folgenden die Ergebnisse der Anwendung der Theorien von Walton (4.1), Currie (4.2), Lamarque und Olsen (4.3), Davies (4.4), Konrad (4.5) sowie Stock (4.6) evaluiert. Auf der Basis dieser Evaluation wird zuletzt ein im nächsten Kapitel auszuführender Vorschlag zur Kombination dreier Theorien skizziert (4.7).

4.1 Waltons Funktionalismus

Waltons streng ausgelegte Theorie stellt keine Erklärung für den Grenzfallstatus von Montauk und Koala bereit. Seinen Bestimmungen zufolge sollte es sich nicht um Grenzfälle handeln. Aus einer modifizierten Variante der Theorie würde aber eine plausible Erklärung resultieren. Notwendig und zugleich hinreichend für Fiktionalität wäre einer solchen Anpassung zufolge (die Walton jedoch explizit ablehnt2 ), dass es die zentrale Funktion eines Werks oder Werkteils sein müsste, als Hilfsmittel in einem Vorstellungsspiel zu dienen. Die Unstimmigkeit könnte dann durch die verschiedenen und grundsätzlich anfechtbaren Funktionszuschreibungen erklärt werden.

Aus Waltons Theorie resultiert, da es kein Problem zu lösen gibt, kein Lösungsvorschlag. – Auf der Basis der modifizierten Theorie könnte aber argumentiert werden, die Werkteile seien unterschiedlich zu klassifizieren. In Montauk sei die zentrale Funktion der Binnenerzählungen die autobiografische Selbstdarstellung, die zentrale Funktion der Rahmenerzählung hingegen das Anleiten eines Vorstellungsspiels. In Koala sei die zentrale Funktion der Tiererzählung die Darstellung historischer Ereignisse, die zentrale Funktion der Bruder- und der Bucherzählung hingegen das Anleiten eines Vorstellungsspiels.

Die Adäquatheit der Ergebnisse ist nach Waltons Theorie begrenzt. Gemessen an der im Groben etablierten Unterscheidungspraxis folgt aus seiner Theorie eine deutliche Erweiterung des Begriffsumfangs.3 – Die Ergebnisse der modifizierten Theorie könnten eher als adäquat gelten. Werden die Werke aufgrund der Zuschreibung unterschiedlicher zentraler Funktionen als Mischungen von fiktionalen und nichtfiktionalen Werkteilen klassifiziert, scheint dieses Ergebnis mit der etablierten Unterscheidungspraxis für eindeutige Fälle kompatibel zu sein. Die Klassifikation der Lynn-Erzählung von Montauk sowie der Bruder- und der Bucherzählung von Koala als fiktionale Werkteile wären in den feststehenden Sprachgebrauch integrierbar. Offen bliebe aber immer noch der Fiktionalitätsstatus auf der Werkebene. Hier könnte argumentiert werden, in Montauk sei die Funktion, als Hilfsmittel in einem Vorstellungsspiel zu dienen, nicht die zentrale, in Koala hingegen schon. Folglich sei Montauk als Werk nichtfiktional, Koala hingegen fiktional.

Die Operationalisierbarkeit und der Nutzen für die literaturwissenschaftliche Praxis von Waltons Theorie (und dies gilt auch für die potenzielle Modifikation) ist beschränkt. Zur Bestimmung des Fiktionalitätsstatus eines Werks ist in erster Linie der Umgang mit dem Werk durch das Publikum zu beschreiben. Eine Klassifikation ist demnach keine analytische, sondern eine empirische Aufgabe. Der Blick verschiebt sich vom Werk auf die Rezeption.4 Dies ist kein grundsätzliches Problem. Es spricht nichts gegen die Auseinandersetzung mit der Rezeption eines Werks. Es wird für Waltons Theorie aber zu einem Problem, wenn das Interesse in der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung auf dem Werk selbst liegt. Dieses Interesse ist in der wissenschaftlichen Praxis oft oder sogar meistens gegeben. Dies mindert die Leistungsfähigkeit von Waltons Theorie relativ zum hier verfolgten Ziel.

4.2 Curries Intentionalismus

Curries Theorie legt eine plausible Erklärung für den Grenzfallstatus von Montauk und Koala nahe. Weil es sich bei den Texten um Mischungen von fiktionalen und nichtfiktionalen Sätzen handelt, unterscheiden sich die Klassifikationen in der Literaturkritik und -wissenschaft. Aufgrund des Mischverhältnisses klassifizieren die Interpreten die Werke unterschiedlich.

Aus Curries kompositionalistischer Theorie folgt kein Lösungsvorschlag. Der Fiktionalitätsstatus von Montauk und Koala ist durch die Beschreibung der Mischung von fiktionalen und nichtfiktionalen Sätzen seiner Theorie zufolge abschließend bestimmt. Ein derartiges Mischverhältnis ist nach Currie keine Ausnahme, sondern die Regel. Je nach ausgeführtem Sprechakt fordert Frisch bzw. Bärfuss den kooperierenden Leser zu der angemessenen epistemischen Haltung gegenüber dem propositionalen Gehalt auf. Ist der Fiktionalitätsstatus der Sätze adäquat bestimmt, kann die Frage offenbleiben, ob das Werk insgesamt als fiktional oder nichtfiktional gelten solle.

Auf der Satzebene scheinen die Ergebnisse von Curries Theorie adäquat zu sein. Dass Sätze als Ergebnis fiktionaler Äußerungen fiktional sind, wenn der Leser sich vorstellen soll, der propositionale Gehalt des Satzes sei wahr, ist mit der im Groben etablierten Unterscheidungspraxis kompatibel. Auch die Gehaltsbedingung scheint in den feststehenden Sprachgebrauch integrierbar. Es stellt sich gleichwohl die Frage, ob Curries Gehaltsbedingung zwar für einzelne Sätze adäquat, jedoch für Satzmengen zu streng ist. Seiner Theorie zufolge enthalten viele oder sogar die meisten Texte der als fiktional geltenden literarischen Werke nichtfiktionale Sätze. Es stellt sich insofern immer wieder die Frage nach dem Fiktionalitätsstatus auf der Werkebene.

Currie gibt kein Kriterium an zur Unterscheidung eines fiktionalen Werks, dessen Text nichtfiktionale Sätze enthält und eines nichtfiktionalen Werks, dessen Text fiktionale Sätze enthält. Diese Unbestimmtheit ist insofern inadäquat, als die Unterscheidungspraxis zwischen Fiktionalität und Nichtfiktionalität in aller Regel die Werkebene mindestens auch im Blick hat. Selbst wenn das Offenlassen dieser Frage begründet ist, bleibt ein nachweisbares und berechtigtes Interesse am Fiktionalitätsstatus von Werken bestehen, dem eine Theorie in irgendeiner Form Rechnung tragen sollte.

Curries Theorie lässt sich auf der Satzebene operationalisieren. Auf der Basis aller einschlägigen Text- und Kontextdaten sind Hypothesen über die Erfülltheit der Bedingungen für Fiktionalität aufzustellen. Je nach Begründetheit dieser Hypothese ist das Urteil über den Fiktionalitätsstatus einzelner Sätze mehr oder weniger sicher. Auf der Werkebene ist die Theorie nur insofern operationalisierbar, als sich Mischungen von fiktionalen und nichtfiktionalen Sätzen beschreiben lassen. Curries Theorie ist insofern relativ zu den Gütekriterien auf der Satzebene leistungsstark. Auf der Werkebene bleiben Fragen offen.

4.3 Lamarques und Olsens Institutionalismus

Auch die Theorie von Lamarque und Olsen kann plausibel erklären, warum der Fiktionalitätsstatus von Montauk und Koala unterschiedlich bewertet wird. Es bleibt ihrer Theorie zufolge uneindeutig, ob die Werke insgesamt Teil der Kommunikation zwischen Autoren und Lesern in der Fiktionalitätsinstitution sind oder nicht. Die Text- und Kontextdaten weisen in unterschiedliche Richtungen. In manchen Werkteilen können die beiden Bedingungen für Fiktionalität als erfüllt gelten, in anderen nicht. Deshalb unterscheiden sich die Klassifikationen der Interpreten. Ein Lösungsvorschlag resultiert aus der Theorie nicht. Der Fiktionalitätsstatus der Werke bleibt entweder unsicher oder unbestimmt.

Werden die Werke insgesamt als eher nichtfiktional klassifiziert, wie es die Theorie nahelegt, scheint diese Klassifikation nicht für alle Teile der Werke gleichermaßen adäquat. Die Klassifikation der Werke und aller Werkteile als fiktional oder nichtfiktional scheint den Grenzfällen in ihrer Komplexität nicht gerecht zu werden. Dies liegt an Lamarques und Olsens autonomistischer Grundannahme. Auch wenn literarische Werke oft oder sogar meistens in ihrer Ganzheit fiktional oder nichtfiktional sind, bleiben Mischfälle prinzipiell möglich. Literarische Werke können heterogenere Gebilde sein, als es in der Theorie vorgesehen ist. Zudem scheint die Gehaltsbedingung zu streng zu sein. Auch in Texten von unumstritten als fiktional geltenden Werken hängt der Gehalt vieler Sätze oft nicht von den Äußerungen selbst ab, sondern von textexternen Sachverhalten – davon, was in der Welt der Fall ist oder war.

Die Theorie ist operationalisierbar. Über die Erfülltheit der Bedingungen können mehr oder weniger gut begründete Hypothesen aufgestellt werden. Der Nutzen der Theorie für die literaturwissenschaftliche Praxis ist jedoch beschränkt. Sie eignet sich wohl zur Anwendung auf paradigmatische Fälle von Fiktionalität, aber kaum zur Analyse von umstrittenen Fällen. Dies mindert die Leistungsfähigkeit der Theorie relativ zu den definierten Gütekriterien.

4.4 Davies’ Intentionalismus

Aus Davies’ Theorie resultiert eine plausible Erklärung für den Grenzfallstatus der Werke. Die Unstimmigkeit kann nach Davies durch Interpretationen erklärt werden, in denen die Beziehungen zwischen den enthaltenen Erzählungen unterschiedlich bewertet werden. Die Theorie legt damit einen Lösungsvorschlag nahe. Bei einem Mischfall ist die Klassifikation des Werks durch eine Interpretation und Reflexion über die Beziehung der enthaltenen Erzählungen zu begründen.

Die Ergebnisse scheinen auf der Ebene der Erzählungen eingeschränkt adäquat zu sein. Die resultierenden Klassifikationen sind zwar mit der im Groben etablierten Unterscheidungspraxis kompatibel. Zudem wird der Komplexität und Heterogenität der Grenzfälle Rechnung getragen, indem sich die Klassifikationen auf der Ebene der Erzählungen und der Werkebene unterscheiden können. Eine Bedingung in Davies’ Theorie scheint die im Groben etablierte Unterscheidungspraxis jedoch weniger adäquat abzubilden. Wenn Faktentreue nicht das primäre Ziel des Autors war, aber vielleicht doch ein Ziel, können fiktionale Erzählungen aus allein wahren Sätzen bestehen. Dies scheint in den feststehenden Sprachgebrauch insofern nicht problemlos integrierbar, als der Begriffsumfang erweitert wird.

Auf der Werkebene hängt die Adäquatheit der Klassifikation von der Begründung der jeweiligen Interpretation ab. Die Adäquatheit eines solchen Ergebnisses kann somit nur im Einzelfall und unter Berücksichtigung der zugrunde liegenden Interpretation evaluiert werden.

Die Theorie ist operationalisierbar. Auf Basis der Text- und Kontextdaten können Hypothesen darüber aufgestellt werden, ob die (eingeschränkt adäquaten) Bedingungen für Fiktionalität erfüllt sind. Für die literaturwissenschaftliche Praxis ist Davies’ Vorschlag zur Klassifikation von Mischfällen auf der Werkebene von Nutzen. Jedoch überschneidet sich an diesem Punkt die Fiktionstheorie mit der Interpretationstheorie. Das Vorgehen zur interpretationsabhängigen Klassifikation von Mischfällen müsste auf der Basis von Davies’ skizzierter Grundidee noch im Detail bestimmt werden.

4.5 Konrads Institutionalismus

Konrads Theorie impliziert eine plausible Erklärung für den Grenzfallstatus der Werke. Die Unstimmigkeit resultiert demnach vor allem aus der uneindeutigen Kennzeichnung der Intentionen von Frisch bzw. Bärfuss. Wird von einer Mischung von fiktionalen und nichtfiktionalen Teilen ausgegangen, bleibt zudem unklar, ob das Werk insgesamt Teil der Fiktionalitätsinstitution ist oder nicht. In solchen Fällen schlägt Konrad die bewusste Enthaltung als Resultat und Lösung vor. Die Werke behalten insofern ihren Grenzfallstatus.

Auf der Ebene der Werkteile scheinen die Ergebnisse eingeschränkt adäquat. Die Klassifikationen sind mit der Unterscheidungspraxis kompatibel. Zudem wird die Theorie der Komplexität und Heterogenität der Grenzfälle insbesondere durch die Beobachtung gerecht, dass sich fiktionale und assertive Sprechakte nicht gegenseitig ausschließen müssen, sondern zugleich ausgeführt werden können. Jedoch führt das Fehlen jeglicher Gehaltsbedingung in Konrads Theorie zu einer Erweiterung des Begriffsumfangs. Unabhängig vom Wahrheitswert der Sätze könnte etwa die Tiererzählung in Koala als fiktional klassifiziert werden, wenn die Kennzeichnung einer solchen Intention als hinreichend erachtet würde. Ein solches Ergebnis schiene in den feststehenden Sprachgebrauch nicht widerspruchsfrei integrierbar. Zudem ist die bewusste Enthaltung als ein mögliches Ergebnis der Klassifikation auf der Werkebene zwar wohlbegründet. Gleichwohl besteht in der Unterscheidungspraxis ein Interesse am Fiktionalitätsstatus von Werken, dem die Theorie nicht gerecht wird.

Die Operationalisierbarkeit von Konrads Theorie ist gegeben. Zur Klassifikation von Werken und Werkteilen sind Hypothesen über die Intentionen des Autors aufzustellen, zudem ist die Kennzeichnung dieser Intentionen im Text und Kontext nachzuweisen. Von Nutzen für die literaturwissenschaftliche Praxis ist insbesondere die Feststellung, dass Autoren zugleich zu Vorstellungen und Überzeugungen auffordern können. Die Leistungsfähigkeit der Theorie wird aber durch die Erweiterung des Begriffsumfangs und durch das Fehlen eines Kriteriums zur Klassifikation von Mischfällen gemindert.

4.6 Stocks Intentionalismus

Stocks Theorie liefert auf der Werkebene eine plausible Erklärung für die Unstimmigkeiten. Die Texte sind Mischungen aus Fiktionen und Nichtfiktionen. Deshalb werden die Werke unterschiedlich klassifiziert. Stocks Theorie schlägt keine Lösung vor. Aus ihrer Theorie folgt zwar die Möglichkeit eines Mischverhältnisses, jedoch widerspricht dies der Zielsetzung Stocks.

Die Ergebnisse auf der Ebene der Fiktionen und Nichtfiktionen scheinen adäquat zu sein. Die Klassifikationen der Satzmengen sind mit der im Groben etablierten Unterscheidungspraxis kompatibel und in den feststehenden Sprachgebrauch integrierbar. Dies gilt insbesondere für die implizite Gehaltsbedingung von Stocks Theorie. Diese bildet einen Kompromiss zwischen Curries und Davies’ Bestimmungen. Im Ergebnis bildet ihr Vorschlag den Sprachgebrauch in und außerhalb der Wissenschaft damit adäquater ab. Fiktionen (Mengen an in der Vorstellung zu verknüpfenden Propositionen) können demnach zu großen Teilen, aber nicht absichtlich vollständig wahr sein. Zudem wird die Theorie der Komplexität und Heterogenität der beiden Grenzfälle insofern gerecht, als auch Stock zufolge fiktionale Sätze das Ergebnis von zugleich ausgeführten fiktionalen und assertiven Sprechakten sein können. Auf der Werkebene bleibt die Klassifikation jedoch offen. Damit wird die Theorie dem bestehenden Interesse am Fiktionalitätsstatus von Werken nicht gerecht.

Die Operationalisierbarkeit ist gegeben. Es sind Hypothesen über die Intentionen des Autors aufzustellen, wobei die implizite Kennzeichnungsbedingung und die implizite Gehaltsbedingung erfüllt sein müssen, um dem Autor die notwendige und zugleich hinreichende Intention für Fiktionalität zuschreiben zu können. Von Nutzen für die literaturwissenschaftliche Praxis ist wiederum die Feststellung, dass Autoren durch ihre Äußerungen zu Vorstellungen und Überzeugungen zugleich auffordern können. Die Theorie ist insbesondere für die Ebene der Satzmengen für die literaturwissenschaftliche Praxis von Nutzen und leistungsstark.

4.7 Zwischenfazit: Kombination

Durch die Evaluation der ersten Anwendung zeichnet sich ein klareres Bild von den Konsequenzen der jeweiligen Bestimmungen von Fiktionalität ab. Bei allen Theorien sind relativ zu den definierten Gütekriterien Stärken und Schwächen auszumachen. Die Anwendung lässt die folgenden zentralen Probleme deutlicher heraustreten:

  • (FW): Waltons Theorie führt zu einer Erweiterung des Begriffsumfangs.

  • (FC): Curries Theorie führt bei Satzmengen zu einer Einengung des Begriffsumfangs und lässt auf der Werkebene berechtigte Fragen unbeantwortet.

  • (FLO): Lamarques und Olsens Theorie führt zu einer Einengung des Begriffsumfangs und wird der Heterogenität von komplexeren Fällen nicht gerecht.

  • (FDE): Davies’ Theorie führt zu einer Erweiterung des Begriffsumfangs.

  • (FK): Konrads Theorie führt zu einer Erweiterung des Begriffsumfangs und lässt auf der Werkebene berechtigte Fragen unbeantwortet.

  • (FS): Stocks Theorie lässt auf der Werkebene berechtigte Fragen unbeantwortet.

Diese zugespitzt zusammengetragenen Schwächen legen jedoch nahe, dass eine Kombination der Stärken dreier Theorien erfolgversprechend sein könnte:

  • (FC): Curries Theorie zur Bestimmung des Fiktionalitätsstatus von Äußerungen

  • (FS): Stocks Theorie zur Bestimmung des Fiktionalitätsstatus von Erzählungen

  • (FDW): Davies’ Theorie zur Bestimmung des Fiktionalitätsstatus von Werken

Die drei intentionalistischen Theorien haben sich in unterschiedlicher Weise als leistungsstark erwiesen. Curries Theorie ist zur Bestimmung des Fiktionalitätsstatus von Sätzen adäquat und operationalisierbar. Stock lockert Curries (zu) strenge Gehaltsbedingung, wodurch ihre Theorie zur Klassifikation von Erzählungen adäquat und operationalisierbar wird. Davies schlägt ein Kriterium zur Bestimmung des Fiktionalitätsstatus von Werken vor, wenn es sich nach Stocks Theorie um Mischfälle handelt.

Es lässt sich die zu prüfende Vermutung aufstellen: Eine in diesem Sinne kombinierte und an die Bedürfnisse der Literaturwissenschaft angepasste Theorie erfüllt die Gütekriterien. Dieser Vorschlag wird im nächsten Kapitel ausformuliert und operationalisiert, um ihn dann in einer zweiten Anwendung auf Montauk und Koala auf die Probe zu stellen.

1

Zum hier zugrunde gelegten Begriff und Verfahren der Explikation vgl. Köppe 2006, 161–162: „Ihr Ziel ist es, eine etablierte Ausdrucksverwendung aufzugreifen und zu modifizieren. Ihren Ort haben Explikationen vor allem in der Wissenschaft, wo es gilt, die Präzision eines Ausdrucks den ‚Erfordernissen‘ und ‚Ansprüchen‘ oder den ‚Zielen‘ der Wissenschaft anzupassen.“ Vgl. in diesem Sinne auch Kindt 2011, 30: Eine Explikation ist „eine Definition, die den Anschluss an die bisherige Verwendung eines Konzepts mit dessen Präzisierung für den Gebrauch in bestimmten Zusammenhängen zu verbinden versucht“ oder Strube 1993, 16: Eine Explikation vereint die „Feststellung verschiedener ‚tatsächlicher‘ Gebrauchsweisen“ eines Ausdrucks mit einer „Festlegung […] auf bestimmte (zukünftig zu praktizierende) Gebrauchsweisen“.

2

Vgl. Walton 1990, 94 [Hervorhebung im Original]: „Should we go by the primary or dominant function of a work in classifying it as fiction or nonfiction, insofar as that can be ascertained, rather than tying its status to the mere presence or absence of a given function? This seems to me an awkward alternative“. Walton bleibt dabei: „Any work with the function of serving as a prop in games of make-believe, however minor or peripheral or instrumental this function might be, qualifies as ‚fiction‘; only what lacks this function entirely will be called nonfiction“ (Walton 1990, 72; meine Hervorhebung, V. L.).

3

Konrad stuft Waltons Theorie insofern als ‚hyperfiktionalistisch‘ ein (vgl. Konrad 2014, 152–155). Friend führt den Ausdruck der waltfiction ein, um anzuzeigen, dass sich sein Begriff von üblichen Verwendungsweisen unterscheidet (vgl. Friend 2008, 152–154; 2011, 164). Auch Bareis spricht von einer „sehr weite[n] Applikation“ (Bareis 2014, 53), die zu einer „Ausweitung des Fiktionsbegriffs“ (Bareis 2014, 54) führe. Zipfel macht in Waltons Theorie gar „terminologische Taschenspielertricks“ (Zipfel 2001, 24) aus.

4

Vgl. dazu auch Bareis 2014, 62.

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Vorstellungen und Überzeugungen

Zur Grenzziehung zwischen fiktionalen und nichtfiktionalen Erzählwerken mit Untersuchungen zu Max Frischs Montauk und Lukas Bärfuss’ Koala

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