Kapitel 32 Die Einheit von Selbstbewusstsein

in Performatives Selbstbewusstsein
Autor:in: Stefan Lang

Zum Abschluss dieser Untersuchung ist die dargestellte performative Theorie mit zwei Themenbereichen in Beziehung zu setzen, die Schwerpunkte der Theorie der Subjektivität bilden. Der erste Themenbereich behandelt die Fragen, wie sind die Einheit von Selbstbewusstsein und das Bewusstsein der Identität des Subjekts zu erklären? Schließlich besitzen Personen nicht nur performatives autobiographisches indexikalisches Selbstbewusstsein, sondern bspw. auch körperliches und diachrones Selbstbewusstsein und, wie einige Philosophen annehmen, auch nicht-egologisches Selbstbewusstsein. Eine Person begreift sich als ein und dasselbe Subjekt, welches diese unterschiedlichen Arten von Selbstbewusstsein besitzt. Sie besitzt ein Bewusstsein der Identität des Subjekts. Wie ist dies unter Berücksichtigung von performativem Selbstbewusstsein möglich? Der zweite Schwerpunkt besteht in der Untersuchung der Frage, was ist ein Subjekt? Im bisherigen Verlauf dieser Untersuchung wurde diese Frage nicht näher behandelt. Jedoch wurde bspw. bei der Erklärung autobiographischen Bewusstseins dargelegt, dass das Subjekt des subjektiven Selbstbewusstseins eine Person im Sinn der linguistischen Bedeutung des Ausdrucks ›ich‹ ist. Es gilt somit die Bedeutung der Ausdrücke ›Person‹, ›Subjekt‹, ›Subjekt des subjektiven Selbstbewusstseins‹ und ›Subjekt des autobiographischen Bewusstseins‹ zu klären sowie u.a. zu zeigen, wie das Verhältnis zwischen dem Subjekt und subjektivem Selbstbewusstsein sowie autobiographischem Selbstbewusstsein zu verstehen ist. Die erste Fragestellung wird in diesem Kapitel behandelt. Ihre Untersuchung ist für die Beantwortung der zweiten Fragestellung von Bedeutung, die im anschließenden Kapitel dargestellt wird.

Eine Untersuchung der ersten Fragestellung hat zweierlei zu leisten. Sie hat zum einen zu zeigen, wie unterschiedliche Varietäten von Selbstbewusstsein verbunden werden, und sie hat zum anderen darzulegen, wie eine Person ein Bewusstsein der Identität des Subjekts unterschiedlicher Fälle von Selbstbewusstsein zu gewinnen vermag.

Mit Blick auf die erste Aufgabenstellung besitzt die performative Theorie einen systematischen Vorteil. Er besteht darin, den Übergang von nicht- begrifflichem Selbstbewusstsein zu referentiellem Selbstbewusstsein, das heißt, dem Bewusstsein, dass der Ausdruck ›ich‹ auf einen selbst referiert, erklären zu können. Wie dargelegt wurde, besitzt eine Person bei der Produktion des Ausdrucks ›ich‹ subjektives Selbstbewusstsein sowie (in der Regel) referentielles Selbstbewusstsein. Sie gewinnt referentielles Selbstbewusstsein durch die Verbindung des subjektiven Selbstbewusstseins mit der linguistischen Bedeutung des Ausdrucks ›ich‹ sowie durch weitere Faktoren wie die Self-Notion. Referentielles Selbstbewusstsein ist ein performatives Phänomen. Die performative Theorie verbindet auf diese Weise subjektives Selbstbewusstsein und referentielles Selbstbewusstsein. Sie zeigt, wie mithilfe des subjektiven Selbstbewusstseins referentielles Selbstbewusstsein gewonnen wird.

Dies ist in systematischer Hinsicht ein nicht zu unterschätzender Vorteil dieses Ansatzes. Er wird deutlich erkennbar durch eine Gegenüberstellung mit einem anderen, disjunktiven Modell. Nach Dieter Henrichs Standpunkt in Selbstbewusstsein – Kritische Einleitung in eine Theorie sind zwei Arten von Selbstbewusstsein zu unterscheiden: Anonymes Selbstbewusstsein und egologisches, referentielles Selbstbewusstsein. Anonymes Selbstbewusstsein besteht auch unabhängig von referentiellem Selbstbewusstsein. Für Henrich ist anonymes Selbstbewusstsein ein Bewusstsein (Kenntnis) des Bewusstseins von sich. Bewusstsein enthält nicht nur Informationen über Gegenstände und Sachverhalte, sondern schließt ein nicht-begriffliches Bewusstsein von sich selbst mit ein. Henrich erläutert dieses Phänomen folgendermaßen:

Es wird vorausgesetzt, daß wir mit […] Bewußtsein vertraut sind. Signifikante Erfahrungen mit ihm sind zum Beispiel die Situation des Erwachens oder des Sichfindens in einem Traum. Plötzlich ist da ein Geflecht von Sinneseindrücken, Bildern und dumpfen Körpergefühlen, oft stimmungs- und symbolbesetzt, eine Welt aus dem Nichts, mit Vergangenem nur durch Erinnerung und Wiedererkennen verbunden. […] Fragt man nun, wie solches Bewußtsein verstanden werden kann, so kann es nicht mehr für selbstverständlich gelten, daß es einem Ich zugehört und somit ursprünglich Selbstbewußtsein ist. Wir wissen zwar, daß es eine Person ist, die zu wachen und zu träumen beginnt. Das bedeutet aber nicht, daß die Bewußtseinsstruktur, die wir einem gewissen Organismus oder einer gewissen sprach- und handlungsfähigen Person zuordnen, selber auch selbsthaft sein muß. Der uns vertraute Sachverhalt spricht nicht dafür. Beim Erwachen zumindest spannt sich zunächst ein Horizont von Welt aus, in dem wir uns sodann als die Erwachenden wieder finden. Und dem entspricht, daß vor dem Schlaf zuletzt nicht etwa das Selbstgefühl, sondern eine Welt von Bildern versinkt, deren Klarheit, meist auch Farbintensität zuvor in dem Grade zugenommen hat, in dem ausdrücklicher Selbstbezug zum Erliegen kam. Bewußtsein endet also nicht mit einem Rudiment von Selbsterfahrung, was es doch tun sollte, wenn es wesentlich selbsthaft wäre.540

Nach Henrich gibt es Fälle von anonymem Selbstbewusstsein, mit denen Personen bestens bekannt sind: Erwachen, Einschlafen und sich in einem Traum finden.541 Das bedeutet nicht, dass es kein Ich oder Subjekt und kein egologisches Selbstbewusstsein gibt. Das Subjekt erfüllt eine ausgezeichnete Funktion. Es ist ein aktives Prinzip der Organisation des Bewusstseins, welches beispielsweise für die bewusste Konzentration auf einen Sachverhalt oder die Lösung von Aufgaben unverzichtbar ist.542 Zudem besitzt es die Fähigkeit, auf sich selbst zu reflektieren und damit referentielles Selbstbewusstsein zu entwickeln. Dem selbstbewussten Ich liegt aber anonymes Selbstbewusstsein, ein nicht-begriffliches Bewusstsein vom Bewusstsein zugrunde. Henrich begründet dies u.a. damit, dass das Ich zielgerichtete Leistungen vollbringt, etwa die Konzentration auf einen Sachverhalt.543 Damit diese Leistung möglich ist, muss jedoch bereits Bewusstsein vorhanden sein und mit sich auf nicht-begriffliche Weise vertraut sein. Das anonyme Selbstbewusstsein ermöglicht reflektiertes und damit referentielles egologisches Selbstbewusstsein.544

Das Problem, das bei dieser radikalen Unterscheidung von zwei Arten von Selbstbewusstsein auftritt, wird deutlich erkennbar, wenn danach gefragt wird, wie referentielles Selbstbewusstsein gewonnen wird. Henrich erläutert explizit, dass das Bewusstsein vom Subjekt ursprünglich nicht dem Subjekt selber zugeschrieben werden darf. Das reflexive und damit auch das referentielle Selbstbewusstsein werden durch das anonyme Selbstbewusstsein ermöglicht:

»Wegen seiner Fähigkeit, auf sich selbst zu reflektieren, kann dieses aktive Prinzip den Namen ›Ich‹, ›Selbst‹ oder ›Subjekt‹ zu Recht haben. Von entscheidender Bedeutung ist es aber, klarzumachen und daran festzuhalten, daß das Gewahren dieses aktiven Prinzips als solches keine aktive Leistung ist, daß es nicht einmal dem ›Ich‹ selber zugerechnet werden kann.«545 »Die wissende Selbstbeziehung, die in der Reflexion vorliegt, ist kein Grundsachverhalt, sondern ein isolierendes Explizieren, aber nicht unter der Voraussetzung eines wie immer gearteten implizierten Selbstbewußtseins, sondern eines (impliziten) selbstlosen Bewußtseins vom Selbst.«546

Dieser Ansatz überzeugt nicht. Nach Henrich wird egologisches Selbstbewusstsein durch anonymes Selbstbewusstsein gewonnen. Es ist jedoch nicht nachzuvollziehen, wie es möglich ist, dass egologisches Selbstbewusstsein durch oder mithilfe des anonymen Selbstbewusstseins die Vorstellung zu enthalten vermag, dass man selbst Selbstbewusstsein besitzt. Schließlich besitzt in diesem Modell das Subjekt ursprünglich gerade nicht selber das Bewusstsein von sich selbst. Wie ist es möglich, dass das Subjekt dadurch, dass etwas anderes Bewusstsein von ihm hat, die Vorstellung gewinnt, dass es selbst Bewusstsein von sich selbst besitzt? Wie eine überzeugende Antwort auf diese Frage lauten könnte, ist völlig unklar. Dies mag einer der Gründe sein, warum Henrich seinen Ansatz in weiterer Folge modifiziert hat.547

Gegenüber solch einem disjunktiven Ansatz hat die performative Theorie den Vorteil, den Übergang vom subjektiven Selbstbewusstsein zu referentiellem Selbstbewusstsein erklären zu können. Der performative Ansatz besitzt diesen Vorteil auch deswegen, da das nicht-begriffliche Selbstbewusstsein egologisch interpretiert wird und zur Gewinnung von referentiellem Selbstbewusstsein beiträgt. Ohne die Annahme, dass das subjektive Selbstbewusstsein ein Fall von egologischem Selbstbewusstsein ist, wäre die dargelegte Erklärung autobiographischen indexikalischen Bewusstseins nicht überzeugend.

Bedeutet dies, dass es kein anonymes Selbstbewusstsein gibt? Vom performativen Ansatz ausgehend scheint diese Annahme nahe liegend zu sein. Schließlich wurde mit Nachdruck herausgestellt, dass das subjektive Selbstbewusstsein von der Produktion eines linguistischen Ausdrucks ein Fall von egologischem Selbstbewusstsein ist. Dies ist jedoch nicht der Standpunkt, der in dieser Untersuchung vertreten wird. Nach Manfred Frank in Ansichten der Subjektivität erleben Personen bspw. wenn sie aus einem Koma aufwachen nicht-egologische Selbstbewusstseinszustände:

Ein gutes Beispiel für die Anonymität des Bewusstseinsfeldes vor der Einmischung attentionaler und kognitiver Akte ist das Erwachen aus einer Narkose: Wir fühlen uns einem wirren Gewebe von dumpfen Körperempfindungen, Schmerzen, Gerüchen, Farben, vielleicht verzerrten Gesichtern ausgesetzt und kommen in diesem Bilde selbst nicht vor. ›Es‹ ist unheimlich, ›es‹ fühlt sich seltsam an. Erst wenn wir eine Art kantischer Synthesis der Apperzeption vollziehen, kommt ein Ich ins Spiel.548

Ich kann diesen Erfahrungsbericht von Frank zwar nicht bestätigen. Jedoch ist der angeführte Erfahrungsbericht ernst zu nehmen und nicht zu übersehen.549 Es sind somit drei Fälle von Selbstbewusstsein zu unterscheiden: Präreflexives anonymes Selbstbewusstsein, präreflexives egologisches Selbstbewusstsein, das im Zentrum dieser Untersuchung steht, sowie begriffliches und referentielles egologisches Selbstbewusstsein, welches eine Person besitzt, wenn sie bspw. über sich selbst reflektiert und den Gedanken fasst: »Ich verehre Haydn«.

Mit Blick auf diese Unterscheidungen lautet die entscheidende Frage, wie ist die Einheit von Selbstbewusstsein möglich, wenn es neben dem performativen Selbstbewusstsein anonymes Selbstbewusstsein gibt? Das heißt, wie wird die Verbindung von anonymem und egologischem Selbstbewusstsein hergestellt und wie ist es möglich, dass ein Subjekt sich als das Subjekt anonymen Selbstbewusstseins versteht? Eine Antwort auf diese Fragen ist mit Rückgriff auf die Annahme einer Self-Notion zu geben. Die Berücksichtigung der Self-Notion ist nahe liegend. Auch wenn es Bewusstseinszustände gibt, die nicht-egologisches Selbstbewusstsein enthalten, ist es möglich, sich nachträglich an sie zu erinnern und festzustellen, dass sie kein egologisches Selbstbewusstsein aufwiesen, obgleich sie doch die eigenen Bewusstseinszustände waren. Dies belegt der Erfahrungsbericht von Frank. Also muss eine Verbindung mit egologischem Selbstbewusstsein möglich und gegeben sein. Die Self-Notion ist nun aber nicht nur der kognitive Speicher für mentale Phänomene, etwa Erinnerungen an eigene Erlebnisse wie eine Depression, die man erlitten hat, sondern auch für körperliches Selbstbewusstsein, also bspw. die Lage der eigenen Beine im Raum.550 Die Informationen über den eigenen Körper sind mit Informationen über mentale Zustände verbunden, da sie in der Self-Notion gespeichert werden. Sie erfüllt somit die Funktion, unterschiedliche Fälle und Arten von Selbstbewusstsein zu vereinigen und mit einander in Beziehung zu setzen, sodass ein Subjekt alle in der Self-Notion gespeicherten Informationen als Informationen über es selbst zu interpretieren vermag. Es ist daher nahe liegend anzunehmen, dass Informationen des anonymen Selbstbewusstseins in die Self-Notion integriert werden. Mit der Integration des Informationsgehalts des nicht-egologischen Selbstbewusstseins in die Self-Notion ist es mit egologischem Selbstbewusstsein verbunden.

Das bedeutet nicht, dass der Informationsgehalt des anonymen Selbstbewusstseins seine Qualität, ein Fall von nicht-egologischem Selbstbewusstsein zu sein, verliert, sobald er in die Self-Notion integriert wird. Schließlich erinnern sich Personen an ihr nicht-egologisches Selbstbewusstseinserlebnis, sodass sie zu sagen vermögen: »Ich erlebte diesen Zustand, aber eigentlich war kein Selbst oder Subjekt, Ich war nicht vorhanden. ›Es‹ war unheimlich, aber es war nicht ›mir‹ unheimlich.« Dies ist dadurch möglich, dass der Gehalt des anonymen Selbstbewusstseins mit dem zeitlichen Index »vergangen sein« versehen wird und die Information, anonym gewesen zu sein, bewahrt bleibt, wenn er in der Self-Notion gespeichert wird. Durch die Integration des Informationsgehalts des anonymen Selbstbewusstseins in die Self-Notion ist jedoch die (nachträgliche) Zuschreibung des ichlosen Bewusstseinszustandes zu einem selbst als einem Subjekt, welches egologisches Selbstbewusstsein besitzt, möglich. Die Einheit des Selbstbewusstseins wird somit durch die Self-Notion gewährleistet sowie durch den Mechanismus, die kognitive Architektur des Menschen, die dazu führt und die garantiert, dass unterschiedliche Informationen, die einen selbst betreffen, – körperliche Informationen, Informationen über Gemütszustände, aber bspw. auch anonyme Bewusstseinszustände –, in der Self-Notion gespeichert werden.

Es stellt sich jedoch die Frage, warum Informationen des anonymen Selbstbewusstseins in der Self-Notion gespeichert werden? Damit zusammenhängend ist die Frage zu stellen, wie ein Subjekt es vermag, das anonyme Selbstbewusstsein als sein eigenes Bewusstsein zu begreifen. Der Hinweis, dass ein Subjekt durch die Integration des Informationsgehalts des anonymen Selbstbewusstseins in die Self-Notion diesen Gehalt sich selbst zuschreibt, erklärt nicht, wie diese Zuschreibung erfolgt und warum der Informationsgehalt anonymen Selbstbewusstseins in der Self-Notion gespeichert wird. Diese Fragen sind äußert schwierig zu beantworten. Folgende Antwort scheint aussichtsreich zu sein. Der Informationsgehalt des anonymen Selbstbewusstseins ist nicht unbewusst. Anonymes Selbstbewusstsein enthält einen bewussten Gehalt, etwa eine bestimmte Geruchsempfindung. Zum Zeitpunkt des anonymen Bewusstseinserlebnisses wird der mit diesem Phänomen gegebene Informationsgehalt nicht in der Self-Notion gespeichert. Die Aufnahme in die Self-Notion erfolgt in zeitlicher Hinsicht nach der Episode anonymen Selbstbewusstseins. Der Informationsgehalt anonymen Selbstbewusstseins wird daher im Augenblick des Erlebens in einem anonymen Buffer gespeichert, das heißt, in einem Buffer, von dem das Subjekt nicht weiß, über welchen Gegenstand bzw. über welche Person dieser Buffer Informationen enthält.551 Durch das Speichern des Informationsgehalts in dem anonymen Buffer ist es möglich, den Gehalt des anonymen Selbstbewusstseins weiter zu verarbeiten, sodass eine Person, nachdem sie egologisches Selbstbewusstsein wieder erworben hat, bspw. in dem sie einen Satz produziert, auf die Informationen in dem anonymen Buffer zuzugreifen vermag. Die These lautet, dass die Verbindung des Informationsgehalts des anonymen Selbstbewusstseins mit egologischem Selbstbewusstsein durch einen kognitiven Akt, ein Urteil, hergestellt wird. Es lautet bspw.: Das anonyme Bewusstseinserlebnis war mein Erlebnis.

Damit ist die Frage zu stellen, warum eine Person dieses Urteil fällt? Eine Antwort auf diese Frage ist mit Blick auf den zitierten Erlebnisbericht von Frank zu geben. Nach dem Erwachen aus einer Narkose besitzt eine Person anonymes Selbstbewusstsein, ein Bewusstsein von Gerüchen und anderen Eindrücken. Außerdem zeichnet sich dieses Bewusstsein durch eine anonyme Vertrautheit mit diesem Bewusstsein aus. Der Informationsgehalt des anonymen Bewusstseins wird keiner anderen Person zugeschrieben, sondern in einem anonymen Buffer gespeichert. Nachdem die Person egologisches Selbstbewusstsein wiedererlangt hat, ist der Informationsgehalt des anonymen Selbstbewusstseins in dem Buffer – womöglich im Kurzzeitgedächtnis – abrufbereit. Wenn die Person bspw. in einem Spitalszimmer aufwacht und sie sich an das anonyme Bewusstseinserlebnis erinnert und wenn sie sich zudem erinnert, dass sie gerade operiert worden ist, ist es für sie naheliegend und plausibel, das Urteil zu fällen, dass es die eigenen Erlebnisse waren, auch wenn kein Bewusstsein vom Subjekt, von ihr selbst, vorhanden gewesen ist. Mit Blick auf die Rahmenbedingungen ist es rational und es sind gute Gründe anzuführen, warum dieses Urteil gefällt wird. Die Person mag dieses Urteil bspw. auf der Grundlage folgender Überlegungen fällen: Ich habe Informationen über Erlebnisse, Geruchsempfindungen, Eindrücke, die ich mir ursprünglich nicht zuschrieb. Es waren aber nicht die Erlebnisse einer anderen Person. Ich habe gerade eine schwere Operation hinter mir. Es gibt daher keinen guten Grund, diesen Informationsgehalt einer anderen Person zuzuschreiben. Also: Es waren meine Erlebnisse. (Oder: Es können nur meine Erlebnisse gewesen sein. Eine andere Annahme ist absurd oder zumindest nicht naheliegend.) Infolge dieses Urteils wird der Informationsgehalt des anonymen Selbstbewusstseins in die Self-Notion integriert und mit egologischem Selbstbewusstsein verbunden. Diese Erklärung, wie anonymes Selbstbewusstsein in die Self-Notion integriert wird, ist nicht abwegig. Das anonyme Selbstbewusstsein steht ursprünglich nicht mit der Self-Notion oder egologischem Selbstbewusstsein in Beziehung. Anderenfalls wäre es kein Fall von anonymem Selbstbewusstsein, da das Subjekt weiß, dass eine Information, die in der Self-Notion gespeichert ist, eine Information ist, die sie selbst betrifft. Die Integration des Informationsgehalts anonymen Selbstbewusstseins in die Self-Notion erfolgt nicht unmittelbar im Augenblick des anonymen Bewusstseinserlebnisses. Die Verbindung von anonymem Selbstbewusstsein und egologischem Selbstbewusstsein muss daher hergestellt werden. Sie verdankt sich einem kognitiven Akt.

Da die Verbindung von anonymem Selbstbewusstsein und egologischem Selbstbewusstsein durch ein Urteil erfolgt, ist die Möglichkeit eines Irrtums nicht ausgeschlossen. Dieser Irrtum kann den phänomenalen Gehalt des anonymen Selbstbewusstseins betreffen, bspw. indem Geruchsempfindungen verwechselt werden. Die Integration des Informationsgehalts des anonymen Selbstbewusstseins in die Self-Notion kann aber freilich auch unterbleiben. Sie erfolgt nicht automatisch. Sie verdankt sich einem Urteil, einer mentalen Leistung des Subjekts. Es ist jedoch möglich, dass eine Person auf der Basis mehrerer solcher Urteile eine Disposition entwickelt, anonyme Informationen, die sie bspw. nach dem Erwachen aus einem tiefen Schlaf gewinnt, in die Self-Notion zu integrieren. Entscheidend ist jedoch, dass dieses Urteil dann möglich ist, wenn eine Person egologisches Selbstbewusstsein besitzt. Anderenfalls wäre es nicht möglich, das Urteil zu fällen: Das ichlose Bewusstseinserlebnis war mein Erlebnis, obwohl ›Ich‹ nicht dabei war, das Bewusstseinserlebnis anonym gewesen ist. Es ist nur dann möglich, dieses Urteil zu fällen, wenn eine Person egologisches Selbstbewusstsein besitzt.

Es mag die Frage nahe liegend sein, ob anonymes Selbstbewusstsein nicht auch dann besteht, wenn eine Person (noch) kein egologisches Selbstbewusstsein besitzt? Die Self-Notion besteht allererst in dem Moment, in dem egologisches Selbstbewusstsein vorhanden ist. Schließlich ist sie der kognitive Speicher für Informationen, von denen ein Subjekt weiß, dass es sich um Informationen über sie selbst handelt. Ohne egologisches Selbstbewusstsein wäre die Self-Notion keine Self-Notion. Es gibt die Self-Notion, weil es egologisches Selbstbewusstsein gibt – und nicht umgekehrt. Die mithilfe der Self-Notion bestehende Einheit von Selbstbewusstsein setzt egologisches Selbstbewusstsein voraus. Das bedeutet nicht, dass es unabhängig vom egologischen Selbstbewusstsein kein anonymes Selbstbewusstsein oder auch körperliches Selbstbewusstsein gibt. Wenn ein Neugeborenes noch kein egologisches Selbstbewusstsein besitzt, vermag es vermutlich anonyme Selbstbewusstseinszustände zu haben und es besitzt sicherlich Informationen über den eigenen Körper. Wenn es noch kein egologisches Selbstbewusstsein hat, gibt es aber noch keine Self-Notion, kein Ich oder Selbst. Die Einheit des Selbstbewusstseins ist daher an das Bestehen von egologischem Selbstbewusstsein und die Self-Notion gebunden. Für ein Subjekt oder Ich sind nicht- egologisches Selbstbewusstsein oder auch körperliches Selbstbewusstsein nicht vorhanden, bevor es egologisches Selbstbewusstsein besitzt, aus dem einfachen Grund, da es noch kein Subjekt oder Ich gibt.552 Damit soll nicht bestritten werden, dass unterschiedliche Fälle von anonymem Selbstbewusstsein oder körperlichem Selbstbewusstsein verbunden sein könnten, ehe es die Self-Notion gibt und egologisches Selbstbewusstsein entwickelt wird. Diese Einheit ist jedoch von derjenigen Einheit des Selbstbewusstseins zu unterscheiden, mit der wir im Alltag vertraut sind und die wir in der Philosophie meinen, wenn wir die Einheit unseres Selbstbewusstseins thematisieren und untersuchen. Diese Einheit ist von der Einheit zu unterscheiden, die im Zusammenhang mit der Self-Notion besteht.

Im Anschluss an diese Erklärung, wie unterschiedliche Typen von Selbstbewusstsein verbunden sind, ist es möglich, die Frage zu beantworten, wie das Bewusstsein der Identität des Subjekts gewonnen wird. Es wird durch drei Faktoren gewonnen: Es sind dies die Self-Notion, das heißt, der kognitive Speicher für den Informationsgehalt anonymen und egologischen Selbstbewusstseins, sowie die kognitive Architektur des menschlichen Organismus, die gewährleistet, dass die Inhalte unterschiedlicher Varietäten von Selbstbewusstsein in der Self-Notion gespeichert werden, und schließlich Synthesishandlungen, durch welche die bewusste Information gewonnen wird, dass die auf unterschiedliche Weisen erworbenen unterschiedlichen aktuell bewussten Informationen, die in der Self-Notion gespeichert sind, die bewussten Informationen eines und desselben Subjekts sind.553 Diese Synthesishandlungen verbinden somit bspw. die aktuell bewussten Informationen, dass man selbst ein Wort produziert und dass man selbst mit einer Äußerung ein kommunikatives Ziel verfolgt, sodass die Vorstellung gewonnen wird, dass ein und dasselbe Subjekt ein Wort produziert und damit ein kommunikatives Ziel verbindet.

Gemäß dieser gewagten Skizze ergibt sich somit folgende Erklärung der Einheit von Selbstbewusstsein und dem Bewusstsein der Identität des Subjekts, die bestehen, wenn eine Person den Satz »Ich bin hier« äußert. Nehmen wir an, dass der Sprecher mit der Äußerung dieses Satzes einer anderen Person seinen Aufenthaltsort mitteilen möchte. In diesem Fall besitzt der Sprecher eine kommunikative Intention. Der Informationsgehalt dieser Intention besteht zunächst zwar (gemäß den Resultaten psycholinguistischer Untersuchungen) in einem nicht-linguistischen Format. Der Sprecher besitzt jedoch das Bewusstsein, dass er selbst diese Intention hat. Der Informationsgehalt der kommunikativen Intention wird daher in der Self-Notion gespeichert. Anschließend produziert der Sprecher die Wörter ›ich‹, ›bin‹ und ›hier‹. Er besitzt performatives Selbstbewusstsein von der Produktion dieser Wörter und performatives autobiographisches indexikalisches Selbstbewusstsein. Er speichert die damit gegebenen Informationen in der Self-Notion. Wenn der Sprecher zudem die akustische Arikulation des Satzes als seine eigene Leistung begreift, wird auch diese Information in der Self-Notion gespeichert. Die unterschiedlichen Informationen, die in der Self-Notion gespeichert sind, werden durch Synthesisleistungen zu einer Einheit und einem sinnvollen Ganzen verbunden, sodass u.a. das Bewusstsein der Identität des Subjekts besteht. Diese Skizze einer Antwort auf die Frage nach der Einheit von Selbstbewusstsein und dem Bewusstsein der Identität des Subjekts bedarf freilich einer ausführlichen Ausführung und Erläuterung. Sie ist im Rahmen einer Theorie der Einheit von Selbstbewusstsein durchzuführen. Dies ist weder das Ziel noch die Aufgabenstellung dieser Untersuchung. Die diskutierten Fragen verdeutlichen jedoch die Grenzen des dargelegten performativen Ansatzes. Er beansprucht, einen Ausschnitt menschlicher Subjektivität zu erklären, und zwar subjektives Selbstbewusstsein, welches die Produktion eines linguistischen Ausdrucks begleitet, und autobiographisches indexikalisches Bewusstsein. Diese Aspekte sind bedeutend. Das bedeutet jedoch nicht, dass menschliche Subjektivität insgesamt ein performatives Phänomen ist.

540

Henrich 1970, 260–261.

541

Henrich 1970, 275.

542

Henrich 1970, 276.

543

Henrich 1970, 275.

544

Henrich 1970, 280.

545

Henrich 1970, 276.

546

Henrich 1970, 280, vgl. Henrich 1970, 279.

547

Henrich 2007, 1–2.

548

Frank 2012, 357, vgl. Frank 2012, 8.

549

Neugeborene scheinen Franks These zu bestätigen. Sie winden sich. Sie schreien. Vermutlich besitzen sie kein egologisches Selbstbewusstsein. Insofern sie noch keine Sprache beherrschen, besitzen sie zumindest nicht das egologische Selbstbewusstsein, das im Rahmen dieser Arbeit untersucht wird.

550

Vgl. Perry 1998, 95–96, 2002, 203, 2012, 91, Recanati 1993, 123, 2013, 61.

551

Die Annahme eines anonymen Buffers ist nicht abwegig. Wenn Kinder bspw. »Blinde Kuh« spielen und ein Kind eine Person berührt, die sie nicht sieht, weiß sie nicht, von welchem Gegenstand sie Informationen gewinnt.

552

Vgl. Kapitel 33.

553

Es kann an dieser Stelle die Frage unbeantwortet bleiben, ob das Bewusstsein der Identität stets aktuell vorhanden ist oder ob eine Person die Disposition besitzt, das Bewusstsein der Identität zu entwickeln. Diese Frage kann deswegen unbeantwortet bleiben, da das Bewusstsein der Identität des Subjekts von autobiographischem Bewusstsein und dem subjektiven Selbstbewusstsein, mithin von performativem Selbstbewusstsein, zu unterscheiden ist.

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