Kapitel 2 Sprachliches Verstehen

In: Bedeutung und Bedeutsamkeit
Author: Dirk Schröder

Der Einfluss der Sprache auf das menschliche Welt- und Selbstverständnis ist kaum zu überschätzen.1 Menschen nehmen sprachlich auf sich selbst, aufeinander und auf die Welt Bezug, in der sie leben; sie rechtfertigen ihre Handlungen, erklären die anderer, fordern dazu auf, erbitten, wünschen oder verbieten sie, beschreiben und erklären Ereignisse oder Sachverhalte, erzählen von ihren Erlebnissen, Träumen und Interessen, machen Witze, schreiben Gedichte, Tagebücher oder Aufsätze, führen Selbstgespräche, denken, planen und tun vieles mehr im Medium der Sprache. Im Leben sprachfähiger Menschen ist die Sprache allgegenwärtig. Sie ist primäres Objekt und Mittel des Verstehens. Überlegungen zur Sprache als Objekt des Verstehens sind eng verbunden mit dem Begriff sprachlicher Bedeutung oder sprachlichen Sinns.2 Sprachliche Ausdrücke oder Äußerungen zu verstehen, heißt in erster Linie, ihre Bedeutung zu verstehen.3 Überlegungen zum Sprachverstehen kommen daher nicht um eine Auseinandersetzung mit bedeutungstheoretischen Fragen herum.

Im vorliegenden Zusammenhang kann es gleichwohl nicht darum gehen, eine Bedeutungstheorie zu entwickeln. Noch weniger zielen die folgenden Überlegungen auf eine umfassende Theorie des Sprachverstehens. Sie dienen vielmehr dem Zweck, einen belastbaren Begriff des (praktischen) Verstehens in Grundzügen zu entwickeln, der als Vorlage und Maßstab für eine Konzeption nicht-sprachlichen Verstehens dienen kann. Dabei ist es aufgrund der Vielfalt bedeutungstheoretischer Methoden, Fragestellungen und Ergebnisse angezeigt, so voraussetzungslos wie möglich zu verfahren.4 Keine derartige Untersuchung kommt indessen ohne grundlegende Annahmen aus. Idealiter sind diese jedoch vergleichsweise unstrittig. Die vorliegende Untersuchung hält an zwei verbreiteten Einsichten fest:

  1. Der Begriff des Verstehens ist systematisch grundlegend für eine Theorie sprachlicher Bedeutung.

  2. Bedeutungstheorien sind pragmatisch zu rekonstruieren: Der Zeichengebrauch durch Sprecherinnen und Sprecher ist es, der die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke bestimmt.

Die erste These ist insbesondere in der hermeneutischen, aber auch in der analytischen Tradition verbreitet.5 Einige einflussreiche Sprachphilosophen vertreten sie ausdrücklich.6 Wie genau sie bedeutungstheoretisch umzusetzen ist, ist allerdings ebenso umstritten wie die meisten anderen bedeutungstheoretischen Fragen.7 Erschwert wird die Lage dadurch, dass der Begriff des Verstehens häufig unerläutert bleibt bzw. zu undifferenziert oder zu unsystematisch gebraucht wird, um als theoretisch tragender Begriff genutzt werden zu können, oder aber er ist schlicht zu unterkomplex, um lebensweltlichen Vollzügen des Verstehens gerecht zu werden.8 Der bloße Verweis auf die Zentralität des Verstehensbegriffs in bedeutungstheoretischen Fragen vermag also noch keine weiterführende Einigkeit herbeizuführen. Gesucht ist zunächst ein komplexer Begriff des Sprachverstehens, welcher der Vielschichtigkeit sprachlicher Praxen Rechnung trägt. Die Reduktion seiner Komplexität kann in einem zweiten Schritt erfolgen, im Lichte gerechtfertigter Systematisierungsansprüche.

Darüber hinaus zweifeln einige Philosophen und Philosophinnen grundsätzlich an dem explanatorischen Wert des Verstehensbegriffs in bedeutungstheoretischen Fragen. Bevor der Aufgabe nachgegangen wird, einen Begriff des Sprachverstehens zu entwickeln, soll daher die Orientierung am Verstehensbegriff gerechtfertigt und so die erste der beiden genannten Thesen genauer entwickelt werden. Dies geschieht, indem in Abschnitt 2.1 der semantische Zusammenhang zwischen den Begriffen des Verstehens und der Bedeutung herausgestellt und die Vorzüge einer Perspektivenverschiebung in bedeutungstheoretischen Fragen, weg vom Begriff der Bedeutung, hin zum Begriff des Verstehens, aufgezeigt werden.

In Abschnitt 2.2 wird dieser methodische Schritt gegen Einwände verteidigt, die besonders prominent von Michael Devitt erhoben wurden. Es wird argumentiert, dass Devitts Versuch, bedeutungstheoretische von verstehenstheoretischen Fragen strikt zu trennen, nicht überzeugen kann.

In Abschnitt 2.3 wird der Begriff der Pragmatik eingeführt und der Frage nachgegangen, in welchem Sinne eine Bedeutungstheorie pragmatisch zu rekonstruieren ist. Dabei werden zwei Begriffe von Pragmatik unterschieden, Pragmatik in einem speziellen und in einem allgemeinen Sinne. Es wird dafür argumentiert, dass pragmatische Überlegungen in beiderlei Sinn semantisch relevant sind, der obige Grundsatz aber letztlich im Sinne einer allgemeinen Pragmatik zu verstehen ist.

In Abschnitt 2.4 wird der Zusammenhang zwischen Gebrauch und Bedeutung im Sinne einer allgemeinen Pragmatik genauer herausgearbeitet. Leitend ist dabei ein gebrauchstheoretischer Grundgedanke Ludwig Wittgensteins. Es wird gezeigt, dass dieser eine Reihe von grundsätzlichen Fragen aufwirft, denen eine allgemeine Pragmatik nachzugehen hat. Dazu gehört zunächst einmal die Frage, wie der Gebrauch sprachlich zu beschreiben ist, um bedeutungstheoretische Einsichten zu erlangen.

Dieser Frage wird in Abschnitt 2.5 nachgegangen. Es werden reduktive von nicht-reduktiven Ansätze unterschieden sowie deren Erklärungswert und Erklärungsprobleme herausgestellt. Im Ergebnis wird deutlich, dass nicht-reduktive Gebrauchstheorien zwar am wenigsten problematisch sind, aber auch den geringsten Erklärungswert haben. Ihnen werden neuere teilreduktive Erklärungen gegenübergestellt, die als vielversprechende Alternativen gelten können. Insbesondere ein teilreduktiver Ansatz wird dabei hervorgehoben.

In Abschnitt 2.6 wird den für gebrauchstheoretische Theorien grundlegenden und eng miteinander verknüpften Fragen nachgegangen, inwiefern der Gebrauch sprachlicher Zeichen als regelgeleitet und sprachliche Bedeutung als normativ zu verstehen ist. Es wird dafür argumentiert, dass sprachliches Verhalten weder als regelfolgendes, noch als bloß regelmäßiges zu denken ist. Ein Mittelweg wird verteidigt, der es erlaubt, an der These festzuhalten, dass sprachliche Bedeutung normativ ist, ohne auf die Behauptung festgelegt zu sein, dass sprachliche Praxis als Regelfolgen (im üblichen Sinne) zu denken ist. Dabei sind zwei Gedanken grundlegend: Erstens ist die Normativität der Bedeutung als eine des Sprachverstehens zu begreifen; zweitens ist Sprachverstehen als komplexe Fähigkeit zu denken. Beide Gedanken werden in enger Orientierung an einer teil-reduktiven Beschreibung sprachlicher Praxis entwickelt, sind aber letztlich offen für nicht-reduktive Ansätze.

In Abschnitt 2.7 wird das gewonnene Verständnis sprachlicher Kompetenz gegen Einwände verteidigt und der hier vertretende Ansatz weiterentwickelt. Es wird behauptet, dass Sprachverstehen eine praktische und keine theoretische Kompetenz ist, also nicht in einem propositionalen Wissen gründet oder damit identisch ist, sondern als praktische Fähigkeit zu denken ist. Ein Begriff der praktischen Fähigkeit wird entwickelt, der es erlaubt, die unterschiedlichen Aspekte des Sprachverstehens theoretisch einzuholen. Im Ergebnis wird Sprachverstehen als kritisch erworbene, praktische Fertigkeit und insoweit als Fall eines praktischen Verstehens konzipiert.

2.1 Verstehen und Bedeutung

Die Signifikanz des Verstehensbegriffes für bedeutungstheoretische Fragen wird bereits in einer ersten vortheoretischen Annäherung an den Begriff der Bedeutung deutlich:9 Wer nach der Bedeutung eines Wortes oder eines Satzes fragt, fragt danach, wie das Wort oder der Satz zu verstehen ist; wer etwas mit Worten meint, versteht sie auf eine bestimmte Weise und möchte auf eine bestimmte Weise verstanden werden oder gibt etwas Bestimmtes zu verstehen; wer die Bedeutung eines Wortes oder Satzes nicht kennt, versteht es oder ihn nicht; bedeutungs- oder sinnlose Sätze sind unverständlich; umgekehrt haben sprachliche Ausdrücke eine Bedeutung, wenn sie auf eine bestimmte Weise verstanden werden oder verstanden werden können. Sprachliche Bedeutung und Verstehen verweisen offenbar aufeinander. Damit ist allerdings noch kein Primat ausgezeichnet. Wenn Bedeutung auf Sprachverstehen verweist und umgekehrt, in welchem Sinne kann der Begriff des Verstehens dann bedeutungstheoretisch grundlegend sein?

Behauptet wird, dass der Begriff des Verstehens methodisch bzw. explanatorisch primär ist. Die Behauptung gilt der Reihenfolge der Erklärung und folglich der begrifflichen Rekonstruktion sprachlicher Bedeutung. Sie ist als Antwort auf die Frage zu verstehen, ob der Umstand, dass sprachliche Ausdrücke etwas bedeuten, direkt erklärt werden sollte, indem man danach fragt, was sprachliche Bedeutungen sind oder wie sprachliche Ausdrücke zu ihrer Bedeutung kommen, um sich – wenn überhaupt – erst in einem zweiten Schritt der Frage zuzuwenden, was es heißt, die Bedeutung eines Ausdrucks zu verstehen; oder ob man sich zunächst fragen sollte, was es heißt, einen Ausdruck zu verstehen, um den Begriff der Bedeutung im Anschluss, relativ zu einem methodisch vorgeordneten Begriff des (Sprach-)Verstehens, zu bestimmen. Dass beide Begriffe in einem engen semantischen Verhältnis zueinander stehen, ist daher kein Hindernis, sondern eher eine Voraussetzung einer gelungenen Erklärung des einen durch den anderen Begriff. Warum aber, lässt sich an dieser Stelle fragen, sollte dem Begriff des Sprachverstehens ein explanatorischer Primat in bedeutungstheoretischen Fragen zugesprochen werden?

Eine erste Antwort lautet, dass von einer Bedeutung nur dort gesprochen wird, wo etwas verstanden wird: Ein auditives oder ein visuelles Muster ist erst dann ein Sinnphänomen, z.B. ein sprachliches Muster, wenn es auf eine bestimmte Weise verstanden wird, sei es von derjenigen Person, die es hervorbringt, von derjenigen, die seine Hervorbringung wahrnimmt, oder von beiden Personen.10 Einen Sinn oder eine Bedeutung hat nur, was verstanden wird und insofern es verstanden wird.11 Bedeutungen sind dem Verstehen nicht vorgeordnet und nicht unabhängig davon. Sie sind nichts, das besteht und im Verstehen erst nachträglich erkannt wird. Zwar versteht die verstehende Person etwas – ein Wort, einen Satz, eine Äußerung usw. –, aber einen Sinn hat das Verstandene erst, wenn es auf eine bestimmte Weise verstanden wird.12 Verstehen ist eine notwendige und hinreichende Bedingung dafür, dass etwas eine Bedeutung hat. Muster, die nicht verstanden werden, bedeuten nur in abgeleiteter Weise etwas, insofern sie verstanden wurden bzw. prinzipiell verstanden werden können. Was prinzipiell nicht verstanden werden kann, kann keinen Sinn haben. Dies gilt im Allgemeinen sowie für sprachliche Bedeutung im Besonderen.

Ein weiterer Grund ist darin zu sehen, dass die Frage nach der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke zu problematischen Hypostasierungen verleitet, die aus der Perspektive des Verstehens nicht in den Blick geraten.13 Wenn danach gefragt wird, was es heißt, dass sprachliche Ausdrücke oder Äußerungen eine Bedeutung haben bzw. ihnen eine Bedeutung zukommt, liegt der Gedanke nahe, dass Bedeutungen besondere Gegenstände sind, den Ausdrücken ›zugeordnet‹ bzw. das, worauf sie sich ›beziehen‹ oder wofür sie ›stehen‹; Gegenstände, die prinzipiell unabhängig von der Zeichenverwendung bestimmt und ihr explanatorisch vorgeordnet sind. Beliebte Kandidaten sind hier konkrete mentale Gegenstände wie Vorstellungen oder Ideen,14 konkrete extramentale Gegenstände wie Dinge und Sachverhalte15 oder abstrakte bzw. ideale Gegenstände wie extramentale Ideen, Gedanken oder Begriffe.16 Sogenannte Gegenstandstheorien der Bedeutung17 sind aber mit einer Reihe von Problemen konfrontiert, die sowohl den allgemeinen Gedanken betreffen, Bedeutungen seien als Bezugsgegenstände sprachlicher Ausdrücke aufzufassen, als auch konkrete Varianten dieses Gedankens.18 Weniger irreführend ist es daher, danach zu fragen, wie ein Ausdruck zu verstehen ist bzw. was es heißt, einen Ausdruck zu verstehen.19 Während ein Ausdruck nur insofern eine Bedeutung hat, als er auf eine bestimmte Weise zu verstehen ist, ist die Erklärung dessen, was es heißt, einen Ausdruck zu verstehen, nicht auf ›Bedeutungen‹ (in einem gegenständlichen Sinne) angewiesen. Das heißt freilich nicht, dass von der »Bedeutung« eines Ausdrucks nicht sinnvoll gesprochen werden kann, sondern nur, dass Fragen nach der Bedeutung eher zu problematischen Annahmen führen, als Fragen nach dem Verstehen.20

Der Begriff des Verstehens gibt zudem unmittelbar Anlass zu einer weiteren systematisch fruchtbaren Perspektivenverschiebung weg von Bedeutungen (als Gegenständen) hin zu Bedeutungserklärungen. Die Begriffe des Verstehens und des Erklärens sind eng miteinander verknüpft. In vielen Fällen gilt: Wer etwas versteht, kann es erklären, und wer es nicht erklären kann, hat es nicht verstanden. Die Fähigkeit zu Erklärungen ist in diesen Fällen ein Kennzeichen des Verstehens, die Ausübung der Fähigkeit ein Kriterium der Zuschreibung.21 Sprachverstehen gehört einer verbreiteten Ansicht nach zu eben diesen Fällen.22 Passend dazu hält Ludwig Wittgenstein fest, dass die Bedeutung eines Wortes das sei, »was die Erklärung der Bedeutung erklärt.«23 Der Blick auf Bedeutungserklärungen führt nicht nur weg von Bedeutungen als Gegenständen, sondern ist zudem systematisch aufschlussreich, zeigt sich doch, dass die Praktiken der Bedeutungserklärung vielgestaltig sind,24 mit der Konsequenz, dass auch die Antwort auf die Frage, was es heißt, dass ein sprachlicher Ausdruck etwas bedeutet, differenziert auszufallen hat. Einer einseitigen und verengten theoretischen Perspektive beugt der Blick auf alltägliche Praktiken der Bedeutungserklärungen damit vor. Irreführende Fragen, etwa nach der Seinsweise von Bedeutungen, treten in den Hintergrund, bedeutungstheoretische Vorurteile werden ihrer Wirkmacht beraubt.25 Bedeutungserklärungen kommen ohne Bedeutungsgegenstände aus und nehmen stattdessen die Praxis des Gebrauchs sprachlicher Ausdrücke in den Blick: »Die Erklärung der Bedeutung erklärt den Gebrauch des Wortes«26, wie Wittgenstein feststellt. Die Begriffe des (Sprach-)Verstehens und (Sprach-)Gebrauchs werden so über den der Bedeutungserklärung aufeinander bezogen.27

Der alltägliche Sprachgebrauch kommt aber nicht nur über den Weg der Bedeutungserklärung in den Blick, der Begriff des Verstehens verweist auf Verständigungsprozesse und damit auf alltägliche Kommunikationsvollzüge, in denen sich die Verwendungssituationen sprachlicher Ausdrücke zeigen. Ein theoretisch voraussetzungsloser Blick macht deutlich, dass es zunächst einzelne Personen sind, die in bestimmten Situationen sprachliche Ausdrücke auf eine bestimmte Weise gebrauchen, und dass dieser Gebrauch – sofern er etwas bedeutet – in diesen Situationen auf eine bestimmte Weise verstanden wird. Das Verstehen von sprachlichen Ausdrücken in Äußerungssituationen ist konstitutiv für ihre Bedeutung.28 Jeder Bedeutungsbegriff, der von der konkreten Kommunikationssituation abstrahiert, ist methodisch sekundär, da er bereits gelungene Verständigungsakte in bestimmten Kommunikationssituationen voraussetzen muss.29

Die bedeutungstheoretische Orientierung am Verstehensbegriff weist also eine Reihe von explanatorischen Vorteilen auf. Bevor dem Zusammenhang von Semantik und Pragmatik – und damit der zweiten der beiden oben genannten grundlegenden Annahmen – nachgegangen wird, ist es sinnvoll, einer kritischen Stimme Gehör zu verschaffen. Gegenüber der Behauptung, bedeutungstheoretische Überlegungen hätten vom Begriff des Sprachverstehens auszugehen und nicht umgekehrt, hat sich insbesondere Michael Devitt wiederholt kritisch gezeigt. Die Diskussion seiner Einwände wird es erlauben, die bedeutungstheoretische Rolle des Verstehensbegriffs stärker zu konturieren.

2.2 Bedeutung vs. Verstehen

Kaum eine Philosophin bezweifelt, dass bedeutungstheoretische Fragen auf das Engste mit Fragen nach dem Verstehen einer Sprache verknüpft sind, aber nach Ansicht einiger handelt es sich dennoch um zwei prinzipiell voneinander unterschiedene Fragenkomplexe. Besonders prominent vertritt Devitt diese Ansicht.30 In Designation heißt es z.B. im Hinblick darauf, was eine Bedeutungstheorie zu leisten habe, und in Abgrenzung zu Michael Dummetts Vorschlag, eine Bedeutungstheorie sei eine Theorie des Verstehens:

What need explaining, basically, are the verbal parts of human behavior […]. In explaining these, we must attribute certain properties (for example, being true and referring to Socrates) to the sounds and inscriptions produced, and certain other properties (for example, understanding ‘Socrates’) to the people who produce those sounds and inscriptions. I take semantics (or the theory of meaning) to be primarily the study of properties of the first sort, but I have no objection to it being taken to be also a study of properties of the second sort. I think it is very peculiar to take it as a study of properties of the second sort only. […] An explanation of competence is not an explanation of truth and reference. The trouble with the focus on competence is that it misses a large part, in my view the main part, of what needs to be explained – the semantic properties of sounds and inscriptions.31

Devitt zufolge kann es also durchaus zu den Aufgaben einer Bedeutungstheorie gehören, auf Fragen nach dem Verstehen von mündlichen oder schriftlichen Äußerungen (sounds and inscriptions) einzugehen, er glaubt aber weder, dass dies ihre vorrangige Aufgabe ist, noch dass es ihre einzige sein kann. Den Grund sieht er darin, dass semantische Eigenschaften keine von Personen sind – wie etwas zu verstehen –, sondern von Äußerungen und daher von einer Theorie des Verstehens nicht erklärt werden können. Devitt erachtet offenbar semantische Eigenschaften wie den Bezug oder die Wahrheit von Sätzen für unabhängig von mentalen Eigenschaften wie dem Verstehen dieser Sätze sowie dem Verstehen für systematisch vorgeordnet. Entsprechend hält er an andere Stelle fest, »that the theory of the meanings we grasp is, in an important sense, prior to the theory of our grasp of them.«32

Festzuhalten ist zunächst, dass alles andere als klar ist, was die Aufgabe einer Theorie der Bedeutung eigentlich ist. Das Unternehmen einer Bedeutungstheorie ist höchst divers. Es herrscht weder Einigkeit darüber, was eine Bedeutungstheorie eigentlich erklären sollte, noch darüber, wie eine solche Erklärung genau auszusehen hat.33 Was die Frage nach dem Erklärungsziel angeht, sind zwei Auffassungen prinzipiell voneinander zu unterscheiden:34 Gemäß der ersten ist es die Aufgabe einer Bedeutungstheorie, die Bedeutungen aller Ausdrücke einer bestimmten Sprache systematisch zu bestimmen bzw. anzugeben, welche Form eine derartige Theorie haben und welcher Grundbegriffe sie sich bedienen sollte. Der zweiten Auffassung zufolge befasst sich eine Bedeutungstheorie mit der Frage, aufgrund wovon sprachliche Ausdrücke die Bedeutung haben, die sie haben, welche Fakten also konstitutiv für ihre Bedeutungen sind. Theorien der ersten Art sind prinzipiell von Theorien der zweiten Art unterschieden, auch wenn ihre Ergebnisse wechselseitig Konsequenzen füreinander haben können. Bedeutungstheorien im ersten Sinne können »semantische Theorien«, Bedeutungstheorien im zweiten Sinne »Grundlegungstheorien sprachlicher Bedeutung« genannt werden.35

Devitt ist nun offenbar der Ansicht, eine Bedeutungstheorie habe eine semantische Theorie zu sein. Die Begriffe der Referenz und der Wahrheit sowie der damit zusammenhängende Begriff der Wahrheitsbedingungen dienen zur Bestimmung von Bedeutungen im Rahmen semantischer Theorien. Der Begriff des Verstehens wiederum ist zwar in beiden bedeutungstheoretischen Zusammenhängen relevant, besonderes Gewicht kommt ihm aber in seiner Grundlegungsfunktion zu. Sprachliche Zeichen haben eine Bedeutung, weil sie auf eine bestimmte Weise gebraucht werden und ihr Gebrauch auf eine bestimmte Weise verstanden wird.36 Sofern der Begriff des Verstehens für eine Grundlegungstheorie sprachlicher Bedeutung nutzbar gemacht werden kann, sind Devitts Bedenken daher irrelevant. Sie zielen bestenfalls auf die Rolle des Verstehens in semantischen Theorien.

Das Projekt der Grundlegungstheorie ist aber keineswegs bloß verschieden von dem der semantischen Theorie, sondern – wie der Name bereits anzeigt – diesem vorgängig und es fundierend. Eine semantische Theorie muss letztlich die Frage beantworten, wie es kommt, dass sprachliche Ausdrücke die semantischen Eigenschaften haben, die sie ihnen zuschreibt, also z.B. eine Referenz oder Wahrheitsbedingungen.37 Dann zeigt sich aber, dass sie diese Eigenschaften nur deshalb haben, weil sie auf eine bestimmte Weise gebraucht und verstanden werden. Die Grundbegriffe der Semantik sind damit nicht unabhängig von den Begriffen der Grundlegungstheorie, die wiederum auf die Erklärung der Sprachkompetenz der Sprecherinnen einer Sprache abzielen. Besonders deutlich zeigt sich dies bei dem Begriff der Referenz. Sprachliche Ausdrücke haben einen Bezug, weil Sprecherinnen und Hörerinnen sich im Rahmen von Äußerungen mittels sprachlicher Ausdrücke auf Sachverhalte oder Personen beziehen. Der Begriff des Bezugs (Referenz) ist abgeleitet von dem der Bezugnahme.38 Auch Wahrheitsbedingungen haben Sätze nur deshalb, weil die Wörter, aus denen sie zusammengesetzt sind, auf eine bestimmte Weise, unter bestimmten sprachlichen und nicht-sprachlichen Bedingungen, von Sprecherinnen gebraucht und verstanden werden.39 Die Grundbegriffe der semantischen Theorie, die Devitt im Auge hat, sind also weder unabhängig von Begriffen, mittels derer die Sprachkompetenz von Personen theoretisch eingeholt wird, noch sind sie bedeutungstheoretisch grundlegend.

Tatsächlich liegt ein derartiges Ergebnis gerade vor dem Hintergrund von Devitts eigener Annahme nahe, eine Bedeutungstheorie habe das verbale Verhalten von Personen zu erklären. Für die Erklärung des Verhaltens sind offenbar gerade die Eigenschaften grundlegend, die den Personen zukommen.40 Nicht, unter welchen Bedingungen Sätze wahr sind, sondern unter welchen sie für wahr gehalten werden, nicht, worauf sich Sätze beziehen, sondern worauf sie sich gemäß den Absichten der Sprecherinnen beziehen sollen, erklärt ihr sprachliches Verhalten.

Was die Begriffe einer semantischen Theorie sind, ist zudem weniger klar, als Devitt anzunehmen scheint. So ist z.B. immer wieder bezweifelt worden, dass der Begriff der Wahrheit bzw. der Wahrheitsbedingungen systematisch grundlegend für semantische Theorien ist.41 Besonders geeignet scheint er für die Bestimmung der Bedeutung von Aussagesätzen und indirekt auch für die anderer Satztypen, sofern diese einen Inhalt haben, der in Form eines Aussagesatzes ausgedrückt werden kann. Nicht jede sprachliche Äußerung mit einer bestimmten Bedeutung hat aber einen aussageförmigen Inhalt. Darüber hinaus ist nicht jeder Ausdruck mit einer Bedeutung geeignet, den Inhalt einer Aussage wahrheitsdefinit festzulegen.42 Ähnliches gilt von dem Begriff der Referenz: Nicht jeder sinnvolle Ausdruck bezieht sich auf einen Gegenstand. Gleichwohl gilt für jeden Ausdruck mit einer Bedeutung, dass er verstanden werden kann. Der Begriff des Verstehens ist semantisch grundlegender und umfassender als die Begriffe der Wahrheit oder Referenz. Sinnbedingungen sind offenbar nicht identisch mit Wahrheits- oder Referenzbedingungen, sondern mit Verstehensbedingungen. Wenn das zutrifft, ist aber der Begriff des Verstehens auch für semantische Theorien zentral.

Letztlich lässt sich die Frage nach der Bestimmung der semantischen Grundbegriffe aber nicht unabhängig von der Diskussion konkreter semantischer Theorien beantworten. Das kann hier nicht geleistet werden. Die obigen Überlegungen liefern aber zumindest dem ersten Anschein nach gute Gründe dafür, dem Begriff des Verstehens sowohl im Rahmen semantischer Theorien als auch im Rahmen von Grundlegungstheorien der Bedeutung eine exponierte Stellung einzuräumen. Devitts Annahme, Äußerungen bzw. ›Laute und Schriftzeichen‹43 (sounds and inscriptions) seien von den Personen, die sie hervorbringen, sowie von denen, die sie verstehen, getrennt zu betrachten und semantisch zu charakterisieren, können dagegen nicht ohne Weiteres überzeugen.44 Seine reduktionistische Beschreibungsweise von Äußerungen (sounds and inscriptions) in Verbindung mit dem ontologischen Vokabular (semantic properties) erleichtert die Trennung und verschleiert den Zusammenhang zwischen ihnen und ihren Urhebern bzw. Adressaten. Wenn stattdessen von »Wörtern«, »Sätzen« oder »sprachlichen Äußerungen« gesprochen wird, zeigt sich bereits, dass es sich bei ihnen um genuine Sinnphänomene handelt und damit um Objekte des Verstehens. Werden sie dagegen als zunächst sinnfreie Substanzen verstanden, denen dann sinnverleihende Eigenschaften zugeschrieben werden, läuft man Gefahr, der oben bereits erwähnten Rede von Bedeutungen als Gegenständen, die vom Verstehen sprachlicher Äußerungen unabhängig bestimmt und diesen vorgeordnet seien, aufzusitzen. Wenn Devitt die Bedeutung dem Verstehen vorordnet, scheint es, als säße er bereits fest im Sattel dieser problematischen Redeweise.

2.3 Pragmatik und Semantik

Dem zweiten obigen Grundsatz zufolge sind Bedeutungstheorien pragmatisch zu rekonstruieren, d.h., es ist der Zeichengebrauch durch Sprecherinnen und Sprecher, der die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke bestimmt.45 Was ist damit gemeint?

Die grundlegende Unterscheidung zwischen Syntax, Semantik und Pragmatik geht auf Charles W. Morris zurück.46 Die Syntax betrifft grob gesprochen das formale Verhältnis von Zeichen zueinander, die Semantik das Verhältnis von Zeichen und Welt. Was die Pragmatik angeht, kann man kann zwei sprachphilosophisch relevante Begriffe voneinander unterscheiden, einen allgemeinen und einen speziellen.47 Pragmatik im allgemeinen Sinne betrachtet Sprache im Anschluss an Morris als Verhaltenssystem,48 wobei »Verhalten« hier in einem weiten Sinne verstanden werden muss, der auch und gerade Formen des intentionalen Verhaltens, also Handlungen im klassischen Sinne umfasst.49 Das übergeordnete Ziel einer allgemeinen Pragmatik ist dann, die Praxis sprachlicher Verständigung verhaltenstheoretisch, also unter Rekurs auf das sprachliche und nicht-sprachliche Verhalten der Teilnehmerinnen an sprachlicher Praxis, zu beschreiben und zu erklären.50 In bedeutungstheoretischer Hinsicht verfolgt sie das Ziel, semantische Grundbegriffe, insbesondere den Begriff der Bedeutung, verhaltenstheoretisch zu erläutern,51 wobei verschiedene Begriffe dabei zentral sein können, z.B. die der Regel und des Regelfolgens,52 der Disposition53 oder auch der Intention.54 Pragmatik im allgemeinen Sinne ist also eine Grundlegungstheorie sprachlicher Bedeutung.

Pragmatik im speziellen Sinne befasst sich mit Aspekten des Sprachgebrauchs, die nicht von der Semantik oder der Syntax untersucht werden und das Verstehen sprachlicher Äußerungen vor dem Hintergrund ihrer Äußerungskontexte betreffen. Während Syntax und Semantik kontextinvariante Eigenschaften von Wörtern und Sätzen untersuchen sollen, beschäftigt sich die Pragmatik also mit ihren kontextvarianten Eigenschaften und hat entsprechend Äußerungen sprachlicher Ausdrücke zum Untersuchungsgegenstand. Dabei ist zwischen pragmatischen Untersuchungen zu unterscheiden, die sich auf Eigenschaften einer Äußerung bzw. des Äußerungskontextes beziehen, die für die Bestimmung des propositionalen Gehalts55 von Äußerungen relevant sind, und solchen, die sich dafür interessieren, was mit einer Äußerung über den propositionalen Gehalt oder das Gesagte hinaus zu verstehen gegeben wird.

Inwiefern die spezielle Pragmatik bedeutungstheoretisch relevant ist, hängt davon ab, was unter »Bedeutung« verstanden wird. Wenn die Bedeutung einer Äußerung z.B. mit dem gleichgesetzt wird, was mit der Äußerung gesagt wird, dann scheint klar, dass die Pragmatik unmittelbar relevant für die Bedeutung einer Äußerung sein kann. Die wörtliche Bedeutung eines Satzes kann z.B. syntaktisch oder lexikalisch mehrdeutig sein und bedarf dann der Disambiguierung unter Rekurs auf den sprachlichen oder nicht-sprachlichen Kontext der Äußerung des Satzes. Pragmatik und Semantik sind hier bedeutungstheoretisch miteinander verwoben.56

Selbst eindeutige Sätze können aber semantisch unterbestimmt sein, so dass ihre Bedeutung nur unter Rekurs auf den Kontext ihrer Äußerung bestimmt werden kann, wenn sie z.B. demonstrative oder indexikalische Ausdrücke, unvollständige oder indefinite Beschreibungen oder mehrfach vergebene Eigennamen enthalten.57 Erst der Rekurs auf den Äußerungskontext der Sätze erlaubt die Bestimmung dessen, was als »propositionaler Gehalt«, als »propositionale Bedeutung« oder eben als das »Gesagte« bezeichnet werden kann. Gleiches gilt, wenn relative Ausdrücke wie »klein«, »groß«, »leicht«, »schwer«, »arm«, »reich« usw. verwendet werden.58 Was als »klein« oder »arm« gilt, hängt vom Kontext ab, der nicht nur von der Sprecherin in ihrer Äußerung mitberücksichtigt wird, sondern auch vom Hörer mitberücksichtigt werden muss, um die Äußerung richtig zu verstehen.

Sicherlich kann man behaupten, das »Gesagte« sei anders zu fassen, z.B. möglichst nahe an dem genauen Wortlaut bzw. der wörtlichen Bedeutung. Dann scheint die spezielle Pragmatik bedeutungstheoretisch irrelevant zu sein. Dieser restriktive Begriff des Gesagten wäre jedoch erstens eine bloße Stipulation, die vortheoretisch unangemessen und rechtfertigungspflichtig ist.59 Das wird deutlich, betrachtet man einen vortheoretisch plausiblen Test dafür, was mit einer Äußerung gesagt wurde: die indirekte Rede. In indirekter Rede (er/sie hat gesagt, dass …) wird das Gesagte üblicherweise wiedergegeben. Was als eine angemessene Wiedergabe des Gesagten in indirekter Rede gilt, hängt aber stark davon ab, was mit der Wiedergabe bezweckt wird, und davon, wie sehr sich der Kontext der Wiedergabe von dem der Äußerung unterscheidet.60 Dann lässt sich das Gesagte aber nicht kontextinvariant bestimmen; vielmehr können in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Antworten auf die Frage, was gesagt wurde, angemessen sein. Wenn das Gesagte also vom Kontext abhängt und wörtliche Bedeutung kontextinvariant sein soll, ist eine Gleichsetzung des Gesagten mit wörtlicher Bedeutung verfehlt – zumindest aus vortheoretischer Perspektive.

Zweitens aber ist unklar, ob sich der Begriff der wörtlichen Bedeutung hinreichend trennscharf61 und zugleich explanatorisch gehaltvoll62 bestimmen lässt und entsprechend dazu dienen kann, das Gebiet der Semantik von dem der Pragmatik klar zu trennen. Dies darf bezweifelt werden.63

Selbst vor dem Hintergrund eines eher vagen Begriffs der wörtlichen Bedeutung ist eine strikte Trennung zwischen Semantik und Pragmatik aber wenig plausibel.64 Dies liegt daran, dass die wörtliche Bedeutung einiger Ausdrücke bereits pragmatische Aspekte aufweist. Die genannten relativen Ausdrücke reichen bereits aus, dies zu verdeutlichen. Ein weiteres Beispiel ist der Ausdruck »gut«. Wie Hans-Johann Glock feststellt, ist der Umstand, dass mit »gut« für gewöhnlich eine Empfehlung ausgesprochen wird, teilkonstitutiv für die Bedeutung von »gut«.65 Eine Empfehlung zu sein ist aber eine Eigenschaft von Äußerungen und damit eine pragmatische Eigenschaft im klassischen Sinne. Eine strikte Trennung zwischen Pragmatik und Semantik anhand des Begriffs der wörtlichen Bedeutung scheint daher wenig plausibel.66

Eine Einschränkung des Bedeutungsbegriffs auf das, was mit »wörtlicher«, »buchstäblicher« oder »lexikalischer« Bedeutung gemeint ist, also mit der Bedeutung, die ein sprachlicher Ausdruck als Ausdruckstypus in einer bestimmten Sprache hat,67 ist also erstens bloß stipulativ. Zweitens ist unklar, ob sich der Begriff der wörtlichen Bedeutung überhaupt trennscharf und zugleich explanatorisch gehaltvoll bestimmen lässt, und drittens lassen sich selbst unter Verwendung eines unbestimmten Begriffs wörtlicher Bedeutung Fälle ausmachen, in denen pragmatische Aspekte relevant für die Bestimmung der wörtlichen Bedeutung sind. Aus der Perspektive des Sprachverstehens erscheint es insgesamt angemessener, von unterschiedlichen Sinnebenen einer Äußerung zu sprechen, die sich relativ dazu auszeichnen lassen, was an einer Äußerung verstanden werden kann, und das ist natürlich weit mehr als die wörtliche Bedeutung.68 Es spricht dann nichts dagegen, neben der wörtlichen z.B. von der propositionalen, von der illokutionären, ironischen oder metaphorischen Bedeutung einer Äußerung zu sprechen.69 Die spezielle Pragmatik ist dann alles andere als bedeutungstheoretisch irrelevant.

Für die Zwecke der vorliegenden Arbeit kann die Frage, ob eine Bedeutungstheorie pragmatisch im speziellen Sinne verstanden werden sollte, aber letztlich offenbleiben, da es nicht um die Entwicklung einer semantischen Theorie geht. Der oben genannte Grundsatz ist daher im (weniger strittigen) Sinne einer allgemeinen Pragmatik zu verstehen: Sprache ist als Verhaltenssystem im weiten Sinne zu begreifen, sprachliche Bedeutung unter Rekurs auf Verhaltensmerkmale zu bestimmen und der Zeichengebrauch (durch Sprecherinnen und Sprecher in Äußerungskontexten) in das Zentrum der Untersuchung zu stellen. Vorrangig wird es im Folgenden darum gehen, die pragmatische Grundlegung semantisch zentraler Begriffe im Sinne einer allgemeinen Pragmatik zu untersuchen.

2.4 Bedeutung und Gebrauch

Theorien, die Sprache primär als Verhaltenssystem im genannten Sinne verstehen und der Einsicht folgen, dass die Praxis sprachlicher Verständigung im Hinblick auf das sprachliche und nicht-sprachliche Verhalten der Teilnehmerinnen an dieser Praxis zu beschreiben und zu erklären ist, die mithin semantische Grundbegriffe, insbesondere den Begriff der Bedeutung, verhaltenstheoretisch zu erklären versuchen, können im Allgemeinen »Gebrauchstheorien der Bedeutung« genannt werden.70 Als prägend für den gebrauchstheoretischen Ansatz gelten bekanntlich Wittgensteins Philosophische Untersuchungen (PU),71 auch wenn Wittgenstein selbst dort keine Gebrauchstheorie der Bedeutung entwickelt oder auch nur glaubt, dass dies ein sinnvolles philosophisches Unterfangen ist.72 Als pointierter Ausdruck der Gebrauchskonzeption sprachlicher Bedeutung wird häufig § 43 der PU angeführt:

Man kann für eine große Klasse von Fällen der Benützung des Wortes ›Bedeutung‹ – wenn auch nicht für alle Fälle seiner Benützung – dieses Wort so erklären: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. Und die Bedeutung eines Namens erklärt man manchmal dadurch, daß man auf seinen Träger zeigt.73

Diese knappe Bemerkung Wittgensteins ist ausgesprochen einflussreich gewesen. Es gilt einigen mittlerweile als sprachphilosophische Binsenweisheit, dass die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke im Hinblick auf ihren Gebrauchs- oder Verwendungszusammenhang zu bestimmen ist.74 Fraglich ist demnach nicht etwa, dass Bedeutung und Gebrauch zusammenhängen, sondern wie der Zusammenhang genau zu verstehen ist. Diesbezüglich wirft bereits Wittgensteins Zitat einige Fragen auf. So ist z.B. unklar, wie seine Einschränkung zu verstehen ist, man könne nicht für alle Fälle des Gebrauchs des Ausdrucks »Bedeutung« sagen, man nehme damit auf einen sprachlichen Gebrauchszusammenhang Bezug. In welchen Fällen kann man die Bedeutung von »Bedeutung« nicht erklären, indem man auf den Sprachgebrauch verweist? Denkt Wittgenstein hier vielleicht an Ausdrücke einer ›toten‹ Sprache, also einer Sprache, die gerade nicht mehr gesprochen und deren Ausdrücke insofern nicht mehr gebraucht werden? Auch die Ausdrücke dieser Sprache haben eine Bedeutung, selbst wenn sie nicht mehr in demselben Sinne gebraucht werden, wie die Ausdrücke einer lebendigen Sprache. Sie greifen nicht mehr in lebensweltliche Handlungszusammenhänge ein, sind nicht mehr mit nicht-sprachlichen Handlung verwoben usw. Denkbar wäre aber auch, dass Wittgenstein Fälle vor Augen hat, in denen ein Ausdruck noch keinen Gebrauch, aber bereits eine Bedeutung hat, etwa weil er gerade erst eingeführt wurde bzw. zum ersten Mal in einer bestimmten Weise gebraucht wurde, die von seinem bisherigen Gebrauch abweicht.75 Wittgenstein könnte aber auch Fälle im Blick haben, in denen die Bedeutung eines Ausdrucks relativ zu einer konkreten Äußerung oder relativ zu einem bestimmten Autor betrachtet wird, also die Fragen »Was bedeutet dieses Wort bei diesem Autor?« oder »Was bedeutet dieses Wort im Rahmen dieser Äußerung?« beantwortet werden.76 Die Bedeutung des Wortes wird dann gerade nicht durch seinen Gebrauch in der Gemeinsprache, sondern mit Verweis auf einen Idiolekt oder den Äußerungskontext bestimmt. Sollte Wittgenstein mit seiner Einschränkung Fälle wie die genannten im Blick haben, wirft die Dissoziation von Gebrauch und sprachlicher Bedeutung allerdings die systematischen Fragen auf, was in diesen Fällen der Grund dafür ist, dass die sprachlichen Ausdrücke eine bestimmte Bedeutung haben, und ob dieser Grund zugleich geeignet ist, die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke in allen anderen Fällen ebenso zu bestimmen.77

Wittgensteins Einschränkung lässt sich aber auch anders verstehen. Sie trägt dann dem Umstand Rechnung, dass in bestimmten Fällen in einer anderen Weise von »Bedeutung« gesprochen wird als im Falle sprachlicher Bedeutung, und dass die Bedeutung des Ausdrucks »Bedeutung« in diesen Fällen anders zu erklären ist, als mit Verweis auf den Gebrauch eines Wortes in einer Sprache. Wittgenstein nimmt dann z.B. Fälle aus, die H. P. Grice als Fälle »natürlicher Bedeutung« bezeichnet hat, Fälle wie »Rauch bedeutet Feuer«,78 aber auch Fälle mimischer oder gestischer Bedeutung, die Bedeutung von Signalen oder die Bedeutung von Gegenständen, Personen oder Ereignissen im Sinne ihrer Wertigkeit oder Relevanz für jemanden oder etwas.79

Eine exegetisch zufriedenstellende Antwort kann und muss an dieser Stelle nicht gegeben werden. Aus systematischer Perspektive ist es geboten, die Einschränkung im letztgenannten Sinne zu verstehen, da der explanatorische Wert eines gebrauchstheoretischen Ansatzes, der nicht alle Fälle sprachlicher Bedeutung zu erklären vermag, stark gemindert und mit den aufgeworfenen Fragen konfrontiert wäre. Dagegen ist es zumindest auf den ersten Blick systematisch plausibel, unterschiedliche Bedeutungen von »Bedeutung« voneinander zu unterscheiden und z.B. die Erklärung der Bedeutung des Wortes »Rauch« von der kausaltheoretischen Erklärung der Bedeutung von Rauch für die Existenz von Feuer zu unterscheiden.80 Es ist daher in systematischer Perspektive angeraten, die Gebrauchskonzeption auf sprachliche Bedeutung einzuschränken, dort aber uneingeschränkt gelten zu lassen. Nebenbei sei angemerkt, dass es auch in exegetischer Perspektive vertretbar ist, Paragraf 43 der PU so zu verstehen.81

Der gebrauchstheoretische Gedanke wirft allerdings weitere Fragen auf. Der Versuch, die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke über ihren Gebrauch zu bestimmen, ist als direkte Antwort auf ein zu enges Verständnis sprachlicher Bedeutung zu verstehen.82 Der Begriff des Gebrauchs soll entsprechend hinreichend allgemein sein, um die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke charakterisieren zu können und zugleich hinreichend spezifisch, um auch semantische Unterschiede erklären zu können. Die Ausdrücke »Gebrauch« und »Bedeutung« sind aber selbst im Falle sprachlicher Bedeutung nicht synonym. Der Gebrauch von Ausdrücken lässt sich auf eine Weise charakterisieren, die die Bedeutung dieser Ausdrücke nicht betrifft, etwa wenn man von einem bestimmten Gebrauch sagt, er sei gerade in Mode, er sage etwas über den Sprecher oder die Sprecherin aus oder werde von Gesten begleitet.83 Glock stellt daher eine »Kategoriendifferenz zwischen ›Bedeutung‹ und ›Gebrauch‹«84 fest. Allerdings lässt sich der Unterschied abschwächen, wenn man eine bestimmte »Art« des Gebrauchs als wesentlich für die Bedeutung eines Ausdrucks begreift.85 Für gewöhnlich wird hierzu auf den Regelbegriff verwiesen: Sprachliche Ausdrücke haben eine Bedeutung und werden verstanden, weil ihr Gebrauch und das Verständnis ihres Gebrauchs bestimmten Regeln folgt; sie bestimmen die Art und Weise des sinnvollen Gebrauchs sprachlicher Ausdrücke. Damit kann auch einer Verschärfung des Einwands begegnet werden, sprachliche Ausdrücke könnten auf jede mögliche Weise gebraucht werden und nicht jeder Gebrauch könne semantisch relevant sein.86 Auf die Spitze getrieben lautet der Einwand nämlich, dass auch der sinnlose Gebrauch sprachlicher Ausdrücke ein Gebrauch sei. Der sinnlose Gebrauch ist aber trivialerweise ungeeignet, die Bedeutung eines Ausdrucks zu bestimmen.

Wie bereits deutlich wurde, ist es zudem üblich, syntaktische, semantische und pragmatische Dimensionen des Gebrauchs von sprachlichen Ausdrücken voneinander zu unterscheiden. Auch deshalb kann man den Begriff des Gebrauchs für zu weit erachten, um auf ihm eine semantische Theorie aufbauen zu können. Zwar wurde bereits deutlich, dass die Unterscheidung zwischen pragmatischen und semantischen Aspekten nicht besonders trennscharf ist. Das Gleiche lässt sich zudem für die Unterscheidung zwischen Syntax und Semantik behaupten: Wenn es in semantischen Fragen auf den sinnvollen Gebrauch ankommt, ist jeder Aspekt des Gebrauchs »semantisch« zu nennen, der sinnvolle von sinnlosen Äußerungen unterscheidet; und hier kommen sowohl Aspekte in Frage, die klassisch der Pragmatik zugerechnet werden, als auch Aspekte, die klassisch in den Bereich der Syntax fallen. In diesem Sinne behauptet Glock, dass die traditionelle Einteilung der Semiotik »mit einer gebrauchstheoretischen Position unvereinbar [ist]«87 und verweist insbesondere darauf, dass syntaktische Regeln zugleich semantische Regeln sein können, da bestimmte Zeichenkombinationen sinnlos seien und folglich Regeln, die sich auf die Kombination von Zeichen beziehen, zugleich Regeln der Bedeutung von Sätzen sind.88 Eine strikte Trennung zwischen semantischen, pragmatischen und syntaktischen Regeln oder Aspekten des Gebrauchs ist daher in bedeutungstheoretischer Hinsicht nicht sinnvoll.89

Allerdings folgt daraus nicht, dass alle Gebrauchsaspekte bedeutungstheoretisch relevant sind. Das heißt wiederum zwar nicht, dass der Gebrauch die Bedeutung von Ausdrücken nicht bestimmt. Es heißt aber, dass der Begriff des Gebrauchs und jener der Bedeutung nicht synonym sind, der Gebrauch mithin genauer zu charakterisieren ist, um einen bedeutungstheoretischen Erklärungswert haben zu können. In diesem Zusammenhang stellt sich grundsätzlich die Frage, in welchem Vokabular der für sprachliche Bedeutung konstitutive Gebrauch sprachlicher Zeichen sowie ihr Verstehen zu beschreiben sind.90 Prinzipiell sind zwei Möglichkeiten voneinander zu unterscheiden. Der Weg mit dem größten Erklärungspotential ist ein explanatorisch reduktiver Weg: Der Gebrauch und das Verstehen sprachlicher Zeichen werden unabhängig von semantischem Vokabular beschrieben und erklärt. Die weniger erklärungsstarke Alternative ist eine nicht-reduktive Theorie.

2.5 Reduktive vs. nicht-reduktive Gebrauchstheorien

In seiner grundlegendsten Variante besteht der gebrauchstheoretische Gedanke in einer Identitätsbeziehung zwischen der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke und zumindest bestimmten Aspekten ihres Gebrauchs. Das bedeutungstheoretische Ziel lautet dann, den Gebrauch in einer Weise zu charakterisieren, die Aufschluss darüber gibt, warum sprachliche Ausdrücke bedeuten, was sie bedeuten. Es liegt auf der Hand, dass eine geeignete Beschreibung des Gebrauchs auf ausdrücklich semantisches Vokabular91 zu verzichten hat, um nicht in einen ›engen‹ oder vitiösen Erklärungszirkel zu geraten. So tritt das enge Verhältnis von Bedeutung und Gebrauch zwar am deutlichsten hervor, wenn zu seiner Beschreibung uneingeschränkt auf semantisches Vokabular zurückgegriffen werden kann; etwa in Formulierungen wie »das Wort ›und‹ wird gebraucht, um die Konjunktion auszudrücken« oder »der Ausdruck ›Jack White‹ wird verwendet, um sich auf Jack White zu beziehen«, allerdings ist der bedeutungstheoretische Erklärungswert solcher Sätze auch am niedrigsten. Denn was es heißt, dass ein Wort etwas ausdrückt, und was es heißt, dass sich ein Ausdruck auf etwas bezieht, hat eine Bedeutungstheorie gerade zu erklären.92 Wird der Gebrauch dagegen in einem nicht-semantischen Vokabular beschrieben, das zudem nicht in Verdacht steht, ein Verständnis semantischer Termini vorauszusetzen, etwa im Vokabular der Physik, droht der Zusammenhang zwischen dem Gebrauch und der Bedeutung sprachlicher Zeichen unverständlich zu werden. Wie sollte der Gebrauch von Ausdrücken, wenn er z.B. als Bewegung von Teilchen beschrieben wird, erklären können, wie und was die Ausdrücke bedeuten, was man mit ihnen meint, wie sie verstanden werden? Es scheint, als ob das Wesen sprachlicher Bedeutung auf dieser Beschreibungsebene prinzipiell nicht in den Blick geraten kann.93

Damit ist das Spannungsfeld skizziert, in dem sich gebrauchstheoretische Konzeptionen sprachlicher Praxis bewegen. Auf der einen Seite stehen triviale, auf der anderen Seite unverständliche Erklärungen. Ein naheliegender Vorschlag, um zwischen gebrauchstheoretischer Skylla und Charybdis hindurch zu segeln, ist der, den Gebrauch sprachlicher Ausdrücke in handlungstheoretischem Vokabular zu beschreiben. Schließlich sind sprachliche Äußerungen Handlungen. Ein Problem der handlungstheoretischen Charakterisierung des Gebrauchs besteht allerdings darin, dass sie nicht unabhängig von semantischem Vokabular zu sein scheint. Handlungen werden für gewöhnlich unter Rekurs auf intentionales Vokabular als Handlungen beschrieben und so von bloßem Verhalten, wie z.B. Reflexen, Widerfahrnissen, Verhalten aufgrund von Konditionierungsprozessen oder aufgrund von angeborenen Reiz-Reaktions-Mustern, abgegrenzt. Mit Handlungen werden Absichten verfolgt, sie geschehen aus Gründen, und Gründe sind der Standardauffassung zufolge Paare aus Wünschen bzw. Pro-Einstellungen und Überzeugungen.94 Der Gehalt von Wünschen, Überzeugungen, Gründen, Absichten und anderen sogenannten propositionalen Einstellungen, also dasjenige, was gewünscht wird, wovon man überzeugt ist usw., lässt sich einer verbreiteten Auffassung zufolge nur sprachlich bestimmen, weshalb das Verständnis der intentionalen Zustände von dem Verständnis ihrer Zuschreibungen abhängt. Dann ist die handlungstheoretische Charakterisierung des Gebrauchs sprachlicher Zeichen jedoch mittelbar auf ein Verständnis semantischen Vokabulars angewiesen, das allererst gebrauchstheoretisch gewonnen werden sollte. Eine derartige Erklärung mündet also scheinbar in einen Erklärungszirkel.

Vertreter der intentionalen Erklärungsstrategie können nun entweder bestreiten, dass intentionales Vokabular explanatorisch von semantischem Vokabular abhängig ist,95 oder sie suchen ihr Heil in der Flucht nach vorne und argumentieren dafür, dass der Erklärungszirkel unvermeidlich sei.96 Im ersten Fall wird ein reduktiver Erklärungsweg eingeschlagen und verteidigt, im zweiten ein nicht-reduktiver. Eine reduktive Theorie ist eine, die ihren Gegenstand in einem Vokabular beschreibt und erklärt, das selbst unabhängig von dem jeweiligen Gegenstand verständlich ist. Eine reduktive Gebrauchstheorie der Bedeutung ist also eine, die den bedeutungsvollen Gebrauch sprachlicher Zeichen theoretisch angemessen beschreibt, ohne dabei explizit oder implizit auf semantische Begriffe Bezug zu nehmen. Sie führt dann gewissermaßen semantisches Vokabular vollständig auf nicht-semantisches zurück bzw. erklärt semantische Begriffe, allen voran den Begriff der Bedeutung, vollständig durch nicht-semantische Begriffe – daher »reduktive« Gebrauchstheorie sprachlicher Bedeutung.97 Die Bezeichnung »reduktiv« ist allerdings nicht ganz glücklich gewählt. Zum einem wird sie häufig pejorativ verwendet, um Theorien zu bezeichnen, die ihren Gegenstand nicht vollständig erklären, sondern ihn vielmehr theoretisch verkürzen und auf diese Weise bestenfalls zu Missverständnissen führen. Zum anderen wird unter einer reduktiven Bedeutungstheorie häufig eine Theorie verstanden, die sich eines rein deskriptiven Vokabulars bedient, wie es im Rahmen naturwissenschaftlicher Theorien angeblich üblich ist. So wie sie im vorliegenden Zusammenhang verstanden werden, sind reduktive Gebrauchstheorien aber weder zwangsläufig verkürzend98 noch müssen sie sich eines rein deskriptiven Vokabulars bedienen. Entscheidend ist vielmehr, dass sie bedeutungstheoretisch zentrale Begriffe, wie sie durch semantisches Vokabular ausgedrückt werden, gebrauchstheoretisch erklären, ohne dass die Erklärung direkt oder indirekt von dem Verständnis semantischen Vokabulars abhängt.99

Eine nicht-reduktive Theorie ist entsprechend eine, welche die Möglichkeit einer reduktiven Theorie zurückweist und eine Erklärung ihres Gegenstandes gibt, die nicht unabhängig von einem Verständnis des Gegenstands verständlich ist, ohne allerdings trivial oder vitiös zirkulär zu sein. Eine nicht-reduktive Gebrauchstheorie der Bedeutung involviert typischerweise intentionales Vokabular, ohne vorauszusetzen, dass ein Verständnis des Vokabulars unabhängig von einem Verständnis semantischen Vokabulars möglich ist. Im Gegenteil wird von Vertreterinnen nicht-reduktiver Gebrauchstheorien für die Geltung einer Interdependenzthese sprachlicher Bedeutung und mentalen Gehalts argumentiert. Bekanntlich hat diese in Davidson einen prominenten Fürsprecher.100 Der Zirkel, in den nicht-reduktive Gebrauchstheorien geraten, ist nach dem Selbstverständnis der Proponentinnen solcher Theorien kein vitiöser, sondern ein virtuoser101 oder ›weiter‹ Erklärungszirkel. Die Idee ist dabei, dass die Interdependenz des Intentionalen und des Sprachlichen in einem (virtuosen) Erklärungszirkel herausgestellt werden kann und auf diese Weise Einsichten in die jeweiligen Bereiche selbst vermittelt werden können. Die Erläuterung des Zusammenhangs von sprachlicher Bedeutung und intentionalen Zuständen ist demnach selbst eine zentrale Aufgabe philosophischer Forschung, die bereits bemerkenswerte Ergebnisse hervorgebracht hat.102 Derartige nicht-reduktive oder »explikative Bedeutungstheorien«103 sehen keinen Weg, den Gebrauch sprachlicher Zeichen in bedeutungstheoretisch erhellender Weise gänzlich unabhängig von semantischem Vokabular zu beschreiben und begnügen sich daher mit seiner Erläuterung unter Rekurs auf vermeintlich interdependente Begriffe.104

Gleichwohl räumen Vertreter explikativer (Gebrauchs-)Theorien ein, dass der Erklärungswert einer Theorie größer ist, die aus jedwedem Erklärungszirkel ausbricht. Dabei sind unterschiedliche Wege möglich.

(a) Ein erster Weg wurde bereits angesprochen: Man kann die Verwendung von Zeichen als intentionales Verhalten beschreiben und bezweifeln, dass intentionales Vokabular nur in Abhängigkeit von semantischem Vokabular verständlich ist. Ein Weg, dies zu tun, ist der, sprachliches Verhalten als wesentlich kommunikatives Verhalten zu beschreiben und den Kommunikationsbegriff an nicht-sprachliche Absichten zur Kommunikation zu binden. Sprachliche Verständigung gilt dann als besonderer Anwendungsfall einer allgemeinen Theorie der Verständigung, die es erlaubt, grundlegende Formen der Verständigung unabhängig von semantischen Begriffen zu bestimmen und sprachliche Verständigung auf jene grundlegenden Formen explanatorisch zurückzuführen.105 Der grundlegende Verständigungsfall ist derjenige, in dem eine bestimmte Person die Absicht hat, mit ihrem Verhalten bei einer anderen Person etwas Bestimmtes zu bewirken. Gebrauchstheorien, die den Begriff sprachlicher Bedeutung letztlich auf den der (kommunikativen) Absicht zurückführen wollen, werden »intentionalistische Gebrauchstheorien« genannt.106 Das zentrale Problem intentionalistischer Theorien besteht nicht nur darin, intentionale Begriffe unabhängig von semantischen Begriffen zu charakterisieren, sondern dies so zu tun, dass der Gehalt sprachlicher Ausdrücke letztlich darauf explanatorisch zurückgeführt werden kann. Es ist schwer zu sehen, wie dies gelingen kann. Selbst wenn es plausibel ist, nicht-sprachliche Absichten oder allgemeiner nicht-sprachliche Gedanken anzunehmen, heißt dies noch nicht, dass diese Gedanken hinreichend differenziert wären, um ein stabiles Fundament reduktiver Bedeutungstheorien bilden zu können. Es ist das eine, dafür zu argumentieren, dass nicht-sprachliche Gedanken möglich sind; etwas anderes ist es, dafür zu argumentieren, dass diese Gedanken als Reduktionsbasis für sprachliche Bedeutung dienen können.

Nun kann akzeptiert werden, dass intentionales Vokabular nicht unabhängig von semantischem Vokabular zu begreifen ist, und zugleich behauptet werden, dass es eine grundlegendere Beschreibungsebene von Verhalten gibt, die kein intentionales Vokabular involviert. Deskriptivistischen Ansätzen zufolge ist Verhalten in rein deskriptivem Vokabular beschreibbar; ›Präskriptivisten‹ oder ›Normativisten‹ behaupten dagegen, normatives Vokabular sei unabhängig von intentionalem Vokabular verständlich und geeignet, das Verhalten zu beschreiben.

(b) Klassische deskriptivistische Ansätze sind behavioristisch.107 Behavioristische Gebrauchstheorien versuchen den Gebrauch sprachlicher Zeichen unter Rückgriff auf die Mittel verhaltenstheoretischer Ansätze in der Psychologie zu beschreiben und zu erklären. Semantisches Vokabular wird so auf (rein deskriptives) behavioristisches Vokabular zurückgeführt, sprachliche Verständigung wird erklärt, indem ausschließlich auf beobachtbare Aspekte des Verhaltens und der Umgebung der in einer Kommunikationssituation befindlichen Personen Bezug genommen wird. Im Kern versuchen krude behavioristische Gebrauchstheorien die Bedingungen, unter denen sprachliche Ausdrücke zu kommunikativen Zwecken verwendet werden, als Muster von Reizen und Reaktionen zu beschreiben. Sprachliche Ausdrücke haben demnach eine bestimmte Bedeutung, weil die Verwender dieser Ausdrücke so konditioniert wurden, dass sie auf bestimmte Reize, Situationen, Situationsaspekte oder die Äußerungen sprachlicher Ausdrücke mit Äußerungen sprachlicher Ausdrücke oder nicht-sprachlichem Verhalten reagieren oder zumindest zu einem entsprechenden sprachlichen oder nicht-sprachlichen Verhalten disponiert sind. Die Bedeutung der sprachlichen Äußerung wird dann spezifiziert, indem die relevanten Reize (Situationsaspekte oder sprachliches Verhalten) und die relevanten Reaktionen (sprachliches oder nicht-sprachliches Verhalten) bestimmt und miteinander korreliert werden. Sprachliche Ausdrücke haben also gemäß behavioristischer Gebrauchstheorien eine Bedeutung und genau die Bedeutung, die sie haben, weil sie als Reize oder Reaktionen Bestandteile von Mustern von Reizen und Reaktionen sind.108

Krude behavioristische Gebrauchstheorien sind einer Reihe von Schwierigkeiten ausgesetzt. Die zentrale Schwierigkeit besteht darin, Reize und Reaktionen ausfindig zu machen, die bedeutungskonstitutiv sind. Es gelingt behavioristischen Gebrauchstheorien nicht, Aspekte einer Äußerungssituation und Aspekte einer Verhaltensreaktion herauszustellen, die mit jeder sinnvollen Äußerung eines bestimmten sprachlichen Ausdrucks und nur mit diesem korrelieren.109 Die Verwendung des Ausdrucks ist in der Regel in ganz unterschiedlichen Situationen sinnvoll, und ebenso vielfältig sind die Möglichkeiten einer Verhaltensreaktion. Darüber hinaus können in denselben Situationen unterschiedliche Ausdrücke sinnvoll geäußert werden, ebenso wie dieselben Verhaltensreaktionen auf unterschiedliche Äußerungen folgen können. Und letztlich haben Äußerungen auch dann noch eine Bedeutung, wenn eine Verhaltensreaktion vollkommen ausbleibt.110 Sollte der Versuch unternommen werden, die Bedeutung eines Ausdrucks über besonders qualifizierte Wirkungen einer Äußerung des Ausdrucks zu bestimmen, z.B. über »normale« Wirkungen, dann stellt sich die Frage, wie »normale« Umstände von »nicht-normalen« zu unterscheiden sind. Hier drängt sich der Verdacht auf, dass normale Umstände jene sind, unter denen eine Äußerung richtig verstanden und angemessen auf sie reagiert wurde.111 Was aber als ein Verstehen der Äußerung und eine angemessene Reaktion auf sie gilt, lässt sich nicht unabhängig davon sagen, wie sie zu verstehen ist, also was sie bedeutet.112

Weniger krude verhaltenstheoretische Ansätze stellen den Begriff der Disposition in ihr explanatorisches Zentrum. Verstehen wird dann mit dem gleichgesetzt, was man unter bestimmten Bedingungen disponiert ist zu tun, d.h., unter kontrafaktischen Bedingungen tun würde.113 Einer verbreiteten Auffassung zufolge114 kann eine dispositionalistische Analyse des Verstehens aber der Normativität sprachlicher Bedeutung nicht Rechnung tragen. Was es genau heißt, dass Bedeutung normativ ist, und entsprechend, weshalb eine dispositionale Analyse der Normativität der Bedeutung nicht Rechnung tragen kann, ist umstritten.115 Grundlegend für die Debatte ist auf jeden Fall der folgende Gedanke Saul A. Kripkes: Wer etwas Bestimmtes mit einem bestimmten sprachlichen Ausdruck meint, ist aufgrund dessen, was er damit meint, auf einen bestimmten Gebrauch des Ausdrucks festgelegt; er sollte ihn auf eine bestimmte Weise gebrauchen, wenn er ihn entsprechend seiner semantischen Absicht gebrauchen möchte. Und er kann seinen Gebrauch durch Rekurs auf seine Absicht rechtfertigen. Dem Dispositionalismus zufolge meint jemand etwas Bestimmtes mit seinem Ausdruck, wenn er dazu disponiert ist, ihn auf eine bestimmte Weise unter bestimmten Bedingungen zu gebrauchen. Damit gibt der Dispositionalismus aber lediglich an, wie jemand einen Ausdruck unter bestimmten Bedingungen gebrauchen wird, nicht wie er ihn gebrauchen sollte, und der Rekurs auf die Disposition erlaubt auch keine Rechtfertigung des Gebrauchs, denn zu behaupten, man sei zu einem bestimmten Gebrauch disponiert, heißt nicht ipso facto, dass der Gebrauch gerechtfertigt wäre. Im Hintergrund steht der Gedanke, dass deskriptives Vokabular kategorial verschieden von präskriptivem und daher prinzipiell ungeeignet ist, normative Gehalte auszudrücken. Für gewöhnlich wird die These von der Normativität der Bedeutung daher als Problem für jede deskriptivistische oder – wie es auch heißt – naturalistische Position begriffen.116 Normativistische Theorien der Bedeutung (oder des Gehaltes) werden entsprechend in Opposition zu naturalistischen Theorien gesehen. Wenn Bedeutung also tatsächlich normativ ist, besteht das zentrale Problem dispositionaler Erklärungen sprachlichen Verhaltens (und das jeder naturalistischen Theorie sprachlicher Bedeutung) darin, die Normativität sprachlicher Bedeutung und sprachlichen Verstehens zu erklären.

(c) Insbesondere vor dem Hintergrund des Normativismusproblems behavioristischer Erklärungen erscheint es vielversprechend, den Sprachgebrauch auf bedeutungstheoretisch grundlegender Ebene in normativem Vokabular zu beschreiben. An diesen Gedanken anknüpfend verfolgt besonders prominent Brandom in Making it Explicit117 das Ziel einer normativ reduktiven Erklärung des Sprachgebrauchs. Er verzichtet also auf semantisches und – da Brandom letztlich intentionale Gehalte im Anschluss an sprachliche Gehalte rekonstruieren möchte – auch auf intentionales Vokabular zur Erklärung sprachlicher Bedeutung.118 Brandom legt sich nicht nur darauf fest, dass das von ihm gewählte normative Vokabular kein genuin semantisches Vokabular enthält, sondern auch darauf, dass ein Verständnis des normativen Vokabulars nicht von einem Verständnis semantischen oder intentionalen Vokabulars abhängt, denn sonst wäre vorausgesetzt, was gerade erst hergestellt werden soll. Im Hinblick auf sein normatives Vokabular wendet Brandom dagegen Erklärungsstrategien an, die nicht reduktiv sind. So hält er fest, dass ihm die »normative Dimension der sprachlichen Praxis« als »nicht eliminierbar« gilt, behandelt sie aber nicht als »primitiv oder unexplizierbar«119. Vielmehr versucht er, sie näher zu charakterisieren, indem er sprachliche Normen »als durch sozial-praktische Aktivitäten instituiert (instituted120 beschreibt und explizit normative Begriffe durch implizit normative Praktiken erklärt.

Brandoms pragmatisches Modell sprachlicher Praxis ist also nicht nur eine Theorie sprachlicher Bedeutung, sondern wird in einem zweiten Schritt von ihm zu einer Theorie intentionaler Gehalte verallgemeinert. Der propositionale Gehalt von Überzeugungen wird ebenso wie jener von Behauptungen über die Rolle, die Überzeugungen und Behauptungen in Begründungszusammenhängen spielen, rekonstruiert.121 Gerade hier liegt aber ein zentrales Problem seines Ansatzes. Die normativen Praktiken des ›Gebens und Nehmens von Gründen‹, die explanatorisch grundlegend für seinen Ansatz sind, lassen sich schwer verstehen, ohne den an dieser Praxis teilnehmenden Subjekten intentionale Zustände zuzuschreiben, die selbst wiederum von semantischem Vokabular abhängen (sollen). Brandoms Rekonstruktion der Normativität sprachlicher Bedeutung scheint zu anspruchsvoll, um semantisch grundlegend sein zu können. Sein Versuch, die sprachliche Praxis reduktiv zu beschreiben, droht daher zu scheitern.122

Für die Zwecke der vorliegenden Arbeit ist es nicht nötig, eine reduktive Gebrauchstheorie zu verteidigen. Intentionalistische Gebrauchstheorien werden daher im Weiteren ebenso wenig eine Rolle spielen wie Brandoms normativistischer Vorschlag oder ›reine‹ bzw. ›primitive‹ deskriptivistische Ansätze. Allerdings finden sich gegenwärtig auch weniger primitive behavioristische Versuche, deren grundlegender Begriff derjenige der Disposition ist, die aber nicht auf einfaches psychologisches oder intentionales Vokabular verzichten.123 Derartige Versuche sind weit überzeugender, wenngleich sie vor der prinzipiellen Herausforderung stehen, der normativen Dimension des Sprachgebrauchs gerecht zu werden. Prinzipiell sind drei Weisen voneinander zu unterscheiden, mit dieser Herausforderung umzugehen: Es kann der Versuch unternommen werden, Normativität in deskriptivem Vokabular zu erklären;124 die Normativität sprachlicher Praxis kann aber auch als unwesentlich für sprachliche Bedeutung betrachtet und die Herausforderung zurückgewiesen werden;125 schließlich kann der Versuch unternommen werden, ein irreduzibel normatives Element in eine dispositionale Analyse zu integrieren.126 Wie noch zu zeigen sein wird, eröffnet insbesondere die zuletzt genannte Möglichkeit eine vielversprechende Perspektive auf das Sprachverstehen, wenngleich auch sie einige Fragen offenlässt.127 Dennoch ist sie gut geeignet, um ein solides Verständnis der Normativität des Sprachverstehens zu entwickeln. Um das zu sehen, ist es zunächst erforderlich, auf den Begriff der Regel einzugehen; die Normativität der Bedeutung ist untrennbar mit dem Regelbegriff verbunden.

2.6 Gebrauch und Regel

Ebenso wie der Begriff des Gebrauchs ist der Begriff der Regel in sprachphilosophischen Zusammenhängen fest mit dem Namen Wittgensteins verknüpft, der die sprachliche Praxis immer wieder mit dem Spielen eines Spiels vergleicht. Die Funktion des Regelbegriffs besteht vorrangig darin, die semantisch relevanten Aspekte des Gebrauchs von den irrelevanten zu unterscheiden. Der Kerngedanke einer gebrauchstheoretischen Regelauffassung lautet, dass Regeln Bedeutung bestimmen, indem sie den richtigen Gebrauch festlegen.128 Einen Ausdruck mit einer bestimmten Bedeutung zu gebrauchen heißt dann, ihn einer bestimmten Regel gemäß zu gebrauchen; ihn auf eine bestimmte Weise zu verstehen, heißt zu verstehen, nach welcher Regel er gebraucht wird; und mit ihm etwas Bestimmtes zu meinen, heißt seinen Gebrauch gemäß einer bestimmten Regel verstanden wissen zu wollen.

In der bedeutungstheoretischen Debatte ist aber nicht nur strittig, welche Form sprachliche Regeln haben und wie es zu verstehen ist, dass sie den Sprachgebrauch leiten; fraglich ist vielmehr, ob die Sprachpraxis überhaupt als regelgeleitet zu begreifen ist. Wittgensteins eigene Überlegungen zum Regelbegriff machen zwar auf eine Reihe von Problemen aufmerksam, systematische Lösungen findet man aber bekanntlich nicht. Gelegentlich ist nicht einmal besonders klar, worin die Probleme eigentlich bestehen. Auch eine ausdrückliche Definition des Begriffs der Regel sucht man in den PU vergeblich.129 Eines der seltenen Beispiele für eine semantische Regel lautet »Empfindungen sind privat.«130 Wittgenstein vergleicht sie mit »Patience spielt man allein.«131 Die Spielregel drückt einen Aspekt des Spiels Patience aus. Ebenso drückt die sprachliche Regel einen Teil der Bedeutung von »Empfindung« aus bzw. gibt eine Teilerklärung dafür, wie das ›Sprachspiel‹ mit dem Ausdruck »Empfindung« zu spielen ist.132 Wie weit die Analogie zu Spielregeln trägt, ist aber nicht klar. Sie bricht an mehreren Stellen. So ist es z.B. charakteristisch für die meisten Spiele, dass sie ein abgeschlossenes Regel-Set haben und die Regeln explizit formuliert vorliegen. Wer ein Spiel lernt, hat die Regeln des Spiels zu lernen, und für gewöhnlich geschieht dies, indem man ihm mitteilt, wie sie lauten. Wer das Spiel spielen kann, ist umgekehrt für gewöhnlich in der Lage, die Regeln des Spiels anzugeben. Bei sprachlichen Regeln – nicht nur bei semantischen, sondern auch bei syntaktischen bzw. grammatischen Regeln – ist das offenbar anders: Der Gebrauch der meisten alltagssprachlichen Ausdrücke kann nicht ohne Weiteres über eine abgeschlossene und eindeutig bestimmte Menge von Regeln charakterisiert werden;133 auch haben die meisten kompetenten Sprecherinnen einer Sprache Probleme damit, den Gebrauch eines Ausdrucks in ihrer Sprache über allgemeine Regeln, z.B. in Form von Definitionen oder grammatischen Regeln, zu bestimmen, ohne dass dies ihre Kompetenz, die Sprache sprechen und verstehen zu können, in Zweifel zöge; für viele Ausdrücke gilt, dass ihr Gebrauch nicht anhand sprachlich formulierter Regeln erlernt wurde und in letzter Konsequenz auch gar nicht auf diese Weise erlernt werden kann, da das Verständnis einer Regelformulierung das Beherrschen einer Sprache voraussetzt. Wenn kompetente Sprecherinnen einer Sprache die Regeln, denen sie im Sprachgebrauch mutmaßlich folgen, aber für gewöhnlich nicht angeben können; wenn sie große Teile ihrer Sprachkompetenz erworben haben, ohne explizite Regeln zu lernen; wenn viele Ausdrücke nicht einmal klar definiert werden können, weshalb sollte man überhaupt davon ausgehen, dass sprachliche Bedeutung durch Regeln bestimmt und der Sprachgebrauch regelgeleitet ist?

Die Frage wird umso dringlicher, wenn man sich von diesen vortheoretischen Überlegungen ab- und den zahlreichen theoretischen Debatten um die Form und Funktion semantischer Regeln zuwendet. So ist z.B. umstritten, ob ein Einzelner einer semantischen Regel folgen kann, oder ob es dazu immer einer Gemeinschaft von Regelfolgern bedarf;134 umstritten ist auch, ob es für gelingende Kommunikation eine notwendige Bedingung ist, gemeinsamen Regeln zu folgen;135 unklar ist, ob semantische Regeln zugleich Bedeutung bestimmen und Sprachgebrauch vorschreiben können; fraglich ist, ob sprachliche Bedeutung wesentlich normativ ist, wie Vertreter der Regelauffassung behaupten; und natürlich ist unklar, was es überhaupt heißt, einer semantischen Regel zu folgen.136 Bei der Vielzahl der Probleme und offenen Fragen, die mit dem Regelbegriff verbunden sind, verwundert es nicht, dass einige gebrauchstheoretische Arbeiten auf den Begriff der Regel lieber verzichten.

Wer der Frage nach den charakteristischen Merkmalen des Sprachverstehens im Lichte gebrauchstheoretischer Annahmen nachgeht, kommt allerdings nicht darum herum, zumindest die grundlegenden Fragen und Probleme rund um den Regelbegriff zu diskutieren. Dies soll im Folgenden geschehen. Dabei wird zunächst herausgestellt, was auf den ersten Blick dafür spricht, sprachliche Praktiken als regelgeleitet zu verstehen und in welchem Sinne Bedeutung als »normativ« bezeichnet werden kann (2.6.1). Das so gewonnene Vorverständnis wird in der Folge kritisch befragt. Dabei werden in einem ersten Schritt unterschiedliche Varianten der Normativitätsthese (2.6.2) und unterschiedliche Normbegriffe systematisch entwickelt (2.6.3), die dann in einem zweiten Schritt aufeinander bezogen werden, um der Normativitätsthese einen belastbaren Sinn abzugewinnen (2.6.4). Im Ergebnis wird für eine schwache Normativitätsthese plädiert, die wiederum unmittelbare Konsequenzen für das Konzept des Regelfolgens hat. Wenn sprachliche Praxis als normative und zugleich als ein Regelfolgen verstanden werden soll, dann, so wird behauptet, ist dies nur möglich, indem Regelfolgen als intentionaler Akt verstanden wird. Eben dieses Verständnis ist aber problematisch, unter anderem deshalb, weil es in unterschiedlicher Weise in einen infiniten Regress mündet, gleich, ob das Regelfolgen nach dem Modell eines expliziten Regelfolgens (2.6.5) oder als implizites Regelfolgen rekonstruiert wird (2.6.6). Beide Verständnisse des Regelfolgens basieren auf der problematischen Annahme, Bedeutungsregeln seien als Grund für sprachliches Verhalten zu verstehen. Diese Annahme wird zurückgewiesen (2.6.7). Sprachliches Verhalten kann aber auch nicht als bloß regelmäßiges verstanden werden, wie darauffolgend gezeigt wird (2.6.8). Im Anschluss an einen Vorschlag Hannah Ginsborgs wird daher die Möglichkeit eines Mittelwegs diskutiert, wonach sprachliches Verhalten weder als ein regelfolgendes im bis dahin diskutierten Sinne noch als ein bloß regelmäßiges Verhalten zu verstehen sei, sondern als ein regelmäßiges, das von einer »primitiv normativen Einstellung« begleitet wird (2.6.9). Die Normativität der Bedeutung wird so als Normativität des Verstehens gedeutet. Im Zuge der Diskussion wird indessen deutlich, dass Ginsborgs Vorschlag zwar in eine vielversprechende Richtung weist, selbst aber nicht ohne Probleme ist. Es wird daher der Versuch unternommen, ihren Vorschlag so zu modifizieren, dass der eingeschlagene Mittelweg gangbar bleibt. Sprachverstehen wird dabei als kritisch erworbene, komplexe, normative Fähigkeit rekonstruiert (2.6.10).

2.6.1 Regel, Regelmäßigkeit, Normativität

Die Ansichten, dass sprachliches Verhalten regelgeleitet und dass sprachliche Bedeutung normativ ist, erfreuen sich nicht nur breiter Zustimmung unter Sprachphilosophen und Sprachphilosophinnen, sie werden außerdem für gewöhnlich gleichgesetzt.137 Für die Beschreibung sprachlicher Praxis als regelgeleitet sprechen auf den ersten Blick zumindest zwei Gründe: Erstens zeichnet sich das Sprachverhalten kompetenter Sprecher und Sprecherinnen offenbar durch eine gewisse Regelmäßigkeit aus. Wer einen Ausdruck verstanden hat, verwendet ihn im Großen und Ganzen unter hinreichend ähnlichen Bedingungen zu verschiedenen Zeitpunkten auf dieselbe Weise. Wer z.B. den Gebrauch des Ausdrucks »blau« beherrscht, verwendet ihn ceteris paribus für blaue Dinge und nur für blaue Dinge.138 Die Regelmäßigkeit des Gebrauchs entspricht der Allgemeinheit der Bedeutung eines Ausdrucks. Der Ausdruck »blau« trifft allgemein auf blaue Dinge zu, d.h. auf unterschiedliche Dinge, die blau sind, und er trifft auf diese zu unterschiedlichen Zeiten zu, zu denen sie blau sind. Es bliebe unklar, ob jemand einen Ausdruck überhaupt verstanden hat bzw. was der Ausdruck bedeutet, wenn sich in keinem relevanten Sinne eine Regelmäßigkeit in seinem Gebrauch des Ausdrucks zeigte. Änderte sich die Verwendung von Mal zu Mal, wäre der Gebrauch schwer verständlich und der Ausdruck hätte scheinbar keine Bedeutung. Dies schließt natürlich nicht die Möglichkeit eines Bedeutungswandels aus. Allerdings scheint der Gebrauch zunächst hinreichend konstant sein zu müssen – es scheint im Allgemeinen eine Praxis geben zu müssen139 –, damit sprachliche Ausdrücke überhaupt einen bestimmten Sinn haben können. Diese Praxis lässt sich als diachrone Regelmäßigkeit im Gebrauch eines Ausdrucks eines bestimmten Typs begreifen.

Der verständliche und damit sinnvolle Gebrauch eines sprachlichen Ausdrucks zeichnet sich aber auch durch eine gleichzeitige, synchrone – oder besser: kontrafaktische – Regelmäßigkeit aus. Der Gebrauch sprachlicher Ausdrücke zu einem bestimmten Zeitpunkt schließt nicht nur die Bedingungen zu diesem Zeitpunkt ein, sondern sämtliche hinreichend ähnliche Bedingungen zu demselben Zeitpunkt. Die kontrafaktische Regelmäßigkeit des sinnvollen Gebrauchs eines sprachlichen Ausdrucks besteht darin, dass der Gebrauch des Ausdrucks der gleiche geblieben wäre, wenn zu demselben Zeitpunkt die gebrauchsrelevanten Bedingungen hinreichend ähnliche, aber andere gewesen wären. Die Bedingungen des sinnvollen Gebrauchs eines sprachlichen Ausdrucks zu einem bestimmten Zeitpunkt sind in diesem Sinne allgemeine und keine besonderen Bedingungen. Für die kontrafaktische Regelmäßigkeit lässt sich ein systematischer Vorrang behaupten, insofern die Allgemeinheit der Bedeutung als kontrafaktische Regelmäßigkeit erklärt werden kann. Die diachrone Regelmäßigkeit weist dagegen kontingente Züge auf, auch wenn nicht zu bestreiten ist, dass der Sprachgebrauch faktisch eine diachrone Regelmäßigkeit zeigt, die zumindest epistemisch notwendig für das Gelingen sprachlicher Kommunikation scheint.140

Sprachliche Ausdrücke werden entsprechend weder in syntaktischer noch in semantischer oder pragmatischer Hinsicht vollkommen beliebig und in jedem einzelnen Fall vollkommen unterschiedlich gebraucht. Vielmehr weist der kompetente Gebrauch eines sprachlichen Ausdrucks durch eine Sprecherin in jedem einzelnen Fall bestimmte Ähnlichkeiten zu vorhergehenden Verwendungen durch dieselbe Sprecherin auf sowie für gewöhnlich auch zum dem Gebrauch anderer Angehöriger derselben Sprachgemeinschaft auf. Diese Ähnlichkeiten lassen sich als Regelmäßigkeiten des Gebrauchs beschreiben. Eine Möglichkeit, die Regelmäßigkeit zu erklären, ist anzunehmen, dass der Gebrauch Regeln folgt.141 »Die Verwendung des Wortes ›Regel‹ ist mit der Verwendung des Wortes ›gleich‹ verwoben«142, wie Wittgenstein anmerkt. Ganz in diesem Sinne nimmt z.B. Morris semantische, syntaktische und pragmatische Regelmäßigkeiten im Sprachgebrauch zum Anlass, das Sprachverhalten als reguliertes Verhalten zu charakterisieren.143

Regelmäßigkeit allein reicht indessen nicht hin, um annehmen zu können, dass sprachliche Praxis regelgeleitet ist. Ein weiterer Grund ist bereits angeklungen: Sprachliches Verhalten zeichnet sich dadurch aus, dass es richtig oder angemessen sein kann.144 Der Gebrauch sprachlicher Ausdrücke ist Anwendungsbedingungen unterworfen: sprachlichen sowie nicht-sprachlichen. Es ist weit verbreitet, die Anwendungsbedingungen mit Korrektheitsbedingungen der Verwendung sprachlicher Ausdrücke im Rahmen von Aussagesätzen zu identifizieren und sie entsprechend als Wahrheits- oder Behauptbarkeitsbedingungen zu begreifen.145 Wie die obigen Bemerkungen aber deutlich gemacht haben, ist der Bereich der Anwendungsbedingungen – werden sie als Sinnbedingungen verstanden – umfassender. Das heißt nicht, dass Korrektheitsbedingungen keine Sinnbedingungen sind, aber es käme einer Verengung des Begriffs der Sinn- oder Anwendungsbedingungen gleich, sie mit Korrektheitsbedingungen zu identifizieren. Dies wird auch deutlich, wenn man die unterschiedlichen Weisen der Bedeutungserklärung in den Blick nimmt: »Die Angabe von Wahrheitsbedingungen oder auch von Verifikations- oder Behauptbarkeitsbedingungen bilden nur einen recht speziellen Typus von Bedeutungserklärungen«146, wie Oliver R. Scholz festhält. Daneben finden sich »ostensive Erklärungen und Definitionen«, »standardisierte oder nicht-standardisierte Muster«, »Aufzählungen«, »kontextuelle Erläuterungen und Paraphrasen«, »prägnante Beispielsätze« und »explizite Definitionen«, um nur einige Beispiele zu nennen.147 Es ist zumindest nicht offensichtlich, dass sich alle Bedeutungserklärungen als Angabe von Wahrheitsbedingungen verstehen lassen. Angemessener ist es daher, den Begriff der Sinnbedingungen weiter zu fassen. Unstrittig dürfte dennoch sein, dass eine Vielzahl sprachlicher Ausdrücke richtig oder falsch verwendet werden können, und es ist plausibel, anzunehmen, dass dies zu ihrer Bedeutung sowie dazu, was es heißt, sie zu verstehen, wesentlich beiträgt.148 Wenn der Ausdruck »blau« blau bedeutet, dann ist es korrekt, »blau« nur auf blaue Dinge anzuwenden, und wer den Gebrauch des Ausdrucks beherrscht, hat das verstanden. Umgekehrt ist die Annahme plausibel, dass »blau« nicht blau bedeutet und man unter dem Ausdruck etwas Anderes verstünde, wenn es nicht korrekt wäre, »blau« nur auf blaue Dinge anzuwenden. Wer den Gebrauch eines Ausdrucks lernt, lernt entsprechend unter anderem, unter welchen Bedingungen es richtig ist, ihn zu verwenden. Dabei und auch im Falle des Gebrauchs kompetenter Sprecherinnen können Fehler unterlaufen.

Zwischen zwei Typen von sprachlichen Fehlern ist prinzipiell zu unterscheiden.149 Einerseits kann eine Sprecherin relativ zu dem in ihrer Sprachgemeinschaft etablierten Verständnis ein falsches Verständnis der Anwendungsbedingungen eines Ausdrucks haben und den Ausdruck entsprechend abweichend vom Sprachgebrauch ihrer Sprachgemeinschaft benutzen, z.B. den Ausdruck »insolent« in Fällen, in denen in ihrer Sprachgemeinschaft der Ausdruck »insolvent« (korrekt) gebraucht wird und umgekehrt.150 In diesem Fall kann von einem »linguistischen Fehler« gesprochen werden. Andererseits kann eine Sprecherin sich über das Vorliegen der Anwendungsbedingungen eines Ausdrucks täuschen, wenngleich sie genau die Anwendungsbedingungen mit dem Ausdruck verknüpft, die in ihrer Sprachgemeinschaft damit verknüpft sind. In diesem Fall kann – vielleicht etwas zu ungenau – von einem »empirischen Irrtum« gesprochen werden. In beiden Fällen wird gegen einen Standard verstoßen, der die Sprachhandlung als einen Fehler zu charakterisieren erlaubt, aber aus unterschiedlichen Gründen. Der Umstand, dass der Gebrauch sprachlicher Ausdrücke Korrektheitsbedingungen unterliegt, relativ zu denen ein faktischer Gebrauch als falsch ausgezeichnet werden kann, gilt einigen als hinreichender Grund für die Behauptung, dass Bedeutung wesentlich normativ ist.151 Wer die Normativitätsthese in diesem schwachen Sinne und zugleich eine Regelauffassung der Bedeutung vertritt, begreift die Korrektheitsbedingungen als Inhalt der Bedeutungsregeln. Ein gutes Beispiel liefert Glock:

[D]ie Bedeutung eines Ausdrucks A ist ihrerseits gegeben durch die Regeln seines Gebrauchs. […] Solche Regeln sind aber normativ. Sie stellen nicht einfach fest, dass ein Ausdruck A tatsächlich auf die und die Weise gebraucht wird, und liefern auch keine Kausalerklärung dafür, dass A so gebraucht wird, bzw. welche Folgen sein Gebrauch hat. Vielmehr legen sie fest, unter welchen Umständen A sinnvoller bzw. korrekterweise verwendet werden kann.152

Um Sprachverhalten als regelgeleitet verstehen zu können, reicht es allerdings nicht hin, einen Standard, eine Regel oder eine Norm auszuzeichnen, relativ zu der es bewertet werden kann. Die Norm muss außerdem noch ein Standard für das Subjekt des Sprachverhaltens selbst sein, was für gewöhnlich mit der Behauptung zum Ausdruck gebracht wird, die Regel müsse das Subjekt in seinen Sprachhandlungen bzw. in seinem Meinen und Verstehen leiten.153 Damit ist der wesentliche Unterschied zu bloß regelmäßigem Verhalten benannt. Wenn sprachliche Praxis als ein Befolgen von Regeln beschrieben wird, wird nicht nur behauptet, dass das Verhalten kompetenter Sprecherinnen im Großen und Ganzen regelgemäß ist, sondern dass sich die Regelmäßigkeit im Verhalten einstellt, weil und insofern das Verhalten das Befolgen einer Regel ist, die zugleich als Norm zu seiner Beurteilung fungiert. Die Regel wird entsprechend häufig als Grund für das sprachliche Verhalten verstanden.154 Ein Verhalten, das einer Regel folgt, weist Merkmale auf, die es laut der Regel, der es folgt, aufweisen ›soll‹.155

Recht besehen verbergen sich hinter der Behauptung, sprachliche Bedeutung sei normativ, also zumindest zwei Thesen: Erstens kann es heißen, dass sprachliche Ausdrücke Korrektheitsbedingungen haben. Zweitens kann es heißen, dass Regeln vorschreiben, wie ein Ausdruck gebraucht werden soll. Während die erste These vergleichsweise unstrittig ist, lässt sich einwenden, dass sie wenig geeignet ist, sprachliche Bedeutung als wesentlich normativ auszuzeichnen. Dass sprachliche Ausdrücke Korrektheitsbedingungen haben, scheint nämlich lediglich zu besagen, dass bestimmte Sprachhandlungen als wahr oder gerechtfertigt und andere als falsch klassifiziert werden können; warum sollte daraus folgen, dass sprachliche Bedeutung wesentlich normativ ist? In den Worten Kathrin Glüers:

›Korrektheit‹ im Sinne semantischer Korrektheit allein bedeutet also zunächst einmal nicht mehr, als dass Äußerungen begrifflich kategorisiert, d.h. hier in wahre (bzw. gerechtfertigte) und falsche sortiert werden können. Diese Rede von ›Korrektheit‹ erscheint damit zunächst deontisch völlig unschuldig; um zu zeigen, dass in diesem Sinne ›korrekter‹ Gebrauch gleichzeitigt immer schon gebotener Gebrauch ist, muss die Frage nach der Quelle dieser präskriptiven Kraft, die Frage also, warum wir das ›Korrekte‹ tun sollen, beantwortet werden.156

Glüer begreift den Unterschied zwischen »normativ« und »deskriptiv« im klassischen Sinne als einen zwischen Sein und Sollen. Dass der Gebrauch sprachlicher Zeichen unter bestimmten Bedingungen wahr, richtig oder korrekt ist, heißt aber noch nicht, dass er so sein soll. Um eine starke Normativitätsthese der Bedeutung verteidigen zu können, die zugleich ein klares Verständnis der leitenden Rolle von Bedeutungsregeln ermöglicht, müssen Gründe benannt werden, weshalb sprachliche Regeln einen Gebrauch vorschreiben. Zu einem ernsthaften Problem wird die Rechtfertigung der Normativitätsthese (im starken Sinne), wenn man bedenkt, dass es nicht hinreicht, zu zeigen, dass aus der Bedeutung eines Ausdrucks mittelbar folgt, dass er auf eine bestimmte Weise gebraucht werden sollte. Vielmehr muss aus dem Umstand, dass sprachliche Ausdrücke eine bestimmte Bedeutung haben, unmittelbar folgen, dass sie auf eine bestimmte Weise gebraucht werden sollen, denn es soll ja wesentlich für sprachliche Bedeutung sein, dass sie normativ ist. Die zweite These muss die erste gewissermaßen einschließen, d.h., aus ihren Korrektheitsbedingungen muss folgen, dass die Ausdrücke auf eine bestimmte Weise gebraucht werden sollen. Die Bedeutungsregeln müssen also Korrektheitsbedingungen angeben und zugleich den Gebrauch gemäß diesen Bedingungen vorschreiben. Es ist aber weder leicht, zu sehen, warum sprachliche Regeln diese Doppelfunktion haben sollten, noch, wie sie sie haben können. Die folgenden Überlegungen sollen dies verdeutlichen.

2.6.2 Ist sprachliche Bedeutung normativ?

Dass sprachliche Bedeutung wesentlich normativ ist, gilt vielen seit Kripkes einflussreicher Arbeit Wittgenstein on Rules and Private Language157 als selbstverständlich.158 Kripke entwickelt in seinem Buch eine originelle, allerdings exegetisch stark umstrittene Deutung von Wittgensteins Regelfolgenproblem, wonach selbiges zeige, dass sich von keiner sprachlichen Handlung wahr behaupten lasse, dass sie einer bestimmten Regel folge und entsprechend eine bestimmte Bedeutung habe.159 Ausgangspunkt ist die Frage, wann von einer sprachlichen Handlung gesagt werden kann, dass sie einer bestimmten Regel folge. Kripke versteht die Frage als eine nach den Wahrheitsbedingungen einer Bedeutungszuschreibung, also nach einer ›Bedeutungstatsache‹. Eine derartige Tatsache hat nach Kripke zwei Bedingungen zu erfüllen:160 Zum einen muss sie eindeutig festlegen, dass eine beliebige Person etwas Bestimmtes mit ihrer Äußerung meint(e), sie muss also die Bedingungen fassen, unter denen eine bestimmte Bedeutungszuschreibung im Unterschied zu anderen möglichen wahr ist. Dabei fasst Kripke die gesuchten Bedingungen im Allgemeinen reduktionistisch auf, insofern sie sich beschreiben lassen müssen, ohne den fraglichen semantischen oder intentionalen Gehalt vorauszusetzen.161 Zum anderen müssen die Bedingungen Gründe für die Sprecherin bereitstellen, in einer bestimmten Situation ein bestimmtes Zeichen im Unterschied zu anderen oder ein bestimmtes Zeichen auf eine bestimmte Weise zu gebrauchen, die unmittelbar zugänglich sind.162 An dieser Stelle kommt die Normativität von Bedeutung ins Spiel, die Kripke als eine internalistische Rechtfertigungsbeziehung begreift und diachron deutet: »Die Beziehung zwischen Meinen und Intendieren einerseits und künftigen Handlungen andererseits ist nicht deskriptiv, sondern normativ«163, wie Kripke behauptet. Wenn jemand etwas mit einem Ausdruck meint, dann sollte er ihn zukünftig auf eine bestimmte Weise und nicht auf eine andere verwenden. Eine Tatsache, die die von Kripke genannten Bedingungen erfüllt, gibt es ihm zufolge nicht. Kripkes Lösung des Problems ist eine skeptische, wonach Bedeutungszuschreibungen keine Tatsachen sind oder ausdrücken.164

Kripke erachtet die normative Beziehung also als eine zwischen einer semantischen Absicht und einer künftigen sprachlichen Handlung. Zweierlei ist an dieser Stelle bemerkenswert: Zum einen geht es Kripke offenbar um die Sprecherbedeutung eines Ausdrucks, also darum, was ein Sprecher mit einem bestimmten Ausdruck meint oder wie er ihn versteht.165 Will Kripke ein allgemeines Charakteristikum sprachlicher Bedeutung herausstellen, sollte seine These aber so verstanden werden, dass sie auch für das Verhältnis von semantischer Absicht und ›wörtlicher Bedeutung‹ gilt.166 Bemerkenswert ist zum anderen, dass Kripke die Beziehung zwischen einer vergangenen Absicht und einer zukünftigen Sprachhandlung betrachtet.167 Wenn es aber um das Verhältnis von semantischer Absicht, Bedeutung und Sprachhandlung geht, scheint die Frage primär, wie ein Subjekt zu einem bestimmten Zeitpunkt weiß, wie es einen bestimmten Ausdruck meint oder versteht, d.h., welche (Sprach-)Handlungen es relativ zu diesem Verständnis als richtige und welche als falsche begreift und nicht, woher es weiß, was es mit einem Ausdruck meinte, also welche (Sprach-)Handlung mit der vergangenen Absicht übereinstimmt. Kripke wählt diesen Weg aus Darstellungsgründen, ist aber davon überzeugt, dass es keine Tatsache hinsichtlich der Frage geben kann, was ein Subjekt gegenwärtig mit einem Ausdruck meint, wenn es hinsichtlich der Frage, was es in der Vergangenheit meinte, keine geben kann.168 Kripkes Argumentation ist hier aber weniger schlüssig, als es auf den ersten Blick scheint. Es liegt vielmehr der Verdacht nahe, dass er hier zwei verschiedene Probleme angeht.169 Dies betrifft aber letztlich die Frage, ob seine bedeutungsskeptische Argumentation überzeugen kann. An dieser Stelle geht es um seine Normativitätsthese, die auch dann problematisch ist, wenn Kripkes Vorgehen unproblematisch wäre. Nach dem bisher Gesagten lässt sie sich folgendermaßen formulieren:170

NormativitätKripke (NK): Das Verhältnis zwischen der Bedeutung eines Ausdrucks und seinem Gebrauch ist normativ, insofern aus der Bedeutung eines Ausdrucks folgt, dass er auf eine seiner Bedeutung entsprechende Weise gebraucht werden soll.

Neben (NK) wurde bereits eine schwache Normativitätsthese benannt:171

NormativitätSchwach (NS): Das Verhältnis zwischen der Bedeutung eines Ausdrucks und dessen Gebrauch ist normativ, insofern der Ausdruck Bedingungen hat, die seinen richtigen Gebrauch und damit seine Bedeutung festlegen.

Zudem findet sich in der Forschungsliteratur eine Variante der Normativitätsthese, die die Relation von (NS) umkehrt:172

NormativitätGebrauchstheorie (NG): Das Verhältnis zwischen dem Gebrauch eines Ausdrucks und seiner Bedeutung ist normativ, insofern der richtige Gebrauch eines Ausdrucks seine Bedeutung bestimmt.

(NG) gilt zu Recht als gebrauchstheoretische Kernthese.173 Der Unterschied zwischen (NG) und (NS), (NS) und (NK) sowie (NG) und (NK) ist vergleichsweise subtil. In (NG) ist von dem richtigen Gebrauch die Rede. Er gilt als Standard oder Norm, die die Bedeutung bestimmt. Die These (NS) betrifft dagegen die Bedingungen des richtigen Gebrauchs; sie zeichnet also einen Standard oder eine Norm aus, die dem korrekten Gebrauch zugrunde liegt. Nun droht (NS) allerdings in der These (NK) aufzugehen, denn auch (NK) zeichnet ja zumindest implizit einen Standard aus, der dem korrekten Gebrauch zugrunde liegt. Der Unterschied zwischen (NS) und (NK) ist aber der, dass (NK) zugleich einen Gebrauch vorschreibt, während (NS) für sich genommen noch nicht präskriptiv ist. Eben deshalb wurde weiter oben behauptet, dass es sich bei (NS) in einem schwachen Sinne um eine Normativitätsthese handelt.174

Um den normativen Anspruch der jeweiligen Thesen beurteilen zu können, ist es hilfreich, zunächst unterschiedliche Typen von Normen zu unterscheiden. Die Typologie der Normen wird dann erlauben, zu bestimmen, ob, und wenn ja, welche Normen als Bedeutungsregeln in Frage kommen.

2.6.3 Eine Typologie von Normen

Wenn zwischen dem Bereich des Normativen und dem des Deskriptiven unterschieden wird, geschieht dies häufig in einer wenig differenzierten Weise, die, in der Tradition von David Humes Unterscheidung zwischen Sein und Sollen stehend, den Bereich des Normativen mit dem der Gebote, Verbote und Erlaubnisse zusammenfallen lässt.175 Normen werden dann als Vorschriften oder Präskriptionen verstanden. Präskriptionen sind bedingte oder unbedingte Handlungsvorschriften und haben die Form »Es ist geboten/verboten/erlaubt, x zu tun« im Falle von unbedingten Vorschriften und »Wenn y der Fall ist, ist es geboten/verboten/erlaubt, x zu tun«, wenn es sich um bedingte Vorschriften handelt.176 Präskriptionen sind aber nur eine Art von Normen. Eine Beschränkung des Normativen auf Präskriptionen wäre zu restriktiv.

Um ein differenzierteres Bild des Normativen zeichnen zu können, hat es sich bewährt, auf die Arbeit Norm and Action177 zurückzugreifen, in der Georg H. von Wright verschiedene Typen von Normen voneinander unterscheidet.178 Seine Typologie wurde von unterschiedlichen Autorinnen ergänzt, kritisiert und weiterentwickelt.179 Als grundlegender Unterschied gilt aber nach wie vor der zwischen Gegenstandsnormen und Handlungsnormen. Erstere sind »Standards oder Normierungsnormen«180, d.h., sie legen einen Standard fest oder normieren Gegenstände im weiten Sinne. Sie legen z.B. fest, wann etwas als ein normaler, wann es als ein idealer oder allgemein, wann etwas als Gegenstand eines bestimmten Typs gilt. Ihre Form ist entsprechend: »Ein Gegenstand x gilt als Gegenstand vom Typ y, gdw. x die Bedingung z erfüllt181 Da zu den Gegenständen prinzipiell auch Handlungen gehören können, ist es angemessener, die zweite Klasse von Normen als »handlungsleitende Normen«182 zu bezeichnen. Damit wird zugleich deutlich, dass diese Klasse von Normen keine Handlungen standardisiert oder normiert, sondern leitet. Präskriptionen gehören in diese Klasse: Sie gebieten, verbieten oder erlauben Handlungen. Daneben lassen sich noch regulative von direktiven Normen unterscheiden, die jeweils zu den handlungsleitenden Normen gehören. Regulative Normen sind bedingte oder unbedingte Anweisungen oder Aufforderungen der Form »Tue x!« im Falle einer unbedingten oder »Wenn y, dann tue x!« im Falle einer bedingten Anweisung. Zu denken ist hier an z.B. an Gebrauchsanweisungen, technische oder logische Regeln. Direktive Normen legen dagegen Handlungen relativ zu Handlungsabsichten fest und haben die Form »Wenn du x erreichen/tun willst, dann musst du y tun.«183 Direktive Normen bringen Mittel-Zweck-Verhältnisse zum Ausdruck.184

Zusammenfassend stellt sich die Typologie von Normen also folgendermaßen dar: Die grundlegende Unterscheidung ist die zwischen (a) Gegenstands- und (b) handlungsleitenden Normen. Gegenstandsnormen haben die Form: »Ein Gegenstand x gilt als Gegenstand vom Typ y gdw. x die Bedingung z erfüllt.« Zu den Gegenständen können prinzipiell auch Handlungen zählen.

Die Klasse der handlungsleitenden Normen zerfällt in: (b1) Präskriptionen, die (b1.1) bedingt sind und die Form haben: »Wenn y der Fall ist, ist es geboten/verboten/erlaubt, x zu tun« sowie (b1.2) Präskriptionen, die unbedingt sind und die Form haben: »Es ist geboten/verboten/erlaubt, x zu tun.« Daneben finden sich (b2.1) regulative Normen, die unbedingt sind und die Form haben: »Tue x sowie (b2.2) regulative Normen, die bedingt sind und die Form haben: »Wenn y, dann tue x sowie (b3) direktive Normen mit der Form: »Wenn du x erreichen/tun willst, dann musst du y tun.«

2.6.4 Welche Norm ist gemeint? Probleme mit der Normativitätsthese

Auf der Grundlage der obigen Typologie lässt sich nun die Frage stellen, welchem Typ von Norm die in den obigen Normativitätsthesen angenommenen Bedeutungsregeln jeweils zuzuordnen sind. Die These (NK) involviert offenbar eine Handlungsnorm, aber welche? In der ursprünglichen Formulierung Kripkes findet sich ein Verhältnis zwischen vergangener semantischer Absicht und zukünftiger Handlung ausgedrückt:

Nehmen wir an, ich meine mit ›+‹ tatsächlich die Addition. Was ist die Beziehung zwischen dieser Voraussetzung und der Frage, wie ich auf die Aufgabe ›68+57‹ antworten werde? Der Dispositionstheoretiker gibt eine deskriptive Erklärung dieser Beziehung […]. Das ist jedoch keine angemessene Erklärung dieser Beziehung, die eben nicht deskriptiv, sondern normativ ist. Es geht nicht darum, daß ich, sofern mit ›+‹ die Addition gemeint war, ›125‹ antworten werde, sondern daß ich ›125‹ antworten sollte, sofern ich mit dem bisher mit ›+‹ Gemeinten in Einklang zu bleiben beabsichtige.185

Die Handlungsnorm ist in jedem Fall eine bedingte und offenbar gehört zu den Bedingungen eine bestimmte Absicht. Es liegt daher nahe, sie im Sinne einer direktiven Norm zu begreifen.186 Die Norm hätte dann folgende Form: Wenn du mit »+« die Addition meinst/meintest und die Absicht hast, im Einklang mit dem Gemeinten zu handeln, musst du »125« sagen. Kripkes Beispiel lässt sich folgendermaßen auf Wortbedeutungen ausdehnen: Wenn »blau« blau bedeutet und du den Ausdruck »blau« korrekt verwenden willst, musst du ihn auf blaue und nur auf blaue Gegenstände anwenden.187 In beiden Fällen liegt der Geltungsgrund der Norm in der jeweiligen Absicht. Ohne die Absicht besteht das normative Verhältnis nicht, denn man muss nur dann ein bestimmtes Sprachverhalten zeigen, wenn man die Absicht hat, ein korrektes Sprachverhalten zu zeigen bzw. eines, das mit dem eigenen Verständnis eines sprachlichen Ausdrucks im Einklang steht. Sicher: Welches Sprachverhalten korrekt ist, hängt nicht von der Absicht ab, sich korrekt zu verhalten, aber der normative Anspruch der Direktive eben schon. Damit ist aber nicht mehr klar, weshalb diese Form der Normativität eine sein soll, die wesentlich für sprachliche Bedeutung ist. Sie erweist sich vielmehr als wesentlich für Absichten: Wenn eine Person etwas mit einer Handlung erreichen möchte oder eine bestimmte Handlung vollziehen will, dann muss sie tun, was immer ihre Absicht realisiert. »Direktive Normen bringen nichts anderes als die intrinsische Normativität von Absichten in Bezug auf ihre Erfüllungsbedingungen zum Ausdruck«188, wie Adolf Rami festhält. (NK) ist daher als These über sprachliche Normativität nicht haltbar.

Alternativ ließe sich Kripkes These im Sinne einer Präskription verstehen.189 Man könnte einwenden, dass Kripkes Rede von einem Sollen in der obigen Lesart nicht hinreichend ernst genommen wurde. Tatsächlich drückt er keine begriffliche Notwendigkeit zwischen einer Absicht und ihren Erfüllungsbedingungen aus, sondern ein bedingtes Gebot oder eine bedingte Vorschrift: Wenn »x« x bedeutet, ist es geboten, y zu tun. Diese Lesart ignoriert, dass Kripke zu den Bedingungen die Absicht zählt, den Ausdruck gemäß einem bestimmten Verständnis oder gemäß einer bestimmten Bedeutung korrekt zu gebrauchen. Dadurch wird aber unklar, weshalb es geboten sein sollte, eine bestimmte sprachliche Handlung auszuüben. Wenn »blau« blau bedeutet, ist es noch nicht ipso facto geboten, den Ausdruck auf blaue Gegenstände anzuwenden. Es ist nicht einmal geboten, ihn überhaupt zu verwenden. Ein derartiges Gebot scheint bestenfalls in Sicht, wenn man die Absicht hat, den Ausdruck korrekt zu gebrauchen. Dann ist aber wiederum nicht klar, weshalb es seine normative Kraft nicht aus der Absicht selbst zieht: Wenn man seine Absicht realisieren will, ist es ›geboten‹ »blau« nur auf Blaues anzuwenden.

Gleich, ob die Norm als direktive oder präskriptive verstanden wird, Kripke müsste deutlich machen, weshalb die Absicht, einen Ausdruck korrekt zu verwenden, wesentlich für dessen Bedeutung sein sollte. Einen Grund nennt er aber nicht. Es scheint zudem, als stünde ein derartiger Versuch auf tönernen Füßen, da Ausdrücke auch dann noch eine bestimmte Bedeutung haben, wenn sie nicht mit der Absicht verwendet werden, sie korrekt zu gebrauchen. Den Ausdruck »blau« kann man z.B. auch dann noch in seiner wörtlichen Bedeutung verwenden, wenn man ihn absichtlich gerade nicht auf Blaues anwendet, z.B. wenn man lügt oder einen Witz macht. Dieser Umstand wird häufig genutzt, um die Normativitätsthese sprachlicher Bedeutung, verstanden als präskriptive These, zurückzuweisen. Der präskriptive Anspruch muss wesentlich für sprachliche Bedeutung sein, und das wäre er z.B., wenn Ausdrücke nur dann eine Bedeutung hätten, wenn sie dem Gebot entsprechend gebraucht werden.190 Der Inhalt des Gebots ist offenbar am besten über die Korrektheitsbedingungen rekonstruierbar, denn ohne Bedingungen eines korrekten Gebrauchs kann es keine sprachliche Bedeutung geben. Zusammengenommen ergibt sich dann das Bild: Man soll einen Ausdruck auf eine bestimmte Weise gebrauchen, damit er etwas Bestimmtes bedeutet, und die Weise des Gebrauchs ist genau die Weise, die durch die Korrektheitsregel festgelegt wird.191 Einen Ausdruck mit einer bestimmten Bedeutung zu gebrauchen und zugleich gegen die Korrektheitsbedingungen des Ausdrucks zu verstoßen, ihn also falsch zu gebrauchen, wäre dann aber nicht mehr möglich. Das ist offenbar absurd.192

An dieser Stelle könnte eingewandt werden, dass die Präskriptionen sich nicht auf Korrektheitsbedingungen im Sinne von Wahrheits- oder Verifikationsbedingungen beziehen, sondern auf Sinnbedingungen, die grundlegender sind. In diesem Sinne hält Glock z.B. fest:

Die Frage des Sinns ist […] grundlegender als die Fragen der Wahrheit und der Begründung. Nur bei Äußerungen, die den sprachlichen Regeln genügen, kann sich die Frage der Wahrheit oder Falschheit überhaupt stellen, und Ähnliches gilt für die Frage der Begründung.193

Die Verletzung der Sinnbedingungen führt nicht dazu, etwas Unwahres, sondern gar nichts (Sinnvolles) zu sagen, und umgekehrt kann nur wahr (oder gerechtfertigt) sein, was sinnvoll ist, also den ›Regeln des Sinns‹ entspricht. Die Äußerung »Schwarze Schmerzen singen scharf« ist (wörtlich verstanden) sinnlos, aber nicht falsch. Versteht man Bedeutungsregeln als Regeln, die Sinnbedingungen festlegen, indem sie vorschreiben, wie Ausdrücke sinnvoll zu verwenden sind, lassen sich die Präskriptionen offenbar als normativ und konstitutiv für sprachliche Bedeutung verstehen. Allerdings steht man nun vor der Aufgabe, Sinnbedingungen von Korrektheitsbedingungen klar zu unterscheiden, was auf eine klare Unterscheidung von analytischen und synthetischen Sätzen hinausläuft – eine Aufgabe, die vielen seit Willard V. O. Quines Angriff auf dieses ›Dogma des Empirismus‹ als kaum zu bewältigen gilt.194 Die notorischen Beispiele für Verletzungen von Sinnbedingungen fallen entsprechend unter eine vergleichsweise kleine Gruppe von Regeltypen, die aber bestenfalls grob bestimmt sind. Ihre sinnkonstitutive Funktion scheint aber weder uneingeschränkt zu sein noch ist sie umfassend. Das heißt, oft scheint ein Verstoß gegen die Regeltypen nicht zur Sinnlosigkeit zu führen, und prinzipiell ist unklar, wie sie den Sinn jedes sprachlichen Ausdrucks bestimmen können. Drei Gruppen lassen sich voneinander unterscheiden: Zum einen sind dies bestimmte grammatische Regeln. Die Äußerung »Der riechen auf.« ist z.B. unter ›normalen Bedingungen‹ unverständlich, weil gegen grammatische Regeln verstoßen wurde. Aber nicht jeder Verstoß gegen eine grammatische Regel sorgt dafür, dass die Äußerung unverständlich wird. Es ist sogar möglich, dass von zwei Verstößen gegen dieselbe Regel nur einer zur Unverständlichkeit der Äußerung führt.

Zweitens können Kategorienfehler eine Äußerung unverständlich werden lassen, wie das obige Beispiel der singenden Schmerzen verdeutlicht. Aber auch hier ist es nicht so, dass ein Kategorienfehler zwangsläufig zur Unverständlichkeit führt. Ein eindrucksvolles Beispiel liefern hier weit verbreitete Kategorienfehler in den Neurowissenschaften.195

Drittens sind schließlich offene Widersprüche häufig sinnlos, zumindest dann, wenn sie nicht als paradoxale Formulierungen auflösbar sind. Es ist aber schwer zu sehen, wie diese Regeln die Bedeutung von Äußerungen vollständig festlegen können. Unzählige Äußerungen verstoßen gegen keine dieser Regeln und sind dennoch sinnverschieden. Es sind offenbar weitere Bedeutungsregeln nötig, die nicht mit den obigen Sinnregeln zusammenfallen, und es ist ausgesprochen plausibel, dass unter diesen Regeln auch solche sind, die Wahrheits- oder Behauptbarkeitsbedingungen von Äußerungen angeben.

Abgesehen davon ist unklar, ob die genannten Regeln tatsächlich grundlegend sind. Was die Widerspruchsfreiheit angeht, liegt es auf der Hand, dass sie Regeln der Korrektheit voraussetzt. Auch die Regeln, die es erlauben, Kategorienfehler auszuzeichnen, setzen aber offenbar Regeln voraus, die angeben, wann ein Ausdruck wahr ist oder berechtigt verwendet wird. Die Behauptung, dass Schmerzen singen, ist offenbar deshalb sinnlos, weil es erstens wahr oder berechtigt ist, »singen« auf bestimmte Tätigkeiten von Lebewesen anzuwenden; zweitens der Ausdruck »Schmerzen« wahr oder berechtigt auf bestimmte Phänomene angewendet werden kann; und drittens diese Phänomene nicht in die Klasse der Objekte fallen, die über die Korrektheitsbedingungen des Ausdrucks »singen« herausgegriffen werden. Zumindest die genannten Regeln für Sinnbedingungen sind also weder hinreichend, um die Bedeutung von Ausdrücken zu bestimmen, noch sind sie grundlegend für Korrektheitsbedingungen. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass sie Regeln der sinnvollen Verwendung von Ausdrücken sind – sie betreffen offenbar sinnrelevante Aspekte der Verwendung sprachlicher Ausdrücke. Die Klasse der Bedeutungsregeln ist aber nicht durch sie erschöpft. Sofern Gebrauchsbedingungen überhaupt die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke bestimmen, wovon in dieser Arbeit ausgegangen wird, ist anzunehmen, dass sich die Angabe von Korrektheitsbedingungen eignet, um die Gebrauchsbedingungen und damit die Bedeutung der Ausdrücke zu bestimmen. Die Klasse der Anwendungs- oder Gebrauchsbedingungen sprachlicher Ausdrücke umfasst dann die genannten Sinnbedingungen ebenso wie Korrektheitsbedingungen.196

Eine weitere Möglichkeit, die Idee zu verteidigen, dass die Regel die Bedeutung bestimmt, indem sie vorschreibt, wie ein Ausdruck zu gebrauchen ist, besteht darin, die Fälle auf direkte, wörtliche, aufrichtige und insbesondere fehlerfreie assertorische Rede zu beschränken.197 In diesen Fällen folgt man der Regel, die vorschreibt, wie ein Ausdruck gebraucht werden soll, und deshalb hat der Ausdruck in diesen Fällen eine Bedeutung, so ließe sich argumentieren. Damit ist zwar noch nicht geklärt, warum der Ausdruck in anderen Fällen dieselbe Bedeutung hat, aber vielleicht ist für eine normative Erklärung in diesen Fällen ein erster Schritt gemacht. Schränkt man die Erklärung derart ein, sind indessen die Bedingungen für eine Präskription nicht mehr erfüllt. Der Zusammenhang zwischen Bedeutung und Gebrauch ist hier kein normativer mehr, wie Glüer feststellt, sondern eher ein »interner«198, denn »[w]enn ›grün‹ für einen Sprecher grün bedeutet, er also beabsichtigt, damit den Begriff grün auszudrücken, er sich aufrichtig und direkt äußert und dabei keinerlei empirischem Irrtum unterliegt, dann wird er ›grün‹ antworten, wenn wir ihn nach der Farbe eines grünen Gegenstands fragen. Tut er das nicht, dann war eine der angeführten Bedingungen nicht erfüllt. Für ein Sollen aber ist hier kein Raum.«199 Bestenfalls könnte man die Sprecherin auffordern vorsichtig zu sein, um Fehler zu vermeiden, aber diese Aufforderung ist keine, die aus dem Umstand folgt, dass ein Ausdruck Korrektheitsbedingungen hat; sie folgt allein aus der Absicht der Sprecherin und ist ein Gebot der instrumentellen Vernunft – sie gilt für jede absichtliche Handlung.200 Mit Glüer lässt sich daher festhalten:

Während es unbestreitbar erscheint, dass Korrektheitsbedingungen Bedeutung bestimmen, […] sieht es weder so aus, als könne dies als normative Bestimmung durch Präskriptionen erläutert werden, noch, als sei zwischen der Bedeutung, die ein Ausdruck für einen Sprecher hat, und dessen korrekter Anwendung überhaupt Raum für eine Präskription. Bedeutungsbestimmung und Handlungsanleitung erscheinen unvereinbar, jedenfalls dann, wenn Letztere als Präskriptivität verstanden wird.201

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die These (NK) lediglich dann plausibel erscheint, wenn sie im Sinne einer direktiven Norm gelesen wird. Dann wird aus der Normativität der Bedeutung aber eine der Erfüllungsbedingungen von Absichten im Allgemeinen. Um die Normativitätsthese retten zu können, müsste man zeigen, dass die Absicht, einen Ausdruck korrekt zu gebrauchen, wesentlich für seine Bedeutung ist, und es ist zumindest unklar, wie das gelingen kann. Wie steht es um die verbleibenden beiden Normativitätsthesen?

Wie deutlich wurde, setzt (NK) voraus, dass Ausdrücke Korrektheitsbedingungen ihrer Verwendungen haben. Dies ist auch grundlegend für (NS). Dass ein Ausdruck Gebrauchsbedingungen hat, die seine Bedeutung festlegen, heißt z.B., dass er unter bestimmten Bedingungen korrekt oder wahr gebraucht wird und dass dieser Umstand bestimmend für seine Bedeutung ist. Das ist er wiederum nur unter der Annahme, dass sein Gebrauch seine Bedeutung bestimmt, unter der Annahme also, dass (NG) und damit die Gebrauchstheorie richtig ist. NS und NG sind gewissermaßen zwei Seiten derselben gebrauchstheoretischen Medaille. Welcher Art ist die ihnen zugrundeliegende Norm? Offenbar handelt es sich um einen Standard, der angibt, wann der Gebrauch eines Ausdrucks als korrekt gilt. Der Standard könnte z.B. folgende Form haben: Der Gebrauch des Ausdrucks A gilt als korrekter Gebrauch genau dann, wenn er die Bedingung z erfüllt.202 Ein konkretes Beispiel wäre: Es ist korrekt (gilt als korrekter Gebrauch), »blau« auf einen Gegenstand x anzuwenden genau dann, wenn x blau ist.203 Von derartigen Standards lässt sich auch als »konstitutiver Regel« sprechen, im Anschluss an eine Formulierung John R. Searles.204 Konstitutive Regeln bzw. Standards schreiben zwar nicht vor, was zu tun ist, sondern sagen, was als ein bestimmter Gegenstand bzw. eine bestimmte Handlung gilt. Sofern man diese Handlung aber nur vollziehen kann, indem man genau das tut, was die konstitutive Regel als eine Handlung des fraglichen Typs auszeichnet, muss man dies tun, wenn man eine Handlung vom fraglichen Typ ausüben möchte. Insofern können konstitutive Regeln/Standards leitend für (sprachliches) Verhalten sein, auch wenn sie nicht in dem Sinne verletzbar sind, in dem es handlungsleitende Normen sind, da sie für sich genommen keine Handlung vorschreiben.205

Damit man den Ausdruck »blau« korrekt anzuwenden beabsichtigen kann ((NK)), damit man überhaupt blau mit einem Ausdruck meinen oder von etwas sagen kann, dass es blau ist, muss eine derartige Regel offenbar »in Kraft« sein.206 Wenn eine Regel in Kraft ist, gilt sie, auch wenn im Einzelnen »blau« nicht auf blaue Gegenstände verwendet wird. Damit ist sichergestellt, dass ein ›Verstoß‹ gegen die Regel im Einzelfall nicht mit einem Bedeutungsverlust oder -Wandel einhergeht. Wie aber bereits erwähnt wurde, sind derartige Standards lediglich in einem schwachen Sinne normativ. Sie erlauben die Klassifikation von Sprachhandlungen in korrekte und inkorrekte, und sie sind zumindest für die Bedeutung bestimmter Ausdrücke eine notwendige Bedingung.207 Selbst wenn sie zudem hinreichend für die Bedeutung dieser Ausdrücke sind und Sprachhandlungen indirekt leiten können, sind sie nicht unmittelbar handlungsleitend, indem sie Bedeutung bestimmen. Sie haben keine »semantisch motivierte handlungsleitende Kraft«208, wie sich mit Glüer festhalten lässt. Daher sind sie nicht essentiell normativ in einem präskriptiven, direktiven oder regulativen Sinne. Dennoch können normative Konsequenzen mit ihnen verbunden sein und man mag dies für hinreichend normativ halten.209 Sie können z.B. dazu dienen, Handlungen zu rechtfertigen, zu erklären oder zu kritisieren.210 Allerdings ist dies nur unter der Voraussetzung bestimmter Absichten und Wünsche möglich, die unabhängig von den Standards und für ihre Geltung unwesentlich sind. Vorschriften ergeben sich also möglicherweise aus sprachlichen Regeln, vor dem Hintergrund von Werten und Absichten, aber sprachliche Regeln schreiben nicht selbst ein bestimmtes Verhalten vor.211

Damit ist der Behauptung, dass Bedeutung normativ ist, ein Sinn abgerungen, der allerdings lediglich eine schwache Normativitätsthese konstituiert: Damit sprachliche Ausdrücke eine Bedeutung haben können, muss ein Korrektheitsstandard (ihres Gebrauchs) in Kraft sein. Weiter oben wurde zudem festgestellt, dass die Auszeichnung bloßer Standards für sprachliches Verhalten nicht hinreichend dafür ist, dieses als regelgeleitet zu verstehen. Der Standard muss außerdem ein Standard für das Subjekt des Sprachverhaltens selbst sein, er muss das Subjekt in seinen Sprachhandlungen bzw. in seinem Meinen und Verstehen leiten. Es scheint nun, als ob die einzige Möglichkeit, sich durch die jeweiligen Standards leiten zu lassen, die ist, absichtlich nach ihnen zu handeln. Kripkes Normativitätsthese legt ein derartiges Verständnis ausdrücklich nahe und auch gegenwärtig ist es weit verbreitet, unabhängig davon, welche Form und welcher Inhalt den Regeln zugeschrieben werden.212 Regelfolgen als intentionalen Akt zu begreifen führt aber zu einer Reihe von schwerwiegenden Fragen und Problemen. Um dies zu sehen, ist es zunächst sinnvoll, danach zu fragen, was es heißt, einer Regel zu folgen. Der mit dieser Frage verbundene Problemkomplex firmiert in der Forschungsliteratur unter dem Namen »Regelfolgenproblem« und geht auf die Paragrafen 138–242 der Philosophischen Untersuchungen zurück.213 Ebenso wie das Thema der Normativität ist das Regelfolgenproblem mit Kripkes Deutung dieser Paragrafen verknüpft. Bemerkenswert dabei ist, dass Kripke ein Verständnis der Paragrafen entwickelt, das in einer wichtigen Hinsicht nahezu offensichtlich exegetisch problematisch ist. Für die Frage danach, was es heißt, einer Regel (absichtlich) zu folgen, ist eine Explikation seines (Miss-)Verständnisses erhellend.

2.6.5 Was heißt es, einer Regel zu folgen?

Kripkes Ausgangspunkt ist die Frage, wann von einer sprachlichen Handlung gesagt werden kann, dass sie einer bestimmten Regel folgt, und wie bereits erwähnt stellt er zwei Anforderungen an eine angemessene Beantwortung der skeptischen Frage: Die Antwort muss eine Tatsache nennen, die eindeutig festlegt, dass eine beliebige Person etwas Bestimmtes mit ihrer Äußerung meint(e), und sie muss Gründe für die Sprecherin bereitstellen, in einer bestimmten Situation ein bestimmtes Zeichen im Unterschied zu anderen oder ein bestimmtes Zeichen auf eine bestimmte Weise zu gebrauchen, die ihr selbst unmittelbar zugänglich sind. Die Tatsache muss also der Sprecherin gewissermaßen ›sagen‹, wie oder welchen Ausdruck sie in einer bestimmten Situation (wie) gebrauchen sollte, und sie muss ihren Gebrauch rechtfertigen. Die gesuchte Bedeutungstatsache ist natürlich die gesuchte Bedeutungsregel, die der Sprecherin ihr Sprachverhalten vorschreibt und der sie folgt, wenn sie sich der Regel gemäß verhält und sich so verhält, weil die Regel ihr ›gesagt‹ hat, was zu tun ist. Dazu muss sie die Regel aber vorher ›gehört‹ haben, d.h., die Regel muss mental in Form eines Regelausdrucks präsent gewesen sein.

Kripkes skeptische Grundannahmen sind offenbar orientiert am Modell expliziten Regelfolgens.214 Typische Beispiele expliziten Regelfolgens sind Fälle, in denen jemand eine Praxis erlernt und dazu ausdrücklichen Anweisungen folgt. Die Regeln sind hier der jeweiligen Praxis vorgeordnet und bestehen unabhängig von ihr. Sie müssen verstanden und angewendet werden, damit die Praxis erlernt und richtig ausgeübt werden kann. Für die Auffassung, dass Regeln unabhängig von Praktiken bestehen und ihnen vorgeordnet sind, hat sich die Bezeichnung »Regel-Platonismus« etabliert; für die Ansicht, dass die unabhängig bestehenden Regeln zunächst in einem mentalen Akt begriffen werden müssen, bevor ihnen gefolgt werden kann, die Bezeichnung »Intellektualismus«.215

Regelfolgen kann im Rahmen der Erklärung sprachlicher Bedeutung nicht prinzipiell als explizites Regelfolgen in diesem Sinne verstanden werden. Wenn die Bedeutungen der Ausdrücke einer Sprache S prinzipiell durch explizite Regeln bestimmt würden, dann könnte man nur dann lernen, diesen Regeln zu folgen, wenn man die expliziten Regeln bereits verstünde. Dazu müsste man den Gebrauch der Ausdrücke beherrschen, die zur Formulierung der Regeln gebraucht werden, d.h., man müsste bereits über die Sprache S* verfügen, in der die Regeln formuliert sind. Dazu hätte man aber gelernt haben müssen, den Regeln der Sprache S* zu folgen, die selbst wiederum als explizite Regeln in einer weiteren Sprache S** formuliert wären, die man wiederum bereits beherrschen müsste, usw. ad infinitum.216

Das Modell expliziten Regelfolgens ist aber nicht nur deshalb problematisch, weil es das Erlernen einer Sprache nicht erklären kann. Eine Erklärung sprachlicher Praxis würde prinzipiell in einen infiniten Regress münden, nähme sie an, das Modell expliziten Regelfolgens könne eine grundlegende Erklärung für das Regelfolgen liefern.217 Dabei kann zwischen einem Festsetzungs- oder Festlegungsregress, einem Anwendungsregress und einem Deutungs- oder Verstehensregress unterschieden werden. Der Festlegungsregress entsteht, wenn man annimmt, dass jede Regel Fälle zulässt, bezüglich derer unklar ist, ob die Regel für sie gilt oder nicht, und die Frage stellt, was die richtige Festlegung der Regel in diesen Fällen leitet. Gemäß der Logik expliziten Regelfolgens wird damit nach einer weiteren Regel gefragt, die den Geltungsbereich der ersten festlegt, selbst aber wieder strittige Fälle zulässt, weshalb sie einer weiteren Regel bedarf usw. ad infinitum.

Der Anwendungsregress entsteht dagegen, wenn man annimmt, dass allgemeine Regeln (der richtigen Anwendung sprachlicher Ausdrücke) immer auf konkrete Situationen angewandt werden müssen, und fragt, was die richtige Anwendung leitet. Gemäß der Logik des expliziten Regelfolgens bedarf es dafür einer Regel, die die Anwendung der ersten reguliert, dazu selbst aber wiederum richtig angewandt werden muss usw. ad infinitum.

Grundlegend für beide Regresse ist aber ein Verstehens- oder Deutungsregress, der entsteht, wenn man davon ausgeht, dass die explizite Regel zunächst verstanden werden muss, dass das Verstehen der Regel selbst etwas ist, das richtig oder falsch ›getan‹ werden kann, und nun fragt, was das richtige Verstehen anleitet. Gemäß der Logik des expliziten Regelfolgens bedarf es dazu einer weiteren Regel, die aber selbst wiederum verstanden werden muss usw. ad infinitum. Grundlegend ist der Verstehensregress, weil sowohl der Festlegungs- als auch der Anwendungsregress letztlich nichts anderes als ein Regress des Verstehens oder davon zwar unterschieden, ihm aber nachgeordnet sind.218 Alle Regresse haben gemein, dass sie davon ausgehen, dass die Regel richtig oder falsch verstanden (bzw. angewandt) werden kann und dass das Verstehen (oder die Anwendung) daher selbst etwas ist, das regelgeleitet ist. Sie können daher gestoppt werden, indem dafür argumentiert wird, dass das Verstehen (Anwenden) der Regel nicht selbst ein regelfolgendes Verhalten ist; etwa indem behauptet wird, dass es zwar richtig ist, dass die Regel richtig oder falsch verstanden werden kann, aber nicht jede Aktivität, die richtig oder falsch sein kann, deshalb eine regelgeleitete ist.219 Dem ist zwar im Allgemeinen zuzustimmen, es ist aber nicht klar, weshalb dies für das Verstehen einer Regel im Kontext des platonistisch-intellektualistischen Regelmodells eine Möglichkeit sein soll. Die explizite Regel dient ja dazu, den verständigen Gebrauch eines sprachlichen Ausdrucks zu erklären. Einen Ausdruck richtig zu gebrauchen und ihn zu verstehen, heißt demnach, einer Regel zu folgen. Die explizite Regel besteht aber selbst in Form eines Regelausdrucks, der zu verstehen ist, und entsprechend müsste auch dieses Verstehen regelgeleitet sein. Zu behaupten, das Verstehen des Regelausdrucks sei kein regelgeleitetes Verhalten, läuft offenbar darauf hinaus, das Regelfolgenmodell für sprachliches Verstehen überhaupt zurückzuweisen220 oder zumindest empfindlich einzuschränken, indem man einen prinzipiellen Unterschied zwischen dem Verstehen sprachlicher und dem Verstehen mentaler Zeichen macht.

Kripke selbst macht diesen Unterschied nicht. Tatsächlich lässt sich sein skeptisches Kernargument in einem Regressargument sehen, wonach jede Angabe einer Bedeutungstatsache als Grund für den (richtigen) Gebrauch sprachlicher Zeichen in einen Verstehensregress mündet.221 Da Kripke fordert, dass die Bedeutungstatsache (Regel) letztlich mental repräsentiert werden muss, um den Gebrauch anleiten und der Sprecherin einen Grund für ihren Gebrauch liefern zu können, jede mentale Repräsentation aber verstanden werden muss, um einen Grund liefern zu können, und sich nun wieder die Frage stellt, wie die mentale Repräsentation zu verstehen ist, bedarf es erneut einer Bedeutungstatsache (Regel), die den Inhalt der mentalen Repräsentation bestimmt und die selbst wiederum repräsentiert werden muss usw. ad infinitum.

Offenbar ist das Modell des expliziten Regelfolgens nicht geeignet, das Sprechen und Verstehen einer Sprache als regelfolgendes Verhalten zu erklären. Wenn am Regelfolgenmodell festgehalten werden soll, dann muss das Befolgen einer Bedeutungsregel anders gedacht werden. Nun ist es bemerkenswert, dass ausgerechnet Wittgenstein einen alternativen Weg einzuschlagen scheint.222 Die Intellektualistin223 begreift das Verstehen einer Regel als ein Deuten: Die Regel versteht, wer eine Regelformulierung geben und sich von dieser leiten lassen kann. Da die Regelformulierung selbst wiederum richtig verstanden werden muss, bedarf es einer korrekten Deutung dieser Deutung usw. ad infinitum. Wittgenstein schließt daraus, »daß es eine Auffassung der Regel gibt, die nicht eine Deutung ist; sondern sich, von Fall zu Fall der Anwendung, in dem äußert, was wir ›der Regel folgen‹, und was wir ›ihr entgegenhandeln‹ nennen.«224

Der von Wittgenstein angedeutete Fall wird häufig als »implizites Regelfolgen« bezeichnet,225 als Regelfolgen, das sich in der Praxis manifestiert und keiner der Praxis vorgeordneten expliziten Regeln bedarf. Was eine Praxis als implizit regelfolgende auszeichnet, ist allerdings alles andere als klar. Ohne explizite Regel droht jedes vermeintlich implizite Regelfolgen zu bloßer Regelmäßigkeit zu werden.226 Wird der Gefahr des Rückfalls in bloße Regelmäßigkeit dagegen durch eine stärkere Orientierung am expliziten Regelfolgen entgegengewirkt, droht das implizite Regelfolgen in einen infiniten Regress zu münden, ebenso wie das explizite Regelfolgen. Mit Glüer lässt sich daher festhalten, dass jede Konzeption des impliziten Regelfolgens durch das Dilemma bedroht ist, »entweder die fürs Regelfolgen signifikante Differenz zu nivellieren, oder eben doch wieder im Regreß zu landen.«227 Die folgenden Überlegungen sollen zeigen, dass die Konzeption des Regelfolgens als intentionaler Akt zwar geeignet ist, einen strikten Unterschied zwischen Regelfolgen und bloß regelmäßigem Verhalten zu machen, aber dem infiniten Regress nicht entgehen kann. Darüber hinaus ist sie aus weiteren Gründen wenig plausibel.

2.6.6 Regelfolgen als intentionaler Akt

Wer das Regelfolgen als intentionalen Akt begreift, muss nicht annehmen, dass die Regeln dem Subjekt des Sprachverstehens ausdrücklich gegeben sind und von ihm reflektiert werden, bevor es z.B. nach ihnen handelt. Zwar wäre dies ein eindeutiger Fall des Regelfolgens als intentionaler Akt, aber das Handeln aus Gründen erfordert prinzipiell nicht, dass die Gründe vor der Handlung ausdrücklich betrachtet werden.228 Es reicht hin, »dass das Verhalten derart im Lichte der Überzeugungen, Absichten und Wünsche des Handelnden betrachtet wird, dass es sich als eine praktische Konsequenz daraus begreifen lässt«229, wie beispielsweise Jasper Liptow festhält. Regelfolgen als intentionalen Akt zu begreifen, legt also nach dem Selbstverständnis der Vertreterinnen dieser Konzeption nicht auf eine platonistisch-intellektualistische Auffassung fest, sondern stellt eine Erklärung impliziten Regelfolgens in Aussicht.

Offenbar ist die Konzeption ohne Weiteres geeignet, regelfolgendes Verhalten von bloß regelmäßigem zu unterscheiden. Das Sprachverhalten ist nicht bloß einer Regel gemäß, sondern folgt einer Regel, weil das Subjekt die Regel kennt, sie versteht und beabsichtigt, nach ihr zu handeln.230 Wer umgekehrt die Regel nicht kennt, nicht versteht oder nicht nach ihr zu handeln beabsichtigt, folgt ihr nicht. Die schlagend einfache Antwort auf die Frage, was es heißt, einer Regel zu folgen, lautet dann: Einer Regel folgt, wer absichtlich im Einklang mit ihr handelt.231 Grundlegende Fragen rund um das Regelfolgen sind damit zwar noch nicht beantwortet;232 insbesondere ist unklar, wie die Regeln als Gründe im Sprechen fungieren, was es also heißt, eine Regel zu verstehen, sie anzuwenden und dies auch zu beabsichtigen; welche Rolle Regeln in Begründungen spielen; in welchem Verhältnis sie zu bewussten Überlegungen stehen; und Ähnliches. Vertreter der rationalen Erklärung sehen mit derartigen Fragen aber eben keine spezifisch bedeutungstheoretischen Probleme angesprochen, da sie die Erklärung sprachlichen Verhaltens als Sonderfall der Erklärung von Handlungen begreifen. Gelegentlich wird daher auch von einem »schlichten« Begriff des Regelfolgens gesprochen, weil er weder besonders überraschend noch besonders tiefgründig ist.233 Dennoch ist er mit einer Reihe von Problemen konfrontiert.

Zunächst ist festzuhalten, dass der schlichte Begriff des Regelfolgens nicht für jede regeltheoretische Gebrauchstheorie geeignet ist. Wer Regelfolgen als intentionalen Akt erklärt, macht großzügigen Gebrauch von intentionalem Vokabular. Für reduktive Gebrauchstheorien ist die Antwort daher nur geeignet, wenn das verwendete intentionale Vokabular unabhängig von semantischem erklärt werden kann.234 Mit anderen Worten: Reduktive Gebrauchstheorien sind durch den schlichten Begriff des Regelfolgens auf einen gebrauchstheoretischen Intentionalismus festgelegt.

Nicht-reduktive Theorien haben hingegen das angesprochene Problem eines infiniten Regresses.235 Sie sind von dem Gedanken motiviert, dass sprachliche Bedeutung und intentionaler Gehalt nicht unabhängig voneinander verstanden werden können. Im Rahmen eines Regelmodells sprachlicher Bedeutung lautet eine direkte Erklärung dafür, dass Bedeutungsregeln sowohl die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke als auch den Inhalt intentionaler Einstellungen bestimmen.236 Die Bedeutungen sprachlicher Ausdrücke sind demnach Begriffe, und Begriffe sind zudem die gehaltvollen ›Bestandteile‹ intentionaler Einstellungen. Wenn das Folgen einer bestimmten Regel R im Falle sprachlicher Handlungen unter Rekurs auf eine Absicht erklärt wird, dieser Regel zu folgen, der Inhalt von Absichten aber prinzipiell durch Regeln festgelegt wird, dann setzt das Befolgen der Regel R bereits das Befolgen einer weiteren Regel R* voraus, die wiederum absichtlich befolgt werden muss usw. ad infinitum. Das Problem hierbei ist nicht, dass die Erklärung des Regelfolgens gehaltvolle Einstellungen voraussetzt, und auch nicht, dass diese Einstellungen einerseits das Regelfolgen erklären sollen und andererseits selbst durch den Begriff des Regelfolgens erklärt werden müssen – Vertreterinnen nicht-reduktiver Gebrauchstheorien behaupten ja prinzipiell, dass aus derartigen Erklärungszirkeln kein Weg heraus führt –; das Problem ist, dass »jede Regel eine Unendlichkeit weiterer, davon verschiedener Regeln [produziert], denen immer schon gefolgt sein müßte, damit der ersten gefolgt wäre«, wie Glüer feststellt.237 Zumindest, wenn man Regelfolgen als intentionalen Akt begreift, kann es daher nicht als konstitutiv für semantischen und mentalen Gehalt schlechthin gelten.238

Eine Möglichkeit, dem Regress zu entgehen, besteht darin, den Gehalt intentionaler Einstellungen nicht als durch Regeln konstituiert zu begreifen. Dies hieße allerdings, den Erklärungswert des Regelfolgemodells empfindlich einzuschränken.239 Wenn es für den Gehalt intentionaler Einstellungen nicht nötig ist, Regeln zu folgen, intentionale Einstellungen vielmehr umgekehrt erklären, was es heißt, einer sprachlichen Regel zu folgen, dann stellt sich die Frage, weshalb sprachliche Bedeutung nicht auf intentionale Gehalte reduziert werden kann. Nicht-reduktive Gebrauchstheorien, die den Sprachgebrauch als Regelfolgen im schlichten Sinne verstehen, drohen daher in eine intentionalistische Gebrauchstheorie zu kippen.

Es ist außerdem unklar, weshalb der schlichte Begriff des Regelfolgens nicht unter denselben Problemen leidet wie das platonistisch-intellektualistische Modell. Es trifft zwar gewiss zu, dass Absichten und Gründe alltäglich zugeschrieben werden, ohne dass es zu den Bedingungen einer korrekten Zuschreibung gehört, dass sie von dem Subjekt vor der Handlung ausdrücklich, im Sinne von »bewusst«, reflektiert werden müssen.240 Das heißt allerdings nicht, dass keine Voraussetzungen für die korrekte Zuschreibung erfüllt sein müssen. Zu den Bedingungen gehört unter anderem, dass das Subjekt über die begrifflichen Fähigkeiten verfügt, die nötig sind, um die jeweiligen Absichten und Gründe überhaupt ausbilden zu können. Niemand kann z.B. die Absicht haben, eine Rakete zu starten, wenn er nicht weiß, was eine Rakete ist. Es reicht aber nicht aus, über die jeweiligen begrifflichen Ressourcen bloß zu verfügen: Sie müssen auch zur Anwendung gekommen sein. Jemand kann sehr gut wissen, was eine Rakete ist, und auch, dass man sie unter Umständen starten kann, indem man einen Knopf drückt, und wie es der Zufall will, kann diese Person in der Tat einen Knopf gedrückt und so eine Rakete gestartet haben. Wenn sie aber dachte, dass sie mit dem Drücken des Knopfs das Licht im Raum einschalten würde, hatte sie nicht die Absicht, eine Rakete zu starten. Die Absicht erklärt offenbar nur dann die Handlung, wenn sie zu der Handlung geführt hat, und es ist schwer zu sehen, wie dies anders zu verstehen ist, als dass sie ihr vorausging, auch wenn sie nicht reflexiv bewusst gewesen sein muss. Da die Absicht auf die Umsetzung der Regel zielt, muss die Regel zusammen mit der Absicht in der einen oder anderen Weise ›repräsentiert‹ werden und insofern explizit der Handlung vorausgehen. Gleich ob bewusst oder unbewusst: Das Regelfolgen als intentionalen Akt zu begreifen impliziert offenbar, dass das regelfolgende Subjekt eine Regelformulierung kennt, auf die sich ihre Absicht bezieht, die unabhängig von der Sprachhandlung besteht und ihr vorausgeht. Der schlichte Regelbegriff mündet also in das platonistisch-intellektualistische Modell expliziten Regelfolgens und damit in einen Regress. Nebenbei bemerkt gilt dies auch dann, wenn er im Rahmen einer intentionalistischen Gebrauchstheorie Anwendung findet.

Sprachliche Regeln als Gründe zu begreifen, ist aber auch unabhängig davon verfehlt, dass die Position in einen infiniten Regress mündet. Zumindest in zentralen und unstrittigen Fällen des Habens von Gründen gilt, dass die Subjekte ihre Gründe angeben können. Es ist aber eine frappierende Tatsache, dass kompetente Sprecherinnen selten allgemeine Regeln formulieren können, die ihren Sprachgebrauch leiten. Wenn angenommen wird, dass sie auch in diesen Fällen noch Regeln folgen – was im Rahmen des Regelfolgenmodells freilich angenommen werden muss –, dann folgt daraus, dass die Fähigkeit, Regeln formulieren zu können, nicht notwendig für das Befolgen einer Regel ist. Dann stellt sich aber die Frage, was es heißt, mit einer Regel bekannt zu sein, sie zu verstehen und zu beabsichtigen, nach ihr zu handeln, ohne eine Regelformulierung zu kennen.241 Häufig wird daher noch weniger von kompetenten Sprecherinnen verlangt: Sie sollen lediglich in der Lage sein, von anderen formulierte Regeln als diejenigen erkennen zu können, denen sie gefolgt sind.242 Da es nun aber offenbar möglich ist, dass kompetente Sprecherinnen auch dazu nicht in der Lage sind, z.B., weil sie die Regelformulierungen nicht verstehen oder schlicht ihren eigenen Sprachgebrauch nicht in der nötigen Allgemeinheit der Regelformulierung überblicken können – man denke nur an Regelformulierungen der Grammatik einer natürlichen Sprache –, werden vergleichsweise einfache und spezifische Regelformulierungen als Regelausdruck zugelassen. Leitend ist dabei Wittgensteins Gedanke, dass die Bedeutung eines Ausdrucks das ist, »was die Erklärung seiner Bedeutung erklärt.«243 Als Bedeutungserklärungen gelten unterschiedliche, beinahe möchte man sagen: ›jede‹ Art von Regelformulierungen. Darunter fallen formale Definitionen, materiale Definitionen, analytische Sätze, aber auch Farbmuster, Umrechnungstabellen, hinweisende Erklärungen und Erklärungen durch Beispiele.244

Nun wird man einräumen müssen, dass jede Sprecherin zu irgendeiner Art von Erklärung in diesem Sinne in der Lage ist. Wer nicht einmal in der Lage ist, ein Beispiel für den richtigen Gebrauch eines Ausdrucks zu geben oder zumindest ein Beispiel als Beispiel zu erkennen, dem lässt sich schwerlich ein Verständnis des Ausdrucks zuschreiben. Der Grund ist offenbar folgender: Wenn sprachliche Ausdrücke Anwendungsbedingungen haben, also Bedingungen, unter denen es richtig ist, sie anzuwenden, und dies notwendig für ihre Bedeutung ist, dann kann niemand den Gebrauch eines Ausdrucks verstehen, wenn er nicht dazu in der Lage ist, einen Unterschied zwischen richtigen und falschen Verwendungen zu machen. Er muss also zumindest prinzipiell in der Lage sein, einige Beispiele für den richtigen Gebrauch als solche zu erkennen. Aber ist damit bereits eine Regel für den Gebrauch des Ausdrucks benannt? Wenn die Regel den Gebrauch im Allgemeinen bestimmen soll, sollte ihre Formulierung von einer bestimmten Allgemeinheit sein; eine Erklärung durch Beispiele oder eine hinweisende Erklärung vermag diese Allgemeinheit jedoch nicht zum Ausdruck zu bringen. Im besten Falle geben derartige Erklärungen an, worauf und in welcher Weise sich eine Sprecherin in einer bestimmten Situation mit einem bestimmten Ausdruck beziehen wollte, aber sie erklären nicht, was sie unter einem Ausdruck prinzipiell versteht, wie er in unzähligen Situationen richtig zu gebrauchen ist.245 Selbst eine hinweisende Definition, die mit den Worten »oder Ähnliche« ergänzt wird und so über die Situation in prinzipiell unbegrenztem Maße hinausweist, muss noch nicht den Sprachgebrauch der Sprecherin erklären. Es kann z.B. sein, dass sie den Ausdruck auch für unähnliche Dinge gebraucht. Das Geben eines Beispiels ist die Ausübung sprachlicher Kompetenz und nicht die Formulierung einer die Ausübung leitenden Regel. Es ist daher unklar, weshalb Bedeutungsregeln prinzipiell in Form von Gründen für kompetente Sprecherinnen verfügbar und in diesem Sinne für ihren Sprachgebrauch leitend sein sollten.

Der schlichte Begriff des Regelfolgens ist schließlich auch deshalb problematisch, weil nicht klar ist, wie er das (rezeptive) Verstehen sprachlichen Verhaltens erklären kann. Der Regelbegriff dient nicht nur dazu, festzulegen, was mit einem Ausdruck von der Sprecherin gemeint ist, sondern auch, wie er von der Hörerin zu verstehen ist. Er legt als Standard die Bedeutung des Ausdrucks für die Sprecherin ebenso wie für die Hörerin fest, und wenn die Sprecherin von der Regel in ihrem Sprachverhalten geleitet ist, dann auch die Hörerin in ihrem Verständnis dieses Sprachverhaltens. Eine Äußerung zu verstehen heißt dann, der Regel, nach der die Worte geäußert wurden, im Hören zu folgen, sie nachzuvollziehen.246 Auch dieses Verhalten kann als sprachliches Verhalten gelten. Hier von einem absichtlichen Regelfolgen zu sprechen, ist aber ebenso abwegig, wie es abwegig ist, hier überhaupt von einer Handlung zu sprechen. Das rezeptive Verstehen kommt eher einem Widerfahrnis gleich.247 Nicht nur entscheidet man sich nicht dazu, eine Äußerung (rezeptiv) zu verstehen, man kann sich dazu nicht entscheiden. Eine Tätigkeit, zu der man sich nicht entscheiden kann, ist aber keine Handlung.248 Ergo kann das Regelfolgen im Falle des rezeptiven Verstehens nicht als intentionaler Akt verstanden werden. Selbst wenn der schlichte Begriff des Regelfolgens die oben genannten Probleme nicht hätte, könnte er keine einheitliche Erklärung des Verstehens einer Sprache geben. Es ist aber nicht zu sehen, weshalb das Verständnis der Sprecherin einer Sprache prinzipiell anders erklärt werden sollte als das der Hörerin. Wenn sprachliche Regeln die Bedeutung von Ausdrücken festlegen und das sprachliche Verhalten leiten, dann in beiden Fällen.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass Regelfolgen nicht nach dem Modell expliziten Regelfolgens und auch nicht als implizites Regelfolgen verstanden werden kann, zumindest dann nicht, wenn das implizite Regelfolgen ›schlicht‹ erläutert wird. In beiden Fällen droht ein infiniter Regress. Darüber hinaus ist unklar, wie der schlichte Begriff des Regelfolgens mit dem Umstand vereinbar ist, dass Sprecherinnen einer Sprache häufig keine allgemeinen Bedeutungserklärungen formulieren und angemessene Formulierungen auch nicht notwendig als diejenigen erkennen können, die einen Standard für ihren eigenen Sprachgebrauch benennen. Es bleibt eine epistemische Lücke zwischen Regelformulierung und regelfolgendem Gebrauch, und es ist kontingent, ob die Sprecherin in der Lage ist, diese Lücke zu überbrücken.249 Was kann es dann aber heißen, dass sie beabsichtigt, sich dem Standard entsprechend zu verhalten? Problematisch ist der schlichte Begriff des Regelfolgens schließlich, weil nicht zu sehen ist, wie er das rezeptive Verstehen sprachlicher Äußerungen erklären kann.

2.6.7 Regelfolgen ohne Regel?

Wenn die genannten Gründe schlüssig sind, ist Regelfolgen weder als intentionaler Akt noch im Sinne eines expliziten Regelfolgens zu verstehen. Das grundlegende Problem beider Fälle ist letztlich, dass sie davon ausgehen, dass Regeln mental als Regelformulierungen präsent sein müssen, um sprachliches Verhalten leiten zu können. Einer Regel zu folgen kann aber in grundlegenden Fällen nicht heißen, einer Regelformulierung zu folgen. Regelformulierungen zu kennen ist weder notwendig für das Verständnis sprachlicher Ausdrücke noch ist es hinreichend. Daher ist es auch unproblematisch, dass eine Sprecherin keinen Grund für ihren Gebrauch eines Ausdrucks im Sinne einer Regel (eines Standards oder einer allg. Bedeutungserklärung) angeben kann, die bestimmt, wie der Ausdruck richtig zu gebrauchen ist. Selbst wenn die Sprecherin derartige Gründe nennen kann, würden sie die Verwendung des Ausdrucks doch nur relativ zu einem bestimmten Verständnis der genannten Regelformulierung rechtfertigen, die wiederum mit Gründen festgesetzt werden müsste usw. ad infinitum. Die Gründe kommen irgendwann an ein Ende und dann wird die Sprecherin ohne Gründe Ausdrücke gebrauchen.250 Es bedarf also eines Begriffs des Regelfolgens, der ohne Regelformulierung auskommt; was es heißt, einer Regel zu folgen, muss mit Blick auf die Praxis des Gebrauchs eines Ausdrucks selbst bestimmt werden. Jenseits dieses Gebrauchs gibt es keine Tatsachen, die die Bedeutung eines Ausdrucks festlegen.251 Regeln sind, so verstanden, der Praxis nachgeordnet, sie sind Abstraktionen von oder Idealisierungen der Praxis. Sie werden in grundlegenden Fällen weder bewusst noch unbewusst repräsentiert, bevor eine Sprachhandlung vollzogen oder sprachlich gedacht wird, und sie werden auch nicht repräsentiert, um eine Sprachhandlung rezeptiv verstehen zu können. Sie leiten als Regelformulierungen oder Repräsentationen prinzipiell weder das Sprechen noch das sprachliche Denken oder Verstehen in einem buchstäblichen Sinne. Entsprechend sind sie keine Gründe sprachlichen Verhaltens; die Sprecherin wählt nicht zwischen ihnen und glaubt nicht, dass sie mit einem Ausdruck eine bestimmte Regel meint.252 Verena Mayer bringt das hier geschilderte Verständnis auf den Punkt, wenn sie schreibt:

Der seit Wittgenstein im philosophischen Gebrauch eingebürgerte Begriff der Regel suggeriert, dass es einen bewussten und intentionalen Umgang mit sprachlichen Regeln gebe, dass wir gewisse solcher Regeln erfinden, annehmen oder verwerfen, oder Regeln mit Ausdrücken meinen und bezeichnen können. Die Konsequenz der Gebrauchstheorie der Bedeutung dagegen muss lauten, dass sprachliche Regeln tatsächlich nur durch regelmäßigen Gebrauch entstandene Fiktionen sind[.]253

So verstanden, beruhen Kripkes Argumente von Anfang an auf problematischen Voraussetzungen. Der Gebrauch legt die Regelformulierung fest, nicht umgekehrt. Eine Tatsache jenseits des Gebrauchs zu suchen, die den Gebrauch anleitet, ist verfehlt.

Nun scheint aber die Idee eines impliziten Regelfolgens, wie prognostiziert, in die eines bloß regelgemäßen Verhaltens zu kippen. Wenn die Praxis der Regelformulierung vorgeordnet ist, wenn die Subjekte sprachlicher Praxis keine Regelformulierung fassen müssen, bevor sie sich sprachlich verhalten, dann scheint es lediglich das sprachliche Verhalten zu geben, das auf eine bestimmte Weise beschrieben werden kann, nämlich (idealiter) einem Standard gemäß. Dann scheint aber nichts mehr dagegen zu sprechen, den Gebrauch rein dispositional zu charakterisieren. Das einzige Hindernis schien Kripkes Forderung gewesen zu sein, dass Dispositionen einen Grund für das Subjekt liefern müssten und dies nicht können. Nun ist aber klar, dass Regeln in grundlegenden Fällen keine Gründe von Sprachhandlungen sind. Was sollte dann noch gegen eine dispositionale Analyse sprechen?

Wie weiter oben deutlich wurde, sprechen gegen den Dispositionalismus allerdings mehr Gründe als lediglich das Normativitätsargument. Kripke selbst diskutiert wenigstens zwei weitere Argumente, die einige Überzeugungskraft haben. Zudem stellt sich die Frage, ob sich ein Normativitätsargument formulieren lässt, das unabhängig von Kripkes Voraussetzungen Gültigkeit beanspruchen kann. Mit anderen Worten: Es stellt sich die Frage, ob der Dispositionalismus überzeugen kann und sprachliches Verhalten bloß regelgemäßes Verhalten ist.

2.6.8 Vom regelfolgenden zum regelgemäßen Verhalten und zurück

Auf der Suche nach einer Bedeutungstatsache, die konstitutiv und präskriptiv im genannten Sinne ist, diskutiert Kripke unter anderem den Vorschlag eines reduktiven, kausal-dispositionalen Ansatzes.254 Dass eine Person P z.B. mit dem Ausdruck »+« die Addition meint, ist dem Dispositionalismus zufolge durch die Tatsache konstituiert, dass P dazu disponiert ist, auf Additionsfragen (»Wie viel ergibt x+y?«) mit der Summe zu antworten, wobei angenommen wird, dass diese Tatsache unabhängig von intentionalem und semantischem Vokabular bestimmt werden kann. Gemäß der Dispositionstheorie sind die Korrektheitsbedingungen für den Gebrauch eines Zeichens mit der Disposition, dieses Zeichen auf eine bestimmte Weise zu gebrauchen, identisch.255

Kripke ist der Ansicht, dass der dispositionale Zugang aus wenigstens zwei Gründen verfehlt ist. Zum einen sei die Gesamtheit der Dispositionen einer Person endlich und könne daher im Einklang mit beliebig vielen Bedeutungsregeln interpretiert werden.256 Eine Person ist z.B. nicht dazu disponiert, auf jede Additionsfrage mit der Summe zu reagieren; manche Zahlenkombinationen sind z.B. zu lang, dass die Person sie sich merken könnte, manche sind so lang, dass sie stirbt, bevor sie sie vollständig wahrnimmt usw. Wenn die Dispositionen aber endlich sind, ist offen, wie die richtige Antwort in diesen Fällen lautet, und beliebig viele Fälle können als richtig ausgezeichnet werden, relativ zu beliebig vielen Regeln, die mit den endlichen Dispositionen im Einklang stehen. Damit ist ein Kernargument Kripkes und ein Kernaspekt des Regelfolgenproblems benannt: Jeder endliche Zustand (oder jede endliche Menge an Zuständen) lässt sich als Instantiierung prinzipiell unendlich vieler Regeln verstehen (Endlichkeitsproblem).

Zum anderen aber wird der dispositionale Ansatz dem normativen Charakter der Bedeutung nicht gerecht. Das ›Normativitätsargument‹ zerfällt in zwei Teile, und häufig wird lediglich der zweite Teil als Normativitätsargument im eigentlichen Sinne verstanden.257 Das erste Argument lautet, dass der dispositionale Ansatz nicht zwischen den Fällen unterscheiden kann, in denen die Sprecherin einer Regel folgt, und denen, in denen sie einen Fehler macht, also von der Regel abweicht. Auch dann, wenn sie einen Ausdruck falsch anwendet, ist sie zu diesem Verhalten offenbar disponiert gewesen. Da die Disposition dazu dienen soll, die Bedeutung des Ausdrucks zu bestimmen, ist die Dispositionstheoretikerin scheinbar darauf festgelegt, in diesen Fällen zu behaupten, die Sprecherin verwende den Ausdruck in einer anderen oder neuen Bedeutung. Daraus folgt aber die Unmöglichkeit, einen Fehler als solchen auszuzeichnen. Das jeweilige Sprachverhalten ist immer der jeweiligen Disposition zu diesem Verhalten gemäß, und diese wiederum gibt an, mit welcher Bedeutung ein Ausdruck gebraucht wird. Aus dem Fehler der Sprecherin wird innerhalb des dispositionstheoretischen Ansatzes das ›richtige‹ Befolgen einer anderen Regel. Das Problem ist auch als Fehlerproblem (problem of error) bekannt.258

Damit zusammenhängend lautet das zweite Argument, dass der dispositionale Ansatz keine Möglichkeit hat, das Rechtfertigungsverhältnis zwischen intendierter sprachlicher Bedeutung und künftigem sprachlichen Verhalten zu erklären. Wie bereits deutlich wurde, muss man Kripke zufolge in der Lage sein, einen Grund dafür zu nennen, weshalb man relativ zu dem, was man in der Vergangenheit mit einem Ausdruck gemeint hat, in einer gegenwärtigen (oder zukünftigen) Situation berechtigt ist, einen Ausdruck auf eine bestimmte und nicht auf eine andere Weise zu gebrauchen.259 Dispositionen geben keinen Grund, sie erklären nur, was eine Sprecherin unter bestimmten Bedingungen tun wird, was auch immer es ist. Sie rechtfertigen keinen Gebrauch, bestimmen nicht, was richtig ist. Richtig ist, was der Sprecherin richtig erscheint, und das heißt, dass von »richtig« hier nicht gesprochen werden kann, wie Kripke im Anschluss an Wittgenstein festhält (Rechtfertigungsproblem).260

Wie bereits deutlich wurde, beruht das Rechtfertigungsproblem auf Voraussetzungen, die in hohem Maße problematisch sind. Aber auch das Endlichkeitsproblem und das Fehlerproblem setzen Annahmen voraus, die wenig plausibel sind.261 Wenn Kripke z.B. behauptet, dass die Anzahl der Dispositionen einer Person hinsichtlich der Verwendung eines bestimmten Ausdrucks A endlich sei, weshalb verschiedene Bedeutungszuschreibungen mit den Dispositionen vereinbar sind (Endlichkeitsproblem), lässt sich entgegnen, dass er die relevante Disposition falsch auffasst. Was eine Sprecherin mit einem Ausdruck A meint, bestimmt sich nicht relativ zu sämtlichen Dispositionen, mit diesem Ausdruck umzugehen, die sie unter sämtlichen Bedingungen hat. Relevant ist vielmehr, wie sie den Ausdruck A unter bestimmten idealen Bedingungen zu verwenden disponiert ist. Dass sie unter nicht-idealen Bedingungen anders disponiert ist oder sein kann, ist für die Bestimmung dessen, was sie mit einem Ausdruck meint, irrelevant.

Kripke antizipiert diese Erwiderung, wendet aber ein, dass die Bestimmung der idealen Bedingungen letztlich voraussetzen müsse, was gerade zu erklären sei, nämlich einen bestimmten Begriff davon, was die Sprecherin mit A meint. Die idealen Bedingungen seien nämlich schlicht diejenigen, unter denen die semantische Absicht realisiert worden wäre.262 Aus ähnlichen Gründen könne man nicht hoffen, dem Fehlereinwand zu entgehen, indem man ideale Bedingungen annimmt. Auch hier müsse man letztlich eine konkrete semantische Absicht voraussetzen, denn was eine falsche Anwendung ist, lässt sich nur relativ dazu bestimmen, was mit dem Ausdruck A gemeint ist.263 Kurz: Der Rekurs auf ideale Bedingungen mithilfe von Ceteris-paribus-Klauseln hilft Kripke zufolge weder das Endlichkeitsproblem noch das Fehlerproblem zu lösen, denn in beiden Fällen sei unklar, wie die idealen Bedingungen nicht-zirkulär zu bestimmen sind.264

Das Problem, auf das Kripke aufmerksam macht, scheint aber kein typisch bedeutungstheoretisches Problem zu sein, sondern die Zuschreibung von Dispositionen im Allgemeinen zu betreffen.265 Dispositionen werden für gewöhnlich aufgrund einer endlichen Anzahl an Ereignissen zugeschrieben, die im Zuge der Zuschreibung der Disposition als deren Manifestation gelten. Es bleibt immer logisch möglich, unterschiedliche Dispositionen aufgrund derselben Ereignisse zuzuschreiben, und es ist prinzipiell auch immer möglich, dass sich eine bestimmte Disposition unter bestimmten (ungewöhnlichen) externen Bedingungen nicht manifestiert. Eben deshalb enthalten Dispositionszuschreibungen Ceteris-paribus-Klauseln. Wenn die Merkmale der endlichen Zuschreibungsbasis und der Möglichkeit von (externen) Störfaktoren hinreichende Gründe zum Zweifel an einer dispositionalen Analyse der Bedeutung sind, dann nur, weil sie hinreichende Gründe für eine Dispositionsskepsis im Allgemeinen sind. Wären die skeptischen Argumente überzeugend, hätte der Skeptiker also mehr gezeigt als nötig: Er hätte gezeigt, dass keine Tatsache die Zuschreibung von Dispositionen wahr macht, man also nie wissen kann, ob ein Gegenstand eine bestimmte Disposition oder eine andere hat.

Nun ist die Zuschreibung von Dispositionen aber kein so großes Problem, sondern vielmehr gängige Praxis. Dabei werden nicht nur regelmäßig ›ungewöhnliche‹ von ›gewöhnlichen‹ oder ›idealen‹ Bedingungen unterschieden, sondern es erscheint auch unproblematisch, dass die ›gewöhnlichen‹ oder ›idealen‹ Bedingungen nicht umfassend und präzise beschrieben werden können, ohne dass man bereits ein Verständnis davon voraussetzt, was eine richtige Manifestation der Disposition wäre.266 Für die Zuschreibung von mentalen Dispositionen, die sich im (Sprach-)Verhalten manifestieren, sollte dasselbe gelten.267 Es lässt sich behaupten, dass eine zirkuläre Bestimmung für Kripke nur deshalb problematisch ist, weil er von der gesuchten Bedeutungstatsache erwartet, dass sie einen Grund für die Sprecherin liefert, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten, der ihr unmittelbar zugänglich ist.268 Um rechtfertigend sein zu können, muss die Tatsache unabhängig davon, wie die Sprecherin den Ausdruck zu verstehen und zu gebrauchen geneigt ist, verständlich sein. Ansonsten wäre richtig, was auch immer die Sprecherin für richtig hielte. Ihre Rechtfertigungsfunktion hätte die Regel dann eingebüßt. Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, weshalb Kripke die dispositionale Analyse so versteht, dass sie ein »Kriterium« liefert, das »uns instand setzen [soll], von der Disposition des Sprechers ›abzulesen‹, welche Funktion er mit einem bestimmen Funktionssymbol meint«269 bzw. welche Bedeutung er mit einem bestimmten Ausdruck verknüpft.270

Allerdings wurde bereits deutlich, dass eine derartige Anforderung problematisch ist. Gibt man sie auf, erscheint Kripkes Kritik am Dispositionalismus jedoch überzogen, insofern sie in einen Dispositionsskeptizismus mündet. Zudem ist einzuwenden, dass eine reduktive Grundlegungstheorie der Bedeutung nicht ohne Weiteres auf die These festgelegt ist, dass sich die Bedeutung der Ausdrücke auf der Ebene der Reduktionsbasis direkt ablesen lässt.271 Alles was nötig zu sein scheint, ist, dass die Eigenschaft, eine bestimmte Bedeutung zu haben oder auf eine bestimmte Weise zu verstehen zu sein, und die Eigenschaft, einen bestimmten Gebrauch zu haben, auf dieselben Entitäten zutrifft – in diesem Fall auf sprachliche Ausdrücke – und dass dieser Umstand bestimmte Tatsachen bezüglich der fundierten Eigenschaften erklärt.272 Weder müssen die Ausdrücke, die die fundierenden Eigenschaften ausdrücken, mit jenen synonym sein, die die fundierten ausdrücken, noch müssen beide dieselbe logische Form haben.273 Dann ist aber unklar, was es heißen könnte, die Bedeutungen der Ausdrücke von den sie fundierenden Eigenschaften abzulesen. Kripkes Anforderung ist demnach auch als Anforderung an eine reduktive Theorie überzogen.

Darüber hinaus ist unklar, ob Kripkes Anforderung überhaupt verständlich ist.274 Er erwartet von einer reduktiven Bedeutungstheorie, dass sie die Bedeutung von Ausdrücken so erklärt, dass jemand, der noch nicht über die jeweiligen Begriffe verfügt, aufgrund der Kenntnis der Bedeutungstheorie in der Lage ist, die Begriffe zu erwerben. Dies ist aber eine zu starke Anforderung an Bedeutungstheorien.275 Für eine angemessene dispositionale Analyse reicht es hin, dass sie auf semantische Ausdrücke wie »bedeutet«, »fragt«, »behauptet«, »sagt, dass« verzichtet.276 Prinzipiell spricht daher zunächst einmal nichts dagegen, den Umstand, dass jemand mit »plus« die Addition meint, dipositional in folgendem Sinne zu analysieren: S meint mit »plus« die Additionsfunktion genau dann, wenn S ceteris paribus dazu disponiert ist, auf Additionsfragen mit der Nennung der Summe zu reagieren. Eine derartige Charakterisierung ist nicht nur geeignet, dem Endlichkeitsvorwurf zu begegnen, sondern auch dem Fehlervorwurf, da sie einen Standard benennt, der Abweichungen als Fehler auszuzeichnen erlaubt. Allerdings ist sie nicht dazu geeignet, jemandem, der noch nicht über den Begriff der Summe oder der Addition verfügt, zu erklären, was mit »plus« gemeint ist. Dies ist aber nur dann problematisch, wenn man Kripkes Anforderungen für berechtigt hält.

Kripkes Argumente gegen den Dispositionalismus sind also nicht triftig. Es scheint daher, als wäre der dispositionalistische Ansatz geeignet, das Verstehen einer Sprache zu erläutern. Auf diese Weise ließe sich auch den obigen Problemen rund um das Regelfolgen entgehen. Sprachverhalten wäre dann bloß ceteris paribus regelmäßiges und kein regelfolgendes Verhalten. Das ist aber wenig überzeugend. Der Umstand, dass man unter idealen Bedingungen zu sprachlichem und nicht-sprachlichem Verhalten einer bestimmten Art disponiert ist, mag als Grundlage der Formulierung eines Standards des richtigen Gebrauchs sprachlicher Ausdrücke hinreichen, für die Zuschreibung eines Verständnisses dieser Ausdrücke reicht er nicht hin. Der Grund dafür ist, dass der Begriff der Disposition für sich genommen ungeeignet ist, intelligentes von nicht-intelligentem Verhalten zu unterscheiden, und Verstehen sich nur in intelligentem Verhalten zeigen kann.277 Wie auch immer der Begriff der Intelligenz genau zu bestimmen ist, es dürfte unstrittig sein, dass ein bloß reflexartiges Verhalten, etwa die Streckung des Kniegelenks nach einem leichten Schlag auf die Patellarsehne, ein bloß konditioniertes Verhalten wie die Produktion von Speichel nach dem Hören eines Glockenlautes oder ein bloß mechanisches Verhalten wie das programmierte Verhalten eines hundeähnlichen Roboters kein Fall intelligenten Verhaltens ist. Es spricht aber nichts dagegen, derartiges Verhalten kausal-dispositional zu beschreiben. Tatsächlich sind reflexartiges, konditioniertes und mechanisches Verhalten Prototypen kausal beschreibbaren Verhaltens. Auch erfüllt das Verhalten in den genannten Fällen einen Standard, d.h., es ist ein regelgemäßes Verhalten. Die Streckung des Kniegelenks z.B. ist die angemessene oder richtige Reaktion auf den Schlag relativ zu einer evolutionstheoretisch fundierten funktionalen Beschreibung der Patellarsehne. Eine gesunde, intakte oder richtig funktionierende Patellarsehne sollte in dieser Weise reagieren. Ähnlich gilt für das konditionierte Verhalten, dass es relativ zu dem Ziel des Konditionierungsprozesses richtig ist, und das Verhalten des hundeähnlichen Roboters ist angemessen oder richtig relativ zu dem Programm, das ihm zugrunde liegt bzw. relativ zu den Absichten der Programmiererin. Wenn derartige Fälle aber keine Fälle intelligenten Verhaltens sind, dann sind es auch keine Fälle, in denen sich ein Verständnis manifestiert. Und es dürfte unstrittig sein, dass sich in diesen Fällen tatsächlich kein Verständnis manifestiert. Was muss hinzukommen? Eine naheliegende Antwort lautet: Es handelt sich in den genannten Fällen nicht um Handlungen und nur Handlungen sind intelligentes Verhalten, weshalb sich ein Verständnis nur in Handlungen zeigen kann. So überzeugend diese Antwort auf den ersten Blick scheint: Die obigen Überlegungen zum rezeptiven Verstehen haben es fraglich erscheinen lassen, dass Absichten notwendig für intelligentes Verhalten sind. Es wird daher an dieser Stelle behauptet, dass die genannten Fälle deshalb keine Fälle intelligenten Verhaltens sind und daher auch keine Fälle, in denen sich ein Verständnis zeigt, weil dem Subjekt des Verhaltens typischerweise eine normative Einstellung gegenüber dem eigenen Verhalten fehlt.278 Zumindest ist eine derartige Einstellung unwesentlich für das Verhalten. Sie ist aber wesentlich für intelligentes und verständiges Verhalten, weil ein solches Verhalten nicht nur richtig (im weiten Sinne),279 sondern richtig aufgrund einer kognitiven Leistung des Subjekts ist. Etwas zu verstehen ist ein kognitiver Erfolg. Das Subjekt des Verstehens kann nicht nur etwas richtig tun, sondern hat erkannt, was richtig ist, und kann deshalb das Richtige tun. Das heißt aber: Es gibt für das Subjekt selbst einen Unterschied zwischen richtig und falsch. Das Subjekt hat daher notwendig eine normative Einstellung gegenüber seinem Verhalten, wenn sich darin ein Verständnis manifestiert. Entsprechend versteht ein Subjekt einen sprachlichen Ausdruck nicht bereits dann, wenn es dazu disponiert ist, ihn auf eine richtige Weise zu gebrauchen, es muss außerdem für das Subjekt selbst eine richtige Weise sein. Dass sprachliche Ausdrücke keine Bedeutung hätten, wenn es keinen Unterschied zwischen ihrer richtigen und ihrer falschen Verwendung gäbe, schlägt auf das Verstehen des Ausdrucks durch: Wer einen Ausdruck versteht, für den gibt es einen Unterschied zwischen richtigen und falschen Gebrauchsweisen des Ausdrucks. Das Subjekt des Sprachverstehens muss daher sowohl im Gebrauch eines sprachlichen Ausdrucks als auch im Nachvollzug des Gebrauchs durch andere ein Bewusstsein für einen derartigen Unterschied haben; es muss eine normative Einstellung dem Gebrauch gegenüber einnehmen, damit es als verstehendes Subjekt gelten kann.280 In diesem Sinne lässt sich behaupten, dass Sprachverstehen normativ ist. Zudem lässt sich die Normativität des Sprachverstehens folgendermaßen verallgemeinern: Jedes Verstehen ist ein kognitiver Erfolg; jeder kognitive Erfolg setzt die Möglichkeit eines kognitiven Misserfolgs voraus; jede Unterscheidung zwischen (kognitivem) Erfolg und Misserfolg setzt einen Standard voraus, der es erlaubt, einen Erfolg (und dadurch mittelbar auch einen Misserfolg) als solchen auszuzeichnen; ein Standard ist eine Norm; also setzt jedes Verstehen eine Norm voraus, die zumindest implizit erkannt wird; wenn sich die Norm auf ein Verhalten bezieht, erfordert die implizite Erkenntnis der Norm, dass das Subjekt Verhalten, das der Norm gemäß ist, von Verhalten unterscheiden kann, das der Norm nicht gemäß ist (oder nicht in den Bereich der Norm fällt). Unter dieser Bedingung erfordert jedes Verstehen eine normative Einstellung des Subjekts des Verstehens gegenüber dem Verhalten. Für die Formen des Verstehens, die im Kontext dieser Arbeit untersucht werden – das Verstehen (bestimmter) sprachlicher und nicht-sprachlicher Praktiken – gilt daher, dass Verstehen normativ ist.281

Kripkes Überlegungen lassen sich als Versuch begreifen, eben dieser normativen Dimension des Verstehens und Bedeutens Rechnung zu tragen. Nur sieht er nicht, dass dazu nicht angenommen werden muss, dass Regeln als Gründe das Sprachverhalten leiten. Dabei ist die Annahme zunächst naheliegend, und zwar bereits aufgrund des mehrfach angesprochenen engen Verhältnisses von Sprachverstehen und Bedeutungserklärungen. Wer einen Ausdruck versteht, kann sein Verständnis explizit machen, seinen Gebrauch des Ausdrucks erklären. Sein Verständnis ist ihm zugänglich, er kann es auslegen. Häufig wird in diesem Zusammenhang von der »Transparenz der Bedeutung« gesprochen. Warren Goldfarb sieht hierin eine Grundannahme Kripkes, die u.a. erklärt, weshalb Kripke der Ansicht ist, physikalistische Reduktionen seien hoffnungslos:

Yet it can be urged that meaning is, so to speak, transparent. We operate fluently with the notion; we are ordinarily quite certain in our ascriptions; when doubt arises, we know how to proceed – and our procedures do not include physiological investigation. These practices reflect conceptual features of our notion of meaning. No reduction to hidden physical facts can carry these conceptual features with it; in that sense, meaning is not conceptually constituted by physical states. This seems crucial to Kripkes conclusion that there are no facts of meaning.282

Tatsächlich gilt Transparenz häufig als allgemeine Eigenschaft des Verstehens, gleich, ob es sich um Sprachverstehen oder um andere Formen des Verstehens handelt.283 Ob, und wenn ja, in welchem Sinne Verstehen transparent ist, wird noch ausführlich zu diskutieren sein. Am überzeugendsten ist aber, so viel sei vorweggenommen, dass Verstehen transparent ist, insofern das Verstandene reflexiv zugänglich ist, das heißt, dass das Subjekt des Verstehens sprachliche oder nicht-sprachliche Handlungen als Ausdruck seines Verständnisses begreifen kann. Dass das Verstehen reflexiv zugänglich und ausdrückbar in diesem Sinne ist, heißt aber weder, dass es ausgedrückt werden muss, bevor es sich im Verhalten manifestieren kann, noch dass der Ausdruck (in einem unklaren Sinne) implizit leitend für das Verhalten ist, in dem sich das Verstehen manifestiert. Nichts muss der Manifestation des Verstehens vorausgehen, damit diese als Manifestation des Verstehens begriffen werden kann.284 Dies nicht gesehen zu haben, ist Kripkes Versäumnis.

Wie aber ist die erforderliche normative Einstellung genau zu denken, wenn sie nicht das Ergebnis eines zuvor betrachteten Standards sein soll? Ist es denkbar, dass jemand zu etwas ohne Grund eine normative Einstellung einnimmt? Wenn es denkbar ist, weshalb sollte eine derartige Einstellung Ausdruck eines Verständnisses sein? Diesen Fragen soll nun im Anschluss an Überlegungen Ginsborgs nachgegangen werden.

2.6.9 Primitiv normatives Bewusstsein

Ginsborg entwickelt ihre Konzeption der normativen Einstellung im Anschluss an eine Diskussion einiger Überlegungen Barry Strouds, der sich wiederum mit grundlegenden sprach- und geistphilosophischen Gedanken Wittgensteins auseinandersetzt.285 Strouds Überlegungen münden in eine nicht-reduktionistische Auffassung von Bedeutung und Verstehen, die er auch Wittgenstein attestiert.286 Seiner Ansicht nach kann sprachliche Praxis nicht unabhängig von semantischem und intentionalem Vokabular beschrieben werden. Was Stroud dabei Ginsborg zufolge gelingt, ist, deutlich zu machen, dass die verbreitete Annahme verfehlt ist, »that meaning or understanding something by an expression is a matter of being instructed, guided, or justified in the use of that expression«, und insoweit ihm das gelingt, gelingt es ihm auch, die Auffassung zu verteidigen, »that the meaning of an expression is not something which underlies the use of an expression, but rather something which the expression has in virtue of how it is used.«287 Mit anderen Worten: Stroud gelingt es, überzeugend für eine gebrauchstheoretische Grundlegung sprachlicher Bedeutung zu argumentieren, und ein wesentlicher Zug seiner Argumentation besteht in der Zurückweisung des oben diskutieren Verständnisses des Regelfolgens. Was Ginsborg hingegen kritisiert, ist Strouds anti-reduktionistische Perspektive. Zwar stimmt sie mit ihm darin überein, dass ein reduktiver Dispositionalismus verfehlt ist, aber daraus folge noch nicht, dass man Bedeutungstatsachen als primitive Tatsachen annehmen müsse.288 Ginsborg ist vielmehr der Ansicht, dass eine teilreduktive Erklärung von Bedeutung möglich sei. Deskriptiv-reduktiven Theorien gelingt es ihr zufolge nicht, die Normativität sprachlicher Bedeutung zu erklären, aber sie könnten um ein irreduzibel normatives Element ergänzt und so für eine teilreduktive Erklärung nutzbar gemacht werden. Ginsborg versucht insofern einen Mittelweg zwischen einem »Regularismus«, der Sprachverhalten als bloß regelmäßiges begreift, und einem »Regulismus«, der es als regelgeleitet begreift, dabei aber ein platonistisch-intellektualistisches Modell vom Regelfolgen zugrunde legt, aufzuzeigen.289 Der Schlüssel zu ihrer Konzeption der Normativität der Bedeutung ist eine Verschiebung der Fragerichtung: weg von der Frage »Was heißt es, dass Bedeutung normativ ist?« hin zu der Frage »Was heißt es, eine Äußerung zu verstehen?«290 Damit vollzieht sie eben jene methodische Neuausrichtung, die auch für die vorliegende Arbeit grundlegend ist.

Um deutlich zu machen, was an einem reduktiven Dispositionalismus verfehlt ist, betrachtet sie ein Beispiel aus den PU, das Wittgenstein für eine primitive Sprache gibt, die dem augustinischen Bild von Sprache entspricht. In Paragraf 2 skizziert Wittgenstein eine Sprache, die einem Bauenden und seinem Gehilfen zur Verständigung dient.291 Sie enthält lediglich vier Wörter, »Balken«, »Säule«, »Platte« und »Würfel«, deren Äußerung dem Bauenden erlaubt, den Gehilfen aufzufordern, ihm Baumaterialien vom entsprechenden Typ zu bringen. Angenommen, dieses ›Sprachspiel‹ ließe sich in Sinne einer dispositionalen Analyse ausschließlich unter Verwendung kausalen Vokabulars beschreiben, dann, so Ginsborg, hätten die Ausdrücke immer noch keine Bedeutung, zumindest nicht für die Subjekte selbst:

If […] automata were programmed to produce and respond to expressions of language-game § 2 in just the way the builder and his assistant do, it would be intuitively implausible to claim that the expressions were meaningful, at least for the automata themselves. The same would be true, although perhaps to a lesser extent, in the case of animals who were conditioned to respond to the expressions by fetching the corresponding building-stones. It seems, again intuitively, that there is a distinction between an animal’s being disposed to respond in a certain way to a shout of “Slab” and its understanding the shout, or attaching a meaning to it.292

Ginsborg hält es schlicht für kontraintuitiv, dass eine rein kausale Beschreibung von Verhalten dieses als Ausdruck eines Verstehens begreiflich machen kann. Entscheidend ist dabei für Ginsborg nicht etwa, dass Automaten oder Tiere keine intelligenten Lebewesen sind und nur intelligente Lebewesen etwas verstehen können. Selbst, wenn man annimmt, der Bauende und sein Gehilfe seien Menschen und kompetente Sprecher einer natürlichen Sprache, sei dies nicht genug »to secure the intuition that their use of the expressions, as described in purely extensional terms, is meaningful.«293 Der Bauende und sein Gehilfe könnten sich sogar bewusst sein, dass bestimmte Laute, geäußert vom Bauenden, ein bestimmtes Verhalten des Gehilfen verursachen: Dies wäre immer noch nicht hinreichend, um von dem Gehilfen beispielsweise zu sagen, er verstehe die Äußerung des Bauenden »as opposed to merely believing that the shout had a certain effect on him.«294 Was fehlt aber? Eine nicht-reduktive Antwort im Sinne Strouds würde lauten: Was fehlt ist schlicht, dass der Gehilfe den Ausdruck versteht. Ginsborg ist das zu wenig. Anders als Stroud glaubt sie, man könne an dieser Stelle mehr sagen, ohne sich auf die problematische Annahme eines mentalen Zustandes mit verhaltensleitender Funktion festzulegen:

Here I disagree. For I think that we can say something substantive about what is missing from the situation without committing ourselves to the objectionable assumption that meaning requires guidance by an inner state. What we can say is missing, I want to suggest, is the assistant’s consciousness, when he brings the slab, that he is responding appropriately to the sound he has heard.295

Was Ginsborg zufolge fehlt, ist ein Bewusstsein von der Angemessenheit des Sprachverhaltens. Das Verhalten muss (von dem Subjekt selbst) als angemessene Reaktion aufgefasst werden. Wenn die Situation inklusive des normativen Bewusstseins beschrieben wird, kann von dem Gehilfen gesagt werden, dass er die Äußerung versteht, und daher auch von der Äußerung, dass sie eine Bedeutung hat:

What we are imagining, then, is that he [the assistant, D.S.] conceives the relation between the builder’s shout and his own response not just as causal but also as normative: he takes the shout not only to elicit, but also to make appropriate, the response which he is giving. To imagine the situation with this added element, I want to suggest, is to imagine the assistant responding with understanding to the builder’s command. So the added element – the assistant’s consciousness of the appropriateness of his response to the shout of “Slab” – gives us what we need to accept the situation, intuitively, as one in which “Slab” has a meaning.296

Wer mit Verständnis z.B. auf eine Sprachhandlung antwortet, kann seine Reaktion nicht bloß als Wirkung auf eine Ursache, sondern muss sie zumindest auch als angemessene Reaktion begreifen, so lautet die Intuition Ginsborgs.297 In diesem Sinne ist das Verstehen sprachlicher Äußerungen normativ und insoweit ist auch sprachliche Bedeutung normativ. Da sie die normative Einstellung der Subjekte des Sprachverstehens nicht fassen können, sind deskriptiv-reduktive Theorien verfehlt.

Ginsborg begründet oder erklärt ihre Intuitionen nicht weiter, sie stehen aber im Einklang mit den obigen Überlegungen zur Normativität des Verstehens. Bloß kausales Verhalten kann kein intelligentes Verhalten und damit keine Manifestation eines Verstehens sein. Die eigentliche Pointe von Ginsborgs Konzeption liegt aber nicht darin, der Normativität des Verstehens gerecht zu werden, sondern das normative Bewusstsein als primitives zu fassen. Das Bewusstsein ist primitiv, insofern es keinerlei Kenntnis eines semantischen Standards voraussetzt. Es sei verständlich, von dem Subjekt zu behaupten, dass es eine normative Einstellung zu dem eigenen Verhalten einnehmen, es mithin als angemessene Reaktion auf eine Äußerung (oder allgemeiner: eine bestimmte Situation) begreifen könne, ohne die Bedeutung der Äußerung zu kennen oder das eigene Verhalten als ein Bestimmtes begreifen zu müssen, d.h., ohne die Äußerung oder das eigene Verhalten unter Begriffe bringen zu müssen:

I want to claim that we can make sense of his having a ‘primitive’ consciousness of the appropriateness of his response which does not depend on the antecedent grasp of a rule or standard determining that response as correct rather than incorrect, or even on the awareness that there is such a rule or standard. As I see it, it is perfectly intelligible to suppose that he can, in bringing the slab, take his behavior to ‘fit’ the builder’s utterance, without his attitude presupposing either that he grasps the meaning of ‘Slab’ or that he possesses a corresponding concept slab. He does not need to conceive either of the builder as telling him to bring a slab, or of himself as bringing a slab, in order to take what he is doing to be appropriate to the builder’s utterance: he can simply think, as he is bringing the slab, that this (what he is now doing) is appropriate to that (what he has just heard). And to make the stronger point: this is something he can think, not only prior to grasping what ‘Slab’ means or grasping the particular concept of slab, but prior to thinking of it as so much as meaningful, or of conceiving the slab he is bringing as belonging under a sortal concept at all.298

Die normative Einstellung setzt also nach Ginsborg kein semantisches oder intentionales Vokabular voraus, abgesehen von demjenigen, mittels dessen die normative Einstellung selbst charakterisiert wird: denn es handelt sich hierbei nicht um ein bloßes Gefühl, sondern um einen intentionalen Zustand, in dem etwas als angemessen verstanden wird.299 Die normative Einstellung macht die Reaktion auf die Äußerung zu einer verständigen oder intelligenten in einem – ebenfalls – primitiven Sinne, insofern sie verständig ist, ohne dass die Äußerung als eine bestimmte verstanden wird, und kann so herangezogen werden, um zu erläutern, was es heißt, ein bestimmtes Verständnis zu haben und damit, was es heißt, dass Äußerungen eine Bedeutung haben, so Ginsborg.300 Kombiniert mit einer dispositionalen Beschreibung regelgemäßen Verhaltens führt die Konzeption einer primitiven normativen Einstellung daher zu einer teilreduktiven Erklärung sprachlicher Bedeutung und sprachlichen Verstehens:

The meaningfulness of expressions on this account is constituted, as on the reductive view, by the fact that we are disposed to use them in certain regular ways, but with the proviso that, in using them we take our uses to be appropriate in the primitive way which I have outlined. […] The only intentional content it [the account, D.S.] takes for granted is whatever content is involved in the consciousness of normativity as such. All other contents are, so to speak, constructed, by means of this consciousness, out of the raw material of our nonintentionally characterized responsive dispositions. Now if this partially reductive account is correct, then someone who is disposed to respond to “plus” questions with the sum, and, in so doing, to regard her response as primitively appropriate, thereby counts as meaning addition by “plus.”301

Ginsborg präsentiert damit einen innovativen und prima facie vielversprechenden bedeutungstheoretischen Ansatz. Die Überzeugungskraft ihres Vorschlags hängt zum einen davon ab, ob eine reduktive dispositionale Erklärung sprachlichen Verhaltens als regelgemäßes Verhalten möglich ist. Zum anderen hängt sie davon ab, ob es verständlich ist, dass jemand ein primitives Bewusstsein von der Angemessenheit seines Sprachverhaltens (im weiten Sinne) haben kann. Was die erste Frage angeht, haben die obigen Überlegungen gezeigt, dass sich ein dispositionalistischer Ansatz zumindest gegen zwei besonders gewichtige Einwände Kripkes verteidigen lässt. Für eine umfassende Verteidigung müsste selbstverständlich mehr geleistet werden: Insbesondere müsste gezeigt werden, dass eine dispositionale Analyse ohne Verwendung intentionalen Vokabulars auskommen kann. Dies kann und muss hier aber nicht geschehen. Eine systematische Bedeutungstheorie ist nicht das Ziel der vorliegenden Untersuchung. Vielmehr geht es darum, grundlegende Merkmale des Sprachverstehens herauszuarbeiten. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, dass sprachliche Zeichen einen Sinn aufgrund ihres verständigen Gebrauchs haben; ob dieser reduktiv beschrieben werden kann oder nicht, ist zweitrangig, solange den bisher herausgearbeiteten Ergebnissen Rechnung getragen wird: Erstens kann der Gebrauch kein bloß regelgemäßer sein, sonst ist unklar, was ihn zu einem intelligenten und damit auch, was ihn zu einem verständigen macht. Zweitens kann der Gebrauch nicht in dem Sinne regelgeleitet sein, dass ihm ein Regelverständnis vorausgeht, das ihn anleitet und rechtfertigt. Drittens muss das Subjekt des Verstehens eine normative Einstellung zu seinem Gebrauch haben, da er nur insoweit einen Sinn (für das Subjekt und für jedes andere Subjekt) hat, als es einen Unterschied zwischen richtigem und falschem, angemessenem oder unangemessenem Gebrauch für das Subjekt selbst gibt. Sowohl Strouds nicht-reduktiver als auch Ginsborgs teilreduktiver Ansatz tragen diesen Punkten Rechnung. Sollte Ginsborgs Vorschlag also nicht überzeugen können, wäre eine nicht-reduktive Erklärung im Anschluss an Stroud eine Rückzugsposition, die den bisherigen Ergebnissen ebenso gerecht wird.

Tatsächlich ist insbesondere Ginsborgs Konzeption einer primitiv normativen Einstellung mit einer Reihe von Problemen konfrontiert. Zunächst lässt sich mit Adrian Haddock fragen, weshalb Ginsborgs Vorschlag eine Alternative zu einer nicht-reduktiven Position sein sollte:302 Ihr Rekurs auf eine normative Einstellung mit einem bestimmten begrifflichem Gehalt sieht sich wie jede andere von Kripke diskutierte Position der Frage ausgesetzt, welche Tatsache diesen Gehalt konstituiert, und Ginsborg kann einem drohenden Regress offenbar nur entgehen, indem sie annimmt, der Gehalt der normativen Einstellung sei irreduzibel. Dann bietet sie aber keine grundsätzliche Alternative zu nicht-reduktiven Ansätzen, die prinzipiell dieselbe Strategie verfolgen. Ihr Vorschlag ist daher nicht notwendig, um den Regress zu vermeiden. Dies wird deutlich, wenn man fragt, aufgrund welcher Tatsache die primitiv normative Einstellung eine ist, durch die eine Reaktion als angemessen beurteilt wird, im Unterschied zu »quangemessen«, wobei etwas quangemessen ist, wenn es primitiv angemessen in der Vergangenheit war und nun nicht mehr primitiv angemessen ist. Da Ginsborg Kripkes Gedanken ablehnt, dass die normative Einstellung eine ist, die aufgrund eines vorgängigen (oder die Einstellung begleitenden) mentalen Zustandes des Subjekts eingenommen wird und sie sie auch nicht auf die Dispositionen des Subjekts zurückführen möchte, vertritt sie offenbar die Ansicht, dass das primitive Bewusstsein des Subjekts intrinsisch gehaltvoll ist. Wenn aber intrinsisch gehaltvolle Zustände angenommen werden können, um Kripkes Bedeutungsskeptizismus zu entgehen, dann ist Ginsborgs Erklärung nicht nötig, um dem Bedeutungsskeptizismus zu entgehen. Ein ›naiver‹ nicht-reduktiver Ansatz, wonach jemand genau dann X mit seinem Ausdruck zu verstehen gibt, wenn er X meint, ist ebenso geeignet, eine Antwort auf den Skeptiker zu geben: Die Tatsache, die konstitutiv dafür ist, dass jemand mit »+« die Addition meint, ist die, dass er mit »+« die Addition meint.303

Haddocks Einwand überzeugt, soweit er reicht. Ginsborgs Vorschlag ist nicht notwendig, um dem Regress zu entgehen. Das heißt aber nicht, dass ihre Position keinen Vorteil gegenüber dem naiven Ansatz hätte. Zum einen ist sie offensichtlich sparsamer, insofern sie lediglich den Begriff der Angemessenheit voraussetzt. Zumindest dem Anspruch nach reicht dies in Verbindung mit einer dispositionalen Analyse hin, um die Bedeutung eines jeden sprachlichen Ausdrucks zu erklären. Der naive Ansatz setzt diese Bedeutung schlicht voraus. Zum anderen stellt Ginsborg das intime Verhältnis zwischen Verstehen und Normativität heraus, das prinzipiell weiter entfaltet werden kann und muss, wie noch deutlich werden wird. Der naive Ansatz hat hierzu wenig zu sagen. Es spricht daher mehr für Ginsborgs Vorschlag als der Umstand, dass sie Kripkes Deutungsregress entgeht.

Dessen ungeachtet muss Ginsborg mehr zu dem Begriff der primitiv normativen Einstellung sagen. Zum einen scheint der Fall, dass jemand etwas aufgrund eines begrifflichen Verständnisses für richtig oder falsch, angemessen oder unangemessen hält, der Standardfall zu sein, und es ist zumindest nicht offenkundig, was es heißen könnte, eine primitiv normative Einstellung einzunehmen. Eine Standarderklärung der normativen Einstellung des Gehilfen wäre z.B. diese: Er begreift sein Bringen einer Platte als angemessene Reaktion auf den Ruf »Platte«, weil er verstanden hat, dass »Platte« bring mir eine platte bedeutet und Platten Gegenstände von derselben Art sind wie der Gegenstand, den er bringt. Genau dieses Verständnis der normativen Einstellung weist Ginsborg aber zurück, wenn sie behauptet, die primitive normative Einstellung hinge nicht ab von »the antecedent grasp of a rule or standard determining that response as correct rather than incorrect.«304 Wie ist es aber dann zu verstehen?

Die Frage wird umso dringlicher, bedenkt man, dass das Subjekt offenbar ein vorgängiges Verständnis davon haben muss, dass die eigene Reaktion auch falsch oder inkorrekt sein könnte, schließlich kann man nur dann etwas als angemessen begreifen, wenn man ein Verständnis davon hat, was unangemessen wäre. Dieses Verständnis scheint aber vorauszusetzen, dass das Subjekt einen Standard kennt, relativ zu dem falsche oder inkorrekte (und damit auch richtige oder korrekte) Reaktionen ausgezeichnet werden können. Ginsborg antizipiert diesen Einwand; ihre Reaktion ist allerdings wenig überzeugend. Ihr zufolge erfordert die primitive normative Einstellung keine vorhergehende Anerkennung eines Kontrastes zwischen korrektem und inkorrektem Verhalten, denn

[i]n taking his response to be appropriate the assistant is, at least in the first instance, contrasting it not with responses which are inappropriate (incorrect, mistaken), but with the broader class of responses which lack the feature of being appropriate. This includes not just (what we would call) cases of incorrectness or being mistaken, but also cases where the question of correctness does not arise, as for example if he were to react to the builder’s shout by sneezing, or if a startled bird were to respond by flying away.305

Es ist aber unklar, weshalb diese Entgegnung geeignet sein soll, den Einwand zu entkräften. Erstens kann das Problem auch für den Fall formuliert werden, dass die Kontrastklasse weiter ist als die der unangemessenen Verhaltensweisen. So lässt sich nun fragen, ob man das eigene Verhalten nicht nur dann als angemessen klassifizieren kann, wenn man ein Vorverständnis von der Möglichkeit nicht-angemessenen Verhaltens hat, und ob dieses Verständnis nicht seinerseits das Verständnis eines Standards voraussetzt, der angemessenes von nicht-angemessenem Verhalten abzugrenzen erlaubt.

Zweitens muss das Subjekt prinzipiell in der Lage sein, unangemessenes von nicht-angemessenem Verhalten zu unterscheiden, um das eigene Verhalten als angemessen im für das Verstehen einer Sprache relevanten Sinne begreifen zu können.306 Angenommen, das Subjekt könnte zwar einen Unterschied machen zwischen seinem Bringen einer Platte als angemessener Reaktion auf den Ruf »Platte« einerseits und seinem Bringen einer Säule oder seinem Niesen oder dem Wegfliegen eines Vogels als nicht-angemessenen Reaktionen auf den Ruf »Platte« andererseits; aber keinen Unterschied zwischen seinem Bringen einer Säule als unangemessener Reaktion sowie seinem Niesen oder dem Wegfliegen eines Vogels als weder angemessenen noch unangemessenen Reaktionen; welchen Begriff von Angemessenheit hätte das Subjekt dann? Um etwas als angemessen begreifen zu können, muss man offenbar in der Lage sein, etwas als unangemessen begreifen zu können. Wenn der Gehilfe nicht in der Lage ist, unangemessenes von irrelevantem Verhalten zu unterscheiden, kann er kein Verhalten als Fehlverhalten begreifen. Was hieße es aber, von jemandem zu behaupten, er begreife ein Verhalten als richtig (angemessen), wenn er nicht versteht, was fehlerhaftes Verhalten ist?307 Darüber hinaus ist unklar, wie der Gehilfe oder irgendjemand unter dieser Annahme überhaupt die illokutionäre Rolle von Aufforderungen begreifen kann.308 Wenn der Gehilfe z.B. keinen Unterschied zwischen seinem Niesen und seinem Bringen eines anderen als dem verlangten Gegenstand macht, hat er den Witz von Aufforderungen nicht verstanden, denn zu einem Niesen kann man nicht auffordern. Ebenso wenig ist das Verhalten, das man zeigt, wenn man einer Aufforderung nachkommt, eine Reaktion, die rein kausal begriffen werden kann wie beispielsweise die Reaktion des Vogels.

Ginsborg wäre also schlecht beraten, wenn sie an ihrer Entgegnung festhielte. Allerdings ist auch nicht klar, weshalb sie dazu gezwungen sein sollte. Sie kann beiden Einwänden entgehen, indem sie deren gemeinsame Voraussetzung zurückweist. Sie kann einräumen, dass (i) das Subjekt in der Lage sein muss, angemessene von unangemessenen Reaktionen zu unterscheiden, um eine Reaktion als angemessene begreifen zu können; und sie kann einräumen, dass (ii) das Subjekt ein Verständnis davon haben muss, was eine unangemessene Reaktion wäre, um ein Verständnis davon haben zu können, was eine angemessene Reaktion ist. Zugleich kann sie bestreiten, dass das Subjekt einen allgemeinen Standard kennen oder an ihm orientiert sein muss, um eine konkrete Reaktion als angemessen beurteilen zu können. Was den ersten Punkt anbelangt, ist es nicht unverständlich, zu behaupten, dass jemand etwas als unangemessene oder angemessene Reaktion simpliciter begreift, d.h., ohne auch nur sagen zu können, warum die Reaktion angemessen oder unangemessen ist.309 Es ist ein regelmäßiges Phänomen, dass kompetente Sprecherinnen beispielsweise lediglich sagen können, dass der Gebrauch eines bestimmten Worts im Unterschied zu einem anderen in einer bestimmten Situation angemessen ist, ohne sagen zu können, warum dies so ist, oder auch nur, worin der semantische Unterschied zwischen beiden Worten liegt. Ähnlich verhält es sich mit Urteilen hinsichtlich grammatischer Angemessenheit. Aber auch grundsätzliche moralische oder sittliche Urteile sind häufig von dieser Art. Sicher können die jeweiligen Subjekte über die konkreten Situationen nachdenken und versuchen, allgemeingültige Erklärungen für ihre sprachlichen oder moralischen Intuitionen zu geben, aber dies ist keine Bedingung für ihre sprachliche oder moralische Kompetenz. Vielmehr ist die Möglichkeit zur gelingenden Reflexion umgekehrt davon abhängig, dass sie zu angemessenem Verhalten fähig sind und dieses intuitiv als angemessen begreifen. Entscheidend ist in diesen Fällen, dass das Subjekt in der konkreten Situation eine angemessene Reaktion zeigt und diese intuitiv, d.h. spontan und unmittelbar, als angemessen begreift. Das normative Bewusstsein muss kein diskursives sein, d.h., es muss kein (bewusster) Schluss sein.

Ginsborg bezieht sich auf einige Beispiele Wittgensteins, die in eine ähnliche Richtung weisen, um die Idee der primitiv normativen Einstellung zu illustrieren. So rekurriert sie unter anderem auf sein Beispiel einer Zeigegeste und erklärt, dass wir ihr unmittelbar folgen, indem wir in Richtung der Fingerspitze und nicht in Richtung des Handgelenks schauen und diese Reaktion als angemessen begreifen:

When we react to the pointing hand by looking in the direction from wrist to fingertip we are also aware, or at least potentially aware, of the appropriateness of that reaction to the hand. We not only look in that direction, but also take that to be the (appropriate) direction to look in, and our taking that direction to be the (appropriate) one to look in is just as much a part of the reaction as the looking itself.310

Entscheidend ist hier nach Ginsborg, dass es gewissermaßen natürlich ist, in Richtung der Fingerspitze zu blicken und dies für die angemessene Reaktion zu halten, ohne dass es hierzu eines Grundes bedürfte. Insbesondere muss man kein Wissen davon haben, dass es gängige Praxis ist, dies zu tun, oder glauben, dass die Zeigegeste so zu verstehen ist bzw. diese Bedeutung hat.311 Auch muss man nicht glauben, dass man in der Vergangenheit immer in Richtung Fingerspitze geblickt hat und dies immer angemessen war, weshalb man nun auch in diese Richtung blicken muss, sofern man mit dem vergangenen Verhalten in Einklang agieren möchte.312 Man schaut einfach Richtung Fingerspitze und hält dies für angemessen.

Wenngleich Ginsborgs Beispiel auf den ersten Blick erhellend scheint, stellt sich auf den zweiten Blick doch die Frage, was die primitiv normative Einstellung in diesem Fall dem bloßen Verhalten hinzufügt. Was unterscheidet die Reaktion, in Richtung Fingerspitze zu blicken, von der, in Richtung Fingerspitze zu blicken und dies primitiv für angemessen zu halten?313 Gerade die ›Natürlichkeit‹ der Reaktion zwingt diese Frage auf. Das Blicken in Richtung Fingerspitze droht als bloßer Automatismus, als reflexartiges Verhalten verstanden werden zu müssen. Dann würde es sich aber nicht um ein intelligentes Verhalten handeln. Sicher kann Ginsborg behaupten, dass es sich um ein intelligentes Verhalten handelt, weil das Subjekt seine Reaktion für angemessen hält; dies allein kann aber nicht hinreichend für intelligentes Verhalten sein. Vielmehr muss die normative Einstellung eine Erklärung dafür bereitstellen, dass das Verhalten von der jeweiligen Art ist. Eine derartige Erklärung scheint aber unter den Annahmen Ginsborgs nicht möglich, denn die normative Einstellung ist Ginsborg zufolge weder semantisch begründet noch selbst ein Grund für das Verhalten:

If the normative attitude is of this primitive kind, then we can ascribe it to the assistant without committing ourselves to the idea that there is anything guiding his response to the builder’s utterance, or instructing him in how to respond. […] We do not need to think of him as responding as he does because he recognizes his response as appropriate[.]314

Damit droht die normative Einstellung aber für das Verhalten selbst unwesentlich zu werden. Zwar mag sie eine Erklärung dafür bereitstellen, was es heißt, das Verhalten als ein bestimmtes zu verstehen, nämlich als eine angemessene Reaktion auf die jeweilige Situation, aber damit wird das Verhalten selbst noch nicht zum Ausdruck eines Verständnisses, nämlich davon, was in der Situation zu tun angemessen ist. Eben deshalb ist die primitiv normative Einstellung auch keine hinreichende Bedingung für intelligentes Verhalten. Das skizzierte Problem soll »Manifestationsproblem« heißen. Es besteht darin, zu erklären, was ein Verhalten zur Manifestation eines Verständnisses (und damit intelligent) macht. Die These, die an dieser Stelle vertreten wird, besagt, dass Ginsborgs primitiv normative Einstellung das Manifestationsproblem nicht lösen kann. Die folgenden Überlegungen sollen deutlich machen, weshalb dies so ist.

Die Schwierigkeit des Manifestationsproblems liegt nicht darin, zu erklären, wie ein Verhalten verstanden werden kann, sondern darin, wodurch es zu einem verständigen wird. Im ersten Fall wird das Verhalten als Objekt eines Verstehens betrachtet, im zweiten ist es Ausdruck eines Verstehens. Im Falle des Sprachverhaltens ist es beides zugleich, zumindest unter den anti-intellektualistischen und pragmatischen Annahmen, die für Ginsborg, Stroud und den Verfasser der vorliegenden Arbeit leitend sind. Es handelt sich lediglich um unterschiedliche Aspekte. Indem Ginsborg das primitive Bewusstsein vom Verhalten trennt, es als intentionale Einstellung konzipiert, die prinzipiell unabhängig von dem Verhalten eingenommen werden kann und außerdem keine kausale Wirksamkeit gegenüber dem Verhalten haben soll, reißt sie eine Erklärungslücke, von der unklar ist, wie sie geschlossen werden kann. Ein Beispiel kann dies verdeutlichen:

Patellarsehnenreflex. Angenommen, jemand lasse seine Reflexe von einer Ärztin untersuchen. Als der Patellarsehnenreflex ausgelöst wird, bewegt sich der Unterschenkel so, wie er sich bewegen sollte, und der Patient denkt währenddessen: »Die Bewegung ist eine angemessene Reaktion auf den Schlag der Ärztin.«

Der Patient in dem Beispiel verhält sich angemessen und nimmt eine normative Einstellung gegenüber seinem Verhalten ein. Dennoch handelt es sich nicht um ein intelligentes Verhalten, das als Ausdruck eines Verständnisses begriffen werden kann. Das Problem ist, dass die normative Einstellung nicht in der richtigen Weise mit dem Verhalten verknüpft ist. Wäre das Verhalten beispielsweise eine Konsequenz des Wunsches, sich angemessen zu verhalten, und der Überzeugung, dass es sich bei Verhalten der gezeigten Art um ein angemessenes handelt, wäre dies ein klarer Fall eines intelligenten Verhaltens, das als Ausdruck eines Verständnisses zu gelten hat, was zu tun in der jeweiligen Situation angemessen ist. So ist es aber nicht. Das Verhalten hängt nicht von der normativen Einstellung des Patienten ab. Zwar artikuliert sich in dem Beispiel tatsächlich ein Verständnis des Patienten und das Verständnis bezieht sich auch auf die Verhaltensreaktion, aber es ist für diese selbst unwesentlich, weshalb die Verhaltensreaktion auch kein Ausdruck dieses Verständnisses sein kann. Die Reaktion drückt überhaupt kein Verständnis aus. Vielmehr ist es die normative Einstellung des Patienten, die er in Form eines normativen Urteils einnimmt, die Ausdruck eines Verständnisses ist, und zwar Ausdruck seines Verständnisses davon, welche Reaktion in der konkreten Situation angemessen ist. Dieses Verständnis ist aber ein bloß theoretisches, das (begrifflich und kausal) unabhängig von der Disposition des Patienten ist, sich in der Situation auf eine angemessene Weise zu verhalten.

Da Ginsborg die primitiv normative Einstellung als eine begreift, die keinen Grund für das Verhalten gibt, ist nicht zu sehen, weshalb die Einstellung besser geeignet sein soll, Sprachverhalten als intelligent oder verständig auszuzeichnen, als die normative Einstellung des Patienten geeignet ist, sein Verhalten als Manifestation eines Verständnisses auszuzeichnen. Sicher ist die normative Einstellung des Patienten keine primitive in Ginsborgs Sinne, da sie ein umfangreiches begriffliches Verständnis voraussetzt. Dies ist für den Vergleich aber unwesentlich. Entscheidend ist vielmehr, dass sie begrifflich und kausal unabhängig von dem Verhalten des Patienten ist, es deshalb nicht erklären kann und nicht zu sehen ist, weshalb Ginsborgs primitiv normative Einstellung in einer besseren Lage sein sollte.

Ginsborgs Vorschlag, die primitiv normative Einstellung als intentionale Einstellung zu begreifen, führt zu einem weiteren Problem: Etwas als angemessen zu begreifen ist selbst ein intelligentes Verhalten, insofern es die Manifestation eines Verständnisses ist. Eben deshalb liegt es überhaupt nahe, das Sprachverhalten, das von diesem normativen Bewusstsein begleitet wird, als intelligentes zu verstehen. Insofern Ginsborgs Erklärung für intelligentes, verständiges Verhalten einen Allgemeinheitsanspruch erhebt, müsste dieselbe Erklärung für die primitiv normative Einstellung gelten. Auf den ersten Blick ist das keinesfalls abwegig, schließlich kann die Einstellung prinzipiell irrtümlich eingenommen werden: Wann immer etwas als angemessen verstanden, begriffen, klassifiziert wird, ist ein Irrtum möglich. Der Irrtum muss eine Möglichkeit für das Subjekt selbst sein; andernfalls ist schwer zu sehen, inwiefern es ein Verständnis davon haben kann, dass etwas angemessen ist. Das Subjekt muss also scheinbar eine normative Einstellung gegenüber seiner primitiv normativen Einstellung einnehmen. Wenn die normative Einstellung gegenüber der eigenen primitiv normativen Einstellung nun aber wiederum als primitiv normative Einstellung zu denken ist, dann folgt offensichtlich ein infiniter Regress, denn auch diese wäre als intentionale Einstellung mit begrifflichem Gehalt zu denken.315 Ist die Einstellung aber nicht als primitiv normative zu denken, ist eine solche nicht notwendig, um die Manifestation eines Verständnisses (oder intelligentes Verhalten) zu erklären. Dann stellt sich aber die Frage, weshalb sie im Falle des sprachlichen Verhaltens angenommen werden sollte.

Das Manifestationsproblem macht deutlich, dass die primitiv normative Einstellung nicht hinreichend für die Erklärung intelligenten Verhaltens im Allgemeinen und von Sprachverstehen im Besonderen ist; der aufgezeigte infinite Regress lässt es wiederum fraglich erscheinen, dass sie notwendig ist. Beide Probleme legen nahe, dass Ginsborgs primitiv normative Einstellung nicht leisten kann, was sie leisten soll, nämlich Sprachverhalten von bloß regelgemäßem auf der einen Seite und regelgeleitetem in einem platonistisch-intellektualistischen Sinne auf der anderen Seite abzugrenzen. Der Grund dafür liegt darin, dass Ginsborg die primitiv normative Einstellung im Kern als eine theoretische konzipiert, die das Sprachverhalten in Form eines urteilsähnlichen intentionalen Zustandes begleitet. Ironischerweise ähnelt ihre Konzeption damit in grundlegender Hinsicht dem platonistisch-intellektualistischen Regelmodell. Es wundert daher nicht, dass auch sie von einem infiniten Regress bedroht ist. Der Regress entsteht zwar nicht, weil Ginsborg einen mentalen Zustand mit begrifflichem Gehalt annimmt, der das Sprachverhalten anleitet, aber er entsteht, weil auch sie glaubt, der Normativität des Verstehens Rechnung tragen zu müssen, indem sie einen Zustand mit begrifflichem Gehalt annimmt, der das Verhalten zu einem normativen macht. Indem Ginsborg den begrifflichen Zustand zeitlich mit dem Verhalten zusammenfallen lässt, entgeht sie nicht nur dem Problem des Regresses nicht, sondern schafft sich außerdem ein neues Problem, nämlich dass nun unklar ist, wie das Sprachverhalten als Manifestation eines Sprachverstehens begriffen werden kann.

Welche Lehren sind aus der vorangegangenen Diskussion zu ziehen? Zunächst einmal zeigen die bisherigen Überlegungen nicht, dass die Annahme verfehlt wäre, das Subjekt des Verstehens müsse eine normative Einstellung gegenüber seinem Sprachverhalten einnehmen, damit es als Manifestation seines Sprachverstehens gelten könne. Im Gegenteil spricht einiges für diese Annahme. Die normative Einstellung sollte aber nicht als explizit intentionale Einstellung begriffen werden, denn insofern diese einen begrifflichen Gehalt hat, ist sie selbst als Manifestation eines Verständnisses zu begreifen und erfordert ihrerseits eine normative Einstellung. Gesucht ist daher ein alternatives Verständnis einer normativen Einstellung.

Des Weiteren wurde deutlich, dass das Sprachverhalten nur dann als Manifestation eines Sprachverstehens gelten kann, wenn es in einem direkten Zusammenhang zum Verstehen und der normativen Einstellung steht. Das Verstehen darf kein theoretisches sein, keines, das ein bloßer Beobachter des Sprachverhaltens haben könnte, so wie der Arzt gegenüber dem Patellarsehnenreflex seines Patienten. Es muss ein praktisches Verstehen sein, d.h., das Sprachverhalten darf nicht nur Objekt des Verstehens sein, sondern muss zugleich als Manifestation dieses Verstehens gelten können.

Zuletzt darf weder dem Sprachverhalten noch der sich darauf beziehenden normativen Einstellung eine Regelbetrachtung vorausgehen, die beides leitet, denn eine solche Erklärung wäre vitiös zirkulär oder von einem infiniten Regress bedroht. Die folgenden Überlegungen sollen einen möglichen Weg skizzieren, den drei genannten Anforderungen gerecht zu werden.

2.6.10 Von primitiv normativem Bewusstsein zu normativen Fähigkeiten

Ein direkter Zusammenhang zwischen Sprachverstehen und Sprachverhalten wird hergestellt, wenn das Sprachverstehen als erlernte normative Kompetenz, d.h. als eine (bestimmte) Fähigkeit zu sprachlichem Verhalten verstanden wird. Wenn Sprachverstehen eine Fähigkeit zu Sprachverhalten ist, ist dieses nicht nur als Objekt des Verstehens, sondern zugleich als dessen Manifestation begreifbar. Auf diese Weise kann sowohl der pragmatischen Annahme Rechnung getragen werden, dass sprachliche Zeichen aufgrund ihres Gebrauchs eine Bedeutung haben, als auch der spiegelbildlichen verstehenstheoretischen Annahme, dass sie eine Bedeutung haben, insofern ihr Gebrauch verstanden wird. Ginsborg muss beide Aspekte getrennt erklären, weil sie den pragmatischen über den Begriff der Disposition zu erklären versucht, sich zugleich aber bewusst ist, dass die normative Dimension des Verstehens nicht kausal erklärt werden kann. Daher ist sie gezwungen, den Begriff des Verstehens unabhängig von dem der Disposition zu erklären, indem sie ihn letztlich auf jenen der normativen Einstellung zurückführt. Dadurch wird aber die pragmatische Konstitution des Sinns und damit der Zusammenhang zwischen Verstehen und Gebrauch unverständlich. Der Begriff der Fähigkeit ist dagegen kein kausaltheoretischer: Das Verhältnis zwischen Fähigkeit und Ausübung ist kein kausales, sondern ein begriffliches.316 Trotzdem ist er geeignet, der pragmatischen Dimension sprachlichen Sinns Rechnung zu tragen. Die Ausübung von Fähigkeiten erfolgt regelmäßig, wenngleich nicht ausschließlich, indem etwas getan wird. Fähigkeiten sind kausal relevant, auch wenn sie keine Ursachen sind.317 Zudem sind viele Fähigkeiten normative Fähigkeiten, d.h., ihre Ausübung folgt Kriterien und sie werden erworben, indem ein Subjekt lernt, richtige von falschen, angemessene von unangemessenen Verhaltensweisen zu unterscheiden und regelmäßig die richtigen oder angemessenen zu zeigen. Normative Fähigkeiten werden kritisch erworben und kritisch ausgeübt.318 Der Fähigkeitsbegriff treibt keinen Keil zwischen Verhalten und Normativität. Der Begriff der Disposition dagegen gilt als deskriptiver Begriff. Als solcher trägt er keinerlei normative Züge.

Sprachliche Fähigkeiten sind sicherlich normativ in diesem Sinne. Es sind erworbene Fähigkeiten und ihr Erwerb ist vermittelt durch Korrekturen des Sprachverhaltens. Ein Subjekt, das eine Sprache lernt, lernt angemessen auf Situationsmerkmale zu reagieren und unangemessene Reaktionen zu vermeiden. Indem es dies lernt, lernt es, einen Unterschied zwischen angemessenem und unangemessenem Sprachverhalten zu machen sowie situative Merkmale voneinander zu unterscheiden. Hier liegt der Schlüssel zur Lösung des Manifestationsproblems: Erlerntes (normatives) Verhalten beruht auf kognitiven Leistungen des Subjekts; eben deshalb ist es nicht bloß als Manifestation einer Disposition zu denken, sondern zugleich als Manifestation eines Verständnisses davon, welches Verhalten situativ angemessen ist; und eben deshalb ist die Ausübung kritisch erworbener und damit auch sprachlicher Fähigkeiten ein intelligentes Verhalten.319 Wer eine normative Fähigkeit erworben hat, hat gelernt, richtiges von falschem Verhalten zu unterscheiden und zuverlässig das richtige zu zeigen. Deshalb verhält sich das Subjekt nicht nur ceteris paribus richtig, sondern sein Verhalten ist zugleich Ausdruck seines Verständnisses davon, welches Verhalten richtig ist. Das angemessene Sprachverhalten in konkreten Situationen ist daher nicht nur angemessen und wird von dem Subjekt außerdem noch als angemessen begriffen, sondern das Subjekt zeigt ein angemessenes Verhalten, das es zugleich als angemessen begreift, weil es gelernt hat, angemessenes Verhalten für angemessen zu halten und das Verhalten zu zeigen, das es für angemessen hält. Sein Verhalten ist Ausdruck seiner normativen Einstellung, weil es die Ausübung einer normativen Fähigkeit ist, die es erworben hat, indem es gelernt hat, zuverlässig zu tun, was richtig ist, und für richtig zu halten, was richtig ist. Dies ist kurz gesagt der Grund, weshalb die Manifestation einer bloßen Disposition selbst dann keine Manifestation eines Verständnisses ist, wenn sie von einer expliziten normativen Einstellung begleitet wird, sei sie primitiv oder Ausdruck eines theoretischen Verständnisses.

Falls der gemachte Vorschlag überzeugen kann, ist bereits ein Weg angedeutet, die normative Einstellung als eine implizite zu verstehen und so dem obigen Regress aus dem Weg zu gehen. Die angemessene Ausübung der Sprachfähigkeit impliziert eine normative Einstellung. Insofern etwas die Ausübung einer kritisch erworbenen normativen Fähigkeit ist, ist es ein Verhalten, das als angemessenes von dem Subjekt verstanden wird. Es ist daher nur folgerichtig, zu behaupten, dass das Subjekt sein Verhalten als angemessen begreift, weil es die Ausübung einer kritisch erworbenen Fähigkeit ist.

Die implizite normative Einstellung lässt sich aber noch genauer charakterisieren. Sie lässt sich nicht nur vor dem Hintergrund einer Erwerbsgeschichte normativer Fähigkeiten zuschreiben, sondern beschreibt außerdem eine Qualität der Ausübungen dieser Fähigkeiten. Bevor diese Qualität näher entfaltet wird, soll aber noch auf eine Konsequenz des hier skizzierten Verständnisses der normativen Einstellung eingegangen werden, die oben bereits angesprochen wurde: Im erlernten angemessenen Verhalten manifestiert sich nicht nur ein Verständnis davon, welches Verhalten angemessen ist, sondern indirekt auch ein Verständnis davon, welches Verhalten unangemessen ist, und zwar schlicht deshalb, weil man erfolgreiches Verhalten als solches nur im Unterschied zu scheiterndem, richtiges nur im Unterschied zu falschem, angemessenes nur im Unterschied zu unangemessenem Verhalten verstehen kann. Das heißt nicht, dass die Begriffe der Angemessenheit und der Unangemessenheit identisch wären. Es heißt auch nicht, dass man etwas nur als angemessen begreifen kann, wenn man zugleich etwas anderes (sei es faktisches oder mögliches) als unangemessen begreift. Es heißt vielmehr, dass man etwas nicht als angemessen verstehen kann, wenn man es nicht der Möglichkeit nach als unangemessen verstehen kann. Dass man etwas als angemessen begreift, heißt daher immer auch, dass man es nicht als unangemessen begreift, obwohl man es als unangemessen hätte begreifen können; diese Möglichkeit ist keine bloß objektive, sondern eine für das Subjekt selbst.

Insofern man nichts als unangemessen begreifen kann, was nicht unangemessen sein kann,320 impliziert etwas als angemessen zu begreifen nicht nur, dass man es nicht als unangemessen begreift, obwohl man es als unangemessen hätte begreifen können, sondern auch, dass es unangemessen hätte sein können. Mit anderen Worten: Wenn man etwas als angemessen begreift, kann man sich immer auch irren; man kann einen Fehler machen. Dies ist nicht nur eine logische, sondern für jede Lernende eine lebendige Möglichkeit, die sie im Lernprozess erfährt, indem sie Fehler macht, die korrigiert werden. Es lässt sich behaupten, dass der kritische Erwerb einer Fähigkeit – Lernen – nur möglich ist, wenn man Fehler erkennen kann, da jede normative Fähigkeit Standards ihrer Ausübung hat, die nur verstanden werden können, indem man angemessenes von unangemessenem und damit richtiges von falschem Verhalten zu unterscheiden lernt.321 In der Regel lernt man dies, indem man selbst Fehler macht und korrigiert wird. Dadurch gewinnt man ein Bewusstsein von der Möglichkeit, etwas falsch zu machen und damit auch, es falsch zu verstehen. Dieses Bewusstsein ist konstitutiv dafür, überhaupt etwas zu verstehen, wenn Verstehen eine normative Fähigkeit ist. Dies ist der Grund, weshalb die Ausübung einer normativen Fähigkeit mit einem Bewusstsein von der möglichen Fehlerhaftigkeit der Ausübung und insoweit auch mit der Möglichkeit eines fehlerhaften Verständnisses einhergeht. Das heißt aber wiederum, eine normative Einstellung gegenüber der Ausübung einzunehmen.

Begreift man Verstehen prinzipiell als normative Fähigkeit – eine These, die zu einem späteren Zeitpunkt verteidigt werden wird322 – ergibt sich daraus, dass ein normatives Urteil wie »dies ist eine angemessene Reaktion auf jenes« nicht geeignet ist, um eine primitiv normative Einstellung zu begründen. Eine primitiv normative Einstellung, d.h. eine grundlegend normative Einstellung, muss eine implizit normative Einstellung sein; sie kann keine explizit normative Einstellung sein, weil diese selbst als Manifestation eines Verständnisses nach einer normativen Einstellung verlangt.323 Im Übrigen ist die Vorstellung, die Ausübung sprachlicher Fähigkeiten sei stets von einem Gedanken wie »dies ist eine angemessene Reaktion auf jenes« begleitet oder auch nur von einem positiven Gefühl, wie man es gelegentlich hat, wenn einem etwas gelingt, auch phänomenologisch abwegig.

Was heißt es aber, implizit eine normative Einstellung zu seinem Sprachverhalten einzunehmen? Wenn eine explizit normative Einstellung ausdrücklich eingenommen wird, z.B. in Form eines Urteils, einer Äußerung oder eines Gedankens, dann wird eine implizit normative Einstellung offenbar nicht ausdrücklich eingenommen. Gleichwohl muss es einen Unterschied machen, ob ein Subjekt implizit eine normative Einstellung gegenüber etwas einnimmt oder nicht, und dieser Unterschied muss zunächst einmal einer für das Subjekt selbst sein. Dass etwas einen Unterschied macht, heißt, dass es bestimmte Konsequenzen hat, Konsequenzen, die es nicht hätte, wenn es keinen Unterschied machte. Die implizit normative Einstellung des Subjekts gegenüber seinem Verhalten zeigt sich entsprechend darin, wie das Subjekt auf sein Verhalten reagiert oder zu reagieren bereit ist. Eine naheliegende Forderung lautet, dass es bereit ist, seine implizit eingenommene normative Einstellung explizit zu machen. Da das implizite Bewusstsein von der Angemessenheit des eigenen Verhaltens immer noch ein Bewusstsein davon ist, ist die Annahme plausibel, dass das Subjekt seine Einstellung jederzeit explizit machen kann, sofern es das dafür nötige Reflexions- und Artikulationsvermögen hat. Was implizit bewusst ist, ist prinzipiell anschlussfähig oder zugänglich für reflexive Wesen; wäre dem nicht so, wäre es ihnen nicht bewusst. Zur Explikation der Einstellung reicht es hin, dass das Subjekt in der Lage ist, zu behaupten oder zu denken, dass eine konkrete Reaktion in einer konkreten Situation angemessen war. Das implizite normative Verständnis ist zunächst lediglich situativ und nicht allgemein, wenngleich weitere Reflexion durchaus zu einem allgemeineren Verständnis führen kann. Ginsborgs Artikulationsschema der normativen Einstellung kann hier als Beispiel gelten. Das Subjekt muss lediglich zu Artikulationen der Art »dies zu sagen (oder zu tun) ist hier richtig (oder angemessen)« oder »dies zu sagen (oder zu tun) ist hier falsch (oder unangemessen)« bereit sein. Dass es dazu bereit ist, heißt, dass die Artikulation nicht auf einem Schluss oder einer Beobachtung beruht, sondern vom Subjekt unmittelbar vorgenommen werden kann, wenn der Kontext es erfordert, wenn es sich z.B. für sein Verhalten rechtfertigen oder entschuldigen muss.

Die implizit eingenommene normative Einstellung zeitigt aber auch dann Konsequenzen, wenn sie nicht artikuliert wird. Im Allgemeinen zeigt das Subjekt ein Anschlussverhalten, das sinnvoll ist (unter der Annahme, dass es sein vorgängiges Verhalten als angemessene Reaktion auf eine Situation begreift) oder es ist zu einem solchen Verhalten zumindest bereit. Was dies genau heißt, hängt von dem jeweiligen Kontext ab und lässt sich nicht allgemein bestimmen. Ist das Verhalten Teil eines Handlungszusammenhangs, wird das Anschlussverhalten im Allgemeinen folgerichtig sein; es wird also den Standards entsprechen, die für den Handlungszusammenhang insgesamt gelten. Das heißt: Folgt auf eine angemessene Reaktion wiederum eine angemessene Reaktion, ist die zweite Reaktion prinzipiell ein Indiz für die normative Einstellung des Subjekts gegenüber der ersten Reaktion.

Von größerer Relevanz für die Zuschreibung einer implizit normativen Einstellung ist aber ein anderer Typ von Anschlussverhalten: Korrekturverhalten. Normative Fähigkeiten, wie sie beispielsweise die sprachliche Kompetenz ausmachen, werden nicht nur erworben, indem Fehler gemacht werden; bei ihrer Ausübung können und werden auch nach dem Erwerb noch Fehler unterlaufen. Diese sind regelmäßig Ausgangspunkt von Verbesserungen. Kompetenzen sind plastisch. Sie können prinzipiell verbessert werden, indem auf Fehler reagiert wird. Entscheidend ist nun, dass ein Verhalten nur als fehlerhaft erkannt werden kann, wenn dazu zuvor eine normative Einstellung eingenommen wurde. Etwas als Fehler zu erkennen und zu korrigieren, heißt nicht nur, eine explizit normative Einstellung dazu einzunehmen, es heißt auch, dass dasjenige, das als falsch erkannt und korrigiert wird, zuvor bereits implizit in einer normativen Dimension stand, in der es angemessen erschien. Die implizit normative Einstellung geht mit der Bereitschaft einher, Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Insofern handelt es sich bei der explizit normativen Einstellung (»das ist falsch/unangemessen«) nicht um eine Einstellung, in der etwas (das Verhalten) allererst als normativ erscheint, sondern um einen Wechsel in der normativen Perspektive des Subjekts; es findet ein Umschlag von impliziter Angemessenheit zu expliziter Unangemessenheit des Gegenstandes der normativen Einstellung statt. Korrekturverhalten ist also ein charakteristischer Ausdruck implizit eingenommener normativer Einstellungen.

Die angeführten Überlegungen erlauben zumindest die Skizze eines alternativen Verständnisses normativer Einstellungen. Entscheidend dafür ist zum einen, dass normative Einstellungen in grundlegender Hinsicht als implizite zu verstehen sind, die sich an der Reaktion des Subjekts auf das Verhalten zeigen, zu dem es eine normative Einstellung eingenommen hat bzw. an der Bereitschaft zu einer solchen Reaktion; zum anderen gilt es zu betonen, dass kein Aspekt der Skizze auf die Annahme festlegt, dass das Subjekt die implizit normative Einstellung aufgrund eines vorgängigen mentalen Zustands einnimmt, der es leitet. Zusammen mit den obigen Überlegungen zum Sprachverstehen als Fähigkeit ergibt sich nun folgendes Bild:

Sprachverstehen ist eine erlernte normative Kompetenz, die als Komplex von Fähigkeiten zu verstehen ist, in Reaktion auf konkrete Situationen im weiten Sinne ein angemessenes Sprachverhalten in weitem Sinne zu zeigen und dazu implizit eine normative Einstellung einzunehmen. Von einem Sprachverhalten im weiten Sinne ist die Rede, insofern es den Gebrauch von sprachlichen Ausdrücken ebenso umfasst wie nicht-sprachliche Reaktionen auf einen solchen Gebrauch; von Situationen in einem weiten Sinne ist die Rede, insoweit der Situationsbegriff subjekt-externe Faktoren ebenso wie subjekt-interne Faktoren umfasst; andernfalls könnte die expressive Dimension sprachlichen Verhaltens nicht erklärt werden.

Ob die vorgeschlagene Bestimmung mit den reduktiven Ansprüchen Ginsborgs vereinbar ist, ist fraglich, muss hier aber nicht entschieden werden. Ausschlaggebend ist, dass sie den bisherigen Ergebnissen Rechnung trägt und nicht auf eine der diskutierten problematischen Annahmen zur Normativität der Bedeutung und zum Regelfolgen festlegt. Insbesondere wurde für eine Möglichkeit argumentiert, Sprachverstehen als normativ zu denken, ohne auf die Annahme festgelegt zu sein, Sprachverhalten folge sprachlichen Regeln, die als Gründe für das Verhalten gelten und ihm in Form mentaler Repräsentationen vorausgehen: Für die implizite Einnahme der für Sprachverhalten charakteristischen normativen Einstellung ist es keine notwendige Bedingung, dass das Subjekt Gründe nennen kann, und noch weniger muss es von Gründen geleitet sein, um die Einstellung gegenüber seinem (oder fremden) Sprachverhalten einnehmen zu können. Zwar ist es möglich, dass das Subjekt Gründe für seine normative Einstellung nennen kann, und in der Regel werden kompetente Sprecherinnen auch Gründe nennen können. Die Fähigkeit dazu erklärt aber nicht die normative Einstellung. Vielmehr gilt umgekehrt: Dass eine kompetente Sprecherin Gründe für den richtigen Sprachgebrauch nennen kann, setzt voraus, dass sie einen Unterschied zwischen angemessenem und nicht-angemessenem Sprachverhalten machen kann. Weil diese Fähigkeit konstitutiv für Sprachverstehen im Besonderen und Verstehen im Allgemeinen ist, ist Verstehen transparent, d.h., ist das Verstandene reflexiv zugängig. Zumindest in diesem Sinne ist die normative Einstellung primitiv.

Im Kern ist damit eine pragmatische Antwort auf die Frage nach der sprachlichen Bedeutung und dem Verstehen einer Sprache gegeben. Insofern das Verstehen, das sich im Sprachverhalten manifestiert, ein Verständnis davon ist, was zu tun angemessen und dieses Tun identisch mit der Manifestation des Verstehens ist, handelt es sich bei Sprachverstehen um ein praktisches und nicht um ein theoretisches Verstehen.

Sprachverstehen als praktische Fähigkeit zu begreifen und nicht über propositionales Bedeutungswissen zu erklären ist keine Selbstverständlichkeit. Zwar finden sich einige Autoren, die eine Fähigkeitsthese vertreten;324 die Standardauffassung in Philosophie und Linguistik lautet dagegen, dass sprachliche Kompetenz in propositionalem Wissen gründet.325 Im Folgenden soll daher die hier vertretene Fähigkeitsthese gegen Einwände verteidigt und dabei weiterentwickelt werden. Im Ergebnis wird die These vertreten, dass Sprachverstehen eine praktische Fertigkeit ist.

2.7 Das Verstehen einer Sprache: praktische oder theoretische Kompetenz?

Gegen die hier vertretene Auffassung hat besonders prominent Michael Dummett eingewandt, das Verstehen einer Sprache könne keine rein »praktische Fähigkeit« wie Schwimmen oder Radfahren sein, weil ein wesentlicher Aspekt des Sprachverstehens theoretisch sei, d.h., propositionales Wissen einer bestimmten Art (auf eine bestimmte Weise) voraussetze.326 Falls Dummetts Argumente überzeugen, scheint Sprachverstehen nicht als praktische Fähigkeit aufgefasst werden zu können. Es lohnt sich daher, zunächst Dummetts Argumente ausführlicher zu betrachten und zu prüfen, ob sie den Weg zur Fähigkeitsthese verstellen. Es wird sich zeigen, dass sie dazu nicht geeignet sind. Sie eignen sich gleichwohl, bestimmte Anforderungen an den Begriff der Fähigkeit zu explizieren, denen nicht jeder Fähigkeitstyp gerecht wird. Die Kritik an Dummetts Kritik dient daher nicht nur der Verteidigung der Fähigkeitsthese, sondern zugleich dazu, einen angemessenen Fähigkeitsbegriff zu entwickeln.

2.7.1 Sprachverstehen als theoretische Kompetenz?

Wer eine (Mutter-)Sprache beherrscht, kann Dummett zufolge nicht bloß etwas, sondern weiß auch etwas. Tatsächlich lässt sich das Beherrschen einer Sprache zwanglos so beschreiben, dass es wesentlich erscheint, etwas zu wissen und nicht bloß zu können: Wer eine Sprache beherrscht, weiß, was die Ausdrücke der Sprache bedeuten und was sie nicht bedeuten, weiß, wie sie zu verstehen sind, weiß, was aus ihnen folgt, weiß, wie man dasselbe mit anderen Worten ausdrücken kann, weiß, zu welchen nicht-sprachlichen Handlungen man mit der Äußerung bestimmter Sätze aufgefordert wird und Ähnliches mehr. Wissen, nicht Können, scheint nun notwendig und hinreichend für die Zuschreibung von Sprachverstehen.327

Allerdings liegt der Verdacht nahe, dass hier lediglich eine Differenz an der sprachlichen Oberfläche besteht: Kann man nicht auch von derjenigen Person, die Schwimmen oder Radfahren kann, sagen, dass sie wisse, wie man schwimmt oder Rad fährt? Die Problematik kommt in anderen Sprachen noch deutlicher zum Tragen, besonders prägnant ist sie in Dummetts eigener Muttersprache, dem Englischen: Wer Schwimmen oder Radfahren kann, vom dem wird im Englischen auch gesagt, »he knows how to swim« bzw. »he knows how to ride a bike«. Dummett muss nun selbstverständlich bestreiten, dass der Ausdruck »know« in diesen Fällen im selben Sinne zu verstehen ist wie im Falle von »to know a language« oder z.B. »knowing how to speak x« wobei »x« für eine beliebige Sprache steht, da er vom Sprachverstehen behaupten möchte, dass Wissen dort eine wesentliche Rolle spielt, aber nicht vom Schwimmen oder Radfahren. Entsprechend stellt er fest, dass mit dem Ausdruck »know« in diesen Fällen lediglich darauf aufmerksam gemacht wird, dass der Fähigkeit eine Lerngeschichte vorausgeht, wie es eben für Wissen im Allgemeinen typisch ist.328 Im Falle der rein praktischen Fähigkeiten im Sinne Dummetts ist mit »he knows how to φ« also bloß gesagt, dass jemand etwas kann, das er erlernt hat. Im Falle des Sprachverstehens oder Sprachwissens werde aber ein Wissen im eigentlichen Sinne des Wortes zugeschrieben, also ein propositionales Wissen.

Dummett räumt indes ein, dass es sich beim Sprachverstehen nicht um ein rein propositionales Wissen handelt. Wer eine Sprache beherrscht, könne sprachliche Handlungen vollziehen und auch nicht-sprachliche, die im begrifflichen Zusammenhang mit jenen stehen, und dies sei wesentlich für Sprachverstehen.329 Der Tätigkeitsaspekt des Sprachverstehens rechtfertigt es auch für Dummett, im Falle des Sprachverstehens von einer »praktischen Fähigkeit« zu sprechen. Um sowohl den praktischen als auch den von Dummett unterstellten theoretischen Teil integrieren zu können, geht er einen Mittelweg und bestimmt Sprachverstehen als Fähigkeit, die propositionales Wissen involviert,330 wobei Dummett das propositionale Wissen für explanatorisch grundlegend erachtet.331 Insofern sei die Unterscheidung zwischen propositionalem oder theoretischem Wissen auf der einen und praktischem ›Wissen‹ bzw. Können auf der anderen Seite zu eng, um das Spezifische am Sprachwissen zu fassen.332

2.7.1.1 Die Propositionalitätsthese des Sprachverstehens

Propositionales Wissen als grundlegend für das Beherrschen einer Sprache aufzufassen, liegt nicht nur vortheoretisch nahe,333 sondern ist auch in der sprachphilosophischen Fachliteratur weit verbreitet. Einen Satz zu verstehen, so heißt es häufig, heißt zu wissen, was der Fall ist, wenn der Satz wahr ist, und ein Wort zu verstehen, heißt seinen Beitrag zu den Wahrheitsbedingungen der Sätze zu kennen, deren Bestandteil es sein kann.334 Vielfach ist diese Ansicht zudem mit der These verknüpft, eine Sprache zu verstehen heiße, über eine Bedeutungstheorie dieser Sprache zu verfügen, eine Theorie, die die Bedeutung der Wörter und Sätze dieser Sprache sowie deren semantischen Zusammenhang systematisch erfasst.335 Das propositionale Wissen um eine derartige Theorie soll nicht nur das Sprachverstehen der einzelnen Sprecherin, sondern letztlich auch das Gelingen sprachlicher Kommunikation erklären.336 In diesem Sinne hält Dummett fest:

A speaker’s mastery of his language consists, on this view, in his knowing a theory of meaning for it: it is this that confers on his utterances the senses that they bear, and it is because two speakers take the language as governed by the same, or nearly the same, theory of meaning that they can communicate with one another by means of that language.337

Dummett fordert freilich nicht, dass die Bedeutungstheorie von Sprecherinnen einer Sprache ausdrücklich gewusst und in jeder einzelnen Sprachhandlung explizit befolgt wird. Wie er selbst sieht, haben Sprecherinnen einer Sprache offensichtlich keine derartige Theorie parat, und hätten sie ein solche, wäre nicht nur das für Dummett zentrale sprachphilosophische Programm der Konstruktion einer Bedeutungstheorie für natürliche Sprachen überflüssig, sondern sprachliches Verstehen bliebe weiterhin unerklärt, da die Bedeutungstheorie selbst nur als sprachliches Gebilde explizit vorliegen kann, das wiederum verstanden werden muss.338 Dummett geht daher davon aus, dass die Sprecherinnen einer Sprache ein implizites Wissen von einer Bedeutungstheorie haben, das gewissermaßen zwischen einem expliziten Wissen und keinem Wissen liegt.339 Für den Besitz von implizitem Wissen in Dummetts Sinne ist es nicht notwendig, dass die von diesem Wissen in ihren Handlungen geleitete Person dazu in der Lage ist, den Inhalt des Wissens, mithin eine Bedeutungstheorie, zu formulieren. Allerdings ist es zum einen nötig, dass es sich zumindest teilweise in den Sprachhandlungen des Subjekts manifestiert, und zum anderen, dass das Subjekt bereit ist, Formulierungen dieses Wissens als leitend für seine eigenen Sprachhandlungen anzuerkennen. Wenn es also implizit propositional gehaltvollen Sätzen folgt, handelt es so, als ob es diesen Sätzen folgt, und erkennt (an), dass es ihnen folgt, sobald es mit einer ausdrücklichen Version dieser Sätze konfrontiert wird.340 Für bloß praktische Fähigkeiten gilt indes nach Dummett, dass sie kein theoretisches Wissen erfordern: Sie erfordern überhaupt kein propositionales Wissen, weder implizites noch explizites; zu wissen, wie man selbst etwas tun kann, heiße nicht mehr, als es zu können, weil man es erlernt hat.341

Dummetts Verständnis von sprachlicher Kompetenz entspricht offenbar dem oben diskutierten Verständnis, wonach sprachliches Verhalten regelgeleitet ist. Die fragliche Bedeutungstheorie lässt sich entsprechend als Regelsystem verstehen. Demzufolge ist sein Ansatz den genannten Problemen rund um das Regelfolgen ausgesetzt. Es lohnt sich dennoch, auf seine Überlegungen genauer einzugehen, da Dummett nicht nur bisher nicht diskutierte Gründe für seine Auffassung nennt, sondern auch Gründe anführt, weshalb die Fähigkeitsthese unzureichend sei. Es stellt sich also die Frage: Warum ist es Dummett zufolge im Falle des Sprachverstehens, nicht aber im Falle praktischer Fähigkeiten plausibel, anzunehmen, dass es auf einem theoretischen Wissen beruht?

2.7.1.2 Rationale Fähigkeiten und propositionales Wissen

Dummetts zentraler Grund für die Behauptung, sprachliche Kompetenz beruhe auf einem theoretischen Wissen, lautet, dass das Sprechen einer Sprache im Großen und Ganzen eine rationale Aktivität sei. Rationale Aktivitäten aber erfolgten aus Gründen und Gründe beruhten auf propositionalem Wissen:

For one thing, a ground for taking seriously the attribution of knowledge to someone able to speak a language is that the linguistic utterances are (usually) rational acts, concerning which we may ask after the motives and intentions underlying them; it is in fact essential to an account of the practice of using a language that the hearer may ask himself, or the speaker, why he said what he did […]. An intention or motive in performing an action is always based upon knowledge: it cannot relate to anything the agent did not know about the character, significance, or likely effects of the action.342

Zunächst einmal lässt sich feststellen, dass Dummetts Argumentation einseitig am Sprechen einer Sprache orientiert ist. Wie bereits deutlich wurde, manifestiert sich Sprachverstehen aber nicht nur im Sprechen, sondern auch im rezeptiven Verstehen von Äußerungen.343 Dort wird es aber gerade nicht absichtlich und auch nicht mit Gründen ausgeübt. Dummett müsste also entweder behaupten, dass nur das Sprechen, nicht aber das wahrnehmende Verstehen einer Sprache eine rationale Aktivität ist, oder er müsste behaupten, dass es für eine rationale Aktivität hinreichend ist, dass sie mit Absichten oder Gründen ausgeübt werden kann. Ersteres ist nicht plausibel, da nicht nachzuvollziehen ist, weshalb semantisches Wissen lediglich erlauben sollte, eine Sprache verständig zu sprechen, nicht aber, sie rezeptiv zu verstehen. Letzteres ist aber ebenfalls problematisch, da die Absichten und Gründe die Bedeutungsebene der sprachlichen Äußerungen betreffen müssen: Das propositionale Wissen soll ja ein semantisches sein. Dummett muss also annehmen, dass Sprecherinnen semantische Absichten – nicht bloß pragmatische – haben und diese auf propositionalem Wissen gründen.344 Die Existenz semantischer Absichten ist aber umstritten.345 Zwar werden sprachliche Äußerungen im Ganzen für gewöhnlich absichtlich vollzogen, aber das heißt nicht ohne Weiteres, dass sie mit der Absicht vollzogen würden, sie mögen etwas Bestimmtes bedeuten.

Unstrittig ist Dummetts Behauptung daher nur, insoweit Sprechakte mit pragmatischen Absichten vollzogen werden. Wer etwas sagt, hat in der Regel Gründe dafür, nach denen gefragt und die benannt werden können.346 In diesem Sinne trifft das Rationalitätsargument aber offenbar auch auf bloß praktische Fähigkeiten zu. Dies gilt auch für vergleichsweise einfache praktische Fähigkeiten wie Schwimmen oder Radfahren – Dummetts Musterbeispiele für bloß praktische Fähigkeiten. Wenn eine Person z.B. Rad fährt, kann sie gefragt werden, warum sie Rad fährt und nicht z.B. zu Fuß geht oder den Bus nimmt. Sie fährt absichtlich Rad, es widerfährt ihr nicht einfach. Gleiches trifft auf die Art und Weise zu, in der sie Rad fährt: Sie kann absichtlich auf eine bestimmte Weise Rad fahren, die sich von alternativen Weisen unterscheidet, die auch für sie alternative Weisen sind. Sie kann z.B. sehr schnell fahren oder sehr langsam, rücksichtslos oder vorsichtig, spektakulär oder gewöhnlich, sie kann die Hände am Lenker haben oder freihändig fahren, aus dem Sattel gehen oder sitzenbleiben, sie kann die Trittfrequenz bei einem Anstieg beibehalten oder verlangsamen und so weiter. Wenn Dummetts obige These überzeugt, kann man aber keine derartigen Absichten ohne ein Wissen um die jeweilige Art der Ausführung zu haben. Fahrradfahren, Schwimmen usw. wären dann ebenso rationale Fähigkeiten wie das Beherrschen einer Sprache.

Nun ließe sich einwenden, dass man zwar in diesem Sinne etwas auf eine bestimmte Weise absichtlich tun könne und insofern auch ein Wissen davon habe, wie man es tun kann, dass man aber in einem anderen Sinne nicht wisse oder zumindest nicht notwendig wisse, wie man etwas tut: Man tut es einfach. Entsprechend heißt es bei Dummett:

[I]mplicit knowledge […] is quite irrelevant to possession of a practical ability, because […] I can know how to do something without knowing how to do it. Someone shows me how to do something; I try to copy him, but get it wrong, without being able to see wherein what I did differed from what my instructor did. After repeated trials I get it right. I repeat my success: now I have got the knack. I may now have implicit knowledge of how I do it. But I may not: offered an accurate description of what I do, I may say, ‘You may be right’ or ‘Is that what I do?’; the implicit knowledge, if it exists, is quite inessential to my acquisition of the practical ability.347

Dummett zielt hier offenbar auf Beschreibungen der genauen Bewegungsabläufe, die man vollzieht, wenn man motorische Fähigkeiten ausübt. Wenn eine Bewegung in einzelne Sequenzen unterteilt werden kann, die das sich bewegende Subjekt absichtlich ausüben kann, ist es möglich, dass es die einzelnen Bewegungen ›in einem Fluss‹ vollzieht, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass es einzelne Bewegungen in einer bestimmten Reihenfolge und damit die Bewegung auf eine bestimmte Weise vollzieht. Eine praktische Fähigkeit kann man also besitzen, ohne zu wissen, wie man sie genau ausübt, d.h., ohne zu wissen, ob eine Beschreibung der Ausübung akkurat ist. Aber ist das im Falle des Sprachverstehens anders? Muss man wissen, ob eine Beschreibung der Ausübung der eigenen sprachlichen Fähigkeiten wahr ist? Offenbar kann hier nicht jede akkurate Beschreibung dessen gemeint sein, das man tut, wenn man z.B. spricht. Es kann hier z.B. nicht um die Beschreibung der Ausübung der Körperbewegungen beim Sprechen gehen, denn es ist gewiss abwegig, zu behaupten, man müsse wissen, wie man seinen Sprechapparat bewegt, wenn man etwas sagt. Das Wissen, das Dummett interessiert, ist Bedeutungswissen. Das Rationalitätsargument fordert also, dass man eine akkurate Beschreibung der semantischen Dimension seines Sprachgebrauchs als korrekt erkennen können muss. Eben jene wird durch eine Bedeutungstheorie angegeben. Es kann aber nicht gefordert werden, dass man als kompetente Sprecherin eine Bedeutungstheorie der eigenen Sprache als korrekt erkennen können muss, um diese Sprache sprechen und verstehen zu können. Die bisherigen Vorschläge zum Aufbau und Inhalt einer Bedeutungstheorie lassen eine derartige Forderung abwegig erscheinen.348 Die meisten Sprecherinnen haben nicht das nötige begriffliche Repertoire, um eine Bedeutungstheorie verstehen zu können, und einige werden nicht einmal über die nötigen intellektuellen Kapazitäten verfügen, um sich ein derartiges Repertoire aneignen und eine Bedeutungstheorie verstehen zu können. Dennoch sind sie kompetente Sprecherinnen ihrer Sprache.349

Aber könnte man nicht vielleicht fordern, dass man in der Lage sein müsse, irgendeine Beschreibung der semantischen Dimension des eigenen Sprachgebrauchs als akkurat anzuerkennen, die denselben Gehalt hat wie eine Bedeutungstheorie, aber in einem weniger technischen, dafür verständlicheren Vokabular formuliert ist, als die gegenwärtigen Skizzen einer solchen Theorie vermuten lassen? Wie könnte eine solche Bedeutungstheorie aussehen? Sie müsste doch immer noch die semantischen Beziehungen aller Ausdrücke in der jeweiligen Sprache abbilden und wäre entsprechend komplex und umfangreich. Wahrscheinlich müsste sie sich rekursiver Regeln der Syntax und Semantik bedienen, um die Möglichkeit zu erklären, prinzipiell unbegrenzt viele Sätze bilden und verstehen zu können. Der Einfachheit der Formulierung sind hier Grenzen gesetzt, die sich aus der Komplexität der Sache ergeben, und es ist alles andere als abwegig, davon auszugehen, dass die durchschnittlichen Sprecherinnen einer Sprache nicht ohne Weiteres in der Lage sind, eine solche Beschreibung der Semantik ihrer Sprache als angemessen zu erkennen. Im Gegenteil, für die meisten Sprecherinnen gilt wohl: »[O]ffered an accurate description of what they do, they may say, ›You may be right‹ or ›Is that what I do?‹«, um Dummetts Worte zu gebrauchen; und das heißt wohl – frei nach Dummett –, dass das implizite Wissen, wenn es existiert, unwesentlich für den Erwerb sprachlicher Fähigkeiten ist.

Vielleicht ist man nun geneigt, Dummett mit dem Hinweis darauf zu verteidigen, dass es doch nicht um eine ganze Bedeutungstheorie gehen müsse; es reiche, wenn die akkuraten Beschreibungen kleinteiliger sind, z.B. in Form von einzelnen Bedeutungsregeln, -prinzipien oder -theoremen vielleicht.350 Doch diese Entgegnung trägt nicht weit; nicht nur, weil sie exegetisch problematisch scheint. Wie Devitt zeigt, lassen sich Überlegungen der obigen Art auch auf einzelne Propositionen übertragen, wie sie häufig unter Rekurs auf die Überlegungen Davidsons als paradigmatischer Gegenstand semantischen Wissens gelten.351 Demnach hat jemand unter anderem den Satz oder die Äußerung »Schnee ist weiß« verstanden, wenn er weiß, dass »Schnee ist weiß« im Deutschen genau dann wahr ist, wenn Schnee weiß ist. Dies setzt aber voraus, dass er (und a fortiori jeder kompetente Sprecher des Deutschen) über einen Begriff der deutschen Sprache verfügt. Wie Devitt anmerkt, steht diese Bedingung aber im Konflikt mit den Ergebnissen empirischer Forschung, wonach »the capacity to think about one’s language does not normally come until middle childhood, well after linguistic competence.«352 Nicht nur der Sprachbegriff ist aber problematisch: Kinder vor dem Grundschulalter dürften auch keinen extensionalen Wahrheitsbegriff haben, verstehen also kaum, was es heißt, dass ein Satz genau dann wahr ist, wenn etwas der Fall ist. Prinzipiell ist die Annahme plausibel, dass das Verfügen über semantisches Vokabular, wie es zur Formulierung derartiger Propositionen und im Rahmen einer Bedeutungstheorie verwendet wird, keine Bedingung für Sprachkompetenz ist. Semantisches Vokabular ist (ebenso wie anderes Fachvokabular) prinzipiell isolierbar vom restlichen Vokabular einer natürlichen Sprache, ohne dass damit die Sprachkompetenz einer Sprecherin bedroht würde.353 Wer nicht über die Begriffe der Bezugnahme, Referenz, Wahrheitsbedingungen, Extension, Intension usw. verfügt, verliert nicht ipso facto seine Sprachkompetenz.

Die Fähigkeit, explizite Beschreibungen der Ausübungen sprachlicher Fähigkeiten als angemessen zu erkennen, erweist sich also als unwesentlich für den Besitz der sprachlichen Fähigkeiten. Damit scheitert aber nicht nur Dummetts Versuch, praktische Fähigkeiten von sprachlichen zu unterscheiden, sondern es ist zugleich unklar, weshalb sprachliche Fähigkeiten auf propositionalem Wissen gründen sollten. Zwar ist die reflexive Aneignung propositionalen Sprachwissens durchaus möglich, für das Verstehen einer Sprache ist das Sprachwissen aber nebensächlich. Dies zeigt sich auch, wenn man die klassischen Merkmale des Begriffs des propositionalen Wissens in den Blick nimmt. Die bisherigen Überlegungen betrafen vorrangig den Inhalt des vermeintlichen Wissens. Propositionales Wissen zeichnet sich aber nicht nur durch einen bestimmten Gehalt aus, zu dem das Subjekt des Wissens in einer epistemischen Beziehung steht, sondern auch dadurch, wie das Subjekt zu einer derartigen Beziehung gelangt ist. Es muss auf eine gerechtfertigte Weise glauben, dass etwas der Fall ist, und die Art der Rechtfertigung darf nicht für Fälle vom Typ der Gettier-Fälle anfällig sein.354 Wie Dean R. Pettit gezeigt hat, ist es aber durchaus denkbar, einen sprachlichen Ausdruck zu verstehen, ohne zu wissen, was er bedeutet.355 Dazu konstruiert er den Fall356 einer Engländerin, die in Deutschland ein deutsches Wort lernt, z.B. »Wagenheber«, indem sie einen alten deutschen Mann nach der Bedeutung des ihr bis dahin unverständlichen Wortes fragt. Die Frage nach der Bedeutung stellt die Dame in ihrer Muttersprache, Englisch, davon ausgehend, dass der alte Mann sie verstehen wird. Der alte Mann versteht aber kein Englisch. Trotzdem antwortet er auf Englisch »it means jack«, ein Satz, den er irgendwo aufgeschnappt hat und von da an jedem Touristen, der ihn anspricht, entgegnet – der Mann ist etwas senil und vielleicht auch etwas verrückt. Zufällig ist die Antwort in diesem Fall korrekt und die Engländerin, die bereits ein recht gutes Deutsch spricht, kann den Ausdruck »Wagenheber« von nun an korrekt verwenden sowie andere verstehen, die das Wort in deutschen Sätzen benutzen.357 Sie versteht also das Wort und glaubt auch, dass »Wagenheber« jack bedeutet, was wahr ist, weiß es aber nicht, weil ihre wahre Überzeugung auf einem ausgesprochen unwahrscheinlichen Zufall beruht, der spätestens seit Edmund L. Gettier kein Rechtfertiger für Wissen sein kann.358 Derartige Fälle sind nicht nur auf das Erlernen von Ausdrücken einer fremden Sprache beschränkt. Für das Verstehen eines sprachlichen Ausdrucks ist vielmehr prinzipiell relevant, wie man mit ihm umzugehen und ob man den Gebrauch anderer nachzuvollziehen versteht – ob man eine ›Technik‹ beherrscht, wie Wittgenstein es formuliert – und nicht, ob man weiß, was der Ausdruck bedeutet, wenn das relevante Wissen hier als wahre, gerechtfertigte Meinung bezüglich einer Bedeutungsregel oder einer Bedeutungstatsache aufzufassen ist.359 In der Regel wird das Sprachsubjekt zwar wissen, was der Ausdruck bedeutet, wenn es seinen Gebrauch beherrscht, notwendig für das Verständnis des Ausdrucks ist dieses Wissen aber nicht: »Whereas knowledge requires some sort of epistemic warrant, linguistic understanding does not.«360 Sprachverstehen ist also im Unterschied zu propositionalem Wissen nicht von Gettier-Fällen betroffen: Es könnte insgesamt vollkommen zufällig zustande kommen, propositionales Wissen nicht.361 Wenn dies richtig ist, ist propositionales Wissen nicht notwendig für Sprachverstehen, sei es implizit oder explizit.

Abgesehen davon leidet der Begriff des impliziten Wissens an einer allgemeinen explanatorischen Schwäche: Selbst wenn es möglich ist, eine Bedeutungstheorie der eigenen Sprache als angemessen zu erkennen, und selbst wenn kompetente Sprecherinnen eine solche Theorie tatsächlich regelmäßig anerkennen würden, ist nicht klar, weshalb dies zeigen sollte, dass die Sprecherinnen ein implizites propositionales Wissen von der Bedeutungstheorie hatten. Zunächst heißt dies ja nur, dass sie sich ein explizites Wissen von einer derartigen Theorie angeeignet haben. Insofern wäre dieser Vorgang vereinbar mit der These, dass das Sprachverstehen wesentlich eine Fähigkeit und jedes theoretische Sprachwissen als Ergebnis der Reflexion auf die eigenen sprachlichen Fähigkeiten bzw. Vollzüge aufzufassen ist.362 Es kann geradezu als Bedingung für die Anerkennung einer solchen Theorie gelten, dass die Subjekte in der Lage sind, die Ausdrücke ihrer Sprache angemessen zu verwenden sowie ihren Gebrauch bzw. den anderer auf seine Angemessenheit hin ›beurteilen‹ zu können. Erst diese Fähigkeit erlaubt die Anerkennung einer expliziten Bedeutungstheorie als angemessene Beschreibung ihres Sprachgebrauchs. Sprachverstehen als Fähigkeit zu begreifen ist nicht nur theoretisch sparsamer, die genannten Fähigkeiten sind auch systematisch grundlegend für explizites Sprachwissen.

Dummetts Rationalitätsargument macht aber auf einen charakteristischen Aspekt sprachlicher Fähigkeiten aufmerksam, wenngleich der Rekurs auf theoretisches Wissen nicht geeignet ist, diesen Aspekt zu fassen: Die Ausübung sprachlicher Fähigkeiten wird von einer normativen Einstellung begleitet, weil das Sprachverhalten wesentlich angemessen oder unangemessen, richtig oder falsch sein kann. Sprachliche Fähigkeiten werden nicht ›irgendwie‹ ausgeübt: Ihre Ausübung unterliegt einem Standard und das Subjekt der Fähigkeiten ist sich dessen bewusst, auch wenn es den Standard nicht formulieren oder seine Formulierung auch nur anerkennen können muss. Es ist im Vollzug orientiert, vor einem Hintergrund von alternativen Vollzugsmöglichkeiten, zwischen denen es sich gekonnt bewegt, für gewöhnlich, ohne dass die Alternativen als Alternativen und damit die Manöver ausdrücklich werden. Es ist Dummett darin zuzustimmen, dass nicht jede Fähigkeit normativ orientiert ist. Das heißt aber nicht, dass Sprachverstehen keine Fähigkeit ist, sondern nur, dass es Typen von Fähigkeiten gibt, die sich von dem Typ unterscheiden, zu dem das Verstehen einer Sprache gehört.

Zusammenfassend lässt sich nun sagen, dass Dummetts Rationalitätsargument die These nicht auszuräumen vermag, dass Sprachverstehen eine Fähigkeit bzw. ein Komplex von Fähigkeiten ist. Es ist nicht geeignet, eine prinzipielle Differenz zwischen praktischen und sprachlichen Fähigkeiten aufzuzeigen, wohl aber weist es in Richtung eines Unterschieds zwischen normativen und nicht-normativen Fähigkeiten.363 Dieses Ergebnis soll im Folgenden vertieft werden, indem unterschiedliche Fähigkeitstypen voneinander unterschieden werden und der Fähigkeitstyp schärfer herausgestellt wird, der für das Verstehen einer Sprache einschlägig ist.

2.7.2 Sprachverstehen als Fähigkeit

Der Begriff der Fähigkeit ist schillernd. Häufig werden Fähigkeiten als eine bestimmte Art von Möglichkeit oder Kraft verstanden.364 Gleiches gilt für Dispositionen, Fertigkeiten und Vermögen. Wie Kräfte, Möglichkeiten, Dispositionen, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Vermögen zu verstehen, wie sie voneinander zu unterscheiden und aufeinander zu beziehen sind, ist stark umstritten. Während einige z.B. Fähigkeiten als Dispositionen betrachten, sehen andere eine grundlegende Differenz zwischen beiden.365 Die Begriffe der Kraft und der Möglichkeit dienen für gewöhnlich als Oberbegriffe, die sowohl Dispositionen als auch Fähigkeiten (sowie Vermögen und Fertigkeiten) umfassen. Was das Subjekt aber kann, wozu es eine Kraft hat oder was ihm möglich ist, wenn es eine Fähigkeit besitzt, ist in dem Maße unklar, in dem sich Fähigkeitstypen voneinander unterscheiden lassen. So werden z.B. natürliche von rationalen Fähigkeiten unterschieden, einspurige von mehrspurigen, Fähigkeiten erster von Fähigkeiten zweiter (oder höherer) Stufe, körperliche von mentalen Fähigkeiten, praktische von theoretischen, kognitive von konativen und affektiven, angeborene von erworbenen Fähigkeiten.366

Während über eine Fähigkeit zu verfügen im Falle von Personen häufig bedeutet, dass diese Handlungen vollziehen können, Fähigkeiten also Möglichkeiten zu absichtlichen Tätigkeiten sind, scheint es im Falle von anderen Lebewesen unangemessen zu sein, ihnen Absichten zuzusprechen. Während es z.B. unproblematisch erscheint, einem Hund die Fähigkeit zuzusprechen, einen Stock zu apportieren oder eine Frisbee im Flug zu fangen – und damit Möglichkeiten, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten –, ist es fraglich, ob er sich absichtlich auf diese oder eine andere Weise verhalten kann. Im Fall von unbelebten Dingen und Stoffen, denen ebenfalls Fähigkeiten zugeschrieben werden, ist dagegen nicht einmal klar, ob sinnvoll davon gesprochen werden kann, dass sie die Möglichkeit haben, sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten. Wenn man einem Metall z.B. eine bestimmte Leitfähigkeit zuspricht, dann ist für gewöhnlich nicht gemeint, dass es tätig wird oder sich aktiv verhält – gewissermaßen seine Möglichkeit(en) ergreift –, wenn es Wärme oder Strom leitet, auch wenn das Verb eine Tätigkeit nahelegt.

Unter diesen Umständen ist unklar, ob die Frage, wozu jemand oder etwas im Allgemeinen eine Möglichkeit oder Möglichkeiten hat, wenn er oder es über eine Fähigkeit verfügt, sinnvoll gestellt ist. Man kann natürlich versuchen, einen bestimmten Fall der Zuschreibung von Fähigkeiten als zentral auszuzeichnen und die Explikation des Fähigkeitsbegriffs unter ausschließlicher Berücksichtigung dieses zentralen Falles vornehmen. Man könnte z.B. behaupten, dass Fähigkeiten paradigmatisch Personen zugeschrieben werden. In anderen Fällen handelt es sich um eine bloße façon de parler. Zumindest im Hinblick auf die Zuschreibungen von Fähigkeiten an unbelebte Gegenstände entbehrt dieser Vorschlag nicht einer gewissen Plausibilität.367 Weiter ließe sich dann behaupten, dass Fähigkeiten in diesem ›eigentlichen‹ Sinne Möglichkeiten zu Handlungen sind.368 Wer eine Fähigkeit besitzt, kann etwas absichtlich tun. Allerdings wäre diese Weise, den Fähigkeitsbegriff zu explizieren, nicht nur einseitig, insoweit sie den Kreis der Subjekte von Fähigkeiten auf den von Personen einengt,369 sie wäre darüber hinaus einseitig, weil auch Personen vergleichsweise unterschiedliche Fähigkeiten haben und bei weitem nicht jede dieser Fähigkeiten (in jedem Fall) absichtlich ausgeübt wird. Personen können nicht nur Fahrrad fahren, Klavier spielen oder Operationen am offenen Herzen vornehmen, sondern auch überlegen oder sich etwas vorstellen. Derartige kognitive Fähigkeiten auszuüben heißt aber nicht ohne Weiteres, eine Handlung zu vollziehen – zumindest nicht, wenn eine Handlung den Vollzug (oder die Unterlassung) von Körperbewegungen involviert.370

Nun könnte man hier von mentalen Handlungen oder zumindest von mentalen Tätigkeiten im Unterschied zu physischen Tätigkeiten in folgendem Sinne sprechen: Überlegungen und Vorstellungen werden Subjekten als Aktivitäten zugerechnet, man kann sie dazu auffordern, sie können willentlich vollzogen werden und es ist dem Subjekt möglich, sie zu unterbrechen, in andere Bahnen zu lenken oder gar zu beenden. All dies scheint charakteristisch für Tätigkeiten zu sein. Andererseits ist es eine bekannte und ganz gewöhnliche Erfahrung, dass Überlegungen und Vorstellungen ohne Absicht angestellt werden, dass sie nicht willentlich initiiert und auch nicht im Verlauf kontrolliert oder gelenkt werden, sondern gewissermaßen selbstständig, assoziativ ablaufen. Es ist sogar eine bekannte Erfahrung, dass sie gegen den Willen der Person ablaufen, dass man nicht anders kann als (immer wieder) über etwas Bestimmtes nachzudenken oder sich etwas vorzustellen, dass sich Überlegungen oder Vorstellungen wie von selbst einstellen, auch wenn man gerade nicht über etwas nachdenken oder sich etwas vorstellen möchte. Gedanken und Vorstellungen können einen gewissermaßen ›packen und davontragen‹. In diesen Fällen haben sie den Charakter bloßer Widerfahrnisse. Entscheidend ist, dass dies eine ganz gewöhnliche Erfahrung mit Überlegungen und Vorstellungen ist, während es für Tätigkeiten im paradigmatischen Sinne, also Tätigkeiten der erstgenannten Art, die den Vollzug von Körperbewegungen involvieren, nicht gilt.371

Hinzu kommt, dass andere mentale Fähigkeiten nicht einmal absichtlich ausgeübt werden können, und insofern Tätigkeiten per definitionem absichtlich ausgeübt werden können, handelt es sich bei ihren Ausübungen nicht um Tätigkeiten. Affektive oder konative Fähigkeiten etwa sind von dieser Art.372 Affektive Fähigkeiten werden ›ausgeübt‹373, wenn ein Subjekt (a) in Empfindungs- oder Erregungszustände gerät, z.B. wenn es sich erleichtert fühlt, wenn es Lust oder Schmerz empfindet, wenn es überrascht ist oder sich erschreckt; (b) wenn es Emotionen wie Wut, Hass, Neid oder Scham empfindet; oder (c) wenn es in Stimmungen wie Melancholie, Gereiztheit oder Glückseligkeit gerät.374 Die Ausübung dieser Fähigkeiten erfolgt nicht willentlich, sie kann nicht absichtlich unterbrochen oder beendet werden und sie ist nur bedingt beeinflussbar. Zwar kann das Subjekt zumindest die Ausübung einiger dieser Fähigkeiten verursachen und im Allgemeinen kann es sich in Situationen begeben, die die Ausübung der meisten dieser Fähigkeiten wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen; aber dies ändert nichts daran, dass ihre Ausübung prinzipiell nicht seinem Willen unterworfen ist. Konative Fähigkeiten werden ausgeübt, wenn jemand z.B. etwas wünscht, verlangt oder beabsichtigt. Auch die Ausübung von konativen Fähigkeiten unterliegt in letzter Konsequenz keiner willentlichen Kontrolle. Man kann sich letztlich nicht aussuchen, was man sich wünscht oder was man verlangt. Zwar kann man sich wünschen, bestimmte Wünsche nicht zu haben, aber dies ändert nichts daran, dass man sie hat, und dafür hat man sich nicht entschieden.375 Zu Wünschen kann man folglich auch nicht auffordern, auch wenn man in bestimmten Kontexten, z.B. beim Ausblasen einer Geburtstagskerze, zur ›Wahl‹ eines Wunsches oder zur Explikation eines Wunsches auffordern kann.

Selbst kognitive Fähigkeiten können nicht immer willentlich ausgeübt werden. Wahrnehmungsfähigkeiten – Sehen, Hören, Schmecken, Riechen, Fühlen – werden unter bestimmten Bedingungen ausgeübt, ob man will oder nicht: »If one’s eyes are open, one normally cannot fail to see the salient things before one. One has no choice but to hear loud voices in one’s locality; and one typically cannot but feel the heat of the fire in one’s vicinity or the cold of the ice one touches.«376 Man kann nicht absichtlich riechen oder schmecken, auch wenn man sich absichtlich die Nase zuhalten oder den Mund geschlossen halten kann. Sobald ein Sinnesreiz an die Sinnesorgane gelangt, werden die Wahrnehmungsfähigkeiten unter normalen Bedingungen ausgeübt, ob man will oder nicht. Riechen, Sehen, Hören usw. sind keine absichtlichen Tätigkeiten, auch wenn man beabsichtigen kann, zuzuhören, hinzuhören, zu starren, nachzuschauen, herauszuschmecken usw.377

Mentale Fähigkeiten werden also häufig nicht absichtlich ausgeübt und unterliegen in vielen Fällen nicht der willentlichen Kontrolle. Mithin ist ihre Ausübung vielfach keine Handlung und in den letztgenannten Fällen erscheint es nicht einmal sinnvoll, von einer »Tätigkeit« zu sprechen. Zwar kann man daraus den Schluss ziehen, dass mentale Fähigkeiten eben keine Fähigkeiten sind, aber dieser Schluss ist ebenso wenig gerechtfertigt wie die Annahme, auf der er gründet, nämlich, Fähigkeiten im ›eigentlichen Sinne‹ seien Fähigkeiten zu absichtlichen Tätigkeiten bzw. jede Ausübung einer Fähigkeit müsse ein intentionaler Akt sein. Vortheoretisch, aber auch theoretisch, wird zwischen unterschiedlichen Fähigkeiten unterschieden, und jede Erläuterung des Fähigkeitsbegriffs hat diesem Umstand Rechnung zu tragen. Plausibler erscheint es da, zwischen unterschiedlichen Fähigkeitstypen zu unterscheiden und die Merkmale der einzelnen Typen herauszustellen. Hilfreich kann es dabei sein, weitere Begriffe in den Blick zu nehmen, die eng mit dem Begriff der Fähigkeit verbunden sind: wie die Begriffe des Vermögens, der Fertigkeit, aber auch der der Disposition.

2.7.3 Sprachverstehen als mehrspurige praktische Fertigkeit

Jemand, der eine Sprache versteht, ist zu einer Reihe unterschiedlicher Dinge fähig. Je nach Objekt und Stufe des Sprachverstehens kommen unterschiedliche Fähigkeiten ins Spiel, in deren Ausübung sich das Sprachverstehen manifestiert und deren Manifestationen als Kriterien für die Zuschreibung von Verstehen gelten.378 Wer eine Äußerung perzeptiv versteht, ist z.B. in der Lage, sie richtig zu zitieren sowie falsche von richtigen Zitationen zu unterscheiden;379 wer versteht, dass ein sprachlicher Ausdruck einer bestimmten Sprache geäußert wurde, ist in der Lage, den Ausdruck einem bestimmten Typen zuzuordnen, ihn syntaktisch zu gliedern, wenn es ein komplexer Ausdruck ist, sowie richtige von falscher Typisierung und Gliederung zu unterscheiden;380 wer den potentiellen Sinn der Äußerung eines Satzes versteht, ist z.B. in der Lage, »auf Äußerungen des Satzes angemessen zu reagieren, den geäußerten Satz in passenden Zusammenhängen zu gebrauchen, ihn innersprachlich korrekt zu paraphrasieren oder ihn korrekt in andere Sprachen zu übersetzen«381, wie Scholz im Anschluss an Wittgenstein festhält. Auf anderen Stufen des Äußerungsverstehens kommen weitere Fähigkeiten ins Spiel. Prinzipiell lässt sich daher festhalten, dass zumindest in paradigmatischen Fällen sprachliche Kompetenz eine Reihe von unterschiedlichen Fähigkeiten involviert.

Eine umfassende Theorie des Sprachverstehens steht vor der Aufgabe, die jeweiligen Objekte und Stufen des Sprachverstehens sowie die damit verbundenen Fähigkeiten kleinschrittig herauszuarbeiten. Im vorliegenden Zusammenhang kann und muss dies nicht geleistet werden.382 Es reicht hin, den Begriff des Sprachverstehens in grundlegender Perspektive zu bestimmen. Das Spezifische am Sprachverstehen kommt damit zwar noch nicht in den Blick; dazu müssten gerade die unterschiedlichen Ebenen des Sprachverstehens (unterschiedliche Objekte sowie Stufen) und die mit ihnen verbundenen unterschiedlichen Teilfähigkeiten der komplexen Fähigkeit des Verstehens einer Sprache herausgestellt werden.383 Im vorliegenden Zusammenhang geht es aber weniger um den Unterschied zwischen dem Sprachverstehen und anderen Formen des (praktischen) Verstehens als um deren Gemeinsamkeiten. Die kursorisch genannten Teilfähigkeiten, die beim Verstehen von Äußerungen ins Spiel kommen, mögen daher als Andeutungen für die Eigenart des Sprachverstehens ausreichen.

Vor dem Hintergrund der angeführten Fähigkeiten erweist sich die bisher entwickelte Konzeption des Sprachverstehens als tauglich im Sinne einer abstrakten Charakterisierung: Sprachverstehen ist eine komplexe Fähigkeit zu angemessenem Sprachverhalten im weiten Sinne in Reaktion auf konkrete Situationen im weiten Sinne und in Verbindung mit einer normativen Einstellung. Um der Komplexität der Fähigkeit und einigen weiteren Merkmalen theoretisch Rechnung zu tragen, ist es verbreitet, sprachliche Kompetenz als mehrspurige praktische Fertigkeit zu bestimmen.384 Diesem Vorschlag soll hier gefolgt werden.

Der Begriff der mehrspurigen Fertigkeit geht auf Gilbert Ryle zurück; er nutzt ihn, genauer: er nutzt den Begriff einer mehrspurigen Disposition, um intelligente Vermögen bzw. Fertigkeiten (skills) zu analysieren.385 Mehrspurige Dispositionen sind von einfachen oder einspurigen unterschieden, »the actualizations of which are nearly uniform.«386 Wasserlöslichkeit ist z.B. eine klassische einspurige Disposition; wenn etwas wasserlöslich ist, löst es sich ceteris paribus auf, wenn es in Wasser gelegt wird. Die einzelnen Fälle der Aktualisierung der Disposition sind immer gleich: Stets löst sich der Stoff in Wasser auf. Beispiele für einspurige Dispositionen bei Personen sind Reflexe oder bloße Gewohnheiten.387 Die Aktualisierungen einer Vielzahl anderer Dispositionen sind aber weit weniger einheitlich: »There are many dispositions the actualizations of which can take a variety of shapes«388, wie Ryle festhält. Als Beispiele nennt er die Härte eines Gegenstandes, die sich nicht nur aktualisiert, wenn er sich bei Stößen nicht verformt. Wenn ein Gegenstand hart ist, gibt er auch einen klaren Ton ab, wenn man mit einem anderen harten Gegenstand dagegen schlägt, verursacht Schmerzen, wenn man sich an ihm stößt, kann genutzt werden, um zerbrechliche Gegenstände zu zerbrechen, stößt elastische Gegenstände ab usw.389 Die Formen der Aktualisierungen dieser Dispositionen sind zahlreich und nach Ryle prinzipiell unbestimmt.390 Intelligente Vermögen oder Fertigkeiten sind ihm zufolge keine einfachen, sondern höhere bzw. mehrspurige Dispositionen.391

Nach dem Gesagten ist klar, dass Sprachverstehen keine einfache Disposition sein kann, sondern eine mehrspurige sein muss. Allerdings ist auch klar, dass sie nicht bloß eine mehrspurige Disposition ist, denn es besteht noch eine Reihe von bedeutsamen Unterschieden zwischen der Sprachkompetenz einer Sprecherin und z.B. der Härte eines Baseballschlägers. Die Unterschiede resultieren nicht bloß aus dem Umstand, dass der Baseballschläger keine Person, nicht einmal ein Lebewesen ist. Was dies betrifft, ließen sich andere mehrspurige Dispositionen von Personen nennen, die dennoch grundlegend verschieden von sprachlicher Kompetenz sind. Entscheidend ist etwas anderes. Ryle nutzt den Begriff der mehrspurigen Disposition letztlich dazu, den Begriff der Fertigkeit bzw. des intelligenten Vermögens genauer zu bestimmen. Intelligente Vermögen sind Kompetenzen zu intelligentem Verhalten, und intelligentes Verhalten zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es richtig, gut, erfolgreich, effizient, angemessen, methodisch oder Ähnliches ist, und zwar aufgrund einer kognitiven Leistung des Subjekts des Verhaltens. In den Worten Ryles:

To be intelligent is not merely to satisfy criteria, but to apply them; to regulate one’s actions and not merely to be well-regulated.392

Man kann den Unterschied, den Ryle hier macht, im Sinne der oben genannten Unterscheidung zwischen einem Verhalten, das einer Regel gemäß ist und einem, das einer Regel folgt, verstehen. Allerdings betont Ryle, dass damit nicht gemeint ist – und soweit es ihn betrifft, letztlich auch nicht gemeint sein kann –, dass das Subjekt intelligenten Verhaltens die Regeln oder Kriterien, nach denen es handelt, bewusst oder nicht bewusst ›betrachten‹ müsste, bevor es nach ihnen handelt.393 Ryle kann daher so verstanden werden, dass er intelligentes Verhalten als ein regelfolgendes ohne Regelrepräsentation auffasst. Wie genau dies zu verstehen ist, wird bei Ryle selbst nicht besonders klar. An dieser Stelle kann aber auf die obigen Überlegungen zurückgegriffen werden: Das regelfolgende Verhalten (ohne Regel) ist in grundlegenden Fällen als eines zu verstehen, das von einer implizit eingenommenen normativen Einstellung begleitet wird. Sprachverstehen ist eine mehrspurige Fertigkeit (skill) in diesem Sinne.394

Ryle verwendet an einigen exponierten Stellen den Ausdruck »knowing how« oder verwandte Formulierungen, um das ›Wissen‹ zu bezeichnen, das zugeschrieben wird, wenn Fertigkeiten zugeschrieben werden. Er versucht so eine Erklärung von intelligentem Verhalten zu geben, die dieses als Ausübung einer grundlegend praktischen Kompetenz – im Unterschied zu einer theoretischen Kompetenz – erläutert:

Knowing how, then, is a disposition, but not a single-track disposition like a reflex or a habit. Its exercises are observances of rules or canons or the application of criteria, but they are not tandem operations of theoretically avowing maxims and then putting them into practice.395

Ryles Gleichsetzung von intelligenten Vermögen oder Fertigkeiten mit einem Wissen-wie hat eine Vielzahl von Spuren in der Fachliteratur hinterlassen. Insbesondere ist es üblich, sprachliche Kompetenz als ein Wissen-wie zu beschreiben, wenn man der Auffassung ist, dass es sich nicht um ein propositionales Wissen handelt. Zwischen einem Wissen-wie und einer (komplexen) Fähigkeit wird dann selten ein prinzipieller Unterschied gemacht, ebenso wenig wie zwischen Fähigkeiten (abilities) und Fertigkeiten (skills). Scholz, der ausdrücklich an Ryle anschließt, um den Begriff des Sprachverstehens zu bestimmen, gibt hier ein eindrucksvolles Beispiel:

Das Sprachverstehen ist nach unseren Überlegungen grundsätzlich eine praktische Fähigkeit. […] Alle Hinweise auf Besonderheiten der Sprachfertigkeit im Unterschied zu anderen Fähigkeiten sollten uns nicht von der grundsätzlichen Einstufung des Sprachverstehens als einer Form von praktischem Wissen-wie, einer komplexen Fertigkeit, abbringen. Es gibt nur eben ein sehr breites Spektrum von Fähigkeiten und Fertigkeiten.396

In letzter Zeit wird der Unterschied zwischen propositionalem bzw. Faktenwissen auf der einen und praktischem Wissen bzw. Wissen-wie auf der anderen Seite allerdings kontrovers diskutiert. Im Zuge dessen werden häufig prinzipielle Unterschiede zwischen Wissen-wie und Fähigkeiten einerseits sowie zwischen Fähigkeiten und Fertigkeiten andererseits behauptet. Vor dem Hintergrund dieser Debatten empfiehlt es sich, Fähigkeiten nicht vorschnell mit Fertigkeiten und Wissen-wie gleichzusetzen. Sprachverstehen soll im vorliegenden Zusammenhang und im Anschluss an die Überlegungen Ryles als Fertigkeit (oder komplexe Fähigkeit der Intelligenz) gelten, ausdrücklich nicht als Wissen-wie. Sofern man der Ansicht ist, dass der Begriff der Disposition ein rein deskriptiver ist, Dispositionen also mithilfe deskriptiven Vokabulars prinzipiell vollständig bestimmt werden können, sind Fertigkeiten keine Dispositionen. Legt man einen weiten Dispositionsbegriff zugrunde, scheint nichts gegen eine dispositionale Analyse von Fertigkeiten zu sprechen. Entscheidend ist letztlich, dass Fertigkeiten ein besonderer Typ von Fähigkeiten und nicht ohne Weiteres mit Wissen-wie gleichzusetzen sind.397

Ryles Begriff der Fertigkeit weist weitere Facetten auf, die ihn geeignet machen, sprachliche Kompetenz als Fertigkeit zu bestimmen: Fertigkeiten werden prinzipiell erworben;398 ihr Erwerb ist ein langwieriger und grundsätzlich unabgeschlossener Prozess.399 Das heißt, dass der Besitz von Fertigkeiten eine graduelle Angelegenheit ist: Man beherrscht die jeweilige intelligente Praxis mehr oder weniger (gut). Das gleiche gilt für sprachliche Kompetenz; auch sie wird erworben und kann nach dem Erwerb stetig verbessert werden. Eine erwachsene Person versteht ihre Muttersprache für gewöhnlich besser als im Kindesalter; unterschiedliche Personen sprechen eine Sprache unterschiedlich gut. Die Plastizität oder Graduierbarkeit von Fertigkeiten (und Fähigkeiten im Allgemeinen) ist zugleich ein bekanntes Merkmal des Verstehens: »Man kann sprachrichtig sagen, jemand verstehe etwas, insbesondere: jemand verstehe eine Sprache, mehr oder weniger gut oder er verstehe sie zum Teil«400, wie sich mit Scholz feststellen lässt. Dass sowohl der Besitz von Fertigkeiten als auch der Besitz eines Verständnisses eine graduelle Angelegenheit ist, ist selbstverständlich kein Zufall in der Perspektive der vorliegenden Arbeit, sondern ergibt sich aus der Behauptung, dass (Sprach-)Verstehen als Fertigkeit zu begreifen ist.

Abschließend ist auf eine häufig genannte Eigenschaft des Sprachverstehens einzugehen, die für gewöhnlich als dessen Spezifikum gilt. Gemeint ist die Produktivität des Sprachverstehens.401 Wer eine Sprache spricht, ist in der Lage, eine Vielzahl, prinzipiell unbestimmt viele Sätze einer Sprache zu bilden und zu verstehen. Insbesondere kann er unbestimmt viele neue Sätze bilden und verstehen. Das Merkmal der Produktivität wird zudem auf Gedanken übertragen. Wer überhaupt Gedanken fassen kann, kann prinzipiell unbegrenzt viele Gedanken denken, insbesondere neue Gedanken, die er zuvor noch nicht gedacht hat. Die Möglichkeit der Übertragung auf Gedanken ist wenig überraschend, können Gedanken doch durch Sätze vollständig ausgedrückt werden. In beiden Fällen wird die Produktivität zudem für gewöhnlich in einem Atemzug mit einer weiteren Eigenschaft genannt: der Systematizität von Sprache402 oder besser: von Sprachverstehen und Denken. Dass Sprachverstehen systematisch ist, heißt dann, dass es der systematischen Variabilität sprachlicher Ausdrücke entspricht. Zwischen den Sätzen »Paris ist eine laute Stadt« und »Berlin ist eine große Stadt« gibt es strukturelle Ähnlichkeiten, die systematische Varianten erlauben, wie »Paris ist eine große Stadt« und »Berlin ist eine laute Stadt«. Wer die ersten beiden Sätze versteht, versteht ceteris paribus die letzten beiden, weil es sich dabei um systematische Varianten handelt und Sprachverstehen systematisch ist. Häufig wird sowohl im Falle von Sätzen als auch im Falle von Gedanken deren Produktivität sowie Systematizität mit dem sogenannten Kompositionalitätsprinzip erklärt, also mit der Annahme, dass der Inhalt komplexer inhaltstragender Einheiten sich aus dem Inhalt ihrer einfachen Bestandteile sowie aus der Art und Weise ergibt, in der diese zusammengesetzt sind.403

Nun ist aber weder bei der Produktivität noch bei der Systematizität von Sprachverstehen klar, weshalb es sich um spezifische Merkmale des Sprachverstehens handeln sollte. Zahlreiche andere Fertigkeiten weisen dieselben Eigenschaften auf. Besonders klar tritt dies mit Blick auf die Produktivität zutage. Der Besitz der meisten Fertigkeiten ermöglicht ihre Anwendung in unbestimmt vielen Situationen auf ähnliche und doch neue Weise bzw. im Hinblick auf ähnliche und doch neue Objekte, gleich, ob man Schach spielen, addieren oder Dinge herstellen kann.404 Wer z.B. addieren kann, kann unbestimmt viele Additionsaufgaben mit prinzipiell unbestimmt vielen neuen Zahlenkombinationen durchführen; wer Fahrräder herstellen kann, kann unbegrenzt viele, mehr oder weniger unterschiedliche und neue Fahrräder herstellen. Die Produktivität auf semantische Phänomene einzuschränken, führt hier nicht weiter, denn »[m]ost other symbol systems that we use every day (e.g., maps, models, pictures and diagrams, music notation) are likewise unbounded«, wie Robert Schwartz anmerkt.405 Wer diese Symbolsysteme beherrscht, ist generell in der Lage zu unbestimmt vielen neuen Verwendungen der jeweiligen Symbole bzw. dazu, derartige Verwendungen zu verstehen, und er ist in der Lage, den Gebrauch neuer Symbole aus dem jeweiligen System zu verstehen bzw. selbst Gebrauch von neuen Symbolen in unbestimmt vielen neuen Situationen zu machen. Wer z.B. gelernt hat, Karten zu lesen, kann unbestimmt viele neue Karten lesen406 und grundsätzlich auch selbst anfertigen.407 Es ist alles andere als offensichtlich, dass die Produktivität der symbolischen oder auch der angeführten nicht-symbolischen Fertigkeiten von der Produktivität des Sprachverstehens anhängt. Im Gegenteil ist die Annahme plausibel, dass Produktivität kein spezifisches Merkmal des Sprachverstehens ist.

Ob das Gleiche für die Systematizität gilt, hängt u.a. davon ab, ob der Gegenstand, auf den sich eine Fertigkeit bezieht, in Bestandteile mit systematischen Funktionen zergliedert werden kann. Besonders (einige) symbolische Fertigkeiten sind hierfür offenbar geeignet; aber auch von nicht-symbolischen Fertigkeiten lässt sich zeigen, dass sie systematisch sind.408 Es ist daher davon auszugehen, dass auch die Systematizität kein spezifisches Merkmal des Sprachverstehens ist.

Die Produktivität des Sprachverstehens und zumindest bedingt auch ihre Systematizität ist also als allgemeines Merkmal von Fertigkeiten zu denken. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine kognitive Leistung, die wesentlich für Fertigkeiten ist: Wer eine Fertigkeit besitzt, ist in der Lage, sie unter neuen Bedingungen erfolgreich anzuwenden – Fertigkeiten sind wesentlich produktiv oder projektiv. Die Projektion ist eine Übertragungsleistung, eine Form von Mustererkennung, die grundlegend für Fertigkeiten ist. Entsprechend hängt die Zuschreibung von Fertigkeiten davon ab, ob jemand zu fertigkeitsspezifischen Übertragungsleistungen fähig ist. Wer z.B. nur für diejenige finite Menge von Zahlenkombinationen die Summe nennen kann, deren Summen er gelernt hat, um das Addieren zu lernen, kann (noch) nicht addieren, sondern lediglich auswendig lernen; wer nur diejenige finite Menge an Sätzen zu gebrauchen weiß, anhand derer er eine Sprache hat erlernen sollen, beherrscht die Sprache (noch) nicht, und wer bloß ein Lied auf einer Gitarre spielen kann, kann (noch) nicht Gitarre spielen. Bemerkenswert ist nun, dass es in diesen Fällen nicht nur gerechtfertigt ist, die Fertigkeit abzusprechen, sondern zugleich dem Subjekt ein Verständnis von der jeweiligen Praxis abgesprochen werden kann. Wer zu den erforderlichen Übertragungsleistungen nicht in der Lage ist, hat (noch) nicht verstanden, wie man addiert, versteht die Sprache (noch) nicht oder versteht (noch) nicht, wie man Gitarre spielt. Ab wann jemand die jeweilige Praxis beherrscht oder versteht, lässt sich nicht genau sagen: schon deshalb nicht, weil der Besitz des Verständnisses oder der Fertigkeit eine graduelle Angelegenheit ist. Klar ist aber, dass niemand etwas versteht oder eine Praxis auch nur in Ansätzen beherrscht, der zu keinerlei Übertragungsleistung fähig ist. Produktivität und (bedingt) Systematizität sind nicht nur wesentlich für Sprachverstehen als Fertigkeit, sondern für Sprachverstehen als Form eines Verstehens.409

Sprachverstehen, so lässt sich nun zusammenfassend sagen, ist eine komplexe, mehrspurige, normative, erlernte und projektive Fertigkeit. Weiter oben und insbesondere in der Diskussion von Dummetts Ansicht wurde zudem behauptet, Sprachverstehen sei eine praktische Fertigkeit. Nun stellt sich aber die Frage, was praktisch am Verstehen ist. Wie kann eine praktische Fertigkeit mit einer kognitiven wie dem Verstehen gleichgesetzt werden? Praktische Fertigkeiten scheinen wesentlich körperliche Fertigkeiten zu sein – man denke an Dummetts Beispiele des Fahrradfahrens und Schwimmens –, Verstehen wiederum mag verkörpert sein, ist aber eine mentale Eigenschaft. Von einer praktischen Fähigkeit oder Fertigkeit zu sprechen war Dummett bereit, weil das Verstehen einer Sprache mit den Fähigkeiten zu sprachlichen und nicht-sprachlichen Handlungen verbunden ist. Aber ist das wesentlich für Sprachverstehen? Versteht nicht auch der noch eine Sprache, der nicht mehr sprechen und auch sonst nicht mehr handeln kann, vielleicht weil er gelähmt ist? Droht die Gleichsetzung des Verstehens mit einer praktischen Fertigkeit nicht in einen kruden Behaviorismus zu münden? Verschärft stellt sich die Frage, was am Sprachverstehen praktisch ist, wenn man berücksichtigt, dass sich Sprachverstehen nicht nur im Sinne eines produktiven Verstehens in Handlungen zeigt, sondern auch im Sinne eines rezeptiven Verstehens. Hier scheint es besonders abwegig zu sein, von einer »praktischen Fertigkeit« zu sprechen. Dummetts Behauptung, Sprachverstehen weise einen theoretischen und rationalen Aspekt auf, mag als Versuch gelten, einem kruden Behaviorismus zu entgehen und dem kognitiven Moment des (Sprach-)Verstehens Rechnung zu tragen. Wie also ist es zu verstehen, dass es sich beim Sprachverstehen um eine praktische Fertigkeit handelt?

2.7.3.1 Was ist praktisch am (Sprach-)Verstehen?

Zunächst einmal ist darauf aufmerksam zu machen, dass der Gegenbegriff zu »praktisch« nicht »mental« oder »kognitiv«, sondern »theoretisch« ist. Das Verstehen einer Sprache als praktische Fertigkeit zu bestimmen, impliziert also nicht, dass das Verstehen keine mentale oder kognitive Fertigkeit wäre. Im Gegenteil sind Fertigkeiten Fähigkeiten der Intelligenz und damit wesentlich kognitiv und folglich mental. Ryle rekurriert schließlich auf den Begriff der Fertigkeit bzw. des Wissens-wie, um zu erklären, was es heißt, dass Menschen mentale Eigenschaften im Rahmen von Handlungen instantiieren.410 Seine Erklärung wird für gewöhnlich als Spielart eines logischen Behaviorismus verstanden, wonach mentale Begriffe letztlich in Begriffen von Verhalten oder Verhaltensdispositionen definiert werden können.411 Man ist allerdings nicht auf einen logischen Behaviorismus festgelegt, wenn man Verstehen als Fähigkeit der Intelligenz oder Fertigkeit begreift. Gleichwohl lässt sich an folgender grundlegender Überzeugung festhalten: Mentale Eigenschaften können sich prinzipiell im Verhalten ausdrücken – diese Möglichkeit gehört zum Begriff mentaler Eigenschaften – und ein Verständnis ihrer hat diesem Charakteristikum Rechnung zu tragen.412 Zwar lassen sich mentale Eigenschaften im Allgemeinen und Verstehen im Besonderen nicht auf (sprachliches oder nicht-sprachliches) Verhalten reduzieren und es ist daher auch nicht sinnlos, von einem Subjekt z.B. zu behaupten, es verstehe etwas, auch wenn es keinerlei beobachtbares Verhalten zeigt oder auch nur (zu einem bestimmten Zeitpunkt) zeigen kann. Die Zuschreibung von mentalen Eigenschaften und von Verstehen dient aber prinzipiell dazu, Verhalten erklären, erwarten und vorhersagen zu können.413 Mentale Eigenschaften stehen in einem engen begrifflichen Zusammenhang zu sprachlichem und nicht-sprachlichem Verhalten. Im Hinblick auf propositionale Einstellungen hat Davidson den Zusammenhang folgendermaßen bestimmt: »Es gibt begriffliche Bindungen zwischen den Einstellungen und dem Verhalten, die ausreichen (sofern genügend Information über aktuelles und mögliches Verhalten gegeben ist), um korrekte Schlüsse auf die Einstellungen zu ermöglichen.«414 In ähnlicher Weise hält Glock im Anschluss an Davidson im Hinblick auf den Begriff des Denkens fest, dass es »Teil des Begriffs des Denkens [ist], dass es sich im Verhalten ausdrücken kann«415, ohne dass aus dieser Möglichkeit folgt, dass das Denken ausschließlich im Rekurs auf beobachtbares Verhalten definiert werden könnte.416 Georg Bertram wiederum leitet aus dem engen begrifflichen Zusammenhang zwischen Verhalten und mentalen Eigenschaften ein methodisches Prinzip ab, das er »methodische[n] Pragmatismus«417 nennt, und wonach gelte, »dass etwas Geistiges mit Bezug auf die Praktiken verstanden werden muss, in denen es sich manifestiert.«418 Man könnte auch von einem »methodologischen Behaviorismus« sprechen.419 Diesem Prinzip wird in der vorliegenden Arbeit gefolgt. Für den Begriff des Verstehens kann also zweierlei festgehalten werden: (1) Wie für andere mentale Eigenschaften gilt auch für das Verstehen, dass es im Allgemeinen eine notwendige Möglichkeit ist, dass es sich im Verhalten ausdrücken kann; (2) die Zuschreibung von Verstehen erfolgt aufgrund von sprachlichem oder nicht-sprachlichem Verhalten.420 Zusammenfassend gilt also:

(VM&Z) Es ist charakteristisch für Verstehen, dass es sich im Verhalten manifestiert und aufgrund von Verhalten zugeschrieben wird.

Mentale Eigenschaften als (mentale) Fähigkeiten zu begreifen, ist eine Möglichkeit, (VM&Z) unmittelbar Rechnung zu tragen.421 Ebenso wie mentale Eigenschaften werden Fähigkeiten aufgrund von Verhalten zugeschrieben; ebenso wie im Falle mentaler Eigenschaften kann man über mentale Fähigkeiten verfügen, ohne sie auszuüben; und ebenso wie im Falle mentaler Eigenschaften haben Fähigkeiten materielle Substrate, ohne mit ihnen identisch zu sein.422

Dennoch ist eine mentale Fähigkeit nicht identisch mit einer körperlichen Fähigkeit, selbst dann nicht, wenn sie zusammen mit der körperlichen Fähigkeit ausgeübt oder aufgrund der Ausübung der körperlichen Fähigkeit zugeschrieben wird. Ein Subjekt mag dieselben körperlichen Fähigkeiten in zwei unterschiedlichen Situationen ausüben und es mag in beiden Fällen kein beobachtbarer Unterschied festzustellen sein; dennoch ist es möglich, dass nur in einem der Fälle eine bestimmte mentale Fähigkeit ausgeübt wird. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen:423 Angenommen, ein Stuntman beherrsche die Kunst des authentischen Fallens; dann ist er in der Lage, in einer Weise eine Treppe hinunterzustürzen, die optisch von einem unkontrollierten Sturz ununterscheidbar ist. Angenommen, dieser Stuntman stürze nun die Treppe kontrolliert hinunter, und angenommen, er übe dabei exakt dieselben körperlichen Fähigkeiten auf exakt dieselbe Weise aus wie Jahre zuvor, als er dieselbe Treppe hinunterstürzte, aber noch nicht die Fähigkeiten eines Stuntmans hatte. Damals übte er sie reflexartig aus und blieb zufällig verletzungsfrei; nun übt er sie aber bewusst auf eine angemessene Weise aus und bleibt zuverlässig verletzungsfrei. Ein Verständnis davon, wie in der Situation angemessen zu fallen ist, drückt sich nur in diesem, nicht in jenem Fall aus. Insofern dieses Verständnis als mentale Fähigkeit zu begreifen ist, ist sie von den ausgeübten körperlichen Fähigkeiten verschieden. Welche mentale Fähigkeit wird genau ausgeübt? Da es sich hier um einen Fall nicht-sprachlichen Verstehens handelt, kann eine ausführliche Antwort hier noch nicht gegeben werden. Vor dem Hintergrund des bisher Gesagten ist aber klar, dass die Fähigkeit, eine normative Einstellung zum eigenen Verhalten einzunehmen, wesentlich für das Verstehen des Verhaltens ist. Es ist nicht abwegig, hierin die eigentliche Leistung des Verstehens zu sehen.

In der Bestimmung des Sprachverstehens ist dem Unterschied zwischen Verstehen und Verhalten ebenso Rechnung zu tragen wie dem erwähnten engen Zusammenhang. Dies kann durch eine differenziertere Betrachtung der bisherigen Bestimmung des Sprachverstehens geleistet werden. Sprachverstehen, so wurde behauptet, ist eine Fertigkeit, in Reaktion auf konkrete Situationen ein angemessenes Sprachverhalten zu zeigen und dazu implizit eine normative Einstellung einzunehmen. Der mentale Aspekt dieser Fertigkeit lässt sich nun in der Leistung sehen, einen Zusammenhang zwischen der Situation und dem angemessenen Verhalten zu erkennen, derart, dass in der jeweiligen Situation das jeweilige Verhalten angemessen ist. Auf diese Weise wird die Situation als eine bestimmte verstanden, nämlich als eine, in der ein bestimmtes Verhalten angemessen ist ebenso wie das Verhalten als ein bestimmtes verstanden wird, nämlich als eines, das in der jeweiligen Situation eine angemessene Reaktion ist. Das Verständnis der Situation impliziert das des Verhaltens und umgekehrt; es handelt sich gewissermaßen um zwei Seiten derselben Medaille oder – wenn man so will – um die beiden Enden der Erkenntnisrelation zwischen Situation und Verhalten, die das Verstehen ausmachen.

Nun spricht aber nichts dagegen, die Erkenntnisleistung wiederum praktisch zu erläutern, nämlich als Fähigkeit, den jeweiligen Zusammenhang zwischen Situation und angemessenem Verhalten zuverlässig herstellen zu können, indem ein angemessenes Verhalten in Reaktion auf die Situation im Bewusstsein seiner Angemessenheit gezeigt wird. Das jeweilige Verständnis manifestiert sich dann im praktischen Herstellen des Zusammenhangs und es ist die Manifestation eines Verständnisses, weil das Herstellen des Zusammenhangs, die Ausübung einer zuverlässigen, erworbenen, projektiven, normativen Kompetenz ist, die ausgeübt werden kann, indem unterschiedliche Verhaltensweisen gezeigt werden, die systematisch zusammenhängen, insofern sie charakteristisch für die jeweilige Fertigkeit sind, als deren Ausübung sie gelten. Freilich muss sich das Verstehen nicht in beobachtbarem Verhalten manifestieren. Es kann sich auch in vorgestelltem Verhalten manifestieren, etwa wenn sprachliche oder nicht-sprachliche Verhaltensweisen in der Vorstellung ausgeübt werden oder aber deren Ausübung lediglich antizipiert wird. Entsprechend kann auch das Sprachverhalten anderer Personen rezeptiv verstanden werden, indem der Zusammenhang zwischen dem Sprachverhalten und der Situation, auf die es eine angemessene Reaktion ist, wahrgenommen, antizipiert oder vorgestellt wird. Eben deshalb läuft die hier vorgestellte Konzeption nicht Gefahr, in einen kruden ontologischen oder logischen Behaviorismus zu verfallen. Dem logischen Behaviorismus kommt sie aber insofern entgegen, als sie Vorstellung und Antizipation als explanatorisch sekundär betrachtet: Schließlich handelt es sich um Vorstellungen und Antizipationen von Verhaltensweisen, und für die Frage, ob sich in den Verhaltensweisen ein Verständnis manifestiert, ist es nebensächlich, ob sie vorgestellt oder antizipiert werden.

Einen ähnlichen Gedanken scheint Ryle zu verfolgen, wenn er die Mehrspurigkeit von Fertigkeiten (Wissen-wie) erläutert, indem er behauptet, dass die Ausübungen ganz unterschiedlicher Fähigkeiten als Ausübung einer Fertigkeit gelten:

You exercise your knowledge how to tie a clove-hitch not only in acts of tying clove-hitches and in correcting your mistakes, but also in imagining tying them correctly, in instructing pupils, in criticizing the incorrect or clumsy movements and applauding the correct movements that they make, in inferring from a faulty result to the error which produced it, in predicting the outcomes of observed lapses, and so on indefinitely.424

Über eine Fertigkeit, wie z.B. Knoten knüpfen zu können, zu verfügen, bedeutet also nach Ryle nicht, dass man lediglich Knoten knüpfen kann. Vielmehr übt man die Fertigkeit in einer Reihe verschiedener Aktivitäten aus.425 Wesentlich ist in all diesen Fällen, dass man in der Lage ist, den Regeln oder Kriterien ›zu folgen‹, nach denen Knoten geknüpft werden. Diesem Gedanken trägt die hier vorgestellte Konzeption des Sprachverstehens Rechnung, indem das Regelfolgen als die mentale Fähigkeit gedacht wird, im Bewusstsein ihrer Angemessenheit angemessene Zusammenhänge zwischen Situationen und Verhalten herzustellen; und diese Fähigkeit kann offenbar im Zusammenspiel mit unterschiedlichen anderen Fähigkeiten ausgeübt werden.

Insoweit das Sprachverstehen als kognitive Kompetenz des zuverlässigen Herstellens von angemessenen Zusammenhängen zwischen Situationen und Sprachverhalten im Bewusstsein ihrer Angemessenheit verstanden werden kann, ist Verstehen eine mentale Fähigkeit. Insoweit das Verstehen ausgeübt werden kann, indem die Zusammenhänge im Bewusstsein ihrer Angemessenheit zuverlässig durch Sprachverhalten hergestellt werden, ist es eine praktische Fertigkeit.

Für den Begriff des praktischen Verstehens ist nun Folgendes entscheidend: Die genannte kognitive Leistung ist nicht das Resultat oder die Manifestation eines propositionalen Wissens. Der Zusammenhang wird nicht hergestellt, indem ein propositionales Wissen angewandt wird, das Situationstypen, unter die die jeweiligen Situationen fallen, und Verhaltenstypen, unter die das jeweilige Verhalten fällt, mittels Zusammenhangstypen, unter die die jeweiligen Zusammenhänge fallen, verbindet. Vielmehr besteht die kognitive Leistung darin, konkrete Zusammenhänge zwischen konkreten Situationen und Verhaltensweisen unmittelbar herzustellen, indem konkrete Verhaltensweisen gezeigt (vorgestellt oder antizipiert) werden. Das Verstehen ist praktisch und nicht theoretisch in diesem Sinne. Sprachverstehen ist kein wesentlich propositionales Verstehen. Es ist eine praktische Erkenntnis, die sich auf das Herstellen von Zusammenhängen bezieht und sich darin ausdrückt, keine theoretische, die sich auf das Betrachten dieser Zusammenhänge bezieht und sich darin ausdrückt. Sprachverstehen ist weder auf ein Verstehen von Bedeutungstatsachen (als das, was in Bedeutungserklärungen genannt wird) reduzierbar noch setzt seine Ausübung das vorherige Erfassen von Bedeutungstatsachen voraus. Wer eine Sprache versteht, beherrscht den Gebrauch sprachlicher Ausdrücke, aber nicht notwendigerweise die Erklärung des Gebrauchs im bereits diskutieren Sinne. Jedes propositionale Sprachwissen und jede Überzeugung hinsichtlich der Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken ist genetisch und systematisch sekundär gegenüber der Fähigkeit zur unmittelbaren Herstellung des Zusammenhangs zwischen Situationen und Sprachverhalten und Ergebnis von Reflexionen darauf.

Daraus folgt, dass das Sprachverstehen praktisch im Unterschied zu theoretisch in einem engeren Sinne ist: Insofern Bedeutungstatsachen ein axiomatisches System von zusammenhängenden Sätzen und Regeln bilden, das in einem anspruchsvollen Sinne als Bedeutungstheorie verstanden werden kann, setzt Sprachverstehen keine Kenntnis einer Theorie voraus.

Zusammenfassend lässt sich nun sagen, dass das Verstehen einer Sprache als komplexe, mehrspurige, mentale, normative und praktische Fertigkeit im erläuterten Sinne zu begreifen ist. Es ist davon auszugehen, dass zumindest die ersten vier Merkmale auf Verstehen im Allgemeinen zutreffen. Verstehen prinzipiell als praktische Fertigkeit erklären zu wollen, scheint dagegen bereits vor dem Hintergrund der Möglichkeit eines theoretischen Verständnisses von einer Sache problematisch. Auf den Zusammenhang von theoretischem und praktischem Verstehen wird indessen noch ausführlicher einzugehen sein. Zunächst aber sollen weitere Merkmale des Verstehens herausgestellt werden, um den Übergang zu nicht-sprachlichem praktischen Verstehen vollziehen zu können. Dabei soll insbesondere die Annahme verteidigt werden, dass Verstehen primär eine Fähigkeit ist, eine Annahme, die keinesfalls selbstverständlich ist (es mangelt auch nicht an alternativen Vorschlägen). Es gilt daher, zu zeigen, inwiefern der bisherige Vorschlag allgemein überzeugen kann. Im Zuge dessen wird auch der bisher entwickelte Begriff des Sprachverstehens weiter an Kontur gewinnen und einige zunächst noch unbegründet gemachte Annahmen werden sich als gerechtfertigt erweisen. Im Anschluss daran wird ein Begriff des nicht-sprachlichen praktischen Verstehens entwickelt, der den allgemeinen Merkmalen sowie den bereits im Zusammenhang mit dem Sprachverstehen herausgestellten Merkmalen gerecht wird. Dies soll hinreichen, um die Annahme zu rechtfertigen, es handle sich bei den in diesem Zusammenhang diskutierten Beispielen um genuine Fälle eines Verstehens.

1

Überschätzt wird die Rolle der Sprache für das Verstehen meines Erachtens freilich, wenn sie als einziges Verstehensobjekt betrachtet wird; mit anderen Worten, wenn man wie Gadamer behauptet: »Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache« (Gadamer 1960, 478, Herv. getilgt).

2

Soweit nichts anderes ausdrücklich vermerkt, werde ich im Folgenden die Begriffe des Sinns und der Bedeutung synonym verwenden.

3

Wie bereits angeführt, sind unterschiedliche Aspekte des Sprach- und Äußerungsverstehens voneinander zu unterscheiden und nicht alle betreffen die Bedeutung einer Äußerung. Vgl. Scholz 2001, 290 ff.

4

Entsprechend fordern einige Philosophen wie Scholz in der Sprachphilosophie gegenwärtig eine Grundlagenbesinnung (vgl. ebd., 267 f.).

5

Vgl. v.a. Heidegger 1927 und Gadamer 1960 auf der einen, Wittgenstein 1953, Davidson 1973 und Dummett 1975 auf der anderen Seite.

6

Vgl. z.B. Dummett 1975; 1976 und Davidson 1973; 1994. Eine Vielzahl weiterer Autoren teilt die allgemeine bedeutungstheoretische Ausrichtung Dummetts und Davidsons am Verstehensbegriff. Vgl. z.B. Tugendhat 1976, Künne 1981, Scholz 2001, Demmerling 2002, Gerber 2005, Bertram 2006 sowie Wellmer 2007.

7

Ein gutes Beispiel geben hier die diversen Auseinandersetzungen zwischen zwei ausgewiesenen Vertretern der ›Verstehensthese‹, Davidson und Dummett, die keinesfalls theoretische Details, sondern vielmehr bedeutungstheoretische Grundfragen betreffen. Vgl. Dummett 1975; 1976; 1986 sowie Davidson 1973; 1986; 1994. Zu einer kritischen Rekonstruktion der bedeutungstheoretischen Überlegungen Davidsons und Dummetts im Hinblick auf das Verhältnis von Bedeutung und Verstehen vgl. Gerber 2005.

8

Für eine Kritik an den Begriffen des Verstehens bei Dummett, Davidson und Brandom vgl. Scholz 2001 sowie Demmerling 2002.

9

Vgl. dazu Scholz 2001, 269, sowie Tugendhat 1976, 138.

10

Siehe Abschnitt 3.3 zum Doppelcharakter des Sprachverstehens.

11

Vgl. auch Tugendhat 1976, 143 ff.

12

Von einem Wort oder Satz ist strenggenommen nur dann sinnvoll zu sprechen, wenn es auf eine bestimmte Weise zu verstehen ist.

13

Vgl. zu diesem Punkt Scholz 2001, 270 ff., Tugendhat 1976, 131 ff., oder Bertram 2006, 34 f. Wenn der Begriff des Verstehens richtig aufgefasst wird, ist klar, dass Verstehen keinerlei Gegenstand ist, weder ein mentaler noch ein extramentaler (vgl. zum Begriff des Verstehens Kap. 3).

14

Als locus classicus gilt hier Lockes Bedeutungstheorie (vgl. Locke 1689, inbes. das dritte Buch).

15

Vgl. z.B. Frege 1892 und Wittgenstein 1921.

16

Vgl. z.B. Frege 2003. Wellmer kritisiert zudem Husserl für ein derartiges Verständnis (vgl. Wellmer 2007, 124).

17

Vgl. Tugendhat 1976, 143 ff.

18

Tatsächlich sind die Probleme einer Gegenstandstheorie der Bedeutung nicht gering: Erstens sind viele Ausdruckstypen keine Namen von Gegenständen welcher Art auch immer; zu denken ist hier z.B. an synkategorematische Ausdrücke wie »kein« oder »und«. Zweitens gilt selbst für die Ausdruckstypen, die prinzipiell für Gegenstände stehen, nämlich singuläre Termini, dass ihre Bedeutung nicht mit dem Bezug identisch ist, da bezugsgleiche Ausdrücke unterschiedliche Bedeutungen haben können. Ein notorisches Beispiel ist hier Freges Beispiel des Morgen- und des Abendsterns (vgl. Frege 1892). Zudem impliziert Extensionsungleichheit nicht Bedeutungsungleichheit, wie sich bei indexikalischen Ausdrücken zeigen lässt (vgl. Scholz 2001, 258 f.). Auch müssen singuläre Termini nicht für existierende Gegenstände stehen; letztlich ist die Gleichsetzung von Bedeutung und Referenz ein Kategorienfehler (vgl. Glock 2000a, 433). Wittgenstein kritisiert außerdem ausführlich die damit verbundene Idee, die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks werde prinzipiell durch hinweisende Definition erlernt (vgl. dazu Wittgenstein 1953, §§ 243–315, zu Privatsprache und §§ 139–242 allgemein zum Regelfolgen, sowie Kellerwessel 2009, 45, Blume/Demmerling 1998, 111).

19

Vgl. dazu Tugendhat 1976, 138.

20

Vgl. ebd. Ähnlich Bertram 2006, 39.

21

Das explanatorische Verstehen ist aber zunächst nur ein Fall des Verstehens unter anderen.

22

Wie sich noch zeigen wird, darf unter einer Erklärung prinzipiell kein allzu anspruchsvoller Akt verstanden werden (wie z.B. das Geben einer Definition). Abgesehen davon ist zu betonen, dass Bedeutungserklärungen zunächst einmal lediglich die Sprachkompetenz des Erklärenden explizit machen (vgl. Kap. 3).

23

Wittgenstein 1969a, 59 f.

24

Siehe auch Abschnitt 2.6.1.

25

Vgl. Scholz 2001, 270 ff.

26

Wittgenstein 1969a, 59 f.

27

Gebrauch und Verstehen sind letztlich nur unterschiedliche Seiten derselben Medaille.

28

Ich beziehe mich hier v.a. auf neuere sprachphilosophische Aufsätze Davidsons (vgl. bspw. Davidson 1986; 1994). Für eine ausführliche Rekonstruktion der für den vorliegenden Zusammenhang einschlägigen Position Davidsons vgl. Schröder 2009, 72 ff.

29

Vgl. z.B. Davidson 1994, 201. Der hier im Anschluss an Davidson angesprochene methodische Ausgangspunkt bedeutungstheoretischer Untersuchungen ist keineswegs ausschließlich oder auch nur zum ersten Mal von Davidson gewählt worden. Insbesondere innerhalb der hermeneutischen Tradition wird der Begriff des Sinns oder der Bedeutung methodisch an das Verstehen der Teilnehmer an einer Sprachpraxis gebunden (vgl. hierzu bspw. Demmerling 2002, 161 ff., insbes. 209 ff.). Bedeutungstheoretisch hat das u.a. zur Konsequenz, dass Überlegungen zur sprachlichen Arbeitsteilung und sozialexternalistische Zugänge im Allgemeinen systematisch nachgeordnet sind (vgl. Davidson/Glüer 1993). Ich werde dafür aber weder eigens argumentieren noch werden meine systematischen Überlegungen entscheidend davon abhängen. Darüber hinaus soll hier nicht bestritten werden, dass Sprache nicht nur ein Mittel zur Kommunikation ist, sondern auch noch andere Funktionen hat, z.B. ein ›Vehikel‹ des Denkens zu sein (vgl. Dummett 1989, 166). Ähnlich betont Andy Clark die kognitive Rolle der Sprache, indem er sie als Instrument versteht, mittels dessen bestimmte Probleme erst bewältigt und komplexe Projekte erst verfolgt werden können (vgl. Clark 1998, insbes. 162). Bedeutungstheoretisch halte ich die Kommunikationsfunktion indessen für grundlegend.

30

Vgl. Devitt 1981, 92 ff.; 1996, 65, Devitt/Sterelny 1999, 4 f.

31

Devitt 1981, 92 f. (Herv. im Original).

32

Devitt 1996, 65 (Herv. im Original).

33

Vgl. z.B. Liptow 2004, 17. Einige neigen daher zu einer defätistischen Auffassung hinsichtlich des Nutzens von Bedeutungstheorien (vgl. Baker/Hacker 1985, 387 oder Schiffer 1987, 265).

34

Vgl. dazu z.B. Horwich 1998, 51 f., sowie Speaks 2017.

35

Vgl. ebd.

36

Ein sprachliches Zeichen zu verstehen heißt, es auf eine bestimmte Weise gebrauchen können. Das Verständnis manifestiert sich im Gebrauch sowie im Nachvollzug des Gebrauchs anderer. (Bedeutungskonstitutiver) Gebrauch und Verstehen sind gewissermaßen ›gleichursprünglich‹. Diese Thesen werden in dieser Arbeit ausgearbeitet und verteidigt (siehe insbes. die Abschnitte 2.6.10 und 2.7 sowie Kap. 3).

37

Vgl. auch Horwich 1998, 72.

38

Zu der Behauptung, der Bezug sprachlicher Ausdrücke sei derivativ und die Bezugnahme der die Ausdrücke gebrauchenden Personen primär, vgl. z.B. Searle 1983, insbes. Kap. 6.

39

Vgl. ähnlich Horwich 1998, 72, der allerdings den Verstehensbegriff nicht ins Zentrum seiner gebrauchstheoretischen Überlegungen stellt.

40

Ein ähnliches Argument deutet Dummett an, wenn er nahelegt, dass der Weg über Wahrheitsbedingungen ein Umweg ist, da eine wahrheitskonditionale Theorie um eine Theorie zu ergänzen sei, die erklärt, wie die Wahrheitsbedingungen den Gebrauch von Ausdrücken bestimmen. Da die Angemessenheit einer solchen Theorie nun wiederum lediglich vor dem Hintergrund des tatsächlichen Gebrauchs der Ausdrücke zu beurteilen sei, werde fraglich, weshalb man nicht direkt den Gebrauch der Ausdrücke beschreiben sollte (vgl. Dummett 1989, 180 ff.).

41

Nicht-propositionalistische semantische Theorien etwa weisen auf die Dimensionen sprachlicher Bedeutung hin, die nicht über den Wahrheitsbegriff eingeholt werden können.

42

Das gilt z.B. für die Bedeutung evaluativer Ausdrücke, wie z.B. ästhetischer oder ethischer Ausdrücke.

43

Es ist schwierig, »inscriptions« angemessen zu übersetzen. »Inschriften« sind offenbar nicht gemeint. »Visuelle Muster« oder »Kontraste« sind zu unspezifisch.

44

Zu einem ähnlichen Schluss im Hinblick auf Devitt/Sterelny 1999 kommt Gerber (vgl. Gerber 2005, 12 f.).

45

Ausdrücklich pragmatische Bedeutungstheorien werden z.B. von Alston 1964, Brandom 1994 und Horwich 1998 vertreten. Auch Davidsons Ansatz kann aber als (nicht-reduktive) Gebrauchstheorie verstanden werden. Zum Begriff pragmatischer Bedeutungstheorien vgl. bspw. Scholz 2001, 264 ff., sowie Liptow 2004, 55 ff.

46

Vgl. dazu Levinson 1992, 1 f.

47

Vgl. dazu Liptows erhellende Überlegungen zu Morris’ Verständnis der Pragmatik (vgl. Liptow 2004, 58 ff.).

48

Vgl. Morris 1938, 56.

49

Vgl. auch Liptow 2004, 73, Fn. 42.

50

Vgl. ähnlich ebd., 64 f., der hier von »philosophischer Pragmatik« oder »sprachphilosophischer Pragmatik« spricht.

51

Insofern ist sie ein reduktives Unternehmen: Dass ein Ausdruck etwas bedeutet usw. heißt nichts anderes, als dass die Teilnehmerinnen einer Sprachpraxis sich auf eine bestimmte Weise verhalten bzw. dazu disponiert sind.

52

Vgl. z.B. Morris 1938 oder Brandom 1994.

53

Behavioristische Ansätze, die von bloßen Gewohnheiten sprechen und diese dispositional verstehen, fallen hierunter ebenso wie z.B. Horwich 1998, dessen Begriff der nicht-inferentiellen Akzeptanz bestimmter Sätze dispositional verstanden werden kann, wenngleich Horwich deutlich macht, dass er psychologische Termini zur Charakterisierung des Sprachverhaltens zulässt, die über einen kruden Behaviorismus hinausführen.

54

Vgl. Grice 1957. Siehe auch Abschnitt 2.5. Die genannten Optionen sind nicht exklusiv: Behavioristen können den Regelbegriff und zugleich den der Disposition als zentral begreifen. Dispositionalisten müssen wiederum keine Behavioristen sein, und der Begriff der Intention kann zu einer reduktiven oder auch zu einer nicht-reduktiven Beschreibung sprachlicher Praxis verwendet werden.

55

Unter einem »propositionalen Gehalt« ist derjenige Inhalt zu verstehen, der durch eine Aussage ausgedrückt werden kann. Gemeinhin wird angenommen, dass nicht nur Aussagen einen propositionalen Gehalt oder Inhalt haben, sondern auch viele andere illokutionäre Akte, wie Aufforderungen, Versprechen, Fragen usw. (vgl. Searle 1969).

56

Vgl. auch Kompa 2004, 299.

57

Vgl. Scholz 2001, 303 f.

58

Vgl. Kompa 2004, 299 ff.

59

Vgl. Kompa 2004, 300 f. Wie Kompa zeigt, ist außerdem unklar, ob ein derartiger Begriff des Gesagten leisten kann, was sich ›reine Semantiker‹, die nach einer klaren Grenze zwischen Semantik und Pragmatik streben, vom ihm erhoffen. Sie versuchen, das Gebiet der Semantik durch die Begriffe der wörtlichen Rede, des Gesagten oder über die Wahrheitsbedingungen eines Satzes einzugrenzen. Der enge Begriff des Gesagten führt aber nicht unmittelbar zu den Wahrheitsbedingungen, da das Gesagte dann immer noch in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Wahrheitswerte hat (vgl. ebd., 301).

60

Vgl. ebd., 300.

61

Damit ist zum einen gemeint, dass es klare Kriterien für seine Anwendung geben muss, zum anderen muss er es erlauben, die Semantik klar von der Pragmatik zu trennen.

62

Damit ist gemeint, dass er bedeutungstheoretisch nicht leer sein darf und das heißt, dass er Aufschluss darüber geben muss, wie die Kenntnis der Bedeutung zur Sprachkompetenz führt (vgl. ebd., 303, die dies zu einer Adäquatheitsbedingung einer Bedeutungstheorie erklärt).

63

Vgl. dazu ebd., 303 ff. Vgl. auch Searle zur wörtlichen Bedeutung, der bezweifelt, dass der Begriff sinnvoll ist, wenn er als kontextinvariant verstanden werden soll (vgl. Searle 1979, Kap. 5; 1983, Kap. 5).

64

Vgl. Searle 1979, Kap. 5, Kompa 2004. Vgl. dazu auch Demmerlings Überlegungen zum Raum des Verstehens (vgl. Demmerling 2002, Kap. 5).

65

Vgl. Glock 2000a, 441. Für die Trennung von Semantik und Pragmatik sprechen sich dagegen z.B. Dummett 1979, 108 ff., sowie Bilgrami 1986, 119 f. aus.

66

Wie weiter unten noch deutlich wird, ist auch eine strikte Trennung zwischen semantischen und syntaktischen Aspekten aus gebrauchstheoretischer Sicht nicht plausibel (siehe Abschnitt 2.4).

67

Vgl. dazu Scholz 2001, 299.

68

Vgl. dazu Künne 1981, Scholz 2001.

69

Vgl. zur Bedeutung in diesem Sinne insgesamt Scholz 2001, 310 ff., der diesbezüglich von einem »pragmatisch implizierten Sinn« spricht.

70

Man kann darüber streiten, ob behavioristische Ansätze oder intentionalistische Ansätze von dem Titel »Gebrauchstheorie der Bedeutung« auszunehmen sind (vgl. Scholz 2001, 266). Ich verwende den Begriff hier weiter.

71

Vgl. z.B. Horwich 1995 insbes. Anm. 4. Vgl. auch Brandom 1994, Vorwort.

72

Von vielen Interpreten Wittgensteins wird betont, dass Wittgenstein keine allgemeine Gebrauchstheorie der Bedeutung vertreten hat, sondern nur zu ›therapeutischen Zwecken‹ den Gebrauch von Ausdrücken untersucht (vgl. z.B. Blume/Demmerling 1998, 110). Selbst wenn man § 43 der PU nicht für eine ausdrückliche Feststellung des gebrauchstheoretischen Gedankens hält, dass die Bedeutung eines Wortes oder der Sinn eines Satzes mit dem Gebrauch des Wortes bzw. des Satzes in der Sprache gleichzusetzen ist, wird man – wie Eike von Savigny – jedoch einräumen müssen, dass Wittgensteins Argumentation häufig Annahmen voraussetzt, die mit einer Gleichsetzung von sprachlicher Bedeutung und Gebrauch »verwandt« sind und Wittgenstein daher auf diese Annahmen festlegen (vgl. von Savigny 1994, 8).

73

Wittgenstein 1953, § 43 (Herv. im Original). Es ist bemerkenswert, dass Wittgenstein vom Gebrauch von Wörtern, nicht von Sätzen spricht. Tatsächlich haben Sätze offenbar keinen Gebrauch, zumindest keinen etablierten, wie Geach anmerkt (vgl. Geach 1957, 12). Das heißt allerdings nicht, dass Wörter unabhängig von Sätzen gebraucht werden können. Sätze mögen keinen etablierten Gebrauch haben, aber Wörter haben ihn nur, insofern sie im Rahmen von Sätzen auf eine bestimmte Weise gebraucht werden können.

74

Vgl. Liptow 2004, 55. Vgl. dagegen die zahlreichen Einwände, gegen die Horwich seine Gebrauchstheorie verteidigt (vgl. Horwich 1998).

75

Vgl. Kellerwessel 2009, 100 f., Anm. 73. In beiden Fällen ließe sich zwar in einem bestimmten Sinne behaupten, dass sprachliche Zeichen gebraucht werden, etwa um eine tote Sprache zu erlernen oder etwas auf metaphorische oder innovative Weise auszudrücken. In anderer Hinsicht aber lässt sich bestreiten, dass diese Zeichen einen Gebrauch haben. Unter »Gebrauch« ist dann eine etablierte Praxis zu verstehen, ein sozialer Handlungszusammenhang, für den Regeln, eine gewisse Beständigkeit und Überindividualität charakteristisch sind (vgl. auch Glock 2000b, 121 ff.). Im Falle der toten Sprache ist es eben dieser Zusammenhang, der nachvollzogen wird, wenn die Sprache erlernt wird, er selbst besteht aber nicht mehr. Der Lern- und Lehrzusammenhang einer toten Sprache ist zwar ebenfalls ein Gebrauchskontext, aber er unterscheidet sich wesentlich von dem ursprünglichen Zusammenhang und ist nicht der Grund für die Bedeutung der Ausdrücke. Dieser liegt in dem vergangenen Zeichengebrauch. Im Falle der Neuanwendung eines Ausdrucks fehlt schlicht die etablierte, regelgeleitete Praxis, um von einem »Gebrauch« sprechen zu können.

76

So verstehe ich Hallett 1977, 122.

77

Ein Großteil der Bedenken könnte allerdings mit einer individualistischen Gebrauchstheorie ausgeräumt werden, die den Verstehensbegriff in ihr Zentrum rückt.

78

Vgl. Grice 1957. Außerdem ließe sich hier an Fälle denken, in denen der Wert einer Sache angesprochen wird, wie »Dieser Kugelschreiber bedeutet mir sehr viel – er ist ein Geschenk meiner verstorbenen Mutter.«.

79

Vgl. dazu Baker/Hacker 1980, 250 f., sowie Glock 2000b, 121. Denkbar wäre schließlich, dass sich die Einschränkung des zitierten Paragrafen zwar auf einen der beiden Fälle bezieht, Wittgenstein aber zugleich auch die Einschränkung in dem jeweils anderen Sinne befürwortet.

80

Abgesehen davon hat sich auch in der Forschungsliteratur die exegetische Auffassung durchgesetzt, dass es sich hier um die Bedeutung von »Bedeutung« handele (vgl. z.B. Hallett 1977, 121, von Savigny 1994, 88, Baker/Hacker 1980, 250 f.).

81

Vgl. Baker/Hacker 1980, 250.

82

Wittgenstein zielt mit seinen Bemerkungen zum Zusammenhang von Gebrauch und Bedeutung auf Ansichten, die er selbst zu einem früheren Zeitpunkt vertreten hatte. Insbesondere kritisiert er Grundannahmen einer Gegenstandstheorie der Bedeutung. Neben dem frühen Wittgenstein betrifft Wittgensteins Kritik besonders Gottlob Frege und Bertrand Russell, Wittgensteins Lehrer (vgl. ebd., 47 ff.). Eike von Savigny behauptet allerdings, dass nur vergleichsweise wenig Paragraphen als unmittelbare Kritik an der Gegenstandstheorie der Bedeutung zu lesen seien und das Augustinuszitat zu Beginn der PU eher als Vorbereitung zur Kritik an einer individualistischen Sprachauffassung zu betrachten sei (vgl. von Savigny 1994, 33 f.). Es ist aber denkbar, dass es Wittgenstein in den ersten Paragrafen um unterschiedliche Aspekte des augustinischen Bildes geht, die sich nicht unter einen einzigen Leitgedanken stellen lassen. Ich halte die Kritik an der Gegenstandstheorie der Bedeutung für einen dieser Aspekte, der zugleich zentral genug ist, um angemessen in Kerngedanken Wittgensteins einzuführen.

83

Vgl. Glock 2000b, 122; 2000a, 434. Glock nennt noch weitere Probleme: (1) Ein Ausdruck kann einen Gebrauch, aber keine Bedeutung haben (»Abrakadabra«) und (2) zwei Ausdrücke können dieselbe Bedeutung, aber einen unterschiedlichen Gebrauch haben (»Bulle« vs. »Polizist«). Letzteres ist aber nicht nur vor dem Hintergrund von Glocks eigenem Verständnis problematisch, da Glock dazu bereit ist, pragmatische Aspekte eines Ausdrucks als konstitutiv für die Bedeutung des Ausdrucks zu begreifen (vgl. Glock 2000a, 443). Auch die Antwort auf die Frage »Was bedeutet ›Bulle‹?« legt nahe, dass die pejorative Verwendung für die Bedeutung wesentlich ist (wenn man die Erklärung des Gebrauchs eines Ausdrucks als Bedeutungsangabe versteht).

84

Glock 2000b, 123, sowie Glock 2000a, 434.

85

Vgl. Wittgenstein 1969b, § 61, sowie Glock im Anschluss an Wittgenstein: Glock 2000a, 438.

86

Vgl. dazu ebd.

87

Ebd.

88

Vgl. ebd., 441.

89

Was nicht heißt, dass die Trennung zu bestimmten Zwecken und im Allgemeinen nicht aufrechterhalten werden könnte.

90

Hier lassen sich unterschiedliche Klassifikationen vornehmen. Eine Möglichkeit ist, wie Glock zwischen naturalistischen und normativistischen Gebrauchstheorien zu unterscheiden, wobei erstere sich durch kausales Vokabular, letztere durch den Regelbegriff auszeichnen (vgl. ebd., 434). Ich halte die folgende Variante aber für grundlegender und übersichtlicher.

91

Gemeint sind Wörter die Begriffe sprachlicher Bedeutung ausdrücken wie »Bedeutung«, »bedeutet«, »denotiert«, »bezieht sich auf«, »drückt aus«, »trifft zu auf«, »Sinn«, »Extension«, »Bezug«, »Referenz«, »Denotation«, »Denotat«, »Designat«, »Intension«, »Bedeutung«. Ich unterscheide prinzipiell semantisches von intentionalem Vokabular, um der Möglichkeit Rechnung tragen zu können, dass beide Vokabulare explanatorisch unabhängig voneinander sind.

92

Vgl. Brandom 1994, 14, an dessen Beispiele die obigen angelehnt sind.

93

Vgl. ebd., 14 f.

94

Vgl. Davidson 1963 als locus classicus.

95

Vgl. Grice 1957 und Meggle 1993. Fodor und Anhänger einer Sprache des Geistes versuchen ebenfalls zu zeigen, dass mentale Zustände unabhängig von sprachlicher Bedeutung erklärt werden können. Sie vertreten nach der hier vorgeschlagenen Klassifikation einen reduktiven Ansatz, allerdings lässt sich Fodor keine Gebrauchstheorie der Bedeutung zuschreiben. Ich diskutiere seinen Ansatz daher an dieser Stelle nicht weiter.

96

Vgl. z.B. Glüer 1999, 39, oder Liptow 2004, 52 ff.

97

Zu unterschiedlichen Reduktionsverhältnissen vgl. Kap. 5.

98

Derartige Theorien kann man – einem Vorschlag Liptows folgend – »reduktionistisch« nennen (Liptow 2004, 54).

99

Dies ist zumindest die Standardauffassung. Siehe aber Abschnitt 2.6.8 zu einer differenzierteren Ansicht.

100

Vgl. z.B. Davidson 1984.

101

Vgl. Glüer 1999, 39, im Anschluss an eine Formulierung Goodmans.

102

Einige vertreten gar wie Liptow die Ansicht, dass »eine Erläuterung des Zusammenhangs des Sprachlichen mit anderen Phänomenen […], die ihrerseits nicht ohne den Bezug auf Sprachlichkeit verstanden werden können […] alles [ist], was sprachphilosophisch erwartet werden kann« (Liptow 2004, 53).

103

Ebd.

104

Als Vertreter einer nicht-reduktiven Gebrauchstheorie der Bedeutung gelten z.B. Davidson 1973; 1984 oder Stroud 2000.

105

Vgl. Grice 1957; 1968 sowie Meggle 1993.

106

Zu dieser Etikettierung vgl. z.B. Scholz 2001, 265. An dieser Stelle sei angemerkt, dass Bedeutungstheorien, die den Begriff der Absicht in ihr Zentrum stellen, nicht unbedingt reduktive Bedeutungstheorien sein müssen. Davidson räumt z.B. dem Begriff der Absicht eine zentrale Stellung ein, ohne sprachliche Bedeutung vollkommen auf die Absicht einer Sprecherin zurückführen zu wollen (vgl. z.B. Davidson 1986; 1993).

107

Vgl. z.B. Watson 1914, Ogden/Richards 1923, Morris 1946, Skinner 1957.

108

Vgl. Alston 1964, 31.

109

Vgl. zum Folgenden ebd., 55 ff.

110

Ähnlich Scholz 2001, 263. Vgl. auch Glock 2000a, 435.

111

Vgl. ebd., 436.

112

Vgl. ebd.

113

Für einen Dispositionsbegriff, der nicht über kontrafaktische Konditionale zu bestimmen ist, vgl. Martin/Heil 1998.

114

Vgl. Kripke 1982.

115

Siehe Abschnitt 2.6.8.

116

Vgl. Glock 2000a, 429 ff., sowie Glüer 2000, 449.

117

Brandom 1994.

118

Vgl. Brandom 1994, insbes. 15.

119

Ebd.

120

Ebd. (Herv. im Original).

121

Vgl. ebd., 17.

122

Vgl. Rosen 1997, Glüer 1999, Demmerling 2002, Liptow 2004, Reuter 2006.

123

Vgl. Horwich 1998. Horwich vertritt eine reduktive Gebrauchstheorie, die aber nicht krude behavioristisch ist, weil sie gewisse psychologische Termini erlaubt, das Führwahrhalten etwa, sprachliche Bedeutung aber dispositional rekonstruieren möchte und so semantische auf nicht-semantische Begriffe zurückführt; ohne übrigens den Regelbegriff zu gebrauchen.

124

Vgl. z.B. Millikan 1984. Einige sind aber der Ansicht, ein dispositionaler Ansatz stehe vor keiner bedeutsamen Schwierigkeit, der Normativität sprachlicher Bedeutung gerecht zu werden (vgl. Martin/Heil 1998).

125

Vgl. z.B. Horwich 1998.

126

Vgl. Ginsborg 2011a.

127

Siehe Abschnitt 2.6.9.

128

Vgl. auch Glüer 2000, 456.

129

Wittgenstein behandelt den Regelbegriff als Familienähnlichkeitsbegriff, weshalb er ihn lediglich über Beispiele einführt (vgl. Puhl 1998, 123).

130

Vgl. Wittgenstein 1953, § 248. Wittgenstein spricht hier auch von Regeln der »Tiefengrammatik« (ebd., § 664) eines Ausdrucks und grenzt die Tiefengrammatik von seiner »Oberflächengrammatik« (ebd.) ab. Die Oberflächengrammatik betrifft die »Verwendungsweise im Satzbau« (ebd.), die »Tiefengrammatik« seine Rolle im Gesamtzusammenhang der sprachlichen Praxis.

131

Ebd., § 248. In der Qualifikation dieses Satzes als eines grammatischen folge ich Blume/Demmerling 1998, 120.

132

Berücksichtigt man, dass Wittgensteins Gedanken zum Regelfolgen häufig als ein Plädoyer für den sozialen Charakter sprachlicher Praxis und Bedeutung aufgefasst wird, wonach ein Einzelner einer sprachlichen Regel nicht alleine folgen kann, sondern das Regelfolgen auf eine Sprachgemeinschaft angewiesen sei, ist es bemerkenswert, dass Wittgenstein ausgerechnet dort, wo er eine sprachliche Regel beispielhaft expliziert – was selten genug ist –, dies in Analogie zu einem Spiel tut, das man alleine spielt.

133

Wittgenstein argumentiert freilich dafür, dass daraus nicht folge, dass der Gebrauch nicht reguliert sei.

134

Vgl. von Savigny 1994 für eine kollektivistische Lesart (Wittgensteins), Baker/Hacker 1985 für eine individualistische.

135

Vgl. die gegensätzlichen Perspektiven von Davidson 1986 und Dummett 1986.

136

Vgl. z.B. Glüer 1999; 2000.

137

Vgl. z.B. Glüer 2000b, 393–394. Vertreter der Normativitätsthese sind nach Glüer z.B. Ryle, Austin, Searle, Dummett, McDowell, Burge, Putnam, Habermas, Lorenzen, Apel, von Savigny, Wellmer und Schnädelbach (vgl. Glüer 2000, 393). Die Liste ließe sich gewiss fortsetzen. Glock z.B. nennt noch Wittgenstein, Sellars und sogar Davidson einen Normativisten (vgl. Glock 2000a, 431). Er bezweifelt dabei, dass Davidsons Ablehnung bedeutungskonstitutiver Regeln konsistent ist (ebd., 439, Fn. 21).

138

Ich schließe hier metaphorischen Gebrauch, Lügen, Witze, Schauspiel, Irrtümer u. dgl. aus.

139

Dies meint Wittgenstein, wenn er sagt, »es kann nicht ein einziges Mal nur ein Mensch einer Regel gefolgt sein« (Wittgenstein 1953, § 199).

140

Wenn der Gebrauch eines Ausdrucks jedes Mal wechselte, wäre er schwer nachzuvollziehen. Um eine Bedeutung zu haben, reicht es aber aus, dass er zum Zeitpunkt des Gebrauchs Korrektheitsbedingungen hat. Sie zu kennen heißt, den Gebrauch und damit den Ausdruck zu verstehen – sie sind bedeutungskonstitutiv. Davon zu unterscheiden ist die epistemische Frage, was die Bedingungen ihrer Erkenntnis sind. Obwohl die Allgemeinheit der Bedeutung im Sinne der Regelmäßigkeit kontrafaktischer Verwendungen zentral für den Bedeutungsbegriff und für eine dispositionale oder fähigkeitsorientierte Analyse des Gebrauchs ist, tritt im Anschluss an Kripkes Diskussion des Regelfolgenproblems für gewöhnlich nur die diachrone Regelmäßigkeit in den Vordergrund. Das ist m.E. irreführend, da die kontrafaktische primär ist.

141

Das ist zumindest eine verbreitete Ansicht. Wie Schwartz zeigt, mündet der Versuch, Allgemeinheit im Sinne der Produktivität der Sprache unter Rekurs auf Regeln zu erklären, aber in einen infiniten Regress (vgl. Schwartz 1978, 188). Weiter unten wird im Anschluss an Schwartz dafür argumentiert, dass es sich bei der Allgemeinheit der Bedeutung um die Allgemeinheit des Sprachverstehens als Fertigkeit handelt (siehe Abschnitt 2.7.3).

142

Wittgenstein 1953, § 225.

143

Vgl. Morris 1938, insbes. 33–44.

144

Ich ersetze die Rede von »richtig« und »falsch« durch die von »angemessen« und »unangemessen«, um ein weiteres Spektrum an Sinnbedingungen in den Blick zu bekommen.

145

Vgl. Boghossian 1989, 513.

146

Scholz 2001, 277.

147

Ebd., 276 f.

148

So hält Glüer etwa fest: »Überzeugend ist allein die Überlegung, daß, gäbe es keine Unterscheidung zwischen richtigen im Sinne von ›wahren‹ und falschen Verwendungen eines Wortes, dies keine Bedeutung hätte« (Glüer 1999, 38).

149

Vgl. hierzu ebd., 37. Glüer unterscheidet zwischen »empirischen Irrtümern« und »linguistischen Fehlern«. Ich folge ihr hier, möchte aber auch Irrtümer nicht-empirischer Art im strikten Sinne in die erste Gruppe fallen lassen.

150

Vgl. Davidson 1986.

151

So hält Boghossian etwa fest: »The normativity of meaning turns out to be, in other words, simply a new name for the familiar fact that, regardless of whether one thinks of meaning in truth-theoretic or assertion-theoretic terms, meaningful expressions possess conditions of correct use« (Boghossian 1989, 513, Herv. im Original).

152

Glock 2000a, 431.

153

Es wird noch gezeigt, dass diese Formulierung problematisch ist (siehe insbes. die Abschnitte 2.6.5 f.). An dieser Stelle geht es nur um die Exposition der Regelauffassung von (sprachlicher) Bedeutung.

154

Vgl. z.B. Baker/Hacker 1985 sowie Liptow 2004, 93 f.

155

Nur ein Verhalten, das einer Regel tatsächlich folgt, ist ein Regelfolgen. Das Verhalten, das zwar an der Regel orientiert vollzogen wird, aber nicht mit der Regel übereinstimmt, ist kein Regelfolgen. ›Einer Regel zu folgen‹, ist ein Erfolgsverb (vgl. Baker/Hacker 1985, 156 sowie Glock 2000a). Deshalb ist einer Regel zu folgen glauben nicht einer Regel folgen.

156

Glüer 2000a, 460.

157

Kripke 1982.

158

Kripke hat mit seiner Wittgenstein-Auslegung außerdem dafür gesorgt, dass die Debatte um das Privatsprachenargument eine Akzentverschiebung erfuhr. Er betrachtet das Privatsprachenargument lediglich als einen besonderen Fall allgemeinerer Überlegungen Wittgensteins zum Verhältnis von Sprache und Regeln, die den Kern des Privatsprachenarguments bereits vorwegnehmen. Vor Kripke wurde die Frage nach der Möglichkeit einer privaten Empfindungssprache diskutiert, ohne dass dabei Fragen zum Regelfolgen besonders prominent waren (Zu den Kernfragen der Debatte um die Möglichkeit einer Empfindungssprache bis zum Erscheinen von Kripkes Monografie vgl. Blume 2002, 17–60).

159

Blume macht darauf aufmerksam, dass 1976 das Buch Wittgenstein von Fogelin erscheint, in dem Fogelin »Kripkes sozial-externalistische Sicht auf Wittgensteins Privatsprachenargument in nahezu allen Details […] antizipiert« (Blume 2002, 61).

160

Vgl. Kripke 1982, 21 f.

161

Vgl. Goldfarb 1985, Boghossian 1989, Glüer 1999. Kripke macht Ausnahmen, auf die noch eingegangen wird, daher die Einschränkung »im Allgemeinen«. Für ein alternatives Verständnis vgl. dagegen Haddock 2012, 152 ff., insbes. Fn. 10.

162

Vgl. Kripke 1982, 22. Zur Unmittelbarkeit des Tatsachenzugangs vgl. ebd., 55 ff. Kripkes Rede von Gründen ist seinem skeptischen Szenario geschuldet. Die Annahme, Regeln oder Bedeutungstatsachen seien Gründe für sprachliche Handlungen, ist aber alles andere als unproblematisch (siehe Abschnitt 2.6.6).

163

Ebd., 53 (Herv. teilw. im Original; »künftig« herv. von D.S.), vgl. auch ebd., 35, 36, 43, 52.

164

Kripkes eigene kollektivistische und anti-realistische Lösung ist nicht überzeugend, aber darum geht es hier nicht (zu einer Kritik vgl. Goldfarb 1985, 482 ff., Boghossian 1989, 522, Glüer 1999, 107 ff.).

165

Vgl. auch Rami 2004, 82. Zum Begriff der Sprecherbedeutung vgl. Grice 1968.

166

Vgl. auch Rami 2004, 82.

167

Vgl. z.B. Forbes 1983, 225 f.

168

Vgl. Kripke 1982, 22 ff.

169

Vgl. Forbes 1983, 225 f.

170

Vgl. dazu auch Glüer 2000a, 455, sowie Rami 2004, 84.

171

Siehe Abschnitt 2.6.1.

172

Vgl. dazu Glüer 2000a sowie Rami 2004.

173

Vgl. ebd., 84.

174

Rami nennt noch eine weitere Normativitätsthese, wonach Bedeutungstatsachen (»›A‹ bedeutet A« oder »›p‹ bedeutet, dass p«) auf normative Tatsachen reduziert werden können (vgl. ebd., 85–87). Die These unterscheidet sich von (NG), wenn die normativen Tatsachen, auf welche die Bedeutungstatsachen reduziert werden sollen, keine Gebrauchstatsachen sind oder die Gebrauchstatsachen in (NG) keine normativen Tatsachen sind. Der erste Fall ist aber im vorliegenden Zusammenhang uninteressant. Der zweite Fall wird wiederum durch (NG) nicht ausgeschlossen, Rami bietet also eine Möglichkeit zur Binnendifferenzierung von (NG). Wenn gezeigt werden kann, dass (NG) plausibel ist, reicht dies aber für die hier verfolgten Zwecke.

175

Vgl. zu den folgenden Überlegungen ebd., 88 ff.

176

Vgl. ebd., 90.

177

Wright 1963.

178

Vgl. z.B. Glüer 1999 sowie Liptow 2004.

179

Vgl. z.B. Schnädelbach 1992, sowie im Anschluss an Schnädelbach Rami 2004.

180

Ebd., 91.

181

Vgl. ebd., 92.

182

Ebd., 99.

183

Ebd., 93.

184

Vgl. ebd., 101, Fn. 29.

185

Kripke 1982, 52 (Herv. im Original).

186

Vgl. Rami 2004, 101.

187

Vgl. ebd.

188

Ebd.

189

Im Unterschied zu Rami halte ich dies nicht für offenkundig irregeleitet (vgl. dagegen ebd.).

190

Vgl. Glüer 2000a.

191

Vgl. ebd.

192

Vgl. ebd., 460.

193

Glock 2000a, 439.

194

Vgl. Quine 1951.

195

Man könnte natürlich behaupten, dass hier keine Kategorienfehler vorliegen (vgl. ausführlich die Diskussion zwischen Bennett, Hacker, Dennett und Searle in: Bennett/Dennett/Hacker/Searle/Robinson 2007). Ich kann der schwierigen Frage, wann ein Kategorienfehler genau vorliegt und wann nicht, an dieser Stelle nicht nachgehen.

196

Eine semantische Theorie hätte der Frage nach den Sinnbedingungen ausführlicher nachzugehen. Dies kann hier aber nicht geleistet werden.

197

Vgl. Glüer 2000a.

198

Ebd., 461.

199

Ebd.

200

Vgl. ebd., 462.

201

Ebd.

202

Vgl. ähnlich Rami 2004, 102.

203

Vgl. Glüer 2000a, 464.

204

Vgl. Searle 1969, 54 ff.

205

Vgl. auch Glüer 2000a, 463.

206

Vgl. ebd., 463 f.

207

Typischerweise gilt dies für prädikative Ausdrücke sowie für logische Junktoren.

208

Ebd., 464 (Herv. im Original).

209

Glock scheint diese Ansicht zu vertreten (vgl. Glock 2000a).

210

Vgl. ebd., 445 f.

211

Vgl. dazu auch Horwich 1998.

212

Boghossian spricht hier von einem ›gewöhnlichen‹ Begriff des Regelfolgens (vgl. Boghossian 1989, 516), Liptow von einem ›schlichten‹ Begriff, da er nicht nur gewöhnlich im Sinne von naheliegend ist, sondern zudem keinen starken Erklärungswert hat (vgl. Liptow 2004, 93); auch Baker/Hacker (1985, 160) legen einen derartigen Begriff zugrunde.

213

Ich folge hier Esfeld 2003. Man kann die Problematik auch erst mit dem § 143 beginnen lassen.

214

Von einer »expliziten Regel« spreche ich in dem Fall, in dem eine Regel durch eine Regelformulierung ausgedrückt wird. Es ist prinzipiell zwischen Regel und Regelformulierung zu unterscheiden, da dieselbe Regel unterschiedlich formuliert werden kann.

215

Vgl. z.B. Liptow 2004, 123.

216

Regelregresse wurden in der Geschichte der Philosophie vielfach formuliert, wenn es darum ging, zu erklären, wie einer Regel gefolgt werden kann. Ein berühmtes Beispiel gibt Kant ab (vgl. Kant KrV, A132/B171), Carroll formuliert einen Regress im Hinblick auf Schlussregeln (vgl. Carroll 1895), Ryle greift das Beispiel auf (vgl. Ryle 1945/46) und formuliert selbst ein sehr einflussreiches (vgl. Ryle 1949). Das hier angeführte beruht allerdings auf dem Argument von Sellars (vgl. Sellars 1954).

217

Vgl. Wittgenstein 1953, § 201. Wie genau Wittgensteins Regressargument zu verstehen, ist umstritten. So handelt es sich nach einigen um einen Deutungsregress (vgl. z.B. Savigny 1996, Liptow 2004, 128, Schubert 2012, 76 f.), daneben kennen einige noch einen Festsetzungsregress (vgl. ebenfalls Savigny 1996) bzw. einen Festlegungsregress (vgl. Puhl 1998) oder einen Anwendungsregress (Brandom 1994, 59 f.).

218

Liptow versucht zu zeigen, dass beide als Verstehensregress zu begreifen sind (vgl. Liptow 2004, 126 ff.).

219

Ich verstehe Liptow in diesem Sinne (vgl. ebd., 130 f.).

220

Wenn das Verstehen des Regelausdrucks keine regelgeleitete Aktivität ist, weshalb sollte es das Verstehen eines sprachlichen Ausdrucks sein?

221

Vgl. dazu Haddock 2012, 153, insbes. Fn. 8.

222

Vgl. Wittgenstein 1953, § 201 f.

223

Dasselbe gilt für Kripkes Skeptiker.

224

Ebd., § 201 (Herv. im Original).

225

Vgl. z.B. Brandom 1994, 26.

226

Vgl. Das Problem wurde von Quine im Hinblick auf die Regeln der Logik formuliert (vgl. Quine 1936) und ist Ausgangspunkt der Überlegungen Glüers in ihrem Artikel »Explizites und implizites Regelfolgen« (Glüer 2002).

227

Ebd., 159.

228

Vgl. Liptow 2004, 132 f.

229

Ebd., 93. Vgl. auch Baker/Hacker 1985. Es ist bemerkenswert, dass derartige Erklärungen (auch und insbesondere im Alltag) erfolgreich sind, ohne dass das Subjekt, dessen Verhalten so erklärt wird, die zugeschriebenen Überzeugungen, Wünsche und Absichten ausdrücklich gehabt haben muss. Aber jedes dies betreffende philosophische Problem ist zunächst einmal ein allgemeines Problem rationaler Erklärungen von Verhalten und kein spezifisch sprachphilosophisches.

230

Wie Baker/Hacker im Hinblick auf ein Verständnis von Regelfolgen bemerken, das sie Wittgenstein zuschreiben, scheinen dies notwendige Bedingungen für die Zuschreibung eines Regelfolgens zu sein: »We are tempted to conclude that there is no such thing as following a rule of which he is completely ignorant, or which he does not (or cannot) understand, or which he intends to violate« (ebd., 156).

231

Vgl. ebd., 160, sowie Liptow 2004, 93.

232

Vgl. Baker/Hacker 1985, 160.

233

Vgl. Liptow 2004, 93.

234

Vgl. ebd., 94.

235

Vgl. dazu Glüer 2002, 165 f.

236

Eine solche Auffassung kann z.B. Baker/Hacker zugeschrieben werden, die grammatischen Regeln eine Doppelfunktion zuschreiben: Sie bestimmen den Gebrauch sprachlicher Zeichen und legen Begriffe fest (vgl. zu dieser Deutung ebd., 163 ff.).

237

Ebd., 166.

238

Vgl. auch Boghossian 1989, 516 f., der zu demselben Ergebnis kommt, wenngleich sein Argument mehr zu zeigen scheint und nicht-reduktive Gebrauchstheorien prinzipiell problematisch erscheinen lässt. Zu einer Kritik daran vgl. Glüer 1999, 39.

239

Vgl. Glüer 2002, 166, Fn. 9.

240

Liptow argumentiert zudem dafür, dass hier ebenso ein Regress entstehen würde, ein Regress des absichtlichen Handelns: Wenn nämlich die Absicht von der Handlung verschieden wäre und in die Handlung umgesetzt werden müsste, dann erscheint das Umsetzen selbst als absichtsvolle Handlung. Allerdings ist dies nicht zwingend der Fall. Wie noch gezeigt wird, beharren Intellektualisten darauf, dass die Umsetzung nicht als intentionale Handlung verstanden werden kann, sondern rein kausal bzw. dispositional verstanden werden muss. Diese Strategie hilft Regel-Intellektualisten aber nicht weiter, weil sie darauf festgelegt sind, dass das Verstehen des Ausdrucks regelgeleitet ist; und dies reicht, um den Regress zu starten, selbst wenn es plausibel wäre, das Verstehen als bloß kausalen Prozess zu begreifen.

241

Zu einer Diskussion des Verhältnisses von Regelfolgen und Fähigkeit zur Regelformulierung vgl. Berndzen 1998.

242

Vgl. Dummett 1978 oder Glock 2000a.

243

Wittgenstein 1969a, 59 f.

244

Vgl. Glock 2000a, 442. Gleichzeitig sollen Regeln aber »allgemeine Maßstäbe des Gebrauchs« (ebd., 440) sein.

245

Sie können es auch nicht, sondern setzen die allgemeine Fähigkeit, sie anwenden zu können, voraus (vgl. Schwartz 1978, 188 ff.).

246

Dies gilt sogar dann, wenn man – wie Davidson – nicht der Ansicht ist, dass die Regeln vor der Kommunikationssituation geteilt werden müssen. Spätestens dann, wenn man die Aussage einer anderen Person verstehen möchte, muss man sie teilen.

247

Zum Doppelcharakter des Verstehens siehe Abschnitt 3.3.

248

Vgl. z.B. Rayfield 1968.

249

Die Lücke lässt sich auch als eine zwischen Bedeutungserklärung in einem anspruchsvolleren Sinne und bedeutungsvollem Gebrauch verstehen. Jemandem zu erklären, wie ein Ausdruck zu gebrauchen ist, erfordert mehr, als ihn gebrauchen zu können. Wie Ryle im Hinblick auf die Kompetenz, sich zu benehmen, festhält, ist »knowing how to advise about behavior […] not the same thing as knowing how to behave. It requires at least three extra techniques: ability to abstract, ability to express and ability to impress« (Ryle 1945/46, 13).

250

Vgl. Wittgenstein 1953, § 211 f.

251

Vgl. auch Meyer 2000, 417 ff.

252

Vgl. ebd., 417.

253

Ebd., 420.

254

Vgl. Kripke 1982, 35 ff.

255

Vgl. Glüer 1999, 99.

256

Vgl. Kripke 1982, 40 f.

257

Vgl. z.B. Ginsborg 2011b, 228, Martin/Heil 1998. Vgl. dagegen Boghossian, der beide Teile unter dem Etikett der Normativität von Bedeutung behandelt und außerdem den ersten Teil für zentral erachtet (vgl. Boghossian 1989).

258

Vgl. Rami 2004, 108.

259

Vgl. Kripke 1982, 36 ff.

260

Vgl. ebd., 36 sowie 42–46. Kripke bezieht sich hier auf das bekannte Diktum Wittgensteins (vgl. Wittgenstein 1953, §258).

261

Vgl. Goldfarb 1985, Boghossian 1989, Martin/Heil 1998, Glüer 1999, Ginsborg 2011a.

262

Vgl. Kripke 1982, 40 f. Vgl. ähnlich Glock 2000a, 436.

263

Vgl. Kripke 1982, 44.

264

Vgl. ebd.

265

Vgl. dazu Forbes 1983, 229 ff., Blackburn 1984, 289 f., sowie Ginsborg 2011a, 158.

266

Vgl. auch Ginsborg 2011a, 159, sowie Forbes 1983, 232.

267

Vgl. Forbes 1983, 231 ff.

268

Vgl. zu dieser Diagnose Ginsborg 2011a, 159 f.

269

Kripke 1982, 39.

270

Wenn man allerdings Kripkes Idee des Geleitetseins zurückweist, wonach man einen Regelausdruck im Geist hat und nach diesem Regelausdruck handelt, dann gibt es das Problem nicht. Miller macht allerdings zu Recht darauf aufmerksam, dass es einen Unterschied zwischen Zirkularität und Trivialität gibt und die dispositionale Analyse zumindest nicht trivial sein darf (vgl. Miller 2019, 742 f.).

271

Vgl. dazu z.B. Blackburn 1984 oder Horwich 1998.

272

Vgl. ebd., 25 f.

273

Vgl. ebd.

274

Vgl. zu dem folgenden Ginsborg 2011a, 163 ff.

275

Vgl. dazu McDowell 1987. Für eine knappe Rekonstruktion vgl. Ginsborg 2011a, 164 f.

276

Vgl. ebd., 163.

277

Dies ist von unterschiedlichen Autoren gesehen worden (vgl. z.B. Ryle 1949, Ginsborg 2011a, Bengson 2016).

278

Vgl. dazu Ginsborg 2011.

279

Ich mache hier keinen Unterschied zwischen richtig und angemessen, wahr oder korrekt.

280

Besonders deutlich hat dies Ginsborg in einer Reihe von Arbeiten herausgestellt (vgl. z.B. Ginsborg 2011a; 2011b; 2012).

281

Weiter unten werde ich zudem dafür argumentieren, dass jedes Verstehen begrifflich unmittelbar mit Verhalten verknüpft ist, weil Verstehen im grundlegenden Sinne eine Fähigkeit ist (siehe Abschnitt 3.3).

282

Goldfarb 1985, 478.

283

Vgl. z.B. Zagzebski 2001 (zu einer ausführlichen Diskussion siehe Abschnitt 3.4).

284

Cum grano salis: Im logischen Sinne muss der Manifestation eine Fertigkeit vorausgehen, wie noch deutlich wird.

285

Vgl. Stroud 2000.

286

Vgl. ebd., insbes. 170–192.

287

Ginsborg 2011a, 148 (Herv. im Original).

288

Vgl. ebd., 166 f.

289

Die Bezeichnungen gehen auf Brandom zurück. Vgl. Brandom 1994, 56–72.

290

Die Bedeutung dessen sieht auch Haddock (vgl. Haddock 2012).

291

Vgl. Wittgenstein 1953, § 2.

292

Ginsborg 2011a, 167 f.

293

Ebd.

294

Ebd., 168.

295

Ebd.

296

Ginsborg 2011a, 169 (Herv. im Original).

297

Vgl. ebd.

298

Ebd., 169 f. (Herv. im Original).

299

Vgl. ebd., 172.

300

Vgl. ebd., 170, Fn. 19.

301

Ebd., 172 f.

302

Vgl. Haddock 2012, 158–161.

303

Kripke hält die Postulierung eines derartigen Zustandes des Meinens für völlig unverständlich und betrachtet seine Annahme als »Akt der Verzweiflung« (Kripke 1982, 69). Zudem gelte auch hier, dass er als Zustand eine endliche Entität und es unbegreiflich sei, wie diese endliche Entität unendlich viele mögliche Handlungen eindeutig festlegen solle (vgl. ebd., 71 f.). Der Versuch, alternative Deutungen zu unterbinden, ende entweder in einem infiniten Regress oder sei zirkulär. Kripkes Argumentation ist an dieser Stelle allerdings schwer einzusehen. Sie gilt lediglich unter der Voraussetzung, dass der Gehalt des fraglichen Zustands über Wahrheitsbedingungen individuiert wird, die unabhängig von ihm sind und seine Bedeutung nicht bereits voraussetzen. Kripke diskutiert hier aber einen irreduziblen Zustand »sui generis«, dessen Gehalt gerade nicht von einer Tatsache konstituiert wird, die unabhängig von ihm ist (vgl. ähnlich Glüer 1999, 98). Zu behaupten, es sei unverständlich, wie dieser Gehalt potentiell unendlich viele Anwendungen eines Zeichens festlegen könne, läuft lediglich darauf hinaus, zu bestreiten, dass die Idee eines mentalen Gehaltes eine sinnvolle Idee ist, ohne dass dafür eigens argumentiert wird. Die Gültigkeit dieser Idee scheint aber gerade der Grund für Kripkes Untersuchung zu sein: Schließlich meinen Sprecherinnen für gewöhnlich etwas Bestimmtes mit ihren Äußerungen (vgl. Boghossian 1989, 542; zu einer alternativen Deutung vgl. Haddock 2012, 152 ff.).

Einen interessanten Punkt macht Kripke nichtsdestoweniger: Der Zustand des Meinens selbst ist ein seltsamer Zustand, schließlich soll er nicht introspezierbar sein und dennoch sollen wir uns seiner bewusst sein, da er als Rechtfertigung dienen soll. Man kann daher auf Kripkes Skepsis beharren und behaupten, dass der Begriff des Meinens nichts anderes leiste als unsere Fähigkeit, zu sagen, wie wir verstanden werden möchten, und das heißt grundsätzlich nichts anderes als: zu sagen, welche Dinge wir mit welchen Ausdrücken zu bezeichnen für richtig erachten. Dann ist das Meinen aber erstens nicht geeignet, eindeutig festzulegen, wie wir zu verstehen sind – und das ist auch gut so –; und zweitens ist es kein mentaler Zustand, der dem Sprechakt vorausgeht.

304

Ginsborg 2011a, 169.

305

Ebd., Fn. 17.

306

Vgl. zu diesem Einwand Miller 2019.

307

Zudem ist nicht klar, wie jemand ein Verhalten erlernen kann, das richtig oder falsch, angemessen oder unangemessen sein kann, wenn er oder sie keinen Unterschied zwischen richtig und falsch, angemessen und unangemessen machen kann.

308

Zum Begriff der illokutionären Rolle bzw. des illokutionären Akts vgl. Austin 1962, Searle 1969.

309

Der zweite Punkt wird weiter unten aufgegriffen.

310

Ginsborg 2011a, 177.

311

»But this does not depend on our taking there to be a practice of making and responding to pointing gestures in virtue of which pointing hands come to mean that we should look in that direction. We would think of that way of reacting to the hand as appropriate even if we had no knowledge that this is, in fact, how human beings do typically react to seeing a pointing hand« (ebd.).

312

Vgl. ebd., 177.

313

Vgl. Haddock 2012, 167.

314

Ginsborg 2011a, 170.

315

Der Regress unterscheidet sich von dem oben genannten. Ihm kann nicht entgangen werden, indem der Gehalt der primitiven Normativität als intrinsischer Gehalt verstanden wird. Es geht nicht um die Frage, was den Gehalt bestimmt, sondern um die Frage, unter welchen Bedingungen etwas überhaupt einen Gehalt haben kann.

316

Siehe Abschnitt 3.3.2.1.

317

Sie sind über ihre Vehikel kausal relevant, die (potentielle) Ursachen (z.B. von Körperbewegungen) sind. Zum Unterschied und Zusammenhang von Vehikel und Fähigkeit vgl. ebd.

318

Vgl. dazu Ryle 1949, Kap. 2.

319

In dieser Perspektive wird auch klar, weshalb man als kompetente Sprecherin einen Unterschied zwischen unangemessenem und nicht-angemessenem Sprachverhalten machen kann. Da das Erlernen einer Sprache eine soziale Angelegenheit ist, lernt man es aufgrund von Korrekturen durch andere. Das Verhalten wird aber nur korrigiert, wenn es ein potentiell angemessenes und insoweit sinnvolles Sprachverhalten ist. Keine Lernende wird in ihrem Verhalten korrigiert, wenn sie auf eine Aufforderung hin niest. Wird eine Lernende aufgefordert, eine Platte zu bringen und bringt stattdessen eine Säule, wird sie in ihrem Verhalten korrigiert, typischerweise, indem man ihr das angemessene Verhalten vorführt. Reagiert sie mit einem Gähnen, wird ihr Gähnen nicht korrigiert, weil es kein mögliches Sprachverhalten im weiten Sinne ist.

320

In jedem anderen Fall scheint man etwas nur als unangemessen zu verstehen. Dies ist durch die Objektivität des Verstehens begründet. Siehe Abschnitt 3.1.1.

321

Man muss allerdings nicht über den Begriff eines Fehlers verfügen, um Fehler erkennen zu können (vgl. Glock 2005, Fn. 45).

322

Vgl. Kap. 3.

323

Ich gehe davon aus, dass Gedanken stets begrifflich sind. Jeder Gedanke setzt dann aber ein Verständnis von den Begriffen voraus, in denen gedacht wird.

324

Vgl. z.B. Ryle 1949, Wittgenstein 1953, Dummett 1976, Putnam 1981, Scholz 2001, Hanna 2006, Devitt 2011.

325

Vgl. Davidson 1973, Dummett 1978, Stanley 2005. Zur Ansicht, dass es sich hierbei um die Standardauffassung handele vgl. Pettit 2002, Hanna 2006, Devitt 2011.

326

Vgl. z.B. Dummett 1993a, x, sowie Dummett 1978. Ich beziehe mich an dieser Stelle und im Folgenden auf Dummetts spätes Verständnis von sprachlicher Kompetenz. In frühen Aufsätzen hat er hat eine andere Auffassung vertreten (vgl. z.B. Dummett 1976), die er rückblickend für falsch hält (vgl. Dummett 1993a, Preface). Zu der hier vorgeschlagenen Lesart seines späten Verständnisses gibt es Alternativen. Nach Tsai vertritt Dummett z.B. keine Propositionalitätsthese (vgl. Tsai 2010).

327

Natürlich kann man versuchen, den Wissensbegriff über den der Fähigkeit zu definieren (vgl. Hacker 2013, 109, sowie Hetherington 2008); dies soll hier nicht ausgeschlossen werden.

328

Vgl. Dummett 1978, 95 f.

329

»[T]here must be an adequate outward manifestation of understanding, consisting in a complex interplay between linguistic exchange and related actions. It is this interplay which a genuine account of linguistic meaning has to make explicit […]. It is also this interplay towards which I intended to gesture by speaking of language as activity. What was meant was not the banal point that to utter a sentence is to do something, just as to comb one’s hair is to do something. It was, rather, this: that the significance of an utterance lies in the difference that it potentially makes to what subsequently happens« (Dummett 1989, 187).

330

Vgl. Dummett 1978, 95 f., sowie ix f.

331

Vgl. ebd., 101.

332

»Knowing a language is a species of knowledge intermediate between pure practical knowledge and pure theoretical knowledge: it is the salient illustration of the crudity of the practical/theoretical dichotomy« (Dummett 1993a, x f.).

333

Wer weiß, dass ein Wort oder ein Satz dies oder jenes bedeutet, versteht das Wort oder den Satz; eine Sprache zu verstehen heißt also, zu wissen, dass die Worte und Sätze der Sprache das und das bedeuten.

334

Vgl. Frege 1892, Wittgenstein 1921, Davidson 1973, Dummett 1976. Dummett vertritt zwar keinen wahrheitskonditionalen, sondern einen verifikationistischen Ansatz, für die Darstellungszwecke an dieser Stelle übergehe ich aber diesen Unterschied. Für eine Diskussion der Gemeinsamkeiten und insbesondere der Unterschiede zwischen Davidsons und Dummetts Ansicht vgl. Gerber 2005.

335

Vgl. Davidson 1967; 1973, vgl. aber auch Dummett 1975; 1976. Davidson behauptet im Gegensatz zu Dummett nicht, dass die Bedeutungstheorie, die er entwickelt, von Sprecherinnen einer Sprache tatsächlich befolgt wird. Er behauptet lediglich, dass das Verfügen über eine derartige Theorie hinreichend für das Verständnis einer Sprache ist. Damit ist aber nicht mehr klar, inwiefern die Theorie überhaupt geeignet ist, das praxisinhärente Sprachverstehen zu erläutern.

336

Vgl. Dummett 1978, 100 f.

337

Ebd.

338

Vgl. ebd., 101, sowie x.

339

Vgl. ebd., 95. Die Begriffe des impliziten oder auch stillen (tacit) Wissens sind schillernd und werden von unterschiedlichen Autoren unterschiedlich verstanden. Besonders prominent sind neben Dummetts Verständnis Chomskys und Fodors Begriff eines impliziten Wissens (vgl. Chomsky 1986 sowie Fodor 1968). Ich beschränke mich hier aber auf eine Diskussion von Dummetts Begriff. Ich halte weder Chomskys noch Fodors Vorschläge für überzeugend (zu einer Kritik vgl. Stich 1971 und auch Devitt 2011).

340

Vgl. Dummett 1978, 95 f., 104 f.

341

Vgl. ebd., 95 f.

342

Dummett 1993a, x. Vgl. auch Dummett 1978, 94 ff. u. 103 ff. Dummett scheint hier keinen Unterschied zwischen Motiven, Absichten und Gründen zu machen. Absichten sind aber keine Gründe, da man etwas mit einer Absicht tun kann, ohne einen Grund dafür zu haben (vgl. Kraft 2013, 99), auch wenn umgekehrt gilt, dass keine Tätigkeit, die aus Gründen vollzogen wurde, unabsichtlich vollzogen wurde.

343

Siehe die Abschnitte 2.6.6 und 3.3.

344

Mit »pragmatischen Absichten« meine ich hier Absichten, die sich auf die illokutionären und perlokutionären Aspekte einer Äußerung beziehen; semantische Absichten beziehen sich auf die lokutionären (vgl. Austin 1962, Searle 1969, Davidson 1986; 1993).

345

Vgl. Kraft 2013, 97 ff.

346

Vgl. Dummett 1993a, x. Ich folge hier Davidson: Als Kriterium für die Zuschreibung von Absichten gilt, dass es eine Antwort auf die Frage nach Handlungsgründen gibt (vgl. Davidson 1994, 202). Ich spreche hier von Handlungsgründen im Sinne von Antworten auf die Frage »Warum hast du das und das gesagt/getan?«.

347

Dummett 1993a, xi (Herv. im Original). Vgl. auch ebd., x.

348

Vgl. z.B. Davidson 1967; 1973, Dummett 1975; 1976, Brandom 1994.

349

Vgl. Stich 1971, insbes. 486, zu einer analogen Argumentation hinsichtlich grammatischer Theorien und den Ansprüchen von Grammatikern im Anschluss an Chomsky. Vgl. auch Devitt 2011, 317 f., der die Überlegungen von Stich auf die Semantik überträgt.

350

Tatsächlich heißt es an einer einschlägigen Stelle: »But there are intermediate cases. In these, someone may be unable to formulate for himself the principles according to which he acts, but may nevertheless be capable of acknowledging, and willing to acknowledge, the correctness of a statement of those principles when it is offered to him. In cases of this intermediate kind, […] we may say of the agent that he knows that certain things are the case, that he knows certain propositions about how the operation is to be performed« (Dummett 1978, 95, Herv. getilgt).

351

Vgl. Devitt 2011, 318.

352

Ebd. Devitt zeigt zudem, dass die W-Theoreme noch komplizierter sein müssten, um die Bedeutung von Sätzen theoretisch zu erfassen, z.B. müssten alle indexikalischen Bestandteile, Mehrdeutigkeiten usw. eliminiert werden; und umso komplexer die Sätze werden, desto weniger plausibel ist die Annahme, man müsse sie wissen, um eine Sprache zu beherrschen (vgl. ebd., 318 f.).

353

Vgl. Ebd., 320 f.

354

Vgl. Gettier 1963.

355

Vgl. Pettit 2002, 519–550.

356

Ich wandle den Fall leicht ab.

357

Vgl. ebd., 528.

358

Vgl. ebd., 519–521, 527 f.

359

Vgl. ebd., 537–542. Vgl. auch Devitt 2011, 321, der ebenfalls den Übergang von Verstehen zu Wissen problematisiert.

360

Pettit 2002, 541.

361

Es ist denkbar, dass eine Person eine Sprache von jemandem lernt, der diese Sprache nicht nur nicht beherrscht, sondern die Person zudem systematisch täuschen will und durch einen kosmischen Zufall immer die richtigen Laute in den richtigen Situationen produziert, sodass die Person die Sprache lernt, also die Worte zu gebrauchen weiß und auch den Gebrauch anderer nachvollziehen kann. In dem Fall hat die Person eine Sprache gelernt, aber jede Bedeutungs-Überzeugung beruht letztlich auf diesem kosmischen Zufall bzw. einer Person, die eine Täuschungsabsicht hatte. Pettit konstruiert den Fall, dass jemand durch einen Blitzschlag plötzlich in den geeigneten Hirnzuständen ist. Davidson würde hier wohl protestieren (vgl. Davidson 1987).

362

Entsprechend heißt es bei Devitt: »Why suppose that simply in virtue of being competent in a language a person must have propositional knowledge about the language? […] Why not suppose, rather, the modest view that any knowledge of these facts that a speaker may have comes from ordinary empirical reflection on linguistic phenomena?« (Devitt 2011, 316) und Hanna: »While there may indeed be theoretical aspects of knowledge of language, these are derived by speakers after reflection on a skill, which is itself grounded in practical knowledge. Our theoretical knowledge of language is, in short, no different from the theoretical knowledge which we might have of any skill« (Hanna 2006, 268, Herv. im Original).

363

Dummett hat noch ein zweites Argument gegen die Fähigkeitsthese: Man kann wissen, was es heißt, eine praktische Fähigkeit auszuüben, ohne es zu können, aber man kann nicht wissen, was ein Fall von Sprechen einer Sprache ist und was zu tun ist, um die Sprache zu sprechen, ohne die Sprache sprechen zu können (vgl. Dummett 1993a, x). Umgekehrt kann man eine Sprache sprechen, sobald man weiß, was es heißt, diese Sprache zu sprechen.

364

Vgl. Kenny 1989, 66 ff. sowie Hacker 2007, Kap. 4.

365

Vgl. z.B. Ryle 1949 sowie Martin/Heil 1998 für eine dispositionale Analyse von Fähigkeiten, Millikan 2000, Maier 2014 und Vetter 2019 für eine Unterscheidung von Fähigkeiten und Dispositionen.

366

Vgl. z.B. Kenny 1989, Kap. 5, Hacker 2007, Kap. 4, sowie Scholz 2011. Ich erhebe hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit, die Liste ließe sich ohne Weiteres fortsetzen; auch sind die einzelnen Unterscheidungen nicht exklusiv gemeint, sicherlich gibt es Überschneidungen.

367

Vgl. ähnlich Hacker 2007, 110.

368

So etwa Maier 2014.

369

Ich gehe hier davon aus, dass handlungsfähige Wesen Personen sind. Unterscheidet man Personen von handlungsfähigen Wesen, grenzt man mit obiger Explikation den Kreis der Subjekte zumindest auf jene ein, die über Absichten verfügen können.

370

Vgl. hierzu und zu den folgenden Überlegungen auch Hacker 2007, 108 f.

371

Vgl. ebd.

372

Es ist in der Psychologie üblich, zwischen affektiven, konativen und kognitiven Fähigkeiten zu unterscheiden. Vgl. auch Glock 2005, 155.

373

Ich befinde mich hier in einer sprachlichen Zwangslage, da Fähigkeiten nun einmal ausgeübt werden, »ausüben« aber ein Verb ist. Das Problem tritt aber auch auf, wenn man von einem Metall sagt, dass es Strom oder Wärme »leite«.

374

Vgl. Hacker 2007, 115, von dem ich diese Dreiteilung übernehme, die bei ihm unter dem Titel »Leidenschaften« (passions) verhandelt wird. Hacker spricht aber von Erregungszuständen (agitations), wo ich von Empfindungen und Erregungszuständen spreche.

375

Vgl. Stemmer 2016. Auch kann man sich für gewöhnlich zwar entscheiden, welchen Wunsch man handlungswirksam werden lässt, allerding geschieht dies selbst wiederum auf Grundlage von Wünschen, die man letztlich nicht gewählt hat (vgl. ebd.).

376

Hacker 2007, 109.

377

Vgl. dazu auch ebd.

378

Zum den folgenden Beispielen vgl. Scholz 2001, 278 ff.

379

Vgl. Künne 1981 sowie Scholz 2001, 295. Scholz spricht von »Beurteilungen«; ich möchte vorsichtiger formulieren, um nicht darauf festgelegt zu sein, dass hier Gründe eine Rolle spielen. Allerdings muss es auch Urteile ohne Gründe geben, denn jeder Schluss setzt Prämissen voraus, die nicht selbst wiederum Konklusionen sein können, sonst könnte das Urteilen niemals beginnen.

380

Vgl. Künne 1981 sowie Scholz 2001, 298 ff.

381

Ebd., 299. Vgl. auch Wittgenstein 1953, § 525; 1969, 43.

382

Vgl. zu wichtigen Schritten in diese Richtung Scholz 2001, 290 ff., sowie Detel 2014, Kap. 3 u. 4.

383

Vgl. Scholz 2001, 290; zu der Auffassung, es handele sich hierbei um Teilfähigkeiten, vgl. ebd., 287.

384

Vgl. ausdrücklich Scholz 2001; 2011, aber auch Hanna 2006, die Sprachverstehen zumindest als normative Fertigkeit begreift.

385

Vgl. Ryle 1949, 43 ff.

386

Ebd., 43.

387

Vgl. ebd., 46.

388

Ebd., 43.

389

Vgl. ebd.

390

Vgl. ebd.

391

Vgl. ebd., insbes. 54.

392

Ebd., 29.

393

Vgl. ebd., Kap. 2.

394

Scholz, der an Ryle ausdrücklich anknüpft, scheint darin gerade ein definierendes Merkmal von Fertigkeiten zu sehen, und gibt eine Bestimmung des Regelfolgens, die mit der bisher entwickelten vollständig kompatibel ist: »Wer eine Fähigkeit besitzt, der erfüllt nicht allein die Kriterien dafür, die dazu gehörigen Dinge richtig zu machen; er wendet die Kriterien in einem bestimmten Sinne auch an. Dazu wird natürlich nicht verlangt, daß er die einschlägigen Kriterien explizit angeben könnte oder an sie denken müßte. Vielmehr genügen dafür Dinge wie die Bereitschaft, bei sich und anderen auf Fehler zu achten und diese zu kritisieren und zu korrigieren, die eigene und die Praxis der anderen zu verbessern etc.« (Scholz 2001: 285). An anderen Stellen scheint er aber keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Fertigkeiten und Fähigkeiten zu machen. In jedem Fall bin ich der Ansicht, dass der Umstand, dass die Ausübung mancher Fähigkeiten von Kriterien geleitet ist, darin gründet, dass es sich hierbei um Fähigkeiten der Intelligenz handelt.

395

Ryle 1949, 46 (Herv. Im Original).

396

Scholz 2001, 286.

397

In letzter Zeit setzt sich im Übrigen zunehmend die Ansicht durch, dass es Ryle selbst nicht um die Explikation des Begriffes des praktischen Wissens (knowledge how), sondern um die Bestimmung intelligenten Verhaltens geht (vgl. Sax 2010, 512, Glick 2011, 428 f., Löwenstein 2017, 24). Typische Einwände gegen Ryles anti-intellektualistisches Verständnis, wonach praktisches Wissen nicht mit Fähigkeiten gleichgesetzt werden könne, zielen daher an Ryles Absichten vorbei.

398

Das heißt nicht, dass bestritten werden müsste, dass bestimmte ›Strukturen‹ angeboren sein können, wie von Chomsky und seinen Schülern behauptet.

399

Vgl. Ryle 1949, 42.

400

Scholz 2011, 286.

401

Vgl. ebd., 290.

402

Vgl. Barth 2013, 719.

403

Vgl. z.B. Fodor 2004.

404

Vgl. Schwartz 1978 sowie im Anschluss an ihn Scholz 2001, 291.

405

Schwartz 1978, 187.

406

Vgl. Scholz 2001, 291.

407

Mit »grundsätzlich« ist gemeint, dass ihm die technischen Fähigkeiten fehlen können, aber nicht die intellektuellen.

408

Campbell argumentiert überzeugend dafür, dass der intelligente Gebrauch von Werkzeugen systematisch ist (vgl. Campbell 2011). Bengson schließt an Campbell an und behauptet, dass Fertigkeiten prinzipiell systematisch sind (vgl. Bengson 2017, 21 f.).

409

Vgl. auch Scholz 2011, der Produktivität und Projektivität aber voneinander zu unterscheiden scheint.

410

Vgl. Ryle 26 ff.

411

Vgl. z.B. Dennett 2000. Ryle spricht aber gerade im Umfeld der Unterscheidung von praktischem und theoretischem Wissen auch von ›halb-episodischen‹ Aspekten der Ausübung intelligenter Fähigkeit, die nicht auf Verhalten oder Verhaltensdispositionen reduzierbar erscheinen.

412

Vgl. ähnlich auch Kenny 1989, 74.

413

Zu einer verwandten Argumentation vgl. Glock 2005, 163 f.

414

Davidson 1982, 124.

415

Glock 2005, 164 (Herv. im Original).

416

Vgl. auch ebd., 163.

417

Bertram 2006, 36 (Herv. getilgt).

418

Ebd.

419

Vgl. Kim 1996, 47.

420

Verstehen kann sich natürlich auch im »mentalen Verhalten« ausdrücken (vgl. auch Scholz 2011, 4), das soll an dieser Stelle nicht bezweifelt werden; ebenso wenig soll behauptet werden, dass sich Geist oder Verstehen auf Verhalten reduzieren ließen.

421

Zu einer Theorie des Mentalen auf Grundlage des Begriffs der Fähigkeit bzw. der Kraft vgl. Kenny 1989 sowie Hacker 2007; 2013. Hier soll nicht behauptet werden, dass alle mentalen Eigenschaften als Fähigkeiten verstanden werden können, wenngleich es auch nicht ausgeschlossen werden soll.

422

Dies ist freilich nur unter den Annahmen ein Erklärungsvorteil, dass mentale Eigenschaften nicht mit physischen identisch sind, die Typenidentitätstheorie des Mentalen also falsch ist, und der Substanzdualismus ebenso verfehlt ist. Von beiden Annahmen gehe ich aus.

423

Das Beispiel ist lose orientiert an Ryles Beispiel eines Clowns (vgl. Ryle 1949, Kap. 2).

424

Ryle 1949, 54 (Herv. D.S.).

425

Man könnte denken, Ryle behaupte hier eher, dass eine Fähigkeit der Intelligenz ein Komplex an Fähigkeiten sei, der die genannten Fähigkeiten und nur diese umschließe. Dagegen spricht aber erstens, dass die Liste nicht abgeschlossen ist, sondern unbestimmt erweitert werden kann. Zweitens sind offenbar die genannten Fähigkeiten nicht notwendig, solange nicht gezeigt ist, dass jede einzelne von zumindest einer anderen abhängt. Da Ryle behauptet, es sei durchaus möglich, eine Aktivität als richtig oder falsch, gut oder schlecht beurteilen zu können, ohne in der Lage zu sein, seine Kritik oder auch Anweisungen zum Zwecke des Unterrichtens zu formulieren (vgl. ebd., 55), kommen wenigstens für das Lehren Zweifel auf. Es ist nicht zu sehen, wie unter diesen Bedingungen die Identität des Fähigkeitskomplexes zu bestimmen ist. Drittens behauptet Ryle zumindest im Hinblick auf die Fähigkeiten, eine Aktivität zu beurteilen und sie vollziehen zu können, dass sie vom selben ›Typ‹ seien (vgl. ebd., 54), aber nicht, dass sie identisch seien.

Bedeutung und Bedeutsamkeit

Philosophische Überlegungen zum Verhältnis von sprachlichem und nicht-sprachlichem Verstehen