Author:
Franz von Kutschera
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Die in diesem Band vereinten, bisher unveröffentlichten fünf Aufsätze enthalten die zentralen Gedanken meiner Philosophie. Die Zusammenstellung soll ihren Zusammenhang verdeutlichen. Der Aufsatz 1 gibt eine Übersicht über die Themen der philosophischen Teildisziplinen, in der es mir vor allem auf die Beziehungen zwischen diesen Themen ankommt. Dabei will ich zeigen, dass die Philosophie des Geistes eine Schlüsselrolle im Spektrum der philosophischen Disziplinen spielt. Ich bemühe mich um Übersichtlichkeit. Die erfordert Kürze, so dass ich für ausführlichere Darstellungen zu den einzelnen Themen öfter auf frühere Veröffentlichungen verweisen muss und auf andere Ansichten zu den einzelnen Problemen nur dort eingehen kann, wo das zur Erläuterung eigener Behauptungen hilfreich ist.

In 1.1 erläutere ich meine Konzeption von Philosophie. Ich unterscheide eine Philosophie im engeren Sinn, die sich in den Grenzen unseres normalen, intentionalen Denkens hält, von einer Philosophie im weiteren Sinn, die versucht, über diese Grenzen hinaus zu blicken. Das Kapitel 1 bewegt sich im Rahmen der Philosophie i.e.S. Um Philosophie i.w.S. geht es im zweiten Aufsatz. Dass intentionales Erkennen Grenzen hat, lässt sich mit dessen eigenen Mitteln feststellen. Dass wir darüber hinauskommen können, zeigen überintentionale Erfahrungen. Solche Erfahrungen sind schon aus dem 8. Jahrhundert v.Chr. in den Upanishaden am Ende der indischen Veden bezeugt. Anders als sinnliche Beobachtungen sind sie jedoch nicht kontrollierbar, denn sie sind selten und lassen sich nicht nach Belieben anstellen. Zudem ist ihr Gehalt nur schwer zu fassen, denn er entzieht sich naturgemäß Beschreibungen mit unserer normalen Sprache, die für die Zwecke intentionalen Denkens gemacht ist. Eine Beschäftigung mit solchen Erfahrungen ist daher mühsam. Die Erfahrungen bilden jedoch ein wichtiges Thema der Geistesgeschichte, denn sie liegen allen großen Religionen zugrunde und waren damit eine Kraftquelle aller Hochkulturen.

Mein zentrales Anliegen bestand nicht in logischen und wissenschaftstheoretischen Analysen, sondern in der Verteidigung der großen Konzeption menschlichen Daseins, die unserer europäischen Kultur zugrunde lag und die nun zu verschwinden droht. Diese Intention meiner Philosophie ist das Thema des dritten Aufsatzes. Darin gehe ich auf die heutige, von den Naturwissenschaften dominierte Sicht der Wirklichkeit ein und kritisiere sie im Licht meiner Aussagen zur Philosophie des Geistes in 1.2.

Die große Konzeption des Menschen unserer europäischen geistigen Tradition beruhte nicht nur auf philosophischen Ideen, sondern auch auf christlichem Glauben. Auch dieser Glaube verfällt heute. Wer die große Konzeption verteidigen will, muss sich daher auch mit dem Glauben und den Gründen seines Verfalls auseinandersetzen. Darum geht es im vierten und fünften Aufsatz. Vernunft und Glaube beanspruchen beide die Rolle eines Führers durchs Leben. Diese Ansprüche sind nur dann kompatibel, wenn der Glauben nach Einsicht sucht – fides quaerens intellectum. Andererseits müssen wir der Kraft unserer Vernunft vertrauen, und dieses Vertrauen kann Vernunft allein nicht rechtfertigen. Daher lautet die Ergänzung: intellectus quaerens fidem. Ohne ein Grundvertrauen auf die Erkennbarkeit der Wirklichkeit kann uns Vernunft kein Führer durchs Leben sein.

Die Verweise auf meine eigenen Arbeiten beziehen sich auf das Verzeichnis meiner Schriften am Ende des Buches. A12 steht dabei für den Aufsatz Nr. 12, B 16 für das Buch Nr. 16.

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