Einleitung

In: Manipulation
Author:
Christiane Turza
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Diese Arbeit beantwortet aus philosophischer Perspektive die Frage, was Manipulation von Personen ist, und damit auch die Frage, welchen ethischen Status Manipulation hat. − Wer nach einer Antwort auf diese Fragen sucht, könnte hierfür mehrere Gründe haben. Vermutlich wird es in den meisten Fällen einen klaren Anlass dafür geben, sich diese Fragen zu stellen. Etwa könnte man unsicher sein, ob in einer bestimmten Situation tatsächlich Manipulation vorliegt, oder man ist uneins darüber, ob es ein Problem damit gibt, wenn in einer bestimmten Situation manipuliert wird. Solche Unsicherheiten und Uneinigkeiten hinsichtlich der korrekten Klassifizierung von etwas als Manipulation und dem korrekten Umgang damit können in vielen Bereichen des Lebens auftreten. Ist das, was meine Chefin tut und ihr zum Erfolg verhilft, Manipulation? Darf ich meine Mitarbeiterinnen manipulieren? Eine große Bandbreite an Ratgeberliteratur reagiert auf dieses Interesse.1 Solche Texte unterscheiden sich jedoch von philosophischen Texten vor allem darin, dass sie einem größtenteils erklären, was Manipulationstechniken sind, wie man sie einsetzt oder auch wie man sie erkennt, um sich ‒ wie es oft heißt ‒ davor schützen zu können. Hier wird dann eher nebenbei oder zumeist in sehr knapper Form erläutert, was Manipulieren ist, und selten genauer untersucht, ob es in Ordnung ist, zu manipulieren; während eine philosophische Abhandlung diese Fragen nicht nur nebenbei beantworten würde, sondern zum eigentlichen Gegenstand hätte. Zudem würden philosophische Antworten auf diese Fragen in der Regel nicht ohne eine ausgesprochen kritische und differenzierte Haltung gegenüber konkurrierenden Positionen auskommen ‒ was Antworten aus der Ratgeberliteratur und Populärwissenschaft schon dem Anspruch nach nicht müssen. Die Wichtigkeit solcher genuin philosophischen Auseinandersetzungen wird dem, der mit den angesprochenen Unsicherheiten und Uneinigkeiten konfrontiert ist, schnell deutlich, wenn er sich ein eigenes fundiertes Urteil bilden und im Detail nachvollziehen möchte, warum eine Antwort auf diese Fragen so und nicht anders ausfällt. Braucht es hierfür doch gerade diese kritische und differenzierte Haltung. Allerdings sind die bislang erschienen philosophischen Arbeiten zum Phänomen der Manipulation nicht alle gleichermaßen hilfreich. So lassen sich drei Hauptschwierigkeiten, die sich gegenseitig bedingen, ausmachen: Erstens fehlt eine etablierte Praxis bei der Untersuchung der Was-ist-Frage mit Blick auf die Frage nach dem ethischen Status, sodass manche Antworten zu unsystematisch ausfallen. Schon zu Beginn werden wichtige Überlegungen übergangen und deshalb am Ende irreführende Thesen vertreten (Problem der Systematizität). Zweitens gibt es zu viele Arbeiten, die aussehen, als bezögen sie sich auf einen und denselben Begriff, dabei führen sie unterschiedliche Manipulationsbegriffe ein. Dies bringt die Gefahr falscher Vergleiche und Schlussfolgerungen mit sich (Problem der Wortgleichheit bei Sachverschiedenheit). Die dritte Schwierigkeit ist, dass oftmals Erläuterungen des Begriffs eingeführt werden, die in sich schwer auflösbare Spannungen enthalten, sodass sie letztlich unverständlich bleiben, obwohl sie auf den ersten Blick eine gewisse Erklärungskraft zu haben scheinen (Problem inkohärenter Ergebnisse).

Im Folgenden werde ich einen kurzen Blick auf einzelne philosophische Arbeiten zum Phänomen der Manipulation werfen, um auf konkrete methodologische Probleme bei der Beantwortung der Titelfragen aufmerksam zu machen, und anschließend darlegen, wie ich sie selbst zu beantworten gedenke.

Anlässe für Philosophinnen, sich dem Thema der Manipulation zu widmen, waren in der Vergangenheit etwa die Sorge, dass Werbung manipulativ sein oder die Zustimmung von Probandinnen und Patientinnen in der Forschung und therapeutischen Medizin durch Manipulation erwirkt werden könnte. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass das Thema gerade in den sogenannten Bereichsethiken besondere philosophische Beachtung gefunden hat. Allerdings ist es hier oft so, dass nicht unbedingt eine differenzierte begriffliche Abgrenzung des Manipulationsbegriffs in all seinen Facetten von anderen Begriffen erfolgt, sondern über einen begrenzten Anwendungsbereich nachgedacht wird, für den der Ausdruck „Manipulation“ zweckmäßig erscheint. Dieser Mangel an systematischer begrifflicher Abgrenzung hat jedoch den Nachteil, dass unter Umständen ein Manipulationsbegriff in die Debatte eingeführt wird, der zwar intuitiv nachvollziehbar ist, aber dessen Anwendungsbedingungen letztlich vage und erläuterungsbedürftig bleiben. So reagierten etwa Autorinnen im Feld der Werbeethik vor allem auf die mit dem Ausdruck „Manipulation“ oftmals assoziierte Vorstellung, dass das Handeln von Personen fremdgesteuert werden könne, gewissermaßen in fremde Hände gerate, wenn ein Einfluss unbewusst wirke und Wünsche auf eine Weise hervorgerufen würden, die es verunmöglichte, selbstbestimmt zu entscheiden. Beispielhaft können hier die Aufsätze von Robert Arrington „Advertising and Behavior Control“ (1982) und Roger Crisp „Persuasive Advertising, Autonomy, and the Creation of Desire“ (1987) genannt werden.2 Beide Autoren kommen jeweils unter Rückgriff auf philosophische Überlegungen aus der damaligen philosophischen Autonomiedebatte zu dem Ergebnis, dass es möglich sei, Werbung als kontrollierend (das heißt manipulativ) zu betrachten ‒ wobei Arrington glaubt, dass dies ausgesprochen selten vorkomme, und Crisp die Auffassung verteidigt, dass dies immer bei „überredender“ im Gegensatz zu „informierender“ Werbung der Fall sei.3 Crisp hält dies für moralisch problematisch. Die von ihnen diskutierten Beispiele reichen von Botschaften, die unterhalb der Wahrnehmungsschwelle einer Person wirkten, also gar nicht bewusst mitbekommen werden könnten, bis hin zu sprachlichen und bildlichen Suggestionen, die sich das Streben der beeinflussten Personen nach Anerkennung, Wohlstand, Status, Sex usw. zu Nutze machten und auf diese Weise Handlungen im Licht von Gründen (Wünschen) bewirkten, die für die manipulierte Person inakzeptabel seien.4 Vage und erläuterungsbedürftig bleibt Arringtons und Crisps Vorstellung von Manipulation jedoch deshalb, weil beispielsweise offen ist, wie es sein kann, dass eine manipulierte Person angeblich dazu in der Lage sei, etwas zu tun, was als ihre Handlung beschreibbar sei, aber gleichzeitig als nicht autonom gelten solle, weil, wie beide unterstellen, aufgrund der Manipulation überhaupt keine eigene Handlung zustande kommen könne.5 Manipulation schiene dann nämlich eine Unmöglichkeit zu bewirken: Das Ergebnis dieser Form personaler Einflussnahme wäre gleichzeitig eine Handlung und keine Handlung. Der von Arrington und Crisp vertretene Manipulationsbegriff erscheint sogar dann nicht schlüssig zu sein, wenn man unterstellt, dass beide gar keine Regel der Anwendung als korrekt vorstellen, bei der der angesprochene Widerspruch auftritt, weil sie eigentlich behaupten, dass eine defekte Handlung entstehe ‒ eine Handlung im Licht inakzeptabler Gründe (Wünsche). Denn unklar ist, warum jetzt das (absichtliche) Hervorrufen von Handlungen im Licht inakzeptabler Gründe (Wünsche) als definierendes Merkmal von Manipulation gelten solle, wenn, wie Crisp ebenfalls behauptet, es auch Fälle von Manipulation gebe, die Handlungen hervorriefen im Licht von akzeptablen Gründen.6 Hier zeigen sich deutlich die Probleme von Erläuterungen des Manipulationsbegriffs, die vielleicht einfach noch zu wenig systematisch sind und deshalb in sich schwer auflösbare Spannungen enthalten.

Für die Vorstellung von der unsichtbaren Macht „Manipulation“, zum Beispiel in der Gestalt von Werbung, auf die Arrington und Crisp reagieren, waren nicht zuletzt halbwissenschaftliche Verkaufsschlager wie Vance Packards „The Hidden Persuaders“ (1957) (dt. „Die geheimen Verführer“) verantwortlich, die das Alltagsdenken über das Phänomen der Manipulation erheblich geprägt haben. So legt Packard in seinem Buch dar, dass durch neugewonnene psychologische und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse Techniken zur Verhaltensbeeinflussung immer zuverlässiger würden und zur gezielten Kontrolle der Handlungen von Personen eingesetzt werden könnten. Die faszinierende Vorstellung der Möglichkeit einer Einflussnahme auf die Handlungen einer Person, der die Person in ihrem Handeln bis zu einem gewissen Grad ausgeliefert sei, ohne dass es sich dabei um physischen Zwang handele ‒ personale Manipulation genannt ‒ war spätestens jetzt geboren. Packard erklärt:

„This book is an attempt to explore a strange and rather exotic new area of American life. It is about the large-scale efforts being made, often with impressive success, to channel our unthinking habits, our purchasing decisions, and our thought processes by the use of insights gleaned from psychiatry and the social sciences. Typically these efforts take place beneath our level of awareness; so that the appeals which move us are often, in a sense, ‚hidden.‘ The result is that many of us are being influenced and manipulated, far more than we realize, in the patterns of our everyday lives.“7

Bis heute wird der Begriff der Manipulation zusammengebracht mit der Idee einer Einflussnahme wider die Handlungsfähigkeit und Autonomie einer Person. Dies wird in den letzten Jahren besonders deutlich in der Debatte um die Ethik des sogenannten Nudgings. Beim Nudging (wörtlich „Anstupsen“, „Anstoßen“), hervorgegangen aus verhaltensökonomischen Forschungen, geht es im Wesentlichen darum, sozialwissenschaftlich und psychologisch ‒ oder wir können vielleicht auch sagen statistisch ‒ fundierte Methoden der Verhaltensbeeinflussung zu erwägen, mit deren Hilfe in allen möglichen Lebensbereichen kluge Entscheidungen herbeigeführt werden könnten, ohne dass davon die Rede sein könne, dass die betroffenen Personen zu diesen klugen Entscheidungen gezwungen würden, und sie damit selbstbestimmt blieben.8 Da hierbei jedoch, ähnlich wie von Packard beschrieben, von der Möglichkeit einer zuverlässigen Verhaltensbeeinflussung auf der Grundlage sozialwissenschaftlicher und psychologischer Erkenntnisse ausgegangen wird, überrascht es nicht, wenn ein zentraler Streitpunkt im Kontext des Nudgings sein Verhältnis zur Manipulation von Personen ist.9 Wenn es nämlich stimmen sollte, dass Manipulation etwas mit einer Art Fremdsteuerung zu tun hat, und wenn die Zuhilfenahme statistisch fundierter Verhaltenssteuerung Manipulation ist, dann scheinen Anhängerinnen des Nudgings die von ihnen propagierte These nicht aufrechterhalten zu können, dass es völlig kompatibel sei mit dem eigenen, freien Entscheiden der beeinflussten Personen. Das Anstoßen kluger Entscheidungen unter der Verwendung sozialer und psychologischer Mechanismen wäre vielleicht am Ende etwas Ähnliches wie die von Arrington und Crisp diskutierten problematischen Fälle von Werbung. Nichtsdestotrotz ist überhaupt nicht klar, inwiefern das absichtliche Hervorrufen von Handlungen unter der Verwendung sozialer und psychologischer Mechanismen Manipulation genannt werden kann, und auch, ob es überhaupt etwas mit dem, was Arrington und Crisp in ihren Aufsätzen in den Blick nehmen, zu tun hat. Ohne klare Vorstellung davon, welcher Sachverhalt mit dem Ausdruck „Manipulation“ genau erfasst werden soll, wird es jedoch niemals eine Lösung für die Frage geben, ob Nudging manipulativ ist und ob es wider die Autonomie einer Person ist. Cass Sunstein, auf den die Idee des Nudgings mit zurückgeht, schlägt als Lösung vor, Manipulation als einen Beeinflussungsversuch zu verstehen, der das Reflexions- und Deliberationsvermögen einer Person nicht ausreichend mit einbeziehe.10 Diese Erläuterung kann so interpretiert werden, dass darin die einer Manipulation unterstellte inhärente Verletzung der Handlungsfähigkeit und Autonomie einer Person zum Ausdruck kommen soll. Allerdings bleibt in dieser Erläuterung des Begriffs völlig diffus, was das ausreichende Einbeziehen der, wie wir vielleicht auch sagen können, Rationalität einer Person wäre, sodass man wirklich entscheiden könnte, wann Manipulation vorliegt. Eine solche unkonkrete Erläuterung bietet daher keinerlei Orientierungshilfe, um die zu Beginn angesprochenen Unsicherheiten und Uneinigkeiten wenigstens für eine Weile zum Verschwinden zu bringen.

In medizinethischen Kontexten, insbesondere in der Debatte um Zustimmung, steht ebenfalls die Frage im Vordergrund, welchen ethischen Status Formen der Einflussname auf Personen haben, wenn diese als manipulativ zu betrachten sind. Würde Manipulation nämlich dazu führen, dass Entscheidungen als kontrolliert zu gelten hätten, könnte aus diesem Grund nicht mehr davon ausgegangen werden, dass sie selbstbestimmt zustande kämen. Inzwischen gehört es zur Standardauffassung in der Debatte um Zustimmung, dass neben Zwang und Täuschen auch Manipulation dasjenige sei, was verhindere, dass eine Entscheidung als gültiger Ausdruck des eigenen Willens einer Person betrachtet werden könne.11 Worauf sich diese Standardauffassung jedoch gründet, ist oft schwer nachvollziehbar; systematische Untersuchungen zu dieser These fehlen.12

Zudem gibt es auch diejenigen Stimmen in der Debatte um Zustimmung, die den Begriff der Manipulation weniger eng verstehen und nicht mit der Idee der Fremdsteuerung gleichsetzen.13 Hier sind wohl die Ausführungen zur Manipulation von Ruth Faden, Tom Beauchamp und Nancy King in „A History and Theory of Informed Consent“ (1986) nach wie vor am einschlägigsten. Die Autorinnen stellen „Manipulation“ als Sammelbegriff vor, der Formen der Einflussnahme umfasse, die von nichtkontrollierend bis hin zu kontrollierend reichten, um auf diese Weise einen, wie es heißt, Zwischenbereich abzudecken zwischen einerseits Überzeugen als nicht kontrollierender Einflussnahme über Gründe und andererseits Zwang als vollständig kontrollierender Einflussnahme.14 Darunter fielen dann so disparate Phänomene wie Drohungen, das Unterbreiten von Angeboten oder das Ansprechen von Gefühlen. Diese Disparität der als Manipulation klassifizierten Phänomene provoziert allerdings die Frage, was eine solche Klassifizierung überhaupt rechtfertigt. Wirkt sie doch einigermaßen willkürlich, vor allem, weil vorausgesetzt wird, dass aus sich heraus verständlich wäre, was es bedeutet, dass im Fall von Manipulation Mittel verwendet würden, wie sie beim Überzeugen nicht verwendet würden, um die Person dazu zu motivieren, zu tun, was die beeinflussende Person wolle. Dabei ist völlig offen, ob eine Person nicht auch überzeugt werden kann, etwas zu tun, indem beispielsweise ihre Gefühle angesprochen werden. So könnte sie etwa davon überzeugt werden, eine bestimmte Gefahr ernster zu nehmen, indem diese ausführlich beschrieben würde und auf diese Weise berechtigte Ängste geweckt werden sollen. Abermals entsteht dann der Eindruck, dass man sich zu schnell mit einer bestimmten Erläuterung des Manipulationsbegriffs zufriedengibt, obwohl eine systematischere Analyse vielleicht davor bewahrt hätte, derartige Unstimmigkeiten in der Begriffsmodellierung zu erzeugen.

Wichtig festzuhalten ist jedoch auch, dass bei nicht wenigen philosophischen Arbeiten zur Manipulation die enge Verknüpfung zur Idee der Kontrolle von vornherein abgelehnt wird. Sie teilen dann die Prämisse, dass Manipulation keine kontrollierende Macht sein könne, weil sonst die strikte Trennung von Manipulation und Zwang in diesem Punkt hinfällig würde. Wenn es ein ethisches Problem mit Manipulation gäbe, dann müsste dies an anderem liegen ‒ wie schädlichen Konsequenzen oder mangelndem Respekt der Person (ihren Zielen, ihrem Wohl) gegenüber. Allerdings sind auch diese Arbeiten teilweise allzu unpräzise und einseitig. So argumentiert Sarah Buss, die sich hauptsächlich mit dem Phänomen der Verführung auseinandersetzt, explizit gegen die These, dass Manipulation dazu führe, die Handlungsfähigkeit (Autonomie) einer Person in irgendeiner Form zu unterminieren ‒ im Gegenteil, manipulierende Personen seien vielmehr darauf angewiesen, dass die manipulierte Person ihre Handlungsfähigkeit ausübe. Was Buss sich darüber hinaus unter Manipulation vorstellt, erklärt sie aber nicht genauer, sodass ihre Schlussfolgerungen, selbst wenn sie korrekt sein sollten, eigentlich in der Luft hängen.15 Claudia Mills, die sich Fälle politischer Manipulation zum Anlass ihrer Überlegungen nimmt, beschreibt Manipulation als Form der Einflussnahme, bei der die beeinflussende Person absichtlich hinter dem Ideal des Überzeugens zurückbleibe, indem sie schlechte Gründe gebe, dabei aber die autonome Entscheidungsfindung intakt lasse.16 Einseitig ist diese Erläuterung von Manipulation, weil sich Fälle denken lassen, in denen die manipulierende Person keine schlechten, sondern gute Gründe in manipulativer Absicht gibt, ähnlich wie man irreführen kann, indem man die Wahrheit sagt.17 Joel Rudinow, der sich in seinem 1978 erschienen Aufsatz „Manipulation“ darüber wundert, warum es kaum einen systematischen Ansatz zur Erläuterung interpersonaler Manipulation gebe, bemüht sich darum, diese Lücke zu schließen, indem er Manipulation als einen Beeinflussungsversuch definiert, der genau dann vorliege, wenn die beeinflussende Person entweder mithilfe einer Täuschung oder mithilfe des Ausnutzens von Schwächen eine andere Person zu motivieren suche, etwas zu tun. Dabei bleibe die beeinflusste Person aber immer frei in ihrem Entscheiden.18 Doch scheint auch dieser Versuch einer disjunktiven Bestimmung von Manipulation seinem Anspruch nicht gerecht zu werden, weil auch er zu unpräzise und einseitig bleibt. Der zentrale Begriff der Schwäche bleibt unterbestimmt. Auch scheint es Fälle von Manipulation zu geben, die keiner der beiden von Rudinow erwähnten Möglichkeiten zugeordnet werden können. Angenommen eine Person lobt die handwerklichen Fähigkeiten einer anderen Person, damit diese ihr beim Anbringen eines Regals hilft. Nehmen wir an, das Lob sei berechtigt und dennoch handele es sich um Manipulation, weil das Motiv für das Lob nicht die gelobten Fähigkeiten sind. Falls das Lob also nicht übertrieben wäre, würde die beeinflusste Person keiner Schwäche erliegen, wenn sie ihre Hilfe anböte. Dennoch könnte Manipulation vorliegen, weil das Lob nicht um des Lobens willen geäußert wurde. Disjunktive Definitionen bergen jedoch nicht nur die Gefahr der Unvollständigkeit, sondern müssen sich auch den Vorwurf gefallen lassen, kein Kriterium der Einheitlichkeit der unter sie fallenden Phänomene bereitzuhalten, sodass man am Ende immer fragen kann, warum ausgerechnet dieses Element Teil der Idee von Manipulation sein sollte: Was macht die Elemente hinreichend ähnlich?19

Und noch zwei letzte Beispiele, die die Entscheidungsfähigkeit der manipulierten Person ebenfalls nicht in Zweifel ziehen: Eine der maßgeblichen Philosophinnen in der Diskussion um Manipulation, Marcia Baron, erörtert in zwei Aufsätzen auf instruktive Weise anhand von zahlreichen Beispielen die Fragen, ob Manipulation absichtlich, aber nicht bewusst sein könne, und ob eine manipulative Haltung gegenüber anderen Personen auf ein Laster verweise.20 Was sie aber wie viele andere Autorinnen nicht tut, ist, wirklich verständlich zu machen, was die von ihr intuitiv als Manipulation zu bestimmenden Fälle überhaupt zu solchen machen. Das ist insofern misslich, als gerade die Frage nach dem ethischen Status einer Sache natürlich davon abhängt, was etwas ist. Alexander Fischer bemüht sich in seiner 2017 erschienen Monografie „Manipulation: Zur Theorie und Ethik einer Form der Beeinflussung“ um eine handlungstheoretisch fundierte Erläuterung des Begriffs, die zwar das Moment des vollständigen Verlusts der Selbstbestimmung durch Manipulation ablehnt, aber gleichzeitig an der Vorstellung festhält, dass Manipulation wesentlich etwas mit der nicht kontrollierten oder, wie er es auch nennt, der irrationalen Seite des Menschen zu tun habe. Auch er verortet Manipulation zwischen rationalem Überzeugen und Zwang, indem er sie als eine Form der Einflussnahme definiert, die „Zwecke in einem affektiven [und nicht in einem rationalen] Sinne angenehmer/unangenehmer erscheinen lässt und damit die nahegelegte Wahl attraktiver/unattraktiver macht und ihre Wahrscheinlichkeit erhöht/verringert.“21 Dies ist dann seiner Auffassung nach das Gemeinsame aller noch so disparaten Manipulationsfälle. Auffällig bei diesem Erläuterungsvorschlag ist jedoch die starke Gegenüberstellung zwischen rationalem Überzeugen und Affekt, die schon insofern eine diskussionswürdige Prämisse darstellt, als Personen, wie oben bereits bemerkt, auch auf rationale Weise überzeugt werden können, etwas zu tun, wenn beispielsweise ihre Gefühle angesprochen werden. Somit bemüht sich Fischer zwar um ein einheitliches Kriterium zur Identifikation von Manipulation, erzeugt aber einige erhebliche Spannungen in der Begriffsmodellierung, die eine genauere kritische Auseinandersetzung erfordern.

Es ließen sich noch viele weitere philosophische Studien zur Manipulation aufführen.22 Neben den angesprochenen Unschärfen, Einseitigkeiten und Spannungen ist bei den meisten dieser Forschungsbeiträge auffällig, wie unterschiedlich der Begriff der Manipulation von Personen gefasst wird, sodass man sich fragen muss, ob wirklich noch dasselbe Phänomen untersucht wird oder nicht doch ein und derselbe Ausdruck für etwas anderes Verwendung findet.23 Unterstellen wir, dass es nicht so ist, bleibt die schwierige Aufgabe, sich zu überlegen, wie man diese unterschiedlichen Begriffsexplikationen mit all ihren Stärken und Schwächen miteinander ins Gespräch bringen kann, um aus ihnen zu lernen.

Von allgemeinem Interesse für eine Untersuchung von Manipulation ist es ohne Zweifel, genau zu klären ‒ dies lässt sich auch anhand der vorhandenen Literatur ablesen ‒, was bestimmte Beispiele zu paradigmatischen Beispielen macht und was notwendige Bedingungen von Manipulation sind, wie sich Manipulation von Überzeugen und Zwang unterscheidet, ob sie der Entscheidungsfreiheit oder auch der Rationalität der manipulierten Person entgegensteht, ob Manipulation absichtlich ist, ob sie ein moralisches Übel darstellt und, wenn ja, ob sie als solches rechtfertigbar ist. Darüber hinaus ist auffällig, dass selbst bereichsspezifische Untersuchungen eigentlich immer auf das Verhältnis von Manipulation zu den allgemeineren Begriffen der Autonomie und praktischen Vernunft Stellung beziehen müssen. Daher scheint es auch kein Zufall zu sein, wenn sich etwa Fischer darum bemüht, seine Erläuterung des Manipulationsbegriffs handlungstheoretisch zu fundieren.24 Eine solche Vorgehensweise scheint sich aus der Art des Phänomens selbst zu ergeben. Schaut man sich weitere Erläuterungen von Manipulation außerhalb der philosophischen Literatur an, ist ein ähnliches Bestreben zu erkennen, wenn es auch weniger konsequent ausformuliert wird. Ziel ist es am Ende immer, die Frage zu beantworten, wie sich eine manipulierende Person einer manipulierten Person gegenüber verhält, das heißt, wie das, was sie mit ihr tut, zu beschreiben ist, wobei es ganz konkret darum geht, zu beschreiben, wie die manipulierende Person Einfluss auf die Entscheidungen bzw. Handlungen der manipulierten Person nimmt. Dies versuchen auch Autorinnen wie Mills oder Baron, selbst wenn sie dies nicht explizit so nennen. Sie erläutern in allgemeinen Worten oder geben konkrete Beispiele dafür, wie die manipulierende Person mit der manipulierten Person umgeht, wie sie auf deren praktische Urteilsbildung Einfluss nimmt und was daran spezifisch manipulativ ist. Und das ist dann letztlich nichts anderes, als zu bestimmen, wie sich Manipulation zur praktischen Vernunft und Autonomie einer Person verhält. Der Fokus auf die Phänomene der Autonomie und praktischen Vernunft könnte auch erklären, warum in Debatten um die Möglichkeit eines freien Willens in einer determinierten Welt der Begriff der Manipulation ebenfalls auftaucht. Hier hat er sogar einem bestimmten Typ von Argument seinen Namen gegeben: Das sogenannte „Manipulationsargument“ macht gegen kompatibilistische Positionen geltend, dass Handlungen, die uns freiwillig zu sein scheinen, von etwas determiniert und insofern unfreiwillig sein könnten.25 In diesen Debatten wird aber weniger Wert darauf gelegt, den Begriff der Manipulation selbst zu thematisieren, sodass von vornherein nicht sicher ist, ob tatsächlich dasselbe Phänomen adressiert wird.26

Grundsätzlich kann man wohl angesichts der aktuellen philosophischen Forschungslage, auf die ich gerade ein Schlaglicht geworfen habe, feststellen, dass Manipulation als Thema systematischer philosophischer Betrachtung noch in einer Etablierungsphase steckt, und dass, wer sich damit befassen möchte, in der schwierigen Lage ist, überhaupt erst ausloten und festlegen zu müssen, wie eine solche Untersuchung sinnvollerweise durchzuführen ist. Und ich würde nicht einmal nur sagen, dass sich dies allein aufgrund des aktuellen Forschungsstandes so darstellt, sondern auch auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass es wenige Vorbilder gibt, wie eine begriffliche Untersuchung innerhalb ethischer Debatten genau auszusehen hat. Was also ist zu tun? Welche Anforderungen kann man an eine philosophische Untersuchung der Frage „Was ist Manipulation und was ihr ethischer Status?“ stellen? Ich würde Anne Barnhill zustimmen, dass wir eine Erläuterung personaler Manipulation vorlegen müssen, die einerseits nicht zu restriktiv ist, sodass wir die Vielgestaltigkeit manipulativer Formen personaler Einflussnahme mit ihr einfangen können, und andererseits nicht zu weit ist, sodass wir plötzlich Dinge als Manipulation zählen müssen, die wir normalerweise nicht so bezeichnen.27 Vorauszusetzen ist also ein allgemein geteiltes Kernverständnis des Begriffs.

Allerdings ist der Rekurs darauf, wie der Ausdruck üblicherweise verwendet wird, auch mit der Gefahr verbunden, bestimmte Verwendungsweisen fälschlicherweise als Standard aufzufassen oder auch willkürlich darauf Bezug zu nehmen. Nichtsdestotrotz scheint es Merkmale des Begriffs zu geben, die sich nicht sinnvoll bestreiten lassen und hinter die wir nicht zurücktreten können, um wirklich eine in sich stimmige Erläuterung vorliegen zu haben. So ist es beispielsweise wichtig, „Manipulation“ von Begriffen wie „Überzeugen“ und „Zwang“ abzugrenzen sowie bestimmten paradigmatischen Fällen Rechnung zu tragen. Hierin sind sich Teilnehmerinnen der Debatte einig.28 Ebenso wichtig ist es, keine unstimmigen Aussagen zu formulieren, die zum Beispiel Kategorienfehler enthalten oder Widersprüche erzeugen. Das Ziel der Arbeit ist erreicht, wenn sich am Ende besser verstehen lässt, warum es sich bei der Fülle an Beispielen, die ich im Verlauf des Textes einführen werde, um Manipulation handelt. Ich möchte am Ende in Worte fassen können, was am Anfang noch schwer fassbar zu sein scheint. Ich möchte klar bestimmen können, warum wir eine Situation als manipulativ einordnen und auch, warum wir uns manchmal darüber täuschen, dass wir es in einer bestimmten Situation mit einem Fall von Manipulation bzw. mit derselben Art von Manipulation zu tun haben. Neben der Artikulation unseres geteilten Vorverständnisses davon, was personale Manipulation ist, sehe ich meine Aufgabe gleichzeitig darin, anhand von Adäquatheitsbedingungen pragmatisch festzulegen, wie wir den Begriff sinnvollerweise verwenden sollten. Insofern stellt meine Analyse des Begriffs auch eine präzisierende Modellierung des Begriffs dar. Zu bewahren gilt es die Eigenständigkeit und Funktionsfähigkeit eines bestimmten Begriffs der Manipulation im Unterschied zu anderen Begriffen. Indem wir den Begriff präzisieren, schärfen wir unser Urteilsvermögen.

Aufbau und Leistung der Arbeit

Die Arbeit besteht aus drei Teilen, die sich jeweils in fünf Kapitel gliedern: Im ersten Teil der Untersuchung ‒ Manipulation als Form personaler Einflussnahme ‒ werde ich Manipulation als eine Form personaler Einflussnahme im Unterschied zu einer physischen Einflussnahme auf eine Person vorstellen, die begrifflich von einem Überzeugen abgrenzbar bleiben muss. Ein wesentliches Ziel dieses ersten Teils ist es, eine erste positive, wenn auch noch weiter erläuterungsbedürftige Bestimmung des Begriffs zu geben. Hierfür werde ich gängige Antworten auf die Frage, was Manipulation ist, zurückweisen und so Adäquatheitsbedingungen für eine Erläuterung personaler Manipulation gewinnen. Ferner werde ich erklären, welche Antworten auf die Frage nach dem ethischen Status von Manipulation sinnvollerweise zu erwarten sind. Weiterhin geht es darum, klarzustellen, dass Manipulation als Form personaler Einflussnahme im Raum der Gründe29 stattfindet. Manipulation ist, wofür ich argumentieren werde, ein absichtliches Tun und die manipulierte Person wird als Handelnde adressiert. Dementsprechend lässt sich das beeinflusste Handeln wie auch die manipulative Handlung selbst in Form von praktischen Urteilen (bzw. praktischen Schlüssen) vorstellen und damit in Form von normativen Festlegungen, die eine Person mit ihrem Tun eingeht. Dadurch wird es möglich, die relevante Einflussnahme einer Person A auf das Tun einer Person B klarer in den Blick zu bekommen. Abschließend werde ich drei Bedingungen einführen, die im Fall einer Manipulation vorliegen müssen: Die Motivations-, die Antizipations- und die Kontrarationalitätsbedingung.30

Im zweiten Teil der Untersuchung ‒ Das Kontrarationale Moment von Manipulation ‒ werde ich mich um ein tiefergehendes Verständnis der im ersten Teil eingeführten, aber noch weiter erklärungsbedürftigen zentralen Bedingung für das Vorliegen von Manipulation bemühen: der Kontrarationalitätsbedingung. Sie dient als Kriterium zur Abgrenzung manipulativer von nichtmanipulativen Fällen personaler Einflussnahme und wird deshalb in ihrer ausgearbeiteten Form meine Erläuterung von Manipulation ‒ (MAN) ‒ darstellen. Hierfür gilt es, das Verhältnis von Manipulation und Gründen genauer in den Blick zu nehmen. Ich werde die These, dass eine manipulierende Person überhaupt keine Gründe ins Spiel bringen müsse, als möglichen Bestandteil einer Definition zurückweisen. Zum einen wäre sonst die Abgrenzbarkeit zu physischem Zwang nicht aufrechtzuerhalten; zum anderen orientiert sich die These an einem problematischen (psychologisch-effizienten) Modell personaler Einflussnahme. Verteidigen werde ich dann die These, dass eine manipulierende Person defekte Gründe ins Spiel bringt, bei denen es sich ihrer Qualität nach durchaus um gute Gründe handeln kann, jedoch nicht ihrer Funktion nach. Ich werde darlegen, warum der von mir eingeführte Manipulationsbegriff dennoch vom Begriff des Überzeugens abgrenzbar bleibt. Mit einer kleinen Typologie manipulierender Personen werde ich den zweiten Teil beschließen.

Im dritten und letzten Teil der Untersuchung ‒ Was ist der ethische Status von Manipulation? ‒ werde ich die Frage nach dem ethischen Status von Manipulation beantworten. Hierfür wird zu klären sein, ob der von mir entwickelte Manipulationsbegriff einen ethisch neutralen Begriff darstellt oder ob die gegebene Erläuterung (MAN) bereits ethische Signifikanz hat. Diese Einordnung hat Konsequenzen dafür, wie wir einzelne Fälle von Manipulation beurteilen. Wäre Manipulation ethisch neutral, würden wir aus der bloßen Bestimmung einer Handlung als manipulativ noch nichts über ihre ethische Beurteilung erfahren. Zur Klärung dieser Frage werde ich die ethische Idee der (Miss-)Achtung der Autonomie einer Person genauer in den Blick nehmen und ins Verhältnis zur Kontrarationalitätsbedingung setzen. Zu prüfen ist, ob die prima facie plausible Vorstellung von Manipulation als einer Form der ethisch verstandenen Missachtung der Autonomie, mithin der Handlungsfähigkeit und Vernunftnatur einer Person, haltbar ist. Interpretationen dieser Vorstellung werde ich eingehend betrachten, Einwände detailliert darlegen und am Ende erklären, warum es sich bei Manipulation gemäß (MAN) um einen ethisch signifikanten Begriff handelt. Bevor ich abschließend die Art der Verbindlichkeit von Manipulation gemäß (MAN) diskutieren und eine rigoristische Lesart verteidigen werde, werde ich noch einmal gegen die weit verbreitete These argumentieren, dass die Transparenz eines manipulativen Beeinflussungsversuchs seinem Erfolg im Weg stehe.

Die Erläuterung von Manipulation (MAN), die ich vor allem im zweiten Teil der Untersuchung entwickeln werde, möchte ich an dieser Stelle bereits kurz vorstellen. Sie lautet in Kurzform, dass Manipulation vorliegt, wenn Person A Person B gezielt in ihren Augen subjektive Gründe und nicht wenn A B gezielt in ihren Augen objektive Gründe zu verstehen gibt, um das praktische Urteil von B anzuleiten und damit zu erreichen, dass B eine bestimmte Handlung φ tut. Das heißt, im Fall einer Manipulation bemüht sich A B solche Gründe zu geben, von denen in As Augen B bloß glaubt, dass sie für ein φ-Tun von B sprechen und B sie hat. Deshalb sind es subjektive Gründe, die A B gibt; A selbst könnte bei der Erläuterung ihres manipulativen Handelns nicht ernsthaft erklären, dass die von ihr zu verstehen gegebenen Gründe in ihren Augen für ein φ-Tun sprechen. Und dies tut A, weil sie das Ziel verfolgt, dass B φ tut, also dass B dann einen bestimmten Schluss zieht, nämlich „Ich (B) tue φ/Ich (B) soll φ tun“. A verfolgt damit selbst in Fällen paternalistischer Manipulation nicht das Ziel, dass B ein richtiges Urteil fällt, sondern nur, dass B einen bestimmten Schluss zieht. Dies ist deshalb so, weil A B gerade nicht solche Gründe gibt, von denen A selbst glaubt, dass B sie hat, φ zu tun, und die insofern die Konklusion „Ich (B) tue φ/Ich (B) soll φ tun“ stützen. Dies wären in As Augen objektive Gründe. Würde A B in ihren Augen objektive Gründe geben, würde A das Ziel verfolgen, B einsichtig zu machen, dass eine bestimmte Konklusion im Licht bestimmter Prämissen zu ziehen ist (dass B φ tun sollte). Wie ich die Terme „subjektiv“ und „objektiv“ verwende, werde ich später natürlich genauer erläutern. Es sei aber schon einmal vorgewarnt: Die Rede von subjektiven und objektiven Gründen ist nicht zu verwechseln etwa, einerseits, mit der Rede von einem Grund, den nur ich habe, aber nicht notwendigerweise Du („Ich bin allergisch gegen Nüsse, deshalb esse ich keine“) und, andererseits, einem Grund, den wir alle haben („blau, wenn wir wissen, dass es eine Farbe ist, als Farbe zu bezeichnen“). In meiner Terminologie können Personen Gründe haben ‒ und zwar objektive Gründe ‒, die andere nicht haben, φ zu tun: Eine Person A kann also etwa (berechtigterweise) keinen Grund für sich darin sehen, φ zu tun, aber (berechtigterweise) anerkennen, dass eine andere Person B (einen objektiven) Grund dazu hat. Bei diesem Grund handelt es sich dann um einen in den Augen von A objektiven Grund und gerade nicht um einen in ihren Augen subjektiven Grund dafür, dass B φ tut.

Ferner werde ich im dritten Teil der Untersuchung Manipulation, wie unter (MAN) erläutert, als ethisch signifikanten Begriff einführen. Dies werde ich tun, indem ich zeige, dass eine Person, die gezielt in ihren Augen subjektive Gründe zu verstehen gibt, um eine andere Person zu einem bestimmten Urteil zu bringen, einem ethischen Anspruch zuwiderhandelt, der mit dem gezielten Geben von Gründen verbunden ist. Personen fordern qua Vernunftwesen Gründe, auf deren Bestehen sie sich ihrem Inhalt nach festlegen: Damit schulden sie einer Person Gründe, die in ihren Augen objektiv sind.

Diese gerade umrissene Antwort auf die Frage nach dem Wesen und ethischen Status von Manipulation ist aus mindestens vier Gründen neuartig in der Debatte um den Manipulationsbegriff:

(1) Sie betont das gezielte Zu-verstehen-Geben von Gründen als notwendiges Merkmal von Manipulation und nimmt damit die Notwendigkeit ernst, Manipulation von physischem Zwang abgrenzen zu müssen. Zugleich wendet sie sich gegen die Vorstellung von Manipulation als etwas (potenziell) nur psychologisch Wirksamem. Die Vorstellung von Manipulation als etwas Psychologisch-Wirksames deutete sich bereits bei Packard, Arrington und Crisp oder auch in der Nudging-Debatte an, wird aber auch von Autoren wie Fischer vertreten. Hier wird allerdings ein Mythos der Manipulation gepflegt, der unterstellt, Personen könnten in ihrem Handeln bis zu einem gewissen Grad fremdgesteuert werden. Die Zurückweisung des Modells psychologisch-effizienter Einflussnahme, wie ich es nennen werde, führt also nicht zuletzt dazu, mit diesem Mythos der Manipulation aufzuräumen.

(2) Der zweite Grund für die Neuartigkeit der Antwort ist, dass die von mir gegebene Erläuterung des Manipulationsbegriffs ein Kriterium liefert, anhand dessen Manipulationsfälle, in denen eine Person zu einem guten Urteil im Licht guter Gründe gebracht wird, von Fällen des Überzeugens abgrenzbar bleiben. Dadurch wird es nicht nur möglich, in Situationen paternalistischer Einflussnahme eindeutiger Stellung zu beziehen, sondern auch, klarer zu benennen, was auf die eine oder andere bereits verdächtig gewirkt haben mag in Situationen, in denen eine Person einer anderen Person zwar scheinbar hilft, aber dies aus einer Haltung heraus tut, die ausdrückt, dass es nicht wirklich um das Wohl dieser Person geht.

(3) Zusammen mit der im letzten Teil der Arbeit vorgelegten Erklärung, warum aus der Anwendung des Manipulationsbegriffs auf eine Handlung analytisch folgt, dass diese zu unterlassen ist, haben wir mit (MAN) ein Kriterium an der Hand, das nicht nur den Vorteil hat, etwas eindeutig als manipulativ einzuordnen. Es trägt auch dazu bei, differenzierter in unserer ethischen Urteilspraxis zu sein.

(4) Viertens kommt wieder besser in den Blick, dass das, was eine manipulierende Person A tut, nicht allein anhand des Bewirkten beurteilt wird, sondern vor allem an dem, was sie mit ihrem Tun im Sinn hat. Der konstitutive Zweck praktischer Urteile ist es nicht, Zustände guter Urteile in die Welt zu bringen, sondern praktische Urteile zu stützen. Diesem Zweck handelt eine Person, die manipuliert, aber zuwider.

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Ich werde in der vorliegenden Arbeit das generische Femininum anstatt des generischen Maskulinums verwenden. Dies ist nicht unbedingt die beste Lösung für das Problem gendergerechter Sprache. Dennoch hoffe ich, dass die Preisgabe des vertrauten generischen Maskulinums mindestens eine aufrüttelnde Irritation herbeiführt. Eigentlich bräuchte es natürlich eine neue Form der Rede, der keine problematische Binnenunterscheidung zu unterstellen ist.

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Gibt man etwa den Suchbegriff „Manipulation“ bei Amazon ein, tauchen Titel auf, die teilweise im Eigenverlag veröffentlicht werden und sehr gute Bewertungen haben, wie: „Die Kunst der Manipulation: Wie Sie Psychologie verstehen, Menschen lesen und durch einfach anwendbare Manipulationstechniken ihr Umfeld beherrschen“ (Tom P. Williams, Eigenverlag, 2019); „Manipulationstechniken – Manipulieren mit Erfolg!: Wie Sie geheime Manipulation erkennen, geschickt Menschen lenken & die Zügel ab jetzt selbst in die Hand nehmen“ (Gregor Kreft, Great-Books4You, 2019); „Dunkle Rhetorik: Manipuliere, bevor du manipuliert wirst!“ (Wladislaw Jachtchenko, Goldmann, 2019); „Die Macht der Manipulation: Wie man sich durchsetzt, wie man sich schützt“ (Johannes Steyrer, Ecowin, 2018); „Manipulationstechniken: Erkennen wann Sie selbst manipuliert werden und im täglichen Leben zu Ihrem Vorteil andere Menschen manipulieren“ (Tamara Petri, Eigenverlag, 2017); „Betrüger, Hochstapler, Blender: Die Psychologie der Manipulation“ (Gloria Beck, Eichborn, 2005).

2

Siehe etwa auch Beauchamp 1984 und den entsprechenden Kommentar von Hare 1984.

3

Die Gegenüberstellung von persuasiver und informativer Werbung, auf die sich Crisp beruft, geht zurück auf Nelson 1974 und Santilli 1983.

4

Vgl. Crisp 1987, S. 416. − Er redet meistens von Wünschen, aber auch von Gründen.

5

Vgl. Arrington 1982, S. 9, 10; Crisp 1987, S. 416.

6

Vgl. Crisp 1987, S. 414.

7

Packard 2007, S. 31.

8

Vgl. vor allem Thaler und Sunstein 2009.

9

Siehe etwa Bovens 2008; Hansen und Jespersen 2013; Sunstein 2015; Sunstein 2016.

10

Vgl. Sunstein 2015, S. 445: „An action counts as manipulative if it attempts to influence people in a way that does not sufficiently engage or appeal to their capacities for reflective and deliberative choice.“ − Vgl. auch Sunstein 2016, S. 82.

11

Vgl. Noggle 2018: „The idea that manipulation is wrong because it undermines autonomous choice is implicit in discussions of manipulation as a potential invalidator of consent. Indeed, the assumption that manipulation undermines autonomy is so common in discussions of manipulation and consent that it would be difficult to cite a paper on that topic that does not at least implicitly treat manipulation as undermining autonomous choice. But even outside of discussions of autonomous consent, the claim that manipulation is immoral because it undermines autonomy [is] commonly made (and perhaps even more commonly assumed).“ − Vgl. etwa auch Schaber 2007, S. 431: „Die Einwilligung ist der Ausdruck des Willens einer Person. Die Achtung der Einwilligung ist entsprechend die Achtung vor dem, was die Person will. Und das ist es, worum es bei diesem Vorschlag im Kern geht: die andere Person in ihrem Willen ernst zu nehmen. Dabei ist nicht jedes Wünschen und Begehren schon als Wollen anzusehen. Was als Wollen einer Person angesehen werden kann, muss unter bestimmten Bedingungen zustande gekommen sein. Das Wollen muss ein Wollen sein, von dem wir sagen würden: es ist ihr Wollen. So darf das Wollen beispielsweise nicht das Resultat von Zwang, Gewalt, Manipulation und Täuschen sein. Es muss zudem bzw. darf nicht unter gewissen Bedingungen geformt sein: z.B. nicht unter dem Einfluss von Drogen oder Gewalt.“

12

Das heißt, es fehlen detaillierte Untersuchungen zur These, inwiefern Manipulation verhindere, dass eine Einwilligung nicht Ausdruck des eigenen Willens einer Person sei, und warum Manipulation verhindere, dass die Einwilligung nicht frei gegeben werde, und Manipulation, wie es auch oft heißt, die Einwilligung daher ungültig mache. Dies muss nicht verwundern, setzt eine solche Untersuchung doch ein präzises Verständnis von Manipulation voraus.

13

Auf diese könnten sich Anhängerinnen der Standardauffassung dann natürlich nicht berufen, weil ein anderer Manipulationsbegriff verwendet wird.

14

Vgl. Faden et al. 1986, S. 261: „Manipulation is a catch-all category that includes any intentional and successful influence of a person by noncoercively altering the actual choices available to the person or by nonpersuasively altering the person’s perceptions of those choices. The essence of manipulation is getting people to do what the manipulator intends by one of these two general means.“

15

Vgl. Buss 2005. ‒ Mit ihrer Position werde ich mich detailliert in Kapitel 12 auseinandersetzen.

16

Vgl. Mills 1995. ‒ Mit ihrer Position werde ich mich detaillierter in Teil II, vor allem Kapitel 9 auseinandersetzen.

17

Hierauf weist auch Gorin 2014b, S. 93 hin.

18

Vgl. Rudinow 1978.

19

Ähnlich unspezifisch bleibt auch Ackerman 1995. − Ackerman bemüht sich auf sechs Seiten ein einheitliches Kriterium zur Identifikation von Manipulationsfällen zu finden, sieht sich am Ende aber dazu genötigt, Manipulation als kombinierten vagen Begriff zu verstehen, bei dem sich kein solches finden lasse.

20

Vgl. Baron 2003 und Baron 2014. − Der zuletzt genannte Aufsatz „The Mens Rea and Moral Status of Manipulation“ ist in dem Sammelband „Manipulation: Theory and Practice“ von Michael Coons und Christian Weber erschienen, der zahlreiche wichtige Beiträge enthält.

21

Fischer 2017. − Siehe meine Rezension dazu Turza 2018. ‒ Auf Fischers Position werde ich ausführlich in Kapitel 8 eingehen. Im Zuge dessen werde ich auf Punkte zu sprechen kommen, die insbesondere in werbeethischen Debatten und der Nudging-Diskussion eine wichtige Rolle spielen.

22

Die Liste ließe sich noch erheblich erweitern. Ich werde hier nur einige weitere Arbeiten nennen, auf die ich größtenteils später noch zu sprechen kommen werde. Siehe beispielsweise Goodin 1980; Le Cheminant und Parrish 2010 besonders zum Verhältnis von Manipulation und Politik − Kligman und Culver 1992 zum Begriff der Manipulation in der Psychiatrie − Noggle 1996; Noggle 2018; Barnhill 2014; Gorin 2014a; Gorin 2014b mit einem klar systematischen Interesse − Greenspan 2003; Blumenthal-Barby 2014 zur ethischen Beurteilung − Manne 2014 ausschließlich zur Frage der Absichtlichkeit von Manipulation.

23

Dies wird insbesondere in Kapitel 1.2 Kritik gängiger Antworten auf die Was-ist-Frage anschaulich werden.

24

Letztlich tun dies auch Arrington und Crisp, wenn sie auf das Verhältnis von Manipulation zu den allgemeineren Begriffen der rationalen Wahl, des Wünschens und der freien Entscheidung zu sprechen kommen.

25

Siehe etwa Pereboom 2014 Kapitel 4: A Manipulation Argument Against Compatibilism.

26

Ausnahmen sind hier sicherlich Todd 2013. ‒ In Kapitel 12 gehe ich auf diesen Argumenttyp kurz ein.

27

Vgl. Barnhill 2014, S. 51: „An account of manipulation must strike the right balance: defining manipulation broadly enough to include the many varieties of manipulation, while not so broadly that non-manipulative forms of influence come out as manipulation.“

28

Vgl. etwa Rudinow 1978, 338f; Faden et al. 1986, S. 261; Wood 2014, S. 31; Mills 1995, S. 100; Fischer 2017, S. 13.

29

Das Bild des Raums der Gründe geht auf Wilfried Sellars zurück und wurde prominent weiterentwickelt von seinem Schüler Robert Brandom.

30

An dieser Stelle sei bemerkt, dass ich die Was-ist-Frage nicht als Frage nach hinreichenden und notwendigen Bedingungen für das Vorliegen eines Begriffs verstehe. Ebenso wenig strebe ich eine definitio fi(a)t per genus proximum et differentiam specificam an. Auch schiene es mir ungenügend zu sein, „Manipulation“ als Familienähnlichkeitsbegriff oder Cluster Concept aufzufassen, da so immer noch offenbliebe, was ähnliche Fälle zu ähnlichen Fällen machen würde. Stattdessen strebe ich eine Erläuterung des Begriffs an, die hinreichend informativ ist, um uns verstehen zu machen, was manipulative von nichtmanipulativen Fällen personaler Einflussnahme unterscheidet.

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