Band II: Die Herausforderung des Probabilismus
"Moral im Zweifel II" beschäftigt sich mit den Reaktionen der neuzeitlichen Philosophie auf die im ersten Band untersuchten scholastischen Wege zur Bewältigung moralischer Unsicherheit. Dabei wird gezeigt, wie neuartige Doktrinen der scholastischen Kasuistik mit einer Wiedergeburt der Skepsis in der Renaissance zusammenwirkten und eine Unsicherheitskrise der frühen Neuzeit erzeugten. Im Ausgang hiervon verfolgt "Moral im Zweifel II", wie Descartes, Locke und andere Philosophen versuchten, sowohl die skeptischen als auch die scholastischen Wurzeln dieser Krise zu beschneiden. Für ein besseres Verständnis des Zusammenhangs von Krise und Krisenbewältigung werden zusätzlich Veränderungen im neuzeitlichen Gewissensdiskurs und das Entstehen einer öffentlichen Meinung berücksichtigt. Auf dieser Grundlage lassen sich Defizite der Behandlung moralischer Unsicherheit bei Kant und im klassischen Utilitarismus erkennen. Keiner dieser beiden Hauptrichtungen der modernen Moralphilosophie gelingt es, die Unsicherheitsprobleme zu lösen, die am Ende des 16. Jh. in der katholischen Moralkasuistik hervortraten. Mit diesem Ergebnis schließt "Moral im Zweifel II" an die aktuelle Kritik (Anscombe, MacIntyre) an der modernen Moralphilosophie an und eröffnet ihr zugleich neue Perspektiven.
Band I: Die scholastische Theorie des Entscheidens unter moralischer Unsicherheit
Theorien des Entscheidens unter Unsicherheit gelten als neuzeitliche Errungenschaften. Tatsächlich existieren Lehren des Entscheidens unter Unsicherheit jedoch seit dem Hochmittelalter. Bis zum Untergang der mittelalterlichen Denktradition im 18. Jh. bestimmten diese Lehren die ethischen Entscheidungsanalysen im politischen und sozialen Bereich. Moral im Zweifel, Band I, zeichnet die Entwicklung der mittelalterlichen Lehren des Entscheidens unter Unsicherheit während jener sechs Jahrhunderte nach. Dabei wird besonderes Gewicht auf die revolutionären Veränderungen gelegt, die sich am Beginn der Neuzeit in den Vorstellungen vom moralisch legitimen Umgang mit Unsicherheit ereigneten. Von der frühneuzeitlichen Philosophie unzureichend reflektiert und verdrängt, bergen diese Veränderungen mannigfache Herausforderungen für die moderne Ethik. Der erste Band von Moral im Zweifel will das Fundament dieser Herausforderungen in vormodernen Entscheidungslehren sichtbar machen, aber auch auf strukturelle Parallelen zwischen der mittelalterlichen Entscheidungslehre und der modernen Entscheidungstheorie hinweisen. So erlangt er eine offenkundige Relevanz für die Praktische Ethik der Gegenwart, ohne explizit auf deren Debatten eingehen zu müssen. Die Realitätsnähe der scholastischen Ansätze wird im Text zumindest an zwei ausführlich untersuchten Beispielen dargelegt: der spanischen Eroberung Amerikas und dem Fall Galilei. Die unmittelbare Auseinandersetzung mit der modernen bzw. neuzeitlichen Philosophie und ihrer Verdrängung des entscheidungstheoretischen Erbes der Scholastik bleibt dagegen dem zweiten Band von Moral im Zweifel vorbehalten.