Author: Gesa Lindemann

Lebendige Menschen gelten der Analyse von Vergesellschaftungsprozessen zumeist als deren natürliche Voraussetzung. Entsprechend ist es naheliegend, sich für die Diskussion der Speziesfrage an die Biologie zu wenden und nach biologischen Differenzkriterien zu suchen. In einer wissenssoziologischen Perspektive ist allerdings auch eine andere These möglich: Die »Grenzen der Sozialwelt« sind historisch variabel. Nicht nur lebende Menschen können soziale Personen sein, sondern auch andere Wesen: z. B. Pflanzen, Tiere, Dämonen. Eine gesellschaftstheoretische Entfaltung dieser These führt auf zwei für die Speziesfrage zentrale Probleme: Ist der »diesseitig lebendige Mensch« eine soziale Institution? Und: In welchem Verhältnis steht diese Institution zu den anderen Institutionen der Moderne – etwa den Institutionen Freiheit und Würde. Die Speziesfrage erhält damit einen anderen Zuschnitt. Es geht nicht mehr um die Frage nach den positiv feststellbaren Differenzen (genetisch, verhaltensbiologisch) zwischen der Spezies Mensch und nichtmenschlichen Arten, vielmehr ginge es um die Frage, ob die Notwendigkeit, zwischen lebenden Menschen und anderen Arten zu unterscheiden, eine unmittelbar gesellschaftliche Bedeutung zukommt.

In: Der manipulierbare Embryo