Kapitel 7 Zusammenfassung: Thesen

In: Vorstellungen und Überzeugungen
Author:
Victor Lindblom
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In der vorliegenden Untersuchung wurde der Versuch einer wechselseitigen Erhellung unternommen. Dabei wurden verschiedene Vorschläge erarbeitet: erstens zu einer literaturwissenschaftlich operationalisierten Definition von Fiktionalität und Nichtfiktionalität, zweitens zur Klassifikation von Max Frischs Montauk und Lukas Bärfuss’ Koala.

In den Annäherungs-Kapiteln wurden Beschreibungen und Analysen von Montauk und Koala vorgenommen. So wurde das zu untersuchende Fiktionalitätsproblem schrittweise herausgearbeitet und eine breite Datenbasis generiert. Die Rekonstruktionen gingen den Weg vom Text zum Kontext zum Werk. Gegen Ende der Kapitel wurden vorläufige Listen von Fiktions- und Nichtfiktionssignalen aufgestellt, die zur Erklärung des Grenzfallstatus der Werke dienten. Ein auf der im Groben etablierten Unterscheidungspraxis und dem feststehenden Sprachgebrauch beruhendes und insofern intuitives Verständnis von Fiktionalität und Nichtfiktionalität war ausreichend, um zunächst die Gründe für die Unstimmigkeiten in der Forschung und Kritik zu benennen.

Derart wurde in das erste Theorie-Kapitel übergeleitet. In diesem wurden sechs pragmatische Fiktionstheorien rekonstruiert, die der Vorstellungskraft eine entscheidende Rolle in der Definition von Fiktionalität zuweisen. Die Auswahl wurde durch den Verweis auf die Ergebnisse philosophisch-literaturwissenschaftlicher Arbeiten begründet, an die mit dieser Untersuchung angeschlossen wurde. Die rekonstruierten Theorien gaben verschiedene Antworten auf die Frage, in welchem Verhältnis Fiktionalität, die Vorstellungskraft und das Handeln von Autorinnen und Autoren sowie Leserinnen und Lesern stehen. Dabei wurden signifikante Unterschiede hervorgehoben. Dies in erster Linie beim zugrunde gelegten Vorstellungsbegriff sowie den Fragen der Definitionsmenge, der Reichweite, der Entscheidungshoheit und der Notwendigkeit einer Gehaltsbedingung.

Im ersten Anwendungs-Kapitel wurden diese Fiktionstheorien auf Montauk und Koala angewendet. Es resultierten verschiedene Klassifikationsvorschläge und Erklärungen für den beobachteten Grenzfallstatus der Werke. Die vorläufigen Ergebnisse wurden dann im Evaluations-Kapitel geprüft. Die Leistungsfähigkeit der Theorien wurde relativ zu den definierten Gütekriterien des Erklärungspotenzials, der Adäquatheit und der Anwendbarkeit evaluiert. Durch die Anwendung auf die Grenzfälle ließen sich Stärken und Schwächen der Theorien benennen. Als Zwischenfazit wurde die Vermutung geäußert, dass eine an die Bedürfnisse der Literaturwissenschaft angepasste Kombination dreier Theorien erfolgversprechend sein könnte.

Im zweiten Theorie-Kapitel wurde ein solcher Vorschlag zur Definition und Operationalisierung ausformuliert. Dabei wurden folgende aufeinander aufbauende und kompatible Definitionen fiktionaler und nichtfiktionaler Äußerungen (i), Erzählungen (ii) und Werke (iii) erläutert:

(i) Fiktionale und nichtfiktionale Äußerungen

(FU)

Eine Äußerung U ist fiktional genau dann, wenn (i) der Autor A reflexiv intendiert, dass sich der Leser L vorstellt, die durch U ausgedrückte (komplexe) Proposition p sei wahr, und (ii) der Gehalt von U nicht auf einem Wahrheitsbemühen von A beruht.

(NFU)

Eine Äußerung U ist nichtfiktional genau dann, wenn der Autor A reflexiv intendiert, dass der Leser L glaubt, die durch U ausgedrückte (komplexe) Proposition p sei wahr.

(ii) Fiktionale und nichtfiktionale Erzählungen

(FE)

Eine Erzählung E ist fiktional genau dann, wenn (i) der Autor A reflexiv intendiert, dass sich der Leser L vorstellt, die temporal geordnete und sinnhaft verknüpfte Menge der durch die Äußerungen U1–Un ausgedrückten (komplexen) Propositionen {p, q, r, …} sei wahr, und (ii) der Gehalt mindestens einer Äußerung der Äußerungen U1–Un nicht auf einem Wahrheitsbemühen von A beruht.

(NFE)

Eine Erzählung E ist nichtfiktional genau dann, wenn der Autor A reflexiv intendiert, dass der Leser L glaubt, die temporal geordnete und sinnhaft verknüpfte Menge der durch die Äußerungen U1–Un ausgedrückten (komplexen) Propositionen {p, q, r, …} sei wahr.

(iii) Fiktionale und nichtfiktionale Werke

(FW)

Ein Erzählwerk W ist fiktional genau dann, wenn (a) W nur fiktionale Erzählungen enthält oder (b) die Werkbedeutung von W entscheidend von den enthaltenen fiktionalen Erzählungen abhängt.

(NFW)

Ein Erzählwerk W ist nichtfiktional genau dann, wenn (a) W nur nichtfiktionale Erzählungen enthält oder (b) die Werkbedeutung von W entscheidend von den enthaltenen nichtfiktionalen Erzählungen abhängt.

Erzählungen sind nach dieser Theorie in ihrer Ganzheit fiktional oder nichtfiktional. Werke können aber Mischungen aus fiktionalen und nichtfiktionalen Erzählungen sein.

Auf der Basis dieser Definitionen wurden in einem nächsten Schritt Fiktions- und Nichtfiktionssignale definiert (i) und ein mögliches Vorgehen zur systematischen Analyse des Fiktionalitätsstatus von Werken bestimmt (ii).

(i) Fiktions- und Nichtfiktionssignale

(SF)

Ein Text- oder Kontextmerkmal M ist relativ zu den Relationsgrößen R* ein Fiktionssignal genau dann, wenn M zur Begründung einer Klassifikation als fiktional beitragen kann.

(SNF)

Ein Text- oder Kontextmerkmal M ist relativ zu den Relationsgrößen R* ein Nichtfiktionssignal genau dann, wenn M zur Begründung einer Klassifikation als nichtfiktional beitragen kann.

* Relationsgrößen R: (i) Definitionen von Fiktionalität und Nichtfiktionalität, (ii) Zeit und Ort: Signifikanz des Merkmals im historischen Kontext

(ii) Methode

(1)

Rekonstruktion Erzählungen E1–En in Werk W

(2)

Analyse Cluster C an Fiktions-/Nichtfiktionssignalen in Text und Kontext von W

(3)

Zuschreibung Fiktionalitätsstatus von E1–En relativ zu C

(4.1)

Bei einheitlichen Klassifikationen E1–En: Zuschreibung Fiktionalitätsstatus von W

(4.2)

Bei uneinheitlichen Klassifikationen E1–En:

(4.2.1)

Interpretation I von W

(4.2.2)

Zuschreibung Fiktionalitätsstatus von W relativ zu I

Die Anwendung der Methode führt zu begründeten Klassifikationshypothesen von gradueller epistemischer Sicherheit. Bei der Klassifikation einer Erzählung hängt die Sicherheit der Hypothese vom jeweiligen Cluster der Fiktions- oder Nichtfiktionssignale ab. Fiktions- und Nichtfiktionssignale werden dabei als historisch variable Text- und Kontextmerkmale verstanden, die mehr oder weniger deutlich auf die Erfülltheit der notwendigen und zusammen hinreichenden Bedingungen für Fiktionalität bzw. Nichtfiktionalität hinweisen. Bei der Klassifikation eines Mischfalls als Werk hängt die Sicherheit von der Begründetheit und Plausibilität der Interpretation und der formulierten These zur Werkbedeutung ab. Eine Klassifikation auf der Werkebene kann bei einem Mischfall ausbleiben, wenn die Unterscheidung zwischen einem fiktionalen Werk mit nichtfiktionalen Werkteilen und einem nichtfiktionalen Werk mit fiktionalen Werkteilen weder sinnvoll noch erhellend ist. Als Grenzfälle gelten auf allen Ebenen Klassifikationen von erhöhter epistemischer Unsicherheit.

Im zweiten Anwendungs-Kapitel wurde die vorgeschlagene Fiktionstheorie auf Montauk und Koala angewendet. Nach einer Rekapitulation der Ereignisfolgen und einer Re-Evaluation der in den Annäherungen aufgestellten provisorischen Listen von Fiktions- und Nichtfiktionssignalen wurden die Werke zunächst als Mischfälle aus fiktionalen und nichtfiktionalen Erzählungen klassifiziert. (Dabei wurde zudem vorgeschlagen, den Begriff der autofiktionalen Erzählung für die Bezeichnung einer fiktionalen Erzählung zu reservieren, in der eine Autorin oder ein Autor zu propositionalen Vorstellungen über sich selbst auffordert. Dies im Gegensatz zum Begriff der autobiografischen Erzählung als Bezeichnung einer nichtfiktionalen Erzählung, in der eine Autorin oder ein Autor zu Überzeugungen über sich selbst auffordert.) Aufgrund des rekonstruierten Funktionszusammenhangs der Erzählungen wurde Montauk als nichtfiktionales, Koala als fiktionales Werk klassifiziert. Es wurden dann potenzielle Einwände gegen die Klassifikationshypothesen diskutiert und entkräftet. Montauk wurde im Kern als eine nichtfiktionale Selbstbetrachtung interpretiert, in der Frisch den Fokus auf sich selbst als Mann und Schriftsteller richtet. Koala wurde im Kern als eine fiktionale Erörterung des Suizids interpretiert, in der Bärfuss die Leserschaft mit einer existenzphilosophischen These konfrontiert.

Im besten Falle hat die Untersuchung zweierlei geleistet. Erstens hat sie eine mit der Erzähltheorie und Interpretationstheorie verknüpfte sowie ausführlich hergeleitete und begründete Fiktionstheorie zur gewinnbringenden Anwendung in der literaturwissenschaftlichen Praxis formuliert. Zweitens hat sie durch die Beschreibungen, Analysen und Interpretationen sowie die ebenfalls ausführlich hergeleiteten und begründeten Klassifikationen von Montauk und Koala mit einigen Einsichten zur Frisch- und Bärfuss-Forschung beigetragen.

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Vorstellungen und Überzeugungen

Zur Grenzziehung zwischen fiktionalen und nichtfiktionalen Erzählwerken mit Untersuchungen zu Max Frischs Montauk und Lukas Bärfuss’ Koala

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