Kapitel 30 Performatives autobiographisches Selbstbewusstsein

In: Performatives Selbstbewusstsein
Author: Stefan Lang

Ein Ziel dieses Hauptabschnitts besteht in der Begründung der These, dass das autobiographische Bewusstsein ein performatives Phänomen ist.528 Performative Phänomene zeichnen sich durch folgende Merkmale aus: Sie entstehen mit der Produktion von linguistischen Ausdrücken und stellen mehr oder anderes als die Produktion eines Ausdrucks oder eine feststellende Äußerung dar. Es besteht ein bewusster Gehalt, welcher Informationen über das Phänomen enthält, das entsteht. Schließlich stellen diese Aspekte eine Einheit dar. Sie sind Bestandteile eines Phänomens.529 In den Kapiteln 26 und 27 wurden zwei Weisen erläutert, wie der autobiographische Aspekt indexikalischer Identifizierung gewonnen wird, und zwar mithilfe der exekutiven und der äußerungsreflexiven linguistischen Bedeutung. Dementsprechend gilt es für beide Fälle zu zeigen, dass das autobiographische Bewusstsein ein performatives Phänomen ist. Die erste Begründung berücksichtigt diejenige Erklärung des autobiographischen Bewusstseins, gemäß welcher ein Sprecher dieses Bewusstsein mithilfe der äußerungsreflexiven linguistischen Bedeutung des produzierten Ausdrucks gewinnt. Die zweite Begründung der These, dass das autobiographische Bewusstsein ein performatives Phänomen ist, berücksichtigt die exekutive linguistische Bedeutung des produzierten Ausdrucks. Die These, dass das autobiographische Bewusstsein ein performatives Phänomen darstellt, gilt unabhängig davon, ob die These zutreffend ist, dass ein Sprecher im Fall einer autobiographischen Identifizierung ein Bewusstsein von der äußerungsreflexiven linguistischen Bedeutung von indexikalischen Ausdrücken besitzt.530

1. Da die Erklärung autobiographischen Bewusstseins im Fall der Produktion von reinen indexikalischen Ausdrücken wie ›hier‹ und ›jetzt‹, echten Demonstrativausdrücken sowie der Produktion des Ausdrucks ›ich‹ Unterschiede aufweist, wenn die äußerungsreflexive linguistische Bedeutung berücksichtigt wird, gilt es für jede dieser Erklärungen zu zeigen, dass das autobiographische Bewusstsein ein performatives Phänomen darstellt. Wenn ein Sprecher einen reinen indexikalischen Ausdruck wie ›hier‹ produziert, gewinnt er auf folgende Weise autobiographisches Bewusstsein:

1. Der Sprecher produziert den Ausdruck ›hier‹.

2. Er besitzt subjektives Selbstbewusstsein.

3. Er versteht die linguistische Bedeutung dieses Ausdrucks: der Ausdruck ›hier‹ referiert auf den Ort der Äußerung.

4. Er wendet die Regel an, dass der Referent dieses Ausdrucks zum Produzenten sich in derselben Beziehung befindet, in welcher der Referent sich zur Äußerung befindet, das bedeutet, dass der Referent sich am Ort des Produzenten befindet.

5. Er verbindet die in den Punkten 2 bis 4 angeführten Informationen durch einen kognitiven Akt, sodass er erkennt, dass er selbst sich am Ort der Äußerung befindet und dass der Ausdruck ›hier‹ auf seinen eigenen Standpunkt referiert.

Ein Vergleich dieser Erklärung autobiographischen Bewusstseins mit der dargestellten Interpretation performativer Phänomene zeigt, dass es ein performatives Phänomen ist. Mit und durch die Produktion eines linguistischen Ausdrucks entsteht ein Phänomen, nämlich autobiographisches Bewusstsein. Das autobiographische Bewusstsein besteht dann, wenn der Ausdruck ›hier‹ produziert wird. Außerdem wird ein Gegenstand bestimmt. Kein Ort ist hier, kein Zeitpunkt gestern unabhängig von der Produktion eines reinen indexikalischen Ausdrucks. Hier und jetzt zu sein sind extrinsische Eigenschaften von Örtern und Zeitpunkten, die sie durch und mit einer indexikalischen Identifizierung erhalten. Es sind, mit Tomis Kapitans und Hector-Neri Castañedas Worten gesprochen, ephemerische, flüchtige Eigenschaften.531 Zudem wird bspw. ein Ort als der Referent des Ausdrucks ›hier‹ bestimmt und als der Ort, an dem man selbst sich befindet. Mit und durch die Produktion eines reinen indexikalischen Ausdrucks gewinnt der Sprecher Bewusstsein von dem Phänomen, das mit der Produktion des Ausdrucks ›hier‹ entsteht. Das autobiographische Bewusstsein enthält die Information, dass ein bestimmter Ort hier ist bzw. die Eigenschaft aufweist, hier zu sein, und dass man selbst sich am Ort der Äußerung des Ausdrucks ›hier‹ befindet sowie dass dieser Ausdruck auf den eigenen Standpunkt referiert. Und da schließlich das autobiographische Bewusstsein mit und durch die Produktion eines Ausdrucks entsteht, ist es von der Produktion eines linguistischen Ausdrucks nicht zu trennen. Das autobiographische Bewusstsein und die Produktion eines linguistischen Ausdrucks stellen eine Einheit dar. Das autobiographische Bewusstsein weist somit die angeführten Merkmale auf, die ein performatives Phänomen auszeichnet. Es ist daher sachangemessen als ein performatives Phänomen bezeichnet.

Auch das autobiographische Bewusstsein, das bei der bei Produktion des Ausdrucks ›ich‹ besteht, ist ein performatives Phänomen. Ein Sprecher gewinnt autobiographisches Bewusstsein, wenn:

1. Der Sprecher den Ausdruck ›ich‹ produziert.

2. Er subjektives Selbstbewusstsein besitzt.

3. Er die linguistische Bedeutung dieses Ausdrucks versteht: der Ausdruck ›ich‹ referiert auf diejenige Person, welche diesen Ausdruck produziert.

4. Er mithilfe eines kognitiven Aktes die in den Punkten 2 und 3 angeführten Informationen verbindet.

Durch die Verbindung dieser Informationen gewinnt der Sprecher das Bewusstsein, dass er selbst der Referent des Ausdrucks ›ich‹ ist und dass er ihn produziert. Mit und durch die Produktion des Ausdrucks ›ich‹ entsteht ein Phänomen, und zwar das autobiographische Bewusstsein, dass man selbst der Referent dieses Ausdrucks ist und ihn produziert. Ein Gegenstand, man selbst, wird bestimmt, und zwar als der Referent des Ausdrucks ›ich‹ bzw. als der Produzent dieses Ausdrucks. Der Informationsgehalt des autobiographischen Bewusstseins thematisiert das Phänomen, das entsteht. Der Sprecher besitzt kraft seiner Verbindung der in den Punkten 2 und 3 enthaltenen Informationen das Bewusstsein, dass er selbst den Ausdruck ›ich‹ produziert und dass dieser Ausdruck auf ihn selbst referiert. Schließlich stellen die angeführten Merkmale eine Einheit dar. Eine Person besitzt das Bewusstsein, dass der Ausdruck ›ich‹ auf sie selbst referiert und dass sie ihn produziert, wenn sie diesen Ausdruck produziert. Das autobiographische Bewusstsein weist somit die angeführten Merkmale performativer Phänomene auf. Es ist daher sachangemessen als ein performatives Phänomen bezeichnet.

Die Erklärung autobiographischen Bewusstseins im Fall der Produktion von echten Demonstrativausdrücken, etwa ›dieser‹, lautet:

1. Der Sprecher produziert den Ausdruck ›dieser‹.

2. Er vollzieht eine hinweisende Geste (oder besitzt bspw. eine referentielle Intention).

3. Er besitzt subjektives Selbstbewusstsein.

4. Er versteht die linguistische Bedeutung dieses Ausdrucks: der Ausdruck ›dieser‹ referiert auf denjenigen Gegenstand, auf den die Person, die dieses Token produziert, mit einer Geste verweist.

5. Er verbindet durch einen kognitiven Akt die in den Punkten 3 und 4 angeführten Informationen, sodass er erkennt, dass er selbst diesen Ausdruck produziert und dass er selbst in derjenigen Beziehung zum Referenten des Ausdrucks ›dieser‹ steht, welche der linguistischen Bedeutung entspricht, das heißt, er weiß, dass er selbst in der Beziehung »hinweisende Geste« zum Referenten steht.

Mit und durch die Produktion eines Ausdrucks entsteht ein Phänomen, autobiographisches Bewusstsein. Mit der indexikalischen Identifizierung wird zudem ein Gegenstand bestimmt und in eine Beziehung zum Sprecher gesetzt. Kein Gegenstand besitzt unabhängig von der indexikalischen Identifizierung die Eigenschaften, dieser Gegenstand zu sein und damit zusammenhängend zum Sprecher in der linguistisch bestimmten Beziehung »hinweisende Geste« zu stehen. Das autobiographische Bewusstsein enthält Informationen über das Phänomen, das entsteht. Es enthält die Information, dass ein bestimmter Gegenstand in der Beziehung »hinweisende Geste« zu einem selbst steht und die Eigenschaft aufweist, dieser Gegenstand zu sein sowie der Referent des Ausdrucks ›dieser‹ zu sein. Schließlich zeichnet sich das autobiographische Bewusstsein durch die Einheit dieser Aspekte aus. Es entsteht mit und durch die Produktion des Ausdrucks ›dieser‹. Auch das autobiographische Bewusstsein, das bei der Produktion von echten Demonstrativausdrücken vorhanden ist, ist ein performatives Phänomen.

2. Wenn die indexikalische Identifizierung (ausschließlich) anhand der exekutiven linguistischen Bedeutung erfolgt, sind zwei Erklärungsmodelle zu diskutieren. Zum einen das Erklärungsmodell, das im Fall der Produktion von reinen indexikalischen Ausdrücken wie ›hier‹ oder ›jetzt‹ und echten Demonstrativausdrücken relevant ist, zum anderen die Erklärung autobiographischen Bewusstseins bei Produktion des Ausdrucks ›ich‹.

Mit Blick auf den Ausdruck ›hier‹ gewinnt ein Sprecher auf folgende Weise autobiographisches Bewusstsein:

1. Der Sprecher produziert den Ausdruck ›hier‹.

2. Er besitzt subjektives Selbstbewusstsein.

3. Er versteht die exekutive linguistische Bedeutung dieses Ausdrucks: der gegenwärtige Ort.

4. Er wendet die Regel an, dass diejenige Person, welche diesen Ausdruck produziert, sich am gegenwärtigen Ort befindet.

5. Er verbindet durch einen kognitiven Akt die in den Punkten 2 bis 4 angeführten Informationen.

Auch bei der Produktion des Ausdrucks ›hier‹ gilt, dass das autobiographische Bewusstsein, dass man selbst sich am gegenwärtigen Ort befindet und dass dieser Ausdruck auf den eigenen Standpunkt referiert, mit und durch eine mentale Aktivität, die Produktion des Ausdrucks ›hier‹, entsteht und besteht. Zudem wird ein Ort als der gegenwärtige Ort bestimmt, an dem man sich selbst befindet, und als der Ort, auf den der Ausdruck ›hier‹ referiert. Kein Ort ist unabhängig von der indexikalischen Identifizierung ein gegenwärtiger Ort, an dem man sich selbst befindet, und auf den der Ausdruck ›hier‹ referiert. Das autobiographische Bewusstsein thematisiert das Phänomen, das entsteht. Es enthält die Information, dass man selbst sich am gegenwärtigen Ort befindet und dass der Ausdruck ›hier‹ auf den eigenen Standpunkt referiert. Schließlich zeichnet sich das autobiographische Bewusstsein durch die Einheit dieser Aspekte aus. Es besteht und entsteht mit und durch die Produktion des Ausdrucks ›hier‹. Das autobiographische Bewusstsein im Fall der Produktion des Ausdrucks ›hier‹ ist ein performatives Phänomen.

Ein Sprecher gewinnt bei der Produktion des Ausdrucks ›ich‹ autobiographisches Bewusstsein, wenn

1. der Sprecher den Ausdruck ›ich‹ produziert;

2. er subjektives Selbstbewusstsein besitzt;

3. er die exekutive linguistische Bedeutung dieses Ausdrucks versteht: being a self bzw. ein Subjekt sein;

4. er die Regel kennt, dass diejenige Person, welche den Ausdruck ›ich‹ produziert, das Subjekt (self) ist, welches die exekutive linguistische Bedeutung thematisiert;

5. er weiß, dass diejenige Person, welche von der exekutiven linguistischen Bedeutung des Ausdrucks ›ich‹ thematisiert wird, der Referent dieses Ausdrucks ist;

6. er durch einen kognitiven Akt die in den Punkten 2 bis 5 enthaltenen Informationen verbindet, sodass er das Bewusstsein besitzt, dass er selbst ein Subjekt (self) ist sowie der Referent des Ausdrucks ›ich‹.

Ein Vergleich mit den Merkmalen performativer Phänomene zeigt, dass auch das autobiographische Bewusstsein bei Produktion des Ausdrucks ›ich‹ ein performatives Phänomen ist. Das autobiographische Bewusstsein, ein Subjekt (self) sowie der Referent des Ausdrucks ›ich‹ zu sein, entsteht mit und durch die Produktion dieses Ausdrucks. Eine Person ist unabhängig von der Produktion des Ausdrucks ›ich‹ nicht der Referent dieses Ausdrucks. Sie wird durch die Produktion als ein Subjekt bestimmt. Der Sprecher besitzt das Bewusstsein, dass er selbst der Referent des Ausdrucks ›ich‹ und ein Subjekt ist. Das autobiographische Bewusstsein und die Produktion dieses Ausdrucks bilden eine Einheit. Es besteht mit und durch die Produktion des Ausdrucks ›ich‹. Das autobiographische Bewusstsein im Fall der Produktion des Ausdrucks ›ich‹ ist ein performatives Phänomen.

Wenn der Standpunkt richtig ist, dass ein Sprecher bei einer indexikalischen Identifizierung sowohl ein Bewusstsein von der exekutiven linguistischen Bedeutung als auch der äußerungsreflexiven linguistischen Bedeutung besitzt, ist autobiographisches Bewusstsein in doppelter Hinsicht vorhanden. Dementsprechend wäre autobiographisches Bewusstsein in zweifacher Hinsicht ein performatives Phänomen. Wie dem auch sei: Bei der Produktion indexikalischer Ausdrücke bestehen jedenfalls mitunter zwei performative Phänomene: subjektives Selbstbewusstsein und (im Fall autobiographischer Identifizierung) autobiographisches Bewusstsein. Die performative Interpretation autobiographischen Bewusstseins unterscheidet sich von der spekulativen performativen Interpretation des subjektiven Selbstbewusstseins. Im Unterschied zum subjektiven Selbstbewusstsein zeichnet sich das autobiographische Bewusstsein nicht durch eine performative Identität aus. Der kognitive Akt, welcher die autobiographische Information hervorbringt, indem er Informationen verbindet, unterscheidet sich von dem subjektiven Selbstbewusstsein. Dennoch ist autobiographisches Bewusstsein sachangemessen als ein performatives Phänomen bezeichnet. Es weist die Strukturmerkmale performativer Phänomene auf.

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Es ist ebenso sinnvoll zu sagen, dass die autobiographische indexikalische Identifizierung ein performatives Phänomen ist. Die These lautet, dass autobiographisches Bewusstsein, das bei der Produktion indexikalischer Wörter – bzw. im Zusammenhang mit einer indexikalischen Identifizierung – besteht, ein performatives Phänomen ist.Die im Folgenden entwickelte performative Interpretation autobiographischen Bewusstseins ist maßgeblich von Hector-Neri Castañedas Überlegungen in Indexical Reference Is Experiential Reference beeinflusst. Vgl. Castañeda 1989, 68, 74.

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Vgl. die Ausführungen in Kapitel 21. Es gilt zu beachten, dass performative Äußerungen inhomogen sind. Vgl. Searle 1989. Das bedeutet, dass bei dieser Interpretation ein Begriff von Performativität verwendet wird, der nicht auf alle performativen Äußerungen zutrifft. Dieser Begriff enthält jedoch wesentliche Merkmale einiger performativer Äußerungen, so dass es im Zusammenhang mit Phänomenen, welche strukturelle Übereinstimmungen mit diesen Merkmalen aufweisen, sinnvoll ist zu sagen, dass es sich hierbei um performative Phänomene handelt.

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Sie gilt aber auch dann, wenn eine indexikalische Identifizierung nicht anhand der exekutiven linguistischen Bedeutung erfolgt, sondern ausschließlich anhand der äußerungsreflexiven linguistischen Bedeutung.

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Kapitan 2006, 391: »Indexical status is wholly a contingent and extrinsic feature of an entity. No object in the external world is intrinsically a you, a this, a here, or an I, for satisfying an indexical mode is invariably a relational property of an item possessed only in relation to an experient subject who distinguishes it as such. Since these relations can rapidly change, and since a subject might quickly cease to so classify an object, then indexical status is also ephemeral«.

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