Bausteine der biologischen Kultur- und Literaturtheorie. 2. korr. Auflage
Die kulturwissenschaftliche Rezeption der Biologie ist vor 60 Jahren, bei Arnold Gehlen, stehen geblieben. Deshalb gibt das Buch zunächst eine kritische Einführung in die beiden wichtigsten neueren Entwicklungen der Verhaltensbiologie, in die Soziobiologie und in die Evolutionäre Psychologie. Auf dieser Basis werden dann die drei Säulen errichtet, die eine biologische Kultur- und Literaturtheorie tragen sollen: (1) Das Zusammenwirken von genetischen Dispositionen und kultureller Umwelt wird darauf zurückgeführt, dass die biologischen Verhaltensprogramme des Menschen unter dem Druck wechselnder Umwelten Suchimpulse entwickelt haben, die mit kulturellen Informationen beantwortet werden – daher die Formbarkeit der kulturbezogenen Programme, d. h. die Möglichkeit, in extrem variablen Milieus erfolgreich zu agieren. (2) Aus der ursprünglich „trifunktionalen“ Protosprache der menschenähnlichen Tiere hat sich im Laufe der menschlichen Evolution die Möglichkeit einer Isolierung des Sachbezugs ausdifferenziert. Damit können mentale Einheiten von den Personen abgelöst und in den Status von „Gegenständen“ versetzt werden. Diese Leistung der Vergegenständlichung bildet die Grundlage sowohl für den spezifisch menschlichen „kaskadierenden“ Kulturtyp als auch die Möglichkeit der reflektierenden Selbst-Vergegenständlichung. Wichtigstes Mittel der strukturierten Speicherung von Informationen wird das Erzählen. (3) Die Argumentationslinie wird bis zu Kunst und poetischer Literatur durchgezogen. Damit kommt ein verhaltensbiologischer Sachverhalt in den Blick, der von den Evolutionsbiologen notorisch unterbelichtet wird: Der evolutive Stress-Lust-Mechanismus, der das alte Paradigma des Klauen-und-Zähne-Darwinismus relativieren und ergänzen kann.
Die Literaturwissenschaft widmet sich seit einigen Jahren verstärkt dem Zusammenhang von Kognition und Dichtung. Dass die menschliche Kognition ihrerseits im Rahmen der biologischen Evolution zu betrachten ist, ist in den kognitivistischen Literaturstudien weniger präsent. Karl Eibl hat sich diesem Defizit bereits 2004 in seinem Buch Animal poeta zugewandt, indem er die anthropologischen Grundlagen aus den neueren Entwicklungen in Soziobiologie und Evolutionärer Psychologie für einen literaturwissenschaftlichen Erkenntnisbedarf adaptierte und weiterentwickelte. Nach einer Folgestudie zum biologischen Kulturbegriff, die 2009 unter dem Titel Kultur als Zwischenwelt erschien, wendet Eibl sich mit diesem Buch nun spezifischer literarischen Phänomenen zu. Der einleitende Teil des Buches rekapituliert die Rahmentheorien für eine biologische Perspektive auf Sprache, Kultur und Ästhetik. In mehreren Kapiteln zu literarischen Formen und Figuren werden dann grundlegende Strukturphänomene erörtert, die sich aus biologisch verankerten Dispositionen ableiten lassen. So wird anschaulich gemacht, wie aus dem induktiven Erfahrungslernen die Möglichkeit zu metaphorischer Bildlichkeit hervorgeht und wie sich universale Plots auf kognitive Gestalterwartungen zurückführen lassen. Auch die Autorposition wird aus biologischer Perspektive betrachtet und als notwendige Instanz im menschlichen Kommunikationsverhalten mit den literaturtheoretischen Positionen zur Autorfrage vermittelt. Der letzte Teil des Buches setzt an bei einer Spezifik menschlicher Kognition, die als ›Weltoffenheit‹ oder ›kognitiver Imperativ‹ bezeichnet werden kann. Als emotionale Disposition Angst steuert sie menschliche Bewältigungsarbeit in Form von Mythos, Religion und Dichtung. Eine besondere Aufmerksamkeit gilt hier der Lyrik als unmittelbarster Form des ritualisierten Umgangs mit dem kognitiven Imperativ.
in Empirie in der Literaturwissenschaft
in Evolution - Kognition - Dichtung
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