Scheitern in der Wissenschaft

In: Wissenschaftsreflexion

Einleitung

Der vorliegende Beitrag wendet sich einem in der Wissenschaft nur wenig thematisierten Begriff zu – dem Scheitern. Während die Bedeutung dieses Themas von den Medien längst erkannt und vor allem im Kontext von Wirtschaft und Management eine Debatte über das besondere Verhältnis von Risiko, Erfolg und Scheitern losgetreten wurde (u.a. Wüstenhagen 2013; Kucklick 2013; Klemm 2015), ja sogar erste Ratgeber über das »gute« Scheitern erscheinen (u.a. Florin 2013; Adams 2014; Wecker 2016), sucht man in der Wissenschaftsphilosophie derlei vergeblich. Es scheint fast, als würde der gegenwärtige Hype um das Scheitern folgenlos an der Wissenschaft vorbeiziehen. Die wenigen wissenschaftlichen Studien wenden sich dem Thema zudem aus einer engen disziplinären Fachperspektive zu. Das Scheitern wird etwa in der Soziologie, Pädagogik und Ökonomie thematisiert, stets aber im Lichte spezifischer Fragestellungen (u.a. Junge/Lechner 2004; Koller/Rieger-Ladich 2013; Pechlaner et al. 2010). Wer sich mit dem Scheitern beschäftigt, ist also gezwungen, das Wissen aus verschiedensten Quellen zusammenzutragen und sieht sich mit der Schwierigkeit konfrontiert, mit unterschiedlichsten Debatten und Begriffen des Scheiterns umgehen zu müssen. Eine übergeordnete, d.h. wissenschaftsreflexive Beschäftigung mit dem Begriff des Scheiterns sucht man bislang vergeblich. Dieser Beitrag wendet sich dieser Leerstelle zu und möchte die grundsätzlichen Bedeutungsebenen des Scheiterns im Kontext der Wissenschaft erfassen. Es handelt sich um eine Überblicksarbeit, die freilich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Ihr Ziel ist es, einen systematischen Überblick über die verschiedenen Dimensionen des Scheiterns speziell in der Wissenschaft zu geben. Dies geschieht in vier Schritten: Im ersten Teil geht es um Klärungen auf begrifflicher Ebene. Hier wird das Verhältnis der Begriffe Scheitern, Fehler und Irrtum im Hinblick auf Wissenszusammenhänge herausgearbeitet. Dabei wird auch auf bisherige wissenschaftliche Arbeiten eingegangen. Auf der Basis dieser Klärung wird ein Modell des Scheiterns entwickelt, welches als Analysewerkzeug Verwendung finden kann. Im zweiten Teil werden drei wissenschaftliche Theorien vorgestellt, in welchen das Scheitern eine zentrale Stellung einnimmt. An ihnen wird der Nutzen eines solchen Analysewerkzeugs demonstriert. Im dritten Teil wird thematisiert, dass das Scheitern eine Zuschreibung darstellt. Es bedarf nämlich eines Akteurs, der betrachtet, interpretiert und beurteilt. Dadurch wird die Möglichkeit eröffnet, das Scheitern abzustreiten. Auch auf diese Zusammenhänge wird gesondert eingegangen. Im vierten Teil wird schließlich ein erster Versuch unternommen, das Scheitern in der Wissenschaft zu systematisieren, wobei die verschiedenen Vorkommensweisen und -orte erfasst werden. Anschließend wird das Scheitern in der Wissenschaft allgemein sowie speziell im Kontext von Forschung und Lehre thematisiert und es werden erste Lehren aus dem Scheitern gezogen. Dabei zeigt sich, dass das Scheitern nicht nur negative, sondern auch positive Aspekte hat, wobei letztere speziell der Wissenschaft von Nutzen sein können.

1. Begriffliche Klärungen: Scheitern, Fehler, Irrtum

Im Folgenden wird der Begriff Scheitern untersucht. Als Ursachen für Scheitern kommen Fehler oder Irrtümer in Betracht. Beide beziehen sich auf defizitäre Handlungsfolgen, weichen aber in spezifischer Weise voneinander ab. Daher kann der Begriff Scheitern kontextspezifisch weiter präzisiert werden.

1.1 Systematische Unterschiede

Wer über Scheitern, Fehler und Irrtum spricht, bezieht sich oft auf negative Erfahrungen und aufgrund des gemeinsamen Bezuges verschwimmen im Alltag die Begriffsgrenzen. Doch liegen systematische Unterschiede vor. Auf sprachlicher Ebene fällt auf, dass die Bezeichnungen verschiedene Synonyme haben. Thesaurus nennt für Fehler Widerspruch, Fehlurteil, Widersinn, Irrtum, für Irrtum Fehlurteil, Denkfehler, Fehleinschätzung und für Scheitern Missglücken, Versagen, Fehlschlagen, Verunglücken. Interessant ist eine systematische Abweichung. Unter Fehler wird Irrtum als Synonym genannt sowie vice versa. Bei Scheitern tritt aber weder Irrtum noch Fehler auf. Ähnliches findet sich auch in anderen Sprachen.1 Fehler und Irrtum einerseits, Scheitern andererseits gehören verschiedenen Kategorien an.

Die Etymologie der Begriffe weist auf semantische Unterschiede hin. Die Bezeichnung Scheitern rührt vom (Holz-)Scheit her und meint das Zerschlagen der Einheit. Dies hat seine metaphorische Entsprechung im Bild des Schiffsbruches, was auch den endgültigen Charakter von Scheitern betont; das schützende Schiff ist unwiederbringlich verloren, und die Insassen bangen um ihr Leben; von Scheitern spricht man erst in gravierenden Situationen. Die Bezeichnung Fehler ist dagegen mit dem Verb fehlen verwandt. Im engeren Sinne meint Fehler ursprünglich Irrtum, Versehen oder auch Fehlschluss. Irrtum stammt von irre ab und verweist auf unsicher, zweifelnd, verwirrt, verirrt. Im engeren Sinne meint Irrtum spiegelbildlich also Fehler, Versehen. Anders als im Falle des Scheiterns sagen Fehler und Irrtum etwas über die Art und Weise des Zustandekommens eines defizitären Zustandes aus, ohne allerdings Aussagen über dessen Intensität zu treffen. Dieser Unterschied ist aufschlussreich. Irrtum oder Fehler beziehen sich jeweils auf einzelne Handlungen, wohingegen Scheitern sich auf komplexe Handlungen bezieht. Diese können demnach aufgrund von Fehlern oder Irrtum scheitern oder aufgrund einer Mischform aus beiden.

Alle drei Begriffe finden sich selten in wissenschaftsphilosophischen Lexika. Die freie Enzyklopädie Wikipedia schreibt: »Unter Scheitern versteht man, wenn ein Ziel nicht erreicht wird, wenn also etwas misslingt und nicht den erwünschten, angestrebten Erfolg hat.«2 Als Ursache von Scheitern kommen Fehler oder Irrtümer in Frage. Zu Fehler heißt es hier: »Ein Fehler ist die Abweichung eines Zustands, Vorgangs oder Ergebnisses von einem Standard, den Regeln oder einem Ziel.«3 Fehler setzen also ein geschlossenes System voraus, das sich bewährt hat und in dem alle Komponenten bekannt sind. Hier liegt sicheres Wissen vor der Handlung vor. Es gibt diverse Fehlerquellen, welchen durch Übungen, Handlungsanleitungen und Wissenszugänge in der Wissenschaft vorgebeugt werden kann. Zum Irrtum dagegen heißt es: »Der Irrtum bezeichnet im engeren Sinne eine falsche Annahme oder Meinung oder einen falschen Glauben, wobei der Behauptende, Meinende oder Glaubende jeweils das Falsche für richtig hält.«4 Der Irrtum verweist auf ein offenes System, da keine Erfahrungswerte bzw. Routinen bestehen, also noch kein sicheres Wissen vorliegt. Dies erweist sich oft erst im Nachhinein als solches – im Voraus ist der prekäre Status des Wissens (sicher/unsicher) oft nicht bekannt. Ist der unsichere Status des Wissens bekannt, erfolgt in der Wissenschaft eine Prüfung mittels standardisierter Methoden (z.B. Experiment in den Naturwissenschaften). Anders als Fehlern kann man Irrtümern nicht vorbeugen.

Fehler und Irrtum stellen also zwei unterschiedliche Begriffe dar, welche nicht ohne Bedeutungsverlust ausgetauscht werden können. Fehler implizieren sicheres Wissen, das zum Handlungszeitpunkt im Prinzip vorhanden ist (de facto wird aber nicht danach gehandelt), Irrtümer basieren dagegen auf unsicherem Wissen. Da wir nicht in einem System leben, dessen Wirkweise vollends bekannt ist, kann das Auftreten von Irrtümern prinzipiell nicht vermieden werden.5 Im Zusammenhang von Scheitern treten Fehler und Irrtümer in komplexen Handlungszusammenhängen auf. Zum Beispiel kann ein Projekt scheitern, obwohl genügend Wissen vorlag; etwa dann, wenn Planungsfehler gemacht wurden. Dies hat Folgen. Sofern die betreffende Person über entsprechendes Wissen (z.B. professionsbedingt) verfügen muss, kann ein Vorwurf erhoben und die Person kann für das Scheitern verantwortlich gemacht werden.6 Anders im Falle eines Irrtums. Ein Projekt kann auch scheitern, wenn das vorausgesetzte Wissen sich im Verlauf als falsch erweist, im Nachhinein betrachtet also als unsicher gelten musste. Wenn aber der Status des Wissens davor nicht bekannt sein konnte, kann auch kein Vorwurf erhoben werden.

1.2 Wissenschaftliche Debatte

In der Wissenschaft fehlt eine übergeordnete Beschäftigung mit dem Begriff des Scheiterns. Mangels einheitlicher Diskurse beziehen sich die wenigen Diskussionen auf verschiedene Kontexte und spezifische Begriffe und sind daher zunächst wenig anschlussfähig. Exemplarisch möchte ich auf eine bereits bestehende Debatte eingehen. Im sozialwissenschaftlichen Diskurs hat sich die Definition von Mathias Junge etabliert, der in einer handlungstheoretischen Annäherung Scheitern als »temporäre oder dauerhafte Unverfügbarkeit, Handlungsunfähigkeit« versteht (Junge 2004, S. 16). John und Langhof (2014, S. 2) übernehmen diese Definition und betonen die Ausrichtung auf Erfolg. Für sie ist Scheitern nämlich »die andere, abgeschattete Seite jener Münze, mit der man – auf Erfolg hoffend – sein Glück bestimmt, um erstaunt festzustellen, dass man Pech hat.« Auch Rüdiger und Schütz (2014, S. 264) orientieren sich an Junge und stellen klar, dass zielgerichtete Handlungen aus unterschiedlichen Gründen scheitern können: »Gemeint ist jedenfalls, dass ein angestrebtes Ziel nicht mehr erreicht werden kann, da ein darauf ausgerichteter Handlungsvollzug durch ein bestimmtes Vorkommnis obsolet wurde.« An diesen Definitionen sind mehrere Aspekte bemerkenswert, die nachfolgend diskutiert werden.

Der Begriff Scheitern wird in zwei Versionen verwendet. Im Falle temporären Scheiterns kann – anders als beim dauerhaften Scheitern – danach noch gehandelt werden.7 Eine ähnliche Unterscheidung findet sich im Rahmen der Schifffahrtsmetapher, wonach zwischen stranden (Schiff bleibt heil) und scheitern (Schiff zerschellt) unterschieden wird. Rüdiger und Schütz (2014, S. 264) unterscheiden im gleichen Sinne, nennen dies aber Scheitern (absolut) bzw. Misserfolg (temporär). Danach gehören beide Konzepte einer Kategorie an; sie betreffen die Diskrepanz zwischen Handlungsziel und Erreichtem. Im Falle des Misserfolgs handelt es sich nur um ein singuläres Ereignis, ein weiterer Versuch könnte grundsätzlich glücken. Im Falle des Scheiterns ist es, oder es scheint zumindest so, aussichtslos, das Handlungsziel überhaupt zu erreichen. Im Folgenden wird diese konzeptuelle Unterscheidung übernommen und zwischen Scheitern und Misserfolg differenziert.

Bei Junge steht Scheitern für »Unverfügbarkeit«, worunter eine Handlungsunfähigkeit verstanden wird. Es ist wichtig zu sehen, dass diese ihrerseits aus einer Handlung resultiert. Der Oberbegriff Scheitern sowie seine Unterbegriffe Fehler und Irrtum entstammen nämlich allesamt einem Handlungskontext. Und Handlungen unterliegen spezifischen Bedingungen.8 Anders formuliert: Nur weil wir handeln, sind wir berechtigt, uns den Erfolg zuzuschreiben, oder müssen für Misserfolg, Fehler, Irrtümer und Scheitern geradestehen – im Gegensatz zu Widerfahrnissen (Glück, Unglück). Was sind also Handlungen? Grundvoraussetzung jeglicher Handlung ist die willentliche Absicht. Dabei gilt: »Der Fehler als Fehler ist nicht absichtlich; er besteht darin, dass man die Absicht verfehlt; verfehlen kann man eine Absicht aber nur dann, wenn man eine Absicht hat« (Ricken 2003, S. 100). Gleiches gilt für Irrtum. Bezüglich des Zieles umfassen Handlungen dessen Erreichen, aber auch sein Verfehlen. Daher ist eine Handlung eine »bewusste Tätigkeit, bei der man ein als gut befundenes Ziel verfolgt« (Fenner 2008, S. 34). Sie ist Ausdruck einer Mittel/Zweck-Rationalität (Fenner 2008, S. 37).9 Dabei ist zu unterscheiden: Bei rationalen Handlungen sind die Zwecke und Mittel im Prinzip bekannt. Dennoch kann die Handlung fehlgehen – die Ursache dafür ist aufgrund des vorliegenden Wissens als Fehler zu klassifizieren. Fehler resultieren aus rationalen Handlungen. Wenn dagegen nur der Zweck bekannt ist, die Mittel aber unsicher sind, spricht man wegen der willentlichen Ausrichtung weiter von Handlungen, diese gelten Fenner zufolge jedoch als irrational. Da diese sich aber erst im Nachhinein als irrational erweisen, kann Scheitern als Handlungsunfähigkeit nun als nicht adäquate Mittel/Zweck-Ausrichtung verstanden werden, als ein nicht gangbarer Weg.10 Was sind die Ursachen? Im Falle von Fehlern liegt zwar eine sichere Mittel/Zweck-Rationalität vor, über sie wird aber aktuell nicht verfügt (Aufmerksamkeits-, Denk-, Gedächtnisfehler) bzw. verfügt und absichtlich dagegen gehandelt (Sabotage). Im Falle von Irrtum liegt eine prinzipiell prekäre Mittel/Zweck-Rationalität vor, d.h. die Mittel stellen sich als unpassend bzw. nicht beherrschbar heraus, oder aber das Ziel wurde verkannt.

Schließlich ist der Innovationsbezug hervorzuheben. Scheitern kann aufgrund von Fehlern oder von Irrtümern stattfinden. In beiden Fällen geschieht dies aber in einem Innovationskontext – ein neuer, bisher (individuell oder prinzipiell) noch nicht erreichter Zustand wird angestrebt.11 Exemplarisch hierfür stehen Projekte (Unternehmung, Vorhaben), die wegen ihrer zielgerichteten, einmaligen und offenen Art als innovativ gelten. Hier wird auch die Komplexität der Bezüge klar. Projekte bestehen in der Regel aus einer Vielzahl von Einzelhandlungen, welche aufeinander abgestimmt und kontrolliert werden. Es sind also nicht nur unsichere Handlungen, sondern auch Fehler in einer Handlungskette, welche Scheitern bewirken können. Daran wird auch der Aufwand deutlich: Projekte sind stets mit Investitionskosten (planerisch, finanziell, personell, etc.) verbunden, wobei diese einzeln oder auch gemeinsam potenzielle Ursachenquellen für das Scheitern des Projektes darstellen. Im Hinblick auf die Unterschiede zwischen Fehler und Irrtum ist auf der Basis des Gesagten auf das systematische Abweichen ihrer Gegenbegriffe hinzuweisen. Fehler entstammen einem etablierten Verfahren, das – sofern es eingehalten wird – regelmäßiges Funktionieren garantiert. Irrtum verweist auf unsichere Handlungszusammenhänge, deren Gelingen einen Wissenszugewinn darstellt. Daher kann von Erfolg gesprochen werden.12 Da Scheitern einem Innovationskontext entstammt, bezieht sich sein Gegenbegriff vor allem auf neue Erkenntnis.

1.3 Analyseschema

Auf Basis dieser ersten Erkenntnisse kann jede konkrete Situation von Scheitern im Rahmen eines mehrgliedrigen Schemas dargestellt werden: Ein Akteur X scheitert am Ziel Y aufgrund der Ursache Z. Das Schema kann als Analysetool angewandt werden, um komplexe Handlungssituationen genauer zu erschließen. Es kann erweitert werden, jedoch muss es aus mindestens den genannten drei Relata bestehen. Die Gründe dafür sind folgende. Beginnen wir zunächst mit X: dieser Punkt ist erklärungsbedürftig. Zuweilen hört man, dass Vorhaben scheitern, etwa eine Konferenz. Doch entstammt Scheitern einem Handlungskontext und Ziele kommen ohne Akteur, der diese erst definieren muss, nicht zustande. Dass Konferenzen scheitern, ist also eine Verkürzung, die auslässt, dass sie von einem Akteur geplant wurden. Nun zum Ziel Y: Es ist klar, dass Scheitern erst im Hinblick auf ein Ziel (das verfehlt wird) erkannt werden kann. Dies scheint unstrittig. Schließlich zu Z: Auch dieser Punkt ist erklärungsbedürftig. Warum sollte eine gesonderte Benennung wichtig sein, wenn implizit klar ist, dass Scheitern Ursachen hat? Der Grund liegt in verschiedenen Ursachentypen, die systematisch voneinander abweichen. Wie gezeigt, gibt es im Prinzip lediglich zwei Möglichkeiten: Scheitert ein Projekt aufgrund von Fehlern, so liegt der Grund in einer Normabweichung; dabei liegt im Prinzip Wissen über die Mittel und Ziele vor. Scheitert ein Projekt allerdings aufgrund eines Irrtums, liegt eben kein sicheres Wissen vor. Im letzten Abschnitt wird gezeigt, dass im Hinblick auf Vorwürfe ein interessanter Übergang von Irrtum zu Fehler besteht.

  1. X scheitert an Y aufgrund von Fehlern (sicheres Wissen liegt vor, Vorwurf ist daher möglich)

  2. X scheitert an Y aufgrund von Irrtum (kein sicheres Wissen liegt vor, Vorwurf ist nicht möglich)13

Die Bedingungen von Scheitern sind also Handlungssubjekt (X), Handlungsobjekt (Y) und Ursache (Z). Im Folgenden wird das Schema auf drei historisch wichtige Fallbeispiele von Scheitern angewendet.

2. Drei Fallbeispiele: Evolutionstheorie, Existenzialismus und Falsifikationismus

Im Folgenden werden drei prominente Theorien betrachtet, in denen Scheitern einen konstitutiven Status hat. In allen Fallbeispielen wird das Scheitern durch Irrtum verursacht.14

Evolutionstheorie

Mit dem Buch Origin of Species stellte Charles Darwin 1859 die Weichen für eine moderne Erklärung der Evolution – dem Scheitern kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Sein Evolutionsmechanismus besteht aus den drei Elementen zufällige Variation, natürliche Selektion und Reproduktion. In jeder Population unterscheiden sich Individuen, und wenn die Ressourcen knapp sind, findet eine Selektion der besser Angepassten statt. Eine wichtige Leistung Darwins ist, in der Zucht den entscheidenden Mechanismus erkannt zu haben; gleich der Kulturtechnik (Zucht) wird in der Natur nach Merkmalen selektiert. Doch findet die Selektion eben nicht durch Menschenhand, sondern durch die natürlichen Ressourcen statt. Um den Umstand zu verdeutlichen, nennt Darwin den Prozess natürliche Selektion. Positiv selektiert werden diejenigen Merkmale, welche besonders gut an die lokalen Ressourcen angepasst sind. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese aber nicht auf diese Passung hin entwickelt wurden; im Hinblick auf die Ressourcen herrscht in der Population eine zufällige Variation. Anders als etwa beim Lamarckismus spielen Absichten bei Darwin keine Rolle. Von grundsätzlicher Bedeutung in Darwins Denken ist der Mechanismus von Versuch und Irrtum, da Anpassung nun erstmals ohne planerisches Vorgehen erklärt werden kann. Scheitern spielt hier eine konstitutive Rolle. Der Evolutionsprozess wäre undenkbar, sollte die natürliche Selektion nicht greifen. Doch wie ist Scheitern hier zu verstehen? Oft wird Darwins Titelzusatz »struggle for life« als »Überlebenskampf« übersetzt – richtig ist allerdings ein Ringen im Sinne von Bemühen, ins Leben zu kommen. Dabei geht es nicht um das Überleben bzw. Sterben, sondern einzig um den Reproduktionserfolg bzw. -misserfolg. Nur vererbbare und tatsächlich vererbte Merkmale beeinflussen die Evolution. Alle übrigen scheitern also an der Reproduktion, die Individuen sterben aber nicht notwendig dabei. Da hier weder eine Absicht noch ein Ziel wirkt, wird Darwins Theorie als Deszendenztheorie bezeichnet. Es handelt sich um eine sogenannte mechanistische Vererbungstheorie, welche Evolution ausschließlich nach dem Ursache/Wirkungs-Prinzip erklärt.

Existenzialismus

Gemäß dem französischen Existenzialismus wird der Mensch in eine absurde Situation geboren. Zwar hat er das Bedürfnis, Sinnhaftigkeit vorzufinden aber es gibt keinen Sinn in der Welt.15 Weder gibt es eine vorgegebene Ordnung noch ein bestehendes Orientierungssystem. Gemäß dem Existenzialismus steht nämlich die Existenz vor der Essenz.16 Wohl keine andere Denkrichtung kennzeichnet das Menschenbild der Moderne so nüchtern. Dieses Denken weicht vom vorherigem ab, wonach der Mensch in Sinngefüge eigegliedert war (z.B. Ständegesellschaft, Familie und Glaubensgemeinschaft) und bestehenden Traditionen folgend sinnvoll handelte, also einen vorgegebenen Platz in der Welt hatte.17 Wer bestimmt über sein Leben, wenn alle Ordnungssysteme ihre Legitimität verlieren? Es ist der einzelne Mensch, der die Absurdität seiner Existenz erlebt und doch eine Wahl hat. Gemäß Sartre ist der Mensch »dazu verurteilt, frei zu sein« (Sartre 2002, S. 155). Als einziges Lebewesen ist er sich seiner Existenz bewusst – diese Freiheit ist absolut, weil keinerlei Vorgaben bestehen. Zu ihr verurteilt ist er, insofern er seine Existenz nicht selbst geschaffen hat, aber aushalten muss. Vorgegebene Lösungswege, etwa die Sinnkrise mittels Beitritt in sinnstiftende Gemeinschaften zu beheben, gelten als Selbstbetrug. Die Absurdität ist auszuhalten, da sinnstiftende Systeme dem Menschen die Freiheit rauben würden, sein Leben zu wählen. Darum geht es schließlich im Existenzialismus. In radikaler Freiheit entwirft der Mensch sein Leben. Und nur wer selber wählt, kann auch scheitern. Es ist wichtig zu verstehen, dass Scheitern im Existenzialismus eine Schlüsselrolle einnimmt und hier einen positiv konnotierten Begriff darstellt. Schließlich zeichnet das Scheitern die Freiheit des Menschen aus und wertet die Person auf als eine, die den entscheidenden Entwicklungsschritt gemacht hat.18 Nur freie Menschen können scheitern. Und sie scheitern an ihrem Lebensentwurf; in diesem Sinne endet auch Albert Camus´ Roman Der Mythos des Sisyphos »Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen!« (Camus 2015, S. 145).19

Falsifikationismus

In Poppers Philosophie des Kritischen Rationalismus bezieht sich kritisch auf die Irrtumsanfälligkeit des Menschen und Rationalismus deutet auf einen gesetzmäßigen Verlauf der Wissenschaft hin, d.h. auf eine Logik der Forschung. Seine Theorie bezieht sich auf empirische Wissenschaften und wendet sich gegen den Positivismus als Lehre und gegen die Verifikation als Methode. Deren hauptsächliche Schwierigkeit erkennt Popper im Induktionsproblem; danach ist es logisch nicht möglich, von Einzelaussagen auf Allaussagen, jene von der Wissenschaft angestrebten Gesetzmäßigkeiten, zu schließen. Weder können wir sicher sein, alle Einzelaussagen erfasst zu haben, noch, dass sich der Sachverhalt in der Zukunft ebenso wie in der Vergangenheit verhält. Das bedeutet aber nicht, dass die empirische Forschung keine Erkenntnisse ermöglicht. Dazu muss aber umgedacht werden: nicht die Verifikation, sondern die Falsifikation ist Poppers Antwort; er findet die Lösung im logischen Schlussschema des modus tollens. Danach können von Allaussagen (Theorien) Einzelaussagen (Hypothesen) abgeleitet werden und diese wiederum können an der Empirie überprüft werden. Wird eine Einzelaussage bestätigt, können wir zwar nicht auf die Richtigkeit des Allsatzes schließen – er bewährt sich lediglich. Wird die Einzelaussage allerdings widerlegt, sind wir gezwungen, den Allsatz zu verwerfen. Der Allsatz (welcher für eine Theorie steht) muss nun als gescheitert gelten und somit verworfen werden. Da das Scheitern im Erkenntnisprozess ein entscheidendes Moment darstellt, eignet sich die Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium für wissenschaftliche Theorien. In Poppers Worten: »Ein empirisch-wissenschaftliches System muß an der Erfahrung scheitern können« (Popper 1994, S. 17).20 Dagegen werden nicht falsifizierbare Theorien von Popper als nicht wissenschaftlich bezeichnet. Er empfiehlt, Theorien mit einer möglichst hohen Aussagekraft, sogenannte kühne Theorien, aufzustellen, die entsprechend leicht zu widerlegen sind.21 Eine Theorie aber dermaßen abzusichern, dass sie nicht widerlegt werden kann, Popper spricht von Immunisierung, ist wissenschaftlich unredlich – dies wird an späterer Stelle (3.2) genauer behandelt.

In allen vorgestellten Theorien stellt Scheitern ein konstitutives Moment dar, d.h. ohne dieses wären die Theorien nicht denkbar. Auch handelt es sich stets um einen Innovationskontext; im Falle der Evolutionstheorie um die Entstehung biologischer Merkmale, beim Existenzialismus um den eigenen Lebensentwurf und beim Falsifikationismus um eine Erkenntnis. Die Anwendung des Analysetools verdeutlicht die Unterschiede – nähern wir uns den Bedingungen X, Y, Z in umgekehrter Reihenfolge. Zunächst zu Z: Dass bei allen Fallbeispielen der gleiche Ursachentyp wirksam ist, wurde bereits gezeigt. In keinem der drei Fälle liegt ein abgesichertes Mittel/Zweck-Wissen vor. Somit liegt die Ursache des Scheiterns nicht in gemachten Fehlern, sondern in Irrtümern. Soweit gibt es noch keine Abweichung. Betrachten wir allerdings Y, wonach Scheitern eines Handlungszieles bedarf, gilt dies nur für zwei Theorien, nämlich den Falsifikationismus (Ziel: Bewährung der Hypothese an der Erfahrung) und den Existenzialismus (Ziel: Entwurf eines sinnvollen Lebenskonzeptes). Im Rahmen der Evolutionstheorie sucht man vergebens nach Zielausrichtungen. Es wurde gezeigt, dass es sich um eine mechanistische Theorie handelt – neue biologische Merkmale entstehen eben nicht zielgerichtet, sondern aufgrund des Mechanismus von Versuch und Irrtum. Im engeren Sinne kann bei der Evolutionstheorie nicht von Scheitern gesprochen werden. Wenden wir uns schließlich X zu. Wenn ausschließlich Akteure scheitern können, fallen sogar zwei Theorien weg. Weder kann im Rahmen der Evolutionstheorie ein Akteur angenommen werden – es ist eine mechanistische Theorie – noch im Falle des Falsifikationismus. Wird eine Hypothese falsifiziert, so würde hier nämlich eine Theorie scheitern.22 Anhand des Analysetools wurde gezeigt, dass ausschließlich im Rahmen des Existenzialismus Scheitern im oben definierten Sinne verstanden werden kann. Im evolutionstheoretischen und falsifikationistischen Denken wird Scheitern dagegen lediglich in analoger Weise verwendet. Zudem weist der letzte Punkt darauf hin, dass stets Menschen Theorien entwerfen und interpretieren – auf diesen Punkt kommen wir nun zu sprechen.

3. Zuschreiben und Abstreiten

Aussagen wie z.B. »Eine Theorie ist gescheitert« legen nahe, dass kein Akteur beteiligt ist. Dabei setzt Scheitern neben der Handlungs- auch Urteilsfähigkeit voraus, die wiederum abgestritten werden kann.

3.1 Zuschreiben

Neben den handlungstheoretischen Bedingungen des Scheiterns ist auf weitere Aspekte hinzuweisen. Fehler, Irrtum, Scheitern und Misserfolg sind Zuschreibungen, d.h. es bedarf der Interpretation der Daten und damit eines Akteurs, welcher diese Interpretation vornimmt – Daten sprechen nicht »für sich«. Eine Zuschreibung markiert also einen Übergang von einem Datum zu einer Proposition. Ob ein bestimmtes Ergebnis als Erfolg oder Misserfolg zu verstehen ist, ob es sich um einen einmaligen Misserfolg handelt oder um ein absolutes Scheitern – stets muss abgewogen und eine Entscheidung getroffen werden. Wie durch die drei Fallbeispiele gezeigt wurde, kann das Objekt des Scheiterns verschiedenartig sein. Es kann, wie im Fallbeispiel der natürlichen Selektion, auf phänomenaler Ebene liegen und ein biologisches Merkmal betreffen. Oder wie im Fallbeispiel des Existenzialismus auf einer personalen Ebene liegen und sich auf den Lebensentwurf beziehen. Oder schließlich im Falle des Falsifikationismus im theoretischen Bereich liegen, d.h. sich auf eine Theorie beziehen. Sind aber alle diese Objekte im gleichem Maße von Zuschreibungen abhängig?

Bezieht man sich auf Scheitern im bereits dargestellten engeren Sinne (alle drei formalen Kriterien sind eingehalten), wie im Falle des existenzialistischen Selbstentwurfes, so gilt dies absolut. Die Person muss den Plan nicht nur entwerfen, sondern ihn auch einhalten, ihn somit auch verfolgen und bewerten. Zwar werden einzelne Misserfolge und sicher das Scheitern eines Lebensentwurfes unmittelbar erlebt, was nahelegt, es gäbe keinen Interpretationsspielraum. Jedoch wird sich die der Irrtumsanfälligkeit bewusste Person, gerade weil es sich um ein Ergebnis mit schwerwiegenden Folgen handelt, aktiv um einen Reflexionsabstand bemühen. Sie bezichtigt sich nicht reflexartig des Scheiterns, sondern analysiert zunächst die Situation kritisch. Erst auf Basis ihrer Erkenntnisse wird sie ihren Entschluss fassen. Interessant ist übrigens, dass selbst wenn die Person einem Irrtum unterläge, sprich der Entschluss objektiv falsch (ein subjektiver Akt) wäre, dies die nachfolgenden Handlungen in spezifischer Weise prägen würde. Entscheidend ist nicht die objektive Tatsache, sondern das Überzeugtsein von der Tatsache. Unabhängig davon, ob andere meinen Aufsatz als gelungen erleben, sofern ich dies aus bestimmten Gründen anders einschätze und den Aufsatz als misslungen erlebe, werde ich in Folge dessen weniger auf diese Fähigkeit vertrauen und entsprechend zögerlich handeln (self fullfilling prophecy). Analog gilt dies auch im theoretischen Zusammenhang der Falsifikation. Beide Objektbereiche des Scheiterns sind als Zuschreibungsakte anfällig für Fehler, und diese können auch schwerwiegende Folgen haben.

Bezieht man sich allerdings auf Scheitern im weiteren Sinne (formale Kriterien sind nicht eingehalten), so zeigt sich im evolutionstheoretischen Fallbeispiel eine interessante Abweichung von der Regel der Zuschreibung. Ob nämlich ein neues biologisches Merkmal selektiert oder ausgemerzt wird, ist nicht abhängig von Zuschreibung, sondern der weitere Evolutionsverlauf macht dies deutlich. Es handelt sich um einen performativen Vorgang; Scheitern ist hier identisch mit der Tatsache der erfolglosen Reproduktion eines Merkmales in der Folgegeneration. Und dieser Misserfolg hängt nicht von der Interpretation eines Beobachters ab. Freilich kann eine Person das Vorhandensein eines bestimmten Merkmals in der Folgegeneration beobachten und muss dabei Daten interpretieren und entscheiden. Selbst wenn sie sich bei der Beobachtung der nachfolgenden Prozesse täuscht, hängt das biologische Ergebnis nicht von einem menschlichen Zuschreibungsakt ab, sondern wurde objektiv ohne Abstand zum Beobachter produziert. Ob das Merkmal vorhanden ist oder nicht, zeigt sich in der biologischen Funktion. Doch handelt es sich hier um einen Ausnahmefall; wie bereits festgestellt, spricht man im Evolutionsbezug nur in einer analogen Weise von Scheitern. Fänden solche performativen Vorgänge des Scheiterns aber regelmäßig statt, würde dies das Kriterium Zuschreibung ernsthaft in Frage stellen.

3.2 Abstreiten

Wo Zuschreibungen stattfinden, sind wegen der notwendigen Interpretationen stets Fehler möglich. Dies eröffnet den Raum für Abstreitungen. Das zugeschriebene Scheitern kann abgestritten werden. Daher verwundert es wenig, dass sich diverse psychologische Strategien des Abstreitens entwickelt haben. Scheitern kann etwa durch diverse entlastende Kognitionen (entlastende Vergleiche, positive Nebenbedeutung, Abwertung, selbstwertdienliche Attributionen, begriffliche Umdeutungen, Kompensation und Bilanzierung) begegnet werden (Wentura 1995). In der Politik spielen derartige Strategien eine Rolle. In diesem Kontext entwickeln Laux/Schütz (1996, S. 121) ein Stufenmodell defensiver Selbstdarstellungstechniken. Dieses reicht von Leugnen, Umdeuten, Bestreiten der Urheberschaft, Rechtfertigen, Bestreiten der Kontrolle (mildernde Umstände benennen), Verhindern von Etikettierung bis zum Bitten um Verzeihung. Wobei letzteres keine Abstreitungsstrategie im engeren Sinne darstellt, sondern lediglich eine Möglichkeit, mit dem Scheitern routiniert umzugehen.

So verständlich diese Techniken als psychologische Strategien zum Erhalt des Selbstwertes sind, so hinderlich sind sie in wissenschaftlichen Zusammenhängen, wo es um eine objektive Erkenntnis geht. Hier bedrohen sie die Wissenschaft. Die oben genannten Techniken ermöglichen es, mit bereits Gescheitertem umzugehen. Es ist aber auch möglich, sich im Vorfeld gegen das Scheitern zu wappnen. Um solche Immunisierungen zu verhindern, entwickelte Popper das Abgrenzungskriterium der Falsifizierbarkeit. Theorien, die sich der Falsifizierbarkeit entziehen und über deren logischen Wahrheitsgehalt daher nichts ausgesagt werden kann, haben in der Wissenschaft nichts zu suchen: »Den Satz ›Hier wird es morgen regnen oder auch nicht regnen‹ werden wir, da er nicht widerlegbar ist, nicht als empirisch bezeichnen; wohl aber den Satz: ›Hier wird es morgen regnen‹« (Popper 1994, S. 18f.). Allerdings räumt er ein, dass gegen sein Kriterium Einwände erhoben werden können. Die schwersten liegen im Zuschreibungsbereich: Es gibt Auswege, die Falsifikation zu umgehen, »etwa ad hoc eingeführte Hilfshypothesen oder ad hoc abgeänderte Definitionen; ist es doch sogar logisch widerspruchsfrei durchführbar, sich einfach auf den Standpunkt zu stellen, daß man falsifizierende Erfahrungen grundsätzlich nicht anerkennt« (Popper 1994, S. 18f.). Die Einwände sind ernst zu nehmen, da sie logisch nicht ausgeschlossen werden können. Popper schließt sie methodisch aus. Kennzeichen der empirischen Methode ist, »daß sie das zu überprüfende System in jeder Weise einer Falsifikation aussetzt« und: »nicht die Rettung unhaltbarer Systeme ist ihr Ziel, sondern: in möglichst strengem Wettbewerb das relativ haltbarste auszuwählen« (Popper 1994, S. 18f.). Poppers Methode ist die von Versuch und Irrtum: »Es ist die Methode, kühne Hypothesen aufzustellen und sie der schärfsten Kritik auszusetzen, um herauszufinden, wo wir uns geirrt haben« (Popper 1994, S. 18f.). Ein Forscher zeichnet sich also nicht durch das Achten auf die Fehleranfälligkeit der Zuschreibungsakte aus, sondern durch die Risikofreudigkeit, die Falsifikation auf die Spitze zu treiben, wobei die Theorie stets scheitern kann. Laut Popper ist es also die Pflicht jedes Forschers, zu eskalieren, d.h. das Scheitern aktiv zu provozieren.

4. Scheitern in der Wissenschaft, Forschung und Lehre

Im Folgenden wird das Scheitern in der Wissenschaft im Allgemeinen und anschließend daran in den Bereichen Forschung und Lehre thematisiert. Aus diesen Einsichten werden Konsequenzen für den Wissenschaftsprozess gezogen.

4.1 Scheitern in der Wissenschaft

Zunächst werden einige negative Aspekte des Scheiterns in der Wissenschaft betrachtet. Das geschieht kursorisch. In der Wissenschaft können verschiedene Objekte des Scheiterns ausgemacht werden.

Das Gesamtprojekt Wissenschaft wird zuweilen als gescheitert angesehen. Etwa wenn Wissenschaft entlang der Metapher der Aufklärung verstanden wird. Danach schreitet sie aus der ›Dunkelheit‹, einem Zustand ohne objektive Erkenntnis, fort ins ›Licht‹, einem Zustand einer umfassenden Erkenntnis der Dinge an sich. Ein solches Konzept von Wissenschaft wird zu Recht als gescheitert angesehen. Zum einen zeigten Horkheimer und Adorno in ihrer 1947 publizierten Essaysammlung Dialektik der Aufklärung, dass derartige Vorwärtsbewegung stets einen »Rückschub« erzeugt, Wissen produziert gewissermaßen Nichtwissen. Zum anderen gilt dieses Fortschrittsverständnis als überholt. Popper glaubte z.B. sehr wohl an einen Fortschritt in der Wissenschaft, aber nicht im genannten Sinne. Nach ihm findet zwar eine Wissenszunahme statt, doch bedeutet dies nicht, dass die Objekte an sich besser erkannt werden können, sondern, dass die Theorien eine höhere Wahrheitsnähe (vgl. Fußnote 21) aufweisen. Zuweilen wird das Unternehmen Wissenschaft auch aus moralischen Gründen als gescheitert erachtet. Greifen die wissenschaftsinternen Kontrollmechanismen zu kurz, etwa im Falle von Plagiatsskandalen, oder wenn wissenschaftliche Forschung anderen Interessen in die Hände spielt und Schaden erzeugt,23 entzieht die Gesellschaft ihr das Vertrauen und die wissenschaftliche Autonomie wird angezweifelt. Hier gilt das Bild einer sich selbst regulierenden Wissenschaft also als gescheitert.

Scheitern kann aber auch einen Teilbereich von Wissenschaft betreffen. So wies der Epidemiologe Ioannidis (2005) auf eine Replikationskrise hin. In Nachfolgeuntersuchungen ließen sich zahlreiche Studienergebnisse, die statistisch signifikant waren, nicht replizieren. Betraf diese Krise zunächst nur die Psychologie, wurden bald ähnliche Ergebnisse aus den Lebenswissenschaften berichtet und es ist möglich, dass sie sich auf alle empirischen Wissenschaften ausdehnt. Die Ursache wird u.a. auf methodischer Ebene gesehen und hat wahrscheinlich eine wesentliche Ursache im hohen Publikationsdruck, durch den die Grenzen des statistisch Möglichen ausgereizt werden.24 Interessant ist dabei die Art der Fehler. Überproportional oft treten nämlich falsch-positive Effekte (fälschlich positiv klassifiziert) auf (Smaldino/Mc Elreath 2016). Aufgrund der Tendenz, vor allem positive Ergebnisse zu publizieren, gibt es hier einen natürlichen Selektionsdruck. Jedoch sind nicht nur die Naturwissenschaften den Vorwürfen ausgesetzt. Wie die Sokal-Affäre zeigt, weisen auch die Sozialwissenschaften methodische Schwächen auf – zwischen wissenschaftlichen Fakten und willkürlichen Konstruktionen kann hier nicht immer klar unterschieden werden (Sokal 1996).25

Schließlich muss auch das Scheitern der Wissenschaftler selbst angesprochen werden. Helble (2000) und Kaden (2012) weisen diesbezüglich auf eine oft einseitige Berichterstattung hin. Obwohl die Wissenschaft auch eine Geschichte von Niederlagen hat, wird ihr Verlauf stets als Erfolgsgeschichte dargestellt. Gescheiterte Forscher, Projekte und – in jüngerer Zeit besonders wichtig – Projektanträge werden selten thematisiert, obwohl es sie reichlich gibt. Einige Ursachen sind systemimmanent, z.B. das starke Ungleichgewicht zwischen der Anzahl an Forschungsanwärtern und Forschungsstellen. Kaden empfindet es als umso verstörender, wenn Scheitern als Problem erkannt, aber vorschnell als Chance (Feltz 2012) gesehen wird. Angesichts der seltenen Berichterstattung kommt diesen Autoren das Sprechen darüber wie ein Tabubruch vor.

4.2 Scheitern in der Forschung

Scheitern kann auch produktiv verstanden und daraus ein Nutzen gezogen werden. Wie Jungert (2017) zeigt, lassen sich diese positiven Aspekte des Scheiterns unter verschiedene Kategorien subsumieren.

Verwerfen: Falsifikationismus (Popper)

Scheitern wissenschaftliche Ansätze, so kann dieses Wissen hilfreich sein. Zunächst auf theoretischer Ebene: Wie Karl Popper zeigt, kann durch die Falsifikation einer Hypothese (Einzelaussage) eine Theorie (Allaussage) widerlegt werden. Das Verwerfen des Ansatzes kann auch eine praktische Entlastung sein. Wird ein Weg als nicht gangbar erkannt, können weitere Versuche unterbleiben und wertvolle Ressourcen eingespart werden. Dabei besteht die Schwierigkeit, zwischen tatsächlichem und bloß vermeintlichem Scheitern zu unterscheiden, das aufgrund von methodischen, logischen oder epistemischen Fehlern auftreten kann. Das Verwerfen letzterer Ansätze wäre fatal. Gelingt der Ausschluss derartiger Fehler, folgt daraus keineswegs unmittelbar auch eine Entlastung. Dieser Ausschluss muss nämlich den zukünftigen Wissenschaftlern zugänglich gemacht werden, er muss archiviert und gelesen werden. Auf einen häufigen Denkfehler ist dabei hinzuweisen. Zuweilen wird mittels Verwerfen ein Übergang von »negativem« (was etwas nicht ist) zu »positivem« Wissen (was etwas ist) behauptet. Danach führt jeder weitere Ausschluss näher an eine Wahrheit.26 Der epistemische Wert von gescheiterten Theorien ist aber begrenzt. Gescheiterte Ansätze enthalten ausschließlich Informationen darüber, was nicht ist. Ein Annäherungskonzept ex negativo geht irrtümlich von einer feststehenden Anzahl von Ansätzen aus, die es abzuarbeiten gilt. Zwar vertritt Popper sowohl den Falsifikationismus als auch ein Fortschrittsdenken, doch basiert letzteres nicht auf einem Ausschlussverfahren (vgl. Fußnote 21).

Verbessern: Forschungsprogramm (Lakatos)

Eine erneute Auseinandersetzung mit einem bereits widerlegten Ansatz bzw. dessen Wiederholung kann dennoch sinnvoll sein. Wie die bereits thematisierte Replikationskrise zeigt, ist Wissenschaft nicht frei von Fehlern. So kann eine genauere Ursachenanalyse ergeben, dass ein Ansatz zu Unrecht verworfen bzw. lediglich ein Teilbereich widerlegt wurde. Wenn der Untersuchungsansatz nun eine Verbesserung erfahren hat und die vormaligen Fehlerquellen ausgeschlossen werden konnten, kann es sinnvoll sein, den Ansatz neu aufzulegen. Das Vorgehen erinnert an den wissenschaftstheoretischen Ansatz von Imre Lakatos, welcher Poppers Credo, falsifizierte Theorien müssten endgültig verworfen werden, als »naiven« Falsifikationismus brandmarkte. Ihm stellte Lakatos die eigene Theorie eines Forschungsprogrammes entgegen, das im Wesentlichen aus zwei Komponenten besteht. Nämlich aus einem harten Kern, der Grundannahme der Theorie. Dieser Kern darf nicht modifiziert werden. Und aus einem Schutzgürtel von Hilfshypothesen um den harten Kern. Sollten diese falsifiziert werden, müssen sie zwar ausgetauscht werden, doch hat dies keine Konsequenzen für den Kern selbst. Da der Schutzgürtel nur stabilisierend wirkt, können neue Hilfshypothesen zum Schutz des Kerns entwickelt werden. Eine solche Immunisierung des Kerns gegen Widerlegung widerspricht Poppers Denken.

Variieren: Denktraditionen (Fleck)

Doch auch endgültig widerlegte Ansätze können für die Forschung einen gewissen Wert haben. Sie können als Inspirationsquelle dienen oder Teilbereiche, etwa entwickelte Methoden, Annahmen und Daten, können anderen Forschungszusammenhängen zugeführt werden. Oder sie können im Sinne eines »Ersatzteillagers« erst einmal aufbewahrt werden und eventuell zu einem späteren Zeitpunkt Anwendung finden. Auch hierzu gibt es einen entsprechenden wissenschaftstheoretischen Ansatz. Hans Reichenbach (1938) unterschied zwischen dem Entstehungs- und Rechtfertigungskontext wissenschaftlicher Theorien. Während Popper und Lakatos sich der logischen Rechtfertigung verschrieben, ist hier der Entstehungskontext von Interesse. Ludwik Fleck wandte sich 1935 in seinem Hauptwerk Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache dem Menschen im Erkenntnisprozess zu. Tatsachen sind ihm zufolge keine objektiven Fakten. In einem allmählichen Prozess bildet sich ein Denkstil aus, der gemeinschaftsbildend wirkt, und in einem Denkkollektiv formieren sich die Tatsachen. Sie stellen also menschliche Artefakte dar, in ihrem Entstehungsprozess wird auf Denktraditionen zurückgegriffen. Alte, abgelegte Theorien (sog. Prä-/Urideen) dienen Forschern als Heuristik. So prägten etwa fünf inzwischen widerlegte Präideen das Syphilis-Verständnis.27 Ein solches Vorgehen kommt häufig vor, man denke an Demokrits Atomtheorie, die zwar ebenfalls als historisch widerlegt gilt, dennoch aber naturwissenschaftliches Denken inspirierte.

Verteidigen: Inkommensurabilität (Kuhn)

Schließlich spricht ein weiterer Grund gegen das Verwerfen gescheiterter wissenschaftlicher Ansätze und für ein Beharren: Eventuell gelten sie lediglich im Denken Anderer als gescheitert bzw. werden von diesen als gefährlich erachtet oder aus sonstigen Gründen als illegitim eingestuft und dadurch verhindert, obwohl sie eigentlich stimmen. Ein historisch gut beleuchtetes Beispiel stellt der Fall Ignaz Philipp Semmelweis (1818-1865) dar, welcher anhand von Studien einen kausalen Zusammenhang zwischen den vorherrschenden hygienischen Zuständen in Krankenhäusern und dem Kindbettfieber herstellte. Da sich aber seine Erkenntnis nicht mit dem damaligen Selbstverständnis der Ärzteschaft vertrug und in Widerspruch zu etablierten Krankheitstheorien stand, konnte sich sein Denken erst viel später durchsetzen. Damals galt seine Theorie aber als gescheitert. Nun könnte man glauben, dass solche Fälle nur in früheren Zeiten vorkamen. Doch gibt es weiterhin Fälle, in denen nicht wissenschaftliche Argumente, sondern z.B. Ideologien ein unangemessenes Scheitern von Forschungsansätzen bewirken.28 Am Fall Semmelweis ist wissenschaftstheoretisch interessant, dass sowohl mit Flecks Theorie des Denkstils als auch mit Kuhns These erklärt werden kann, dass Wissenschaft nicht rational und kontinuierlich fortschreitet, sondern in Form von Brüchen und Revolutionen erfolgt. Da das Denken vor und nach einer solchen Revolution sich auf ganz verschiedene Bedeutungszusammenhänge bezieht, können Theorien nicht aneinander gemessen werden – sie verhalten sich inkommensurabel zueinander.

4.3 Scheitern in der Lehre

Dass Scheitern im wissenschaftlichen Bereich und darüber hinaus wenig thematisiert wird – manche sprechen gar von dem großen Tabu der Moderne (Sennett 2002, S. 159) –, ist von mehreren Seiten erkannt worden, der Ruf nach einer Wissenschaft bzw. Philosophie des Scheiterns wird laut. Die Forderung ist berechtigt. Doch geschehen solche Entwicklungen nicht plötzlich, sondern allmählich. Und eine der wesentlichen Hürden dafür ist sicherlich, eine Kultur des Scheiterns zu etablieren. Dies bedeutet nun sicher nicht, das Scheitern um des Scheiterns Willen zu kultivieren – aber was dann?

Ein erster Schritt ist, das Bewusstsein in der Wissenschaft für Fehler, Irrtumsanfälligkeit und Scheitern zu schärfen. Tatsächlich herrscht vielerorts in der Wissenschaft eine Nullfehlermentalität, Wenige sprechen über ihr Scheitern bei Drittmittelanträgen, Bewerbungen oder Publikationen – fast keiner spricht über gescheiterte Forschungsprojekte. Wenn dies geschieht, so passiert es im vertrauten und abgesicherten Bereich unter Kollegen und nicht in der Öffentlichkeit. Eine interessante Ausnahme stellt der Psychologe Johannes Haushofer dar, welcher 2016 seine Misserfolge veröffentlichte.29 Dies sorgte in der Presse für Aufmerksamkeit und wurde von der Leserschaft begrüßt. Doch gilt es zu bedenken, dass der Autor bereits eine Professur innehat und nicht Gefahr läuft, als »Stümper« verurteilt zu werden – er hat seinen Erfolg schon bewiesen. Tatsächlich weiß jeder erfahrene Wissenschaftler um seine eigene Anfälligkeit und entwickelt Strategien, um damit umzugehen. Wenngleich wenig öffentlich thematisiert, kann Scheitern wegen der Allgegenwärtigkeit innerhalb der akademischen Gemeinschaft als bekanntes Thema vorausgesetzt werden. Ohne ein öffentliches Thematisieren bleibt dieses Wissen aber dieser Gemeinschaft und ihrem sozialen Umfeld vorbehalten. So gelten fehlende »Ortskenntnisse« der Wissenschaft bzw. Kenntnisse von Alternativen zur Wissenschaft als Gründe für die überproportional hohe Abbruchquote bei Studenten aus bildungsfernen Gruppen30 – sie scheitern u.a. an ihren (zu hohen) Idealen. Die Thematisierung von Scheitern wäre daher insbesondere im Lehrbereich von Bedeutung, da hier eine natürliche Wissensasymmetrie wirksam ist.31 Der Austausch wird also nicht nur durch personelle Ursachen (Distanzierungshandlungen etc.) verhindert, es bestehen auch strukturelle Hürden. Von frühzeitigen Einblicken in die reale Welt der Wissenschaft, zu der das Scheitern schlicht dazugehört, würden alle Studierenden profitieren. Dabei ist nicht zu befürchten, dass ihre Motivation untergraben werden würde. Die Forschung wäre realitätsnäher und späteren Desillusionen würde vorgebeugt.

Was könnte eine solche Kultur des Scheiterns konkret beinhalten? Es gibt wissenschaftliche Bereiche, in denen bereits eine Fehlerkultur betrieben wird. Dies geschieht z.B. in der medizinischen Forschung und speziell an der Schnittstelle zur Therapie, den Unikliniken. Das ist wenig verwunderlich, wiegen doch im unmittelbaren Behandlungsbereich Fehler besonders schwer, der Druck für einen reflektierten Umgang ist hier besonders groß.32 Im ersten Schritt gilt es zunächst, das negative Image von Fehlern zu beseitigen und abseits von Schuldfragen, welche zu Absicherungen und Fehlerleugnung führen, die Faktizität von Fehlern anzuerkennen. Damit soll eine Atmosphäre des Vertrauens geschaffen werden, in der Fehler nicht mehr verschwiegen werden. Diese werden im Folgeschritt erfasst, systematisiert und analysiert, um ihre Entstehungsursachen zu verstehen. Der letzte Schritt und das eigentliche Ziel der Fehlerkultur in der Medizin besteht in der Entwicklung von Technologien zur Fehlervermeidung. Fehler werden so aus einem ursprünglich individuellen Entstehungskontext gehoben und auf einer strukturellen Ebene verhindert. Diese Fehlerkultur zielt also auf Fehlervermeidung (Haller et al. 2005).

Kann eine solche Vermeidungsstrategie auch das Ziel einer Kultur des Scheiterns in der Wissenschaft, respektive der Lehre, sein? Die bestehenden Unterschiede sind lehrreich. Während die Übernahme des ersten Schrittes, der Normalisierung, sinnvoll ist, weil Studierende von einer vertrauensvollen Atmosphäre profitieren und auch der zweite Schritt, nämlich Wissen über das Entstehen von Scheitern zu generieren, hilfreich ist, muss der letzte Schritt anders gehandhabt werden.33 Das Ziel einer Kultur des Scheiterns in der Wissenschaft kann nicht sein, das Scheitern zu verhindern. Sie würde sich ihr eigenes Grab schaufeln. Das wesentliche Geschäft von Wissenschaft ist es, neue Erkenntnisse zu generieren, eben Wissen zu schaffen. Und dabei geht sie immer ein Risiko ein. Wie dargestellt, hängt Scheitern mit Innovationen zusammen. Alle Innovationen entstammen einem grundsätzlich riskanten Prozess, der scheitern können muss, da es sich zunächst um Vorgriffe handelt. Wissenschaft stellt also einen Ort des abgesicherten Scheiterns dar. Zwar ist es möglich, Scheitern zu verhindern, doch dies hieße auch, Risiken und damit Innovationen und so auch den Erkenntnisfortschritt insgesamt zum Erliegen zu bringen. Im Gegenteil, in der Wissenschaft muss Scheitern sogar ermöglicht werden. Eine solche Kultur des Scheiterns hat natürlich nicht Fehler und Irrtümer zum Ziel, sondern einen aufgeklärten Umgang mit dem Scheitern.34 Dies insbesonders in der Lehre zu thematisieren, ist wichtig, da Risikobereitschaft – und nicht ängstliche Risikovermeidung – einen zentralen Wert der Wissenschaft darstellt. Schließlich geht es auch darum, aus Studierenden mutige WissenschaftlerInnen zu machen.35

4.4 Lehre aus dem Scheitern in der Wissenschaft

Auch in einer anderen Hinsicht ist eine Kultur des Scheiterns für Wissenschaftler wichtig. Im Folgenden wird ein interessantes Wechselspiel zwischen Scheitern aufgrund von Irrtum und Fehler behandelt. Oben wurde auf das Verwerfen von Ideen eingegangen und dessen Voraussetzungshaftigkeit angedeutet. Es bedarf Medien, Institutionen und akademischer Aufmerksamkeit. Wenn eine Theorie zum ersten Mal falsifiziert wird, scheitert sie aufgrund eines Irrtums. Wenn die bereits falsifizierte Theorie (ohne Anlass)36 nochmals überprüft wird, scheitert sie wegen eines Fehlers, da bei der Wiederholung bereits Kenntnisse vorlagen. Es handelte sich also nicht um einen Innovationskontext. Dies erinnert an den Spruch »Irren ist menschlich, aber im Irrtum verharren teuflisch« (lat: erasse humanum est, sed in errore persevare diabolicum). Da der moralische Beiklang übertrieben scheint, wird die zugehörige Norm genauer betrachtet und es wird gefragt, ob in diesem Zusammenhang überhaupt eine Norm bestehen kann.

Der Sinnspruch stammt aus dem Bereich der Identitätsbildung, einem Bereich, welcher sich wesentlich von wissenschaftlichen Prozessen unterscheidet. Ein Unterschied ist dabei zentral. Wenn Wiederholung in der Wissenschaft stattfindet, sind, anders als im Falle der Identitätsbildung, viele Personen beteiligt.37 Teuflisch ist der Fehler im Bereich der Identitätsbildung, da man es besser wissen konnte – dies ist gewährleistet, da wir uns an die gemachten Erfahrungen erinnern können. Teuflisch ist er, da wir im Irrtum verharren, und somit ein Bild von unserer Identität kultivieren, welches falsch ist – wir wissen es eigentlich besser. Verfügen wir im gleichen Sinne auch im wissenschaftlichen Fall über dieses Wissen? Das ist denkbar, wenn eine Forschergruppe eine von ihr bereits einmal falsifizierte Hypothese erneut testet – erwartungsgemäß wird dieser Fall aber selten auftreten.38 Wahrscheinlicher ist, dass eine anderenorts bereits falsifizierte Hypothese untersucht wird,39 von deren Scheitern man nicht wusste. Das ist realistisch, da negative Forschungserkenntnisse selten publiziert werden. Dem Akteur ist kein Fehler bewusst – ohne die Möglichkeit, den eigenen Ansatz als Wiederholung erkennen zu können, erscheint dieser als kreativer Akt, ein Scheitern also aufgrund von Irrtum – nur aus abstrakter Perspektive ist er ersichtlich. Darum ist es auch nicht verwerflich, man wusste es schlicht nicht besser.

Wäre aber ein Fehler, also eine Handlung trotz besserem Wissen, im genannten Sinne verwerflich, d.h. teuflisch? Teuflisch bezieht sich im ursprünglichen Zusammenhang auf eine systematische Verhinderung der Identitätsbildung, das zugrundeliegende Potenzial wird nicht ausgeschöpft. Unausgesprochen klingt mit, dass es oft bequemer ist, im Irrtum zu verharren, als das Konzept in Frage zu stellen. Besonders verwerflich und somit teuflisch ist, dass so zur Handlungsdisposition kultiviert wird, was dauerhaft das Ziel verfehlt. Eine derartige Kultivierung ist in den Wissenschaften nicht zu befürchten, da solche Wissenschaftler von anderen Wissenschaftlern rasch als inkompetent erachtet werden. Die Gefahr, bereits falsifizierte Hypothesen immer wieder zu wiederholen, ist hier nicht realistisch – alleine schon, weil die akademische Gemeinschaft die Betroffenen ignorieren würde. Vielmehr besteht der Schaden in der Stagnation und einer Behinderung des Erkenntnisprozesses der Wissenschaft. In der Wissenschaft gilt das Gebot, das eigene Forschungsgebiet voran zu treiben. Vice versa ist das Verharren im Status quo zu vermeiden.

Die zu Grunde liegende Norm wurde u.a. in Promotionsordnungen kodifiziert. Forschende sollen ihre Fähigkeit beweisen, neuartige Erkenntnisse zu gewinnen. Das setzt umfängliche Kenntnis des Forschungsfeldes voraus. Auch impliziert es die Prüfung, ob das Vorhaben schon durchgeführt wurde. So abstrakt formuliert erscheint es einfach, Wiederholungsfehler auszuschließen. Hält man sich die Weitläufigkeit mancher Forschungsfelder vor Augen (z.B. Genomforschung), zudem die Tatsache, dass Forschung oft in internationalen Kontexten stattfindet und Ergebnisse teils in verschiedenen Sprachen publiziert werden, wird klar, dass eine umfassende Kenntnis des Forschungsstandes schwer zu erreichen ist. Entsprechend werden solche Normverstöße aus pragmatischen Gründen selten sanktioniert – z.B. nur, wenn Täuschungsabsicht nachgewiesen wird. Veränderungen auf struktureller Ebene könnten dies aber ändern. Hierfür wären jedoch u.a. Fehlerdatenbanken notwendig, welche so aufgebaut sein müssten, dass jeder Forscher sein gescheitertes Projekt ohne Aufwand einspeisen kann. Darüber hinaus bedarf es der einheitlichen Sprache und Qualitätskontrolle, da Ergebnisse Außenstehenden vermittelt werden müssen. Tatsächlich wurde diese Idee bereits umgesetzt, sie wird aber bis dato von der akademischen Gemeinschaft wenig genutzt.40 Dies ist angesichts der Fortschritte im Bereich der Datenspeicherung und des bereits aufgezeigten Nutzens für die Wissenschaft nicht nachvollziehbar. Eine Unterstützung dieses Vorhabens etwa durch die großen Forschungsförderer wäre von Nutzen. Darüber hinaus bedarf es aber auch einer grundsätzlichen wissenschaftlichen Debatte über die Bedeutung von negativem Wissen.

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1

Im Englischen werden Fehler bzw. Irrtum als error, fault, mistake bezeichnet und Scheitern als fail, failure, breakdown. Ähnliches gilt für das Französische (Irrtum – méprise, erreur; Fehler – erreur; Scheitern – échec).

5

Das Verwechseln dieser beiden Formen problematisierte Habermas mit seiner These der »Kolonialisierung der Lebenswelt durch das System«. Unter »System« wird ein kausaldeterministisch geschlossenes System verstanden, vgl. Habermas 1981, S. 480.

6

Die Psychologinnen Eskreis-Winkler und Fishbach 2019 untersuchten, ob Lernen eher aufgrund von Scheitern oder Erfolg gelingt. Probanden lernten bei Scheitern weniger da ihre Motivation untergraben wurde, so ihre Begründung; negatives Feedback verletze ihr Ego und führe zu geistigem »Abschalten«. Dies verwundert, da nach Zusammenhängen gefragt wurde, welche die Probanden nicht wissen konnten – Erfolg, bzw. Scheitern lag nicht an Fähigkeiten, sondern am Zufall. Es handelt sich also um eine Fehlzuschreibung. Differenziertes Wissen um die Ursachen von Scheitern (Fehler/Irrtum) könnte die Resilienz der Probanden stärken. Die Motivation von Probanden, welche um die Zufälligkeit »ihrer Fehler« (Irrtum) wissen, sollte nicht negativ beeinflusst werden.

7

Eine dauerhafte Handlungslosigkeit überrascht. Junge bezieht sich aber nur auf soziale Bezüge, andere sind nicht betroffen.

8

Es gibt auch »technische« Fehler, die z.B. auf Obsoleszenz beruhen. Doch ist es wichtig zu sehen, dass diese Fehler aus einem Planungszusammenhang entstammen, in den die Obsoleszenz eingebunden werden kann.

9

Darüber hinaus ist Freiwilligkeit eine Handlungsbedingung, d.h. dass das »bewegende[s] Prinzip in dem Handelnden selbst liegt, wobei er volles Wissen von den Einzelumständen hat« Aristoteles (2010), NE 111a. Da die umfassende Kenntnis aller Umstände unmöglich ist, müssen allerdings nur Mittel, die aller Wahrscheinlichkeit nach zum Ziel führen, bekannt und vom Akteur voraussichtlich auch beherrschbar sein. Nur wer handelt, kann Fehler machen, Misserfolg haben oder scheitern.

10

Junge kritisiert Erklärungen, nach denen »sich Scheitern entlang der Relationen von Zielen und Mitteln beschreiben lässt. Entweder sind die Mittel unzureichend oder aber die Ziele nicht den Mitteln angepasst formuliert. Damit wird ein ökonomisches Handlungskalkül benutzt, um Handlungen zu beurteilen« (2014, S. 12). Junge selbst liefert keine Erklärung.

11

Der Übergang von Fehlern zum Scheitern scheint im Hinblick auf Innovation widersprüchlich: Fehler implizieren sicheres, d.h. bestehendes Wissen, letztere dagegen neuartiges Wissen. Doch lassen sich mehrere Handlungen, die einzeln auf bereits bestehendem Wissen basieren (also keinem neuen Wissen), so kombinieren, dass ihr Zusammenspiel neuartiges Wissen erzeugt.

Darüber hinaus gilt: Auch bei routinemäßigem Handeln können Fehler passieren, doch würde man in diesem Zusammenhang von Misserfolg sprechen, nicht von Scheitern. Da Scheitern absolut gilt, widerspricht es der Routine. Routine-Handlungen können zwar scheitern, man denke an Demenzpatienten, doch würde so die Routine beendet und ein neuer Zustand erreicht.

12

Doch wird der Erfolg als solcher nur ersichtlich, wenn der prekäre Status von Wissen im Vorfeld bekannt war, anderenfalls fällt der Erfolg gar nicht erst auf. In dieser Situation aber stellt der umgekehrte Fall (Scheitern) epistemisch einen Gewinn dar.

13

Auf eine Abweichung ist hinzuweisen: In gewisser Weise kann auch Irrtum schuldhaft sein; nämlich dann, wenn die Möglichkeit bestand, sicheres Wissen zu erlangen und die Bedeutung des Wissens bekannt war, man sich aber dennoch gegen dieses entschied.

14

Diese Ausrichtung ist nicht zufällig. Irrtümer sind für die Wissenschaft epistemisch »interessanter« als Fehler, da diese auf neues Wissen abzielen. Anders als im Falle von Fehlern (bereits bestehendes Wissen) gibt es im Falle von Irrtum (unsicheres Wissen) im Vorfeld zumindest die Chance auf neues Wissen. Für Handlungsensembles gilt diese Regel aber nicht (vgl. Fußnote 11).

15

Existenzkrise, inzwischen ein geflügeltes Wort, hat hier seinen Ursprung, nämlich als Gewahrwerden der Sinnlosigkeit.

16

Dass wir aber existieren, beweist Augustinus in De civitate dei XI (cap. 26) gegen den Skeptizismus interessanterweise anhand von Irrtum/Täuschung: »Si enim fallor, sum. Nam qui non est, utique nec falli potest. Ac per hoc sum, si fallor« (dt: Wenn ich mich täusche, bin ich ja. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen; also ich bin, wenn ich mich täusche).

17

Zwar kann auch er in seiner Rolle scheitern, doch ergibt es wenig Sinn, hier von Individuen im engen Sinne zu sprechen.

18

Eine ähnlich elitäre Denkfigur findet sich historisch im Rahmen der Melancholie. Zu ihr ist nicht jeder fähig, sondern nur sehr sensible Menschen. Wie auch beim Scheitern weist ein vorerst negatives Erlebnis auf einen positiven Hintergrund hin.

19

Der moderne Mensch hält die absurde Ausgangssituation aus, ja akzeptiert sie und ist deswegen frei. Und da es keinen Sinn gibt, scheitert er notwendig. Das Leben, nun genauer als Lebensentwurf verstanden, ist eine Sisyphusarbeit, und jeglicher Erfolg erweist sich über kurz oder lang als vermeintlicher Erfolg, der Stein rollt wieder hinab. Es gibt keine Alternative, am nächsten Tag muss der Stein wieder angegangen und erneut hochgeschoben werden. Wenn der Mensch zum Scheitern verurteilt ist, warum ist er glücklich? Sisyphos hat durch das Scheitern einen neuen Bewusstseinszustand erreicht. Zwar scheitert er, aber dieses Schicksal ist ein selbstgemachtes, es ist sein eigenes Schicksal. Sisyphos scheitert als Souverän.

20

»Nun wollen wir aber doch nur ein solches System als empirisch anerkennen, das einer Nachprüfung durch die ›Erfahrung‹ fähig ist. Diese Überlegung legt den Gedanken nahe, als Abgrenzungskriterium nicht die Verifizierbarkeit, sondern die Falsifizierbarkeit des Systems vorzuschlagen; mit anderen Worten: Wir fordern zwar nicht, dass das System auf empirisch-methodischem Wege endgültig positiv ausgezeichnet werden kann, aber wir fordern, dass es die logische Form des Systems ermöglicht, dieses auf dem Wege der methodischen Nachprüfung negativ auszuzeichnen: Ein empirisch-wissenschaftliches System muss an der Erfahrung scheitern können« (Popper 1994, S. 17; Hervorhebungen im Original).

21

Da es laut Popper keine Zunahme an positivem Wissen geben kann, verwundert seine Behauptung eines Fortschrittes in der Wissenschaft. Hier ist sein Begriff der Wahrheitsnähe von entscheidender Bedeutung. Damit ist nicht der logische, sondern der informative Gehalt einer Theorie gemeint. Eine Theorie hat eine höhere Wahrheitsnähe als eine andere, wenn sie bessere Erklärungen bietet. Vorausgesetzt wird, dass die Theorien nicht falsifiziert wurden, sich also an der Empirie bewährt haben.

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Damit würde der Theorie ein Akteurstatus zugeschrieben. Dies ist aber eine Verkürzung, da Theorien nicht handeln. Streng genommen gilt auch sein Abgrenzungskriterium nicht, da ein (empirisches-wissenschaftliches) System nicht scheitern kann.

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So können z.B. Erkenntnisse aus der Atomforschung sowohl für zivile als auch kriegerische Zwecke Verwendung finden.

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Guttinger/Love 2019 liefern eine darüberhinausgehende systematische Ursachenanalyse der Replikationskrise.

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Diese Affäre wurde durch die Veröffentlichung eines sog. Hoax-Artikels durch den Physiker Alan Sokal im sozialwissenschaftlichen Journal Social Text ausgelöst. Ziel war es, eine Auseinandersetzung über die Standards einzuleiten. Die Fronten verliefen zwischen einem wissenschaftlichen Realismus und postmodernen Theorien.

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Aufgrund der erfolglosen Versuche, den ontologischen Status des Gens positiv zu bestimmen, geht Kirsten Schmidt (2014) den umgekehrten Weg und fragt »Was sind Gene nicht?« Dieser Ansatz ist problematisch, da Negativbestimmungen keinen ontologischen Informationswert haben (Mahner/Bunge 2000). Sie können aber falsche Annahmen widerlegen (Moss 2003).

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1) Lustseuche -> Christliche Moralvorstellung; 2) Stern-Konstellation -> Astrologische Deutung; 3) Behandelbar mit Quecksilber -> Metalltherapie; 4) Vergiftetes Blut -> Säftelehre theoretischer Ärzte; 5) Erregergedanke -> Eindringende Erreger.

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Der Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik, Nikos Logothetis, gelangte wegen der Primatenforschung 2014 ins Visier radikaler Tierschützer und wurde angeklagt. Inzwischen wurde das Verfahren eingestellt, die Vorwürfe wurden nicht bestätigt. Dennoch zog er sich von der Primatenforschung zurück. Einen guten Einblick gibt Aisslinger 2018.

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Es ist naheliegend, den Informationsort zum Thema Scheitern in der Studienberatung zu suchen, doch wird diese von den betroffenen bildungsfernen Gruppen weit seltener als von übrigen Studierenden genutzt. Dagegen ist die Lehre verbindlich.

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Dabei wurden Methoden aus der Flugsicherheit übernommen, wo Risikomanagement früh entwickelt wurde (Haller et al. 2005). Im Hinblick auf die Konsequenzen und bestehende Hierarchien ähneln sich diese ansonsten unterschiedlichen Bereiche. Eine umfassendere Bearbeitung des Themas Fehler und Ethik in der Medizin bieten Frewer et al. 2013.

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Scheitern wird in manchen Bereichen aktiv verhindert, mit guten und schlechten Folgen. So propagiert der Buddhismus eine Verhinderung des Scheiterns. Wird nämlich der Zustand der Strebenslosigkeit erreicht, stellt sich auch Handeln und das Streben nach Neuem ein. So gibt es kein Scheitern mehr. Auch im politischen Bereich gibt es Beispiele: In im Hinblick auf Risikominimierung reglementierten Regimen (DDR, Ostblock, etc.) werden zwar Risiken reduziert, aber dadurch Innovation verhindert, in letzter Konsequenz auch ihr Scheitern. Prinzipiell lässt sich das Schema auf alle möglichen Handlungsbereiche anwenden. Interessant ist hierbei, dass dieses Vorgehen nicht notwendig zum Erfolg führt, sondern schlicht zum Stillstand.

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Dabei sind natürlich alle übrigen Standards guter wissenschaftlicher Arbeit weiterhin zu pflegen, und eben nicht allen denkbaren, sondern nur den realistischen Forschungsfragen soll nachgegangen werden.

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Wichtig sind Anreizsysteme, die Unternehmertum und Risikobereitschaft fördern, statt sie zu sanktionieren. Auch ist der Umgang damit zu trainieren, sollte das Projekt dann doch scheitern.

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Dieser Zusatz ist wichtig. Wie die Replikationskrise zeigt, können viele Forschungsergebnisse in der Psychologie nicht repliziert werden – dies bezieht sich vor allem auf positive Ergebnisse. Allerdings liegt dies nicht daran, dass gerade hier die Fehlerhäufigkeit höher ist, sondern schlicht nur daran, dass negative Ergebnisse nicht publiziert und somit nicht erfasst werden. Bei gerechtfertigtem Zweifel sind Wiederholungen im Sinne von Replikationsexperimenten weiterhin notwendig.

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Bei interdisziplinär arbeitenden Gruppen teilen die Forscher nicht einmal das Fachwissen – trotz des in der Wissenschaft üblichen Austausches ist es oft so, dass bereits der Nachbar nicht weiß, woran genau und mit welchen Mitteln man arbeitet.

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Denkbar ist auch, dass der alte Ansatz so kaschiert wird, dass er als neue Hypothese erscheint – doch wird dieser Fall eher im Bereich positiver Erkenntnisse vorkommen, da diese als Erfolge konnotiert sind, nicht dagegen im negativen Fall.

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Liegt ein Ansatz aufgrund des Forschungsstandes nahe, ist es wahrscheinlich, dass Mehrere sich an deren Prüfung machen.

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Vgl. http://junq.info/. Die Idee entstand 2010 im Rahmen eines Retreats der Graduate School Materials Science in Mainz. Mit ähnlichem Ansinnen wurde kürzlich (2019) auch das Open-Access-Journal Experimental Results gegründet, das international wirken will und ebenfalls auf die Naturwissenschaften abzielt: https://www.cambridge.org/core/journals/experimental-results.

Wissenschaftsreflexion

Interdisziplinäre Perspektiven zwischen Philosophie und Praxis

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