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Der Vielfalt menschlicher Naturverhältnisse, die sich in einer ganzen Reihe begrifflicher Unterscheidungen wie denjenigen von Natur und Geist, Natur und Kultur, Natur und Gesellschaft, Natur und Technik, Natur und Kunst, Natur und Geschichte spiegelt, entspricht die Vielzahl der Disziplinen, die zur Reflexion solcher Naturverhältnisse beitragen können. Unsere ästhetischen Naturverhältnisse sind ihrerseits vielfältig und der vorliegende Band daher interdisziplinär angelegt.

In disziplinärer Hinsicht umfasst die erste Hälfte des Bandes philosophische Beiträge, die ästhetische Naturverhältnisse reflektieren und dabei in einer auf ökologische Herausforderungen der Gegenwart bezogenen Absicht bei Positionen der klassischen deutschen Philosophie und Dichtung von Kant über Goethe bis Schelling ansetzen, und zwar letzteres nicht zufällig. Vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Revolution der Neuzeit ist für die klassische deutsche Philosophie, beginnend bei Kant, nämlich das Anliegen prägend, den ontologischen und erkenntnistheoretischen Ort derjenigen, insbesondere ästhetischen, Züge von Natur im Rahmen einer aufgeklärten Weltsicht zu bezeichnen, welche die Naturwissenschaften ausklammern. Die durch dieses Anliegen gekennzeichnete Epoche des Nachdenkens über ästhetische Naturverhältnisse des Menschen kam mit Hegels Ausscheidung des Naturschönen aus dem Gegenstandsbereich der Ästhetik und ihrer damit einhergehenden Verengung zu einer „Philosophie der Kunst“ vorläufig zum Abschluss1. Die betreffenden naturästhetischen Ansätze ein Stück weit wiederzubeleben, indem gezeigt wird, dass von ihnen unter veränderten historischen Vorzeichen auch heute gedankliche Impulse für die Reflexion unserer Naturverhältnisse ausgehen können, ist das gemeinsame Anliegen der philosophischen Beiträge dieses Bandes. Vor diesem Hintergrund finden sich in dessen zweiter Hälfte kunst- und kulturwissenschaftliche sowie architektur- und medientheoretische Beiträge versammelt, die konkrete Bezüge zu gegenwärtigen, naturästhetischen Themen herstellen.

Der folgende Überblick über die Beiträge soll dazu dienen, Leserinnen und Lesern einen synoptischen Überblick über das Spektrum des Bandes zu geben.

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Christian Martin unternimmt es in seiner systematischen Einleitung Die ästhetische Einstellung zur Natur als Gegenstand der Naturästhetik zunächst, den Begriff der Natur zu klären, indem verschiedene, miteinander verwobene Sinne von „Natur“ unterschieden werden. Anschließend wird gezeigt, dass Natur nie einfach einen gewissen Bereich von Dingen meint, die wesentlich ohne unser Zutun da sind, sondern jeweils zugleich eine gewisse menschliche Einstellung zu diesem Bereich. Vor diesem Hintergrund wird die ästhetische Einstellung zur Natur, die Gegenstand der Naturästhetik ist, näher charakterisiert, um mit einer Verortung dieser Einstellung im Gefüge menschlicher Haltungen zur Natur und Überlegungen zur möglichen, integrierenden Rolle der ästhetischen Einstellung zu schließen.

Florian Ganzinger geht in seinem Beitrag Das Erhabene der Natur als Symbol des Übersinnlichen von dem Sachverhalt aus, dass Kants Konzeption des Erhabenen in der gegenwärtigen Naturästhetik meist als zu subjektivistisch kritisiert wird, da Kant der Standardlesart zufolge behauptet, dass im ästhetischen Gefühl des Erhabenen nur der Mensch selbst als Vernunftwesen wertgeschätzt wird. Ganzingers Beitrag unternimmt es, Kants Begriff des Erhabenen gegen den Vorwurf des anthropozentrischen Subjektivismus zu verteidigen und damit seine Relevanz für die Naturästhetik angesichts der ökologischen Krise zu rehabilitieren. Dabei wird für die These argumentiert, dass für Kant im Gefühl des Erhabenen die Natur um ihrer selbst willen wertgeschätzt wird, und dass diese ästhetische Wertschätzung analog zur moralischen Wertschätzung der menschlichen Vernunft ist, die im Gefühl der Achtung empfunden wird, da in der ästhetischen Reflexion über eine unermessliche oder übermächtige Naturerscheinung diese insoweit als erhaben beurteilt werden kann, als sie das Übersinnliche symbolisch darstellt.

Kevin Licht fragt in seiner Untersuchung Zur moralischen Geltung des Naturschönen bei Kant nach dem moralischen Verhältnis, in das wir angesichts des Naturschönen gestellt sind. In ästhetischer Reflexion über die Naturschönheit wird ein Sinnüberschuss bewusst, der in Analogie zum Gefühl der Achtung moralisch interpretiert werden kann. Erst die Einbettung aber des ästhetischen Einzelurteils in ein teleologisches Zwecksystem zeigt, dass Naturschönheit ein Moment der Kultivierung solcher natürlicher Vernunftanlagen ist, deren Entwicklung unsere moralischen Zwecksetzungen unterstützt. Damit scheint die Natur in ihren schönen Gestalten auf die Realisierung moralischer Zwecke selbständig hinzuarbeiten, wodurch sie sich per Analogie als Adressatin unserer eigenen moralischen Zwecksetzungen qualifiziert. Doch leitet sich daraus keine Verpflichtung zu einer blinden Naturbewahrung ab. Vielmehr sind wir durch die Naturschönheit angehalten, unseren Umgang mit natürlichen Gegebenheiten in den kulturellen Aushandlungsprozess, auch der ästhetischen Dimension unserer Lebensumstände, einzubeziehen.

Jan Kerkmanns Beitrag Die Morphologie des Stils zielt darauf ab, die Bedeutung der Naturästhetik im Hinblick auf Goethes Kunst und Wissenschaft übergreifendes Verständnis von Morphologie herauszuarbeiten. Dazu wird zunächst Goethes Studie Einfache Nachahmung der Natur, Manier, Stil (1789) unter Einbezug weiterer kunsttheoretischer Abhandlungen der klassizistischen Werkperiode ausgelegt, um zu zeigen, wie Goethe das Kunstvermögen des Stils mit dem morphologischen Forschungsparadigma verbindet. Die Elegie Metamorphose der Pflanzen (1798) heranziehend, wird im zweiten Teil verdeutlicht, dass Goethe die Synthese zwischen Morphologie und Stil nicht allein in einem theoretischen Rahmen proklamiert, sondern auch poetisch verwirklicht. Es gelingt Goethes morphologischem Ansatz somit, dualistische und mechanistische Naturvorstellungen auf eine zugleich wissenschaftliche und poetische Weise nachdrücklich zu unterlaufen und die Autarkie, Wandlungsfähigkeit und Verehrungswürdigkeit der Natur zu versinnbildlichen.

Tobias Heinze setzt in seinem Aufsatz Ansichten der Naturgeschichte. Natur, Geschichte und Ästhetik bei Schelling und Adorno bei der umstrittenen Frage an, welchen Beitrag die Naturästhetik zur Auseinandersetzung mit der ökologischen Krise leisten kann. Er schlägt vor, mit Schelling und Adorno einen Begriff von Naturästhetik zu entwickeln, der intern mit einem den Dynamiken der ökologischen Krise angemessenen Kritikbegriff verknüpft ist. Dazu werden zuerst die Verhältnisse von Kunst und Natur bei Schelling und Adorno untersucht und Konvergenzen wie Divergenzen beider Positionen herausgearbeitet. Aufbauend hierauf wird eine Naturästhetik des Zweitnatürlichen vorgeschlagen, die sowohl die Beteiligung einer im weiteren Sinne erstnatürlichen Natur an künstlerischer Produktion als auch die Naturhaftigkeit der gesellschaftlichen zweiten Natur zu berücksichtigen vermag. Gestützt auf Adornos Ästhetische Theorie und dessen Überlegungen zum Wahrheitsgehalt der Kunstwerke wird abschließend für einen Begriff erschließender Kritik plädiert, der Ästhetisches in der Durchdringung der ökologischen Krise nicht nivelliert.

Christian Schnurr geht in seinem Beitrag Naturprodukte im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit von dem Sachverhalt aus, dass mittlerweile nicht nur Kunstwerke, wie Walter Benjamin prominent formulierte, ins ‚Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit‘ eingetreten sind, sondern dies auch für Naturprodukte gilt. Die Möglichkeiten etwa der synthetischen Herstellung von Aromen, der gentechnischen Veränderung von Pflanzen oder der biotechnologischen Produktion von Fleisch bestimmen viele öffentliche Debatten über Naturprodukte. Wesentliche Veränderungen in unseren ästhetischen Naturverhältnissen in einem weiten Sinne, der das Schmecken und Riechen miteinschließt, werden durch Analogien zu Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz herausgearbeitet. Insbesondere werden Benjamins Konzepte der Verortung, Echtheit und Tradition auf den Bereich der Naturprodukte übertragen und in ihrer Relevanz für den alltäglichen, kommerziellen und künstlerischen Umgang mit technisch reproduzierten Naturprodukten diskutiert.

Michael Hackl arbeitet in seinem Aufsatz Architektur und Natur im Dialog heraus, dass Ludwig Mies van der Rohes Architektur das mögliche Miteinander von Mensch und Natur, von Haus und Landschaft auf besonders tiefsinnige Weise erfahrbar macht und dadurch das Bewusstsein weckt, lebendiger Teil des Ganzen der Natur zu sein. Mit Blick auf Mies van der Rohes metaphysisches und architektonisches Programm lässt sich zeigen, wie tief in seinem Denken die Forderung verwurzelt ist, dass die Natur „ihr eigenes Leben“ leben soll. Architektur wird bei ihm nicht im Gegensatz zur Natur, sondern als Einheit mit der Natur gedacht, womit sie ökologische Themen nicht nur aufwirft, sondern geradezu einfordert.

Julian Stalters Beitrag DawkinsAuge und Lathams Garten. Produktionsästhetik im Spiegel digitaler Evolution und Emergenz versucht im Rahmen eines produktionsästhetischen Ansatzes, Spezifika eines an der natürlichen Evolution orientierten Gestaltungsprozesses herauszuarbeiten, der auf emergenten Strukturen beruht, die seitens eines Betrachters einer Art ästhetischem Selektionsprozess unterworfen werden. Im Vergleich zwischen den vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins geschaffenen digitalen Simulationen evolutionärer Prozesse und entsprechenden Ansätzen des Künstlers William Latham wird kontrastierend auf signifkante produktionsästhetische Gemeinsamkeiten und Unterschiede eingegangen. Dawkins orientiert sich am Bild des „blind watchmaker“, der Evolution ohne Leitvision oder Voraussicht in die Wege leitet, nutzt aber gleichzeitig seine eigenen perzeptuellen Präferenzen als Selektionsmittel, um das von ihm geschriebene Programm zu Ergebnissen zur führen, die denjenigen der Naturevolution möglichst ähnlich sind. Anders verfährt dagegen William Latham, zu dessen Gestaltungsprozess ein vergleichbarer Selektionsschritt gehört, wobei er sich aber metaphorisch als Gärtner begreift, der ästhetische Entscheidungen trifft und so eine Art digitalen Garten gestaltet.

Kerstin Borchhardt geht in ihrem Aufsatz Durch die Linse des Mikrokosmos: Germinale Interaktionsgefüge in der zeitgenössischen Kunst von den primären Vollzügen der Lebenswerdung auf mikrobiologischer und somatischer Ebene aus, die oft nur mittels moderner Technologien sichtbar gemacht und manipuliert werden können. Diverse neomaterialistische Forscher*innen verstehen diese Vollzüge als vielversprechende Modelle für nachhaltige Ökologiegefüge des interspeziellen Miteinanders. Mit diesem Phänomen setzen sich auch zeitgenössische Künstler*innen auseinander, die durch Synthesen von ästhetischen Inszenierungsstrategien und einem neuartigen Einsatz von Technologie die Potenziale veränderter germinaler Körper und Netzwerke austesten. Borchhardt geht dieser künstlerischen Praxis anhand von Patricia Piccininis biofiktionalen Chimären und Špela Petričs Phytoteratology nach. Dabei wird analysiert, wie die Künstlerinnen Spekulationen über germinale Interaktionsgefüge im experimentellen Feld der Kunst in eine materielle Präsenz zu transformieren versuchen.

Michael Mieskes führt in seinem Beitrag Sidereum Automatum – Über ein digitales Bild eines unerreichbaren Naturphänomens durch unterschiedliche Bildkonzeptionen der Kunstgeschichte, Philosophie, Medientheorie und Wissenschaft, um eine sich wandelnde Verschränkung von Bild- und Naturerfahrung nachzuzeichnen. Anhand eines 2019 veröffentlichten Bildes eines Schwarzen Lochs werden die komplexen Zusammenhänge gegenwärtiger digital-technischer Bildgebungsverfahren aufgezeigt und vor dem Hintergrund tradierter Formen der Abbildung – insbesondere astronomischer Objekte – reflektiert. Anhand des diskutierten Beispiels soll Aufschluss gewonnen werden über ein aktuelles Verhältnis von Natur und Bild, das sich irgendwo zwischen Datenaufzeichnungen, algorithmischer Simulation, synthetischer Wahrnehmung und Imagination ausbildet.

1

Vgl. hierzu insbesondere den Abschnitt zum Naturschönen in Adornos Ästhetischer Theorie (Frankfurt: Suhrkamp, 1973, 97–121) sowie Jacques Rancières Untersuchung Le temps du paysage. Aux origines de la révolution esthétique. Paris: La fabrique, 2020, v. a. 113–125.

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