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George Edward Moore zur Einführung, written by Heinrichs, B.

In: History of Philosophy & Logical Analysis
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  • 1 Institut für Philosophie, Philosophische Fakultät, Heinrich Heine Universität DüsseldorfDüsseldorfDeutschland
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Heinrichs, B. 2019. George Edward Moore zur Einführung. Hamburg: Junius. 200 pp. ISBN: 978-3960603061.

Russell, Moore, Wittgenstein. In dieser Anordnung geht Moore meist ein wenig unter. Bert Heinrichs, der Autor der vorliegenden Einführung in das Werk G. E. Moores, nimmt sich daher vor, Moores Wirkung angemessen hervorzuheben und besonders seine Rolle als Mitbegründer der analytischen Philosophie herauszuarbeiten. Die Würdigung Moores ist im englischsprachigen Raum seit mehreren Jahrzehnten im Gange, im deutschsprachigen Raum hingegen kaum. Tatsächlich fehlte bislang sogar eine eigenständige, deutschsprachige Einführung in G. E. Moores philosophisches Werk.

Im Aufbau der Einführung folgt Heinrichs der von Moore selbst gewählten Gliederung aus dessen späten, posthum erschienen, Beitrag A Reply to My Critics (1968), woraus sich die drei thematischen Schwerpunkte Philosophische Methodik (Kapitel 3), Erkenntnistheorie (Kapitel 4) und Ethik (Kapitel 5) ergeben. Umrahmt werden diese thematischen Kapitel von einer generellen Einleitung (Kapitel 1) und einem Kapitel zum historischen Hintergrund aus Moores Zeit (Kapitel 2), sowie das einer Bilanz gleichkommende letzte Kapitel Moores Einfluss auf die Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts (Kapitel 6).

Die einzelnen Kapitel beginnen dabei zunächst mit der Nennung der zum entsprechenden Schwerpunkt vorliegenden Schriften Moores und einer Übersicht zu ausgewählter Sekundärliteratur. Daraufhin wird in den Unterkapiteln auf Moores Position und Argumentation zu speziellen Fragestellungen der thematischen Bereiche eingegangen und die relevanten Stellen der Literatur zitiert, so dass der Leser direkten Einblick in Moores Werk erhält. Mitunter führt Heinrichs auch historische Vorgänger an, um die jeweilige Denktradition ersichtlich zu machen. Abschließend erfolgt jeweils eine Kritik hinsichtlich der Plausibilität der genannten Punkte, sowie prominente Einschätzungen aus der Sekundärliteratur, denen sich der Autor entweder anschließt oder die er nur vorstellt, um zu zeigen, dass eine Position weiterhin strittig ist. In den beiden recht umfangreichen Hauptkapiteln zur Erkenntnistheorie und zur Ethik finden sich zudem fließende Übergänge zwischen den Unterkapiteln, um Zusammenhänge erkennbar und nachvollziehbar werden zu lassen.

In der Einleitung (Kapitel 1) wird Moore als Mitbegründer der analytischen Philosophie vorgestellt, um dabei auf eine Diskrepanz zwischen erzielter Wirkung und erlangter Bekanntheit hinzuweisen. Anderen Philosophen des (frühen) 20. Jahrhunderts (Wittgenstein, Heidegger, Sartre, Popper) kommt eine weit größere Beachtung zuteil, auch über die akademische Philosophie hinaus. Heinrichs vermutet, dass dies an der „Art und Weise, wie Moore Philosophie betrieben hat“ (9) liegt, denn Moore sei vornehmlich fragend und klärend an Problemstellungen herangetreten, womit die „Kehrseite“ (10) verbunden sei, dass der Zugang erschwert werde und die Antworten eher zweitrangig aufträten. Dieser Erklärungsansatz von Heinrichs klingt vielversprechend. Es bleibt aber unklar, warum Heidegger, der terminologisch sehr viel unzugänglicher sein dürfte, populärer ist. Vielleicht ging Moore auch ein wenig unter, weil der frühe Wittgenstein des Tractatus (1921, 4.112) Moores Vorstellung teilte, dass „[es] die primäre Aufgabe der Philosophie [ist] philosophische Problemstellungen zu präzisieren“ (10).

Es wäre für die erste Orientierung hilfreich gewesen, wenn im einleitenden Kapitel die wichtigen terminologischen Einordnungen zu Moore aufgeführt worden wären, wie z.B., dass Moore eine konsequentialistische und intuitionistische Ethik vertrat, eine Naturalismuskritik formulierte oder für einen Realismus des Common Sense steht. Bislang kommen diese Einordnungen zum Teil erst recht spät in den thematischen Kapiteln zum Vorschein. Als Zweck der Einführung wird schließlich angegeben, aus Moores Werken und seinem Einfluss heraus gute Gründe zu liefern, sich mit Moore auseinanderzusetzen.

Im 2. Kapitel zu Moores intellektuellem Umfeld wird kurz auf Biographisches eingegangen, um dann zu Einflüssen überzugehen, die auf Moore wirkten. Separat wird die Beziehung zwischen Russell, Moore und Wittgenstein genauer ausgeführt, um das Kapitel schließlich mit einem vergleichsweise langen Unterkapitel zu den Diskussionsgruppen „Cambridge Apostels“ und der „Bloomsbury Group“ abzuschließen.

Heinrichs nimmt eine „klare Verortung“ (25) Moores in der Philosophiegeschichte vor, in der Moore als jemand gilt, der eine „doppelte Zäsur“ (23) vorgenommen habe: Zum einen durch seine Schrift Widerlegung des Idealismus (1903), die sich gegen den Britischen Idealismus wendet und zum anderen durch seine ethischen Schriften, die sich gegen die klassischen Vertreter des Utilitarismus – Bentham und Mill – richten. Gegen Ende dieses Unterabschnittes wird darauf verwiesen, dass es gegen dieses Bild Einwände gibt, die in Moores Werk selbst idealistische Ansätze meinen erkennen zu können oder darauf verweisen, dass Moore selbst in seiner Ethik utilitaristisch sei. An dieser Stelle nimmt Heinrichs kurz Stellung, indem er auf den realistischen Common Sense bei Moore verweist, der von beiden Einwänden unberührt bleibt (vgl. 26).

Bei der Beziehung zwischen Russell, Moore und Wittgenstein wird das Augenmerk primär darauf gelegt, wer wen beeinflusst hat und ob nicht am ehesten von einer wechselseitigen Beeinflussung zwischen den Begründern der analytischen Philosophie gesprochen werden sollte. Um dennoch aufzuzeigen, dass die drei auch unterschiedlich vorgingen, wird eine Unterteilung in „wissenschaftlicher Geist“ und „Philosoph“ (31) herangezogen, die ursprünglich auf Friedrich Waismann zurückgeht und von George Henrik von Wright auf Russell, Moore und Wittgenstein angewandt wurde. Dabei wird Russell unter die erste Bezeichnung gefasst, da dieser an sicherem Wissen interessiert gewesen sei, was aus seiner intensiven Auseinandersetzung mit Mathematik und Logik ersichtlich wird. Moore falle unter die zweite Bezeichnung, da nicht Wissen, sondern die Bedeutung der Überzeugungen des Common Sense im Vordergrund seiner Philosophie steht. Über deren Wahrheit sei Moore bereits im Klaren. Wittgenstein wird nun derart in dieses Bild eingefügt, indem er in seiner frühen Phase eher zu Russell tendierte und in seiner späten Phase mehr zu Moore. Dabei habe jedoch Wittgenstein auch jeweils auf Russell und Moore gewirkt. Solch eine Unterteilung ist durchaus hilfreich, da sie erkennen lässt, wo Unterschiede und wo Gemeinsamkeiten zwischen den dreien bestehen. Aus der Bedeutsamkeit der „trinity trinity“ (nach der gemeinsamen Wirkungsstätte der Drei, dem Trinity College der Universität Cambridge) leitet Heinrichs ab, dass es zu deren Verständnis „unerlässlich“ (33) sei, sich mit allen dreien auseinanderzusetzen.

Der Autor hält die Betätigung Moores in den Diskussionsgruppen „Cambridge Apostels“ und „Bloomsbury Group“ wiederum für „unerlässlich“ (33) zum Verständnis Moores. Begründet wird dies hauptsächlich damit, dass Moore eine Wandlung durchgemacht habe und sich vom „Bloomsbury’s prophet“, der Einfluss auf Künstler der Bloomsbury Group ausübte, hin entwickelte zum „philosopher’s philosopher“ (40), der unter den akademischen Mitgliedern der Cambridge Apostels zur Verwissenschaftlichung der Disziplin beitrug.

Besonders das erste der thematischen Kapitel zur philosophischen Analyse (Kapitel 3) profitiert davon, zunächst die relevanten Stellen im Werk Moores zu nennen, denn Heinrichs verweist auf den Umstand, dass die Analyse zwar zentral in Moores philosophischen Vorgehen ist, er aber keine eigenständige Arbeit zu diesem methodischen Element verfasst hat. Stattdessen gibt es nur in den Schriften A Reply to My Critics (1968) und Lectures on Philosophy (1966) Passagen, in denen eine solche Auseinandersetzung partiell erfolgt. Folglich stützt sich das Kapitel der Einführung auf diese vereinzelten Textstellen – sowie einschlägige Sekundärliteratur – um zu erschließen, was Moore unter philosophischer Analyse verstand.

Zwar sei das Analysieren für Moore methodisch entscheidend gewesen, Heinrichs weist aber direkt darauf hin, dass Moore ein „breites Methodenspektrum“ (45, Herv. FG) anerkannt und sogar metaphysischen Untersuchungen eine Legitimität zusprach. In dieser Hinsicht unterscheide sich Moore von den Mitgliedern des Wiener Kreises und den Logischen Positivisten, die bekanntlich eine Metaphysikfeindlichkeit pflegten. Allerdings wird vom Autor im betreffenden Unterkapitel (3.1) als weitere Methode nur das Aufdecken von Widersprüchen genannt. Hier hätten noch die s.g. Methode der Isolierung oder das Prinzip organischer Beziehungen, welche Heinrichs zentral in 5.3 erörtert, Erwähnung finden können. Alles andere – Metaphysik, „Problemstellungen der menschlichen Erkenntnis“ (46) – veranschaulicht sonst eher Moores Akzeptanz eines breiten Gegenstandspektrums der Philosophie.

Es wird vom Autor darauf verwiesen, dass in der Sekundärliteratur sowohl diskutiert wird, welche Anzahl an Analysearten Moore annahm als auch welchen Gegenstand von Analysen er festlegte, woraufhin zumindest für letzteres eine eindeutige Stelle aus den Lectures on Philosophy zitiert wird, die angibt, dass Moore Begriffe und nicht etwa sprachliche Ausdrücke als Gegenstand von Analysen versteht. Um die Frage zu beantworten, wie viele Analyse-Arten Moore unterscheidet, spricht Heinrichs von „mindestens drei“ (47), die dann jeweils kurz vorgestellt werden: Analyse von Begriffen, Russells Theorie der Kennzeichnungen und Analyse von Propositionen.

Am auffälligsten dürfte hier die Nennung der zweiten Art sein. Moore wirft eben dieser Art vor, keine Begriffe, sondern nur die logische Struktur von Propositionen anzugeben. Dadurch kann beim Leser der Eindruck entstehen, die Aufzählung der Analysearten entspricht nicht denen von Moore selbst verwendeten, sondern stellt eher eine deskriptive Angabe dessen dar, was Moore in der Philosophie vorfand. Dazu merkt Heinrichs entsprechend an, dass „nicht klar ist, ob Moore überhaupt ein einheitliches Verständnis von Analyse“ (47) hat. Hilfreich sind nun jedoch die Verweise Heinrichs auf Stellen, an denen Moore die Analyse in seinen Schriften zentral selbst anwendet, wie etwa bei dem Begriff ‚gut‘ in der Principia Ethica (vgl. 5.2), bei seiner Verteidigung der Überzeugungen des Common Sense (vgl. 70) oder bei der Annahme von Sense-Data (vgl. 4.3). Bei der Analyse findet jeweils die Zerlegung in die „einfachen Bedeutungsbestandteile“ (49; vgl. 101) statt. Hierbei verweist Heinrichs auf Geoffrey Warnock, dem zufolge es Moore bei der philosophischen Analyse im Gegensatz zum Logischen Positivismus und Logischen Atomismus gelungen sei metaphysikfrei zu bleiben und somit „innovativste Kraft“ zu werden (vgl. 57).

Heinrichs weist zu Beginn des vierten Kapitels darauf hin, dass Moore zwar hauptsächlich für seine Schriften in der Ethik bekannt ist, die meisten seiner Werke sich jedoch mit Fragestellungen der Erkenntnistheorie befassen. In diesem Kapitel geben Moores Beiträge Widerlegung des Idealismus (1903), Verteidigung des Common Sense (1925) und Beweis einer Außenwelt (1939) die Struktur vor.

Wie bereits erwähnt, steht Moore – gemeinsam mit Russell – für die Zurückweisung des seinerzeit verbreiteten Britischen Idealismus. Heinrichs stellt dazu die philosophiehistorische Auseinandersetzung zurückreichend bis Locke vor, gegen dessen kausale Erklärung der Wahrnehmung – bewusstseinsunabhängige Gegenstände verursachen Wahrnehmungserlebnisse – sich der neuzeitliche Vertreter des Idealismus, George Berkeley, wendete. Ihm zufolge könne man eben kein Dasein außerhalb des Geistes annehmen, so dass er den Grundsatz esse est percipi formulierte. Moores „Argumentationsstrategie“ (64) sei, diesen Grundsatz anzugreifen, um somit den Idealismus insgesamt zu widerlegen. Im Folgenden wird umfangreich auf das Argument Moores eingegangen, der eine Analyse von „Empfindung“ (sensation) vornimmt und daraus ableitet, dass viele fälschlich den Gegenstand einer Empfindung als Bestandteil eben dieser Empfindung annähmen anstatt diesen als äußeren Gegenstand zu erkennen. Hierbei ist jeder Schritt Moores durch die passend zitierten Stellen klar wiedergegeben und erläutert. Auch die Kritik an Moore, er habe einen naiven Realismus formuliert, wird umfassend beleuchtet. Schließlich erfolgt der Übergang zum nächsten Unterkapitel, indem vom Autor auf das umfassendere Ziel Moores hingewiesen wird, nämlich Überzeugungen des Common Sense zu verteidigen, wobei die Widerlegung des Idealismus der „erste Schritt“ (67) gewesen sei.

Heinrichs stellt am Anfang von 4.2 klar, was Moore unter Common Sense versteht, er nennt die von Moore angeführten Beispiele und erläutert dessen Position insbesondere in der argumentativen Auseinandersetzung gegen skeptische Einwände. So wird erklärt, dass der Common Sense die Überzeugungen des gesunden Menschenverstandes umfasst, wie etwa, dass man einen Körper hat, der geboren wurde und seitdem existiert oder auch, dass ein Bücherregal neben einem steht. Es sei nun entscheidend, dass diese Überzeugungen für Moore eine besondere epistemische Stellung innehaben, denn von diesen Überzeugungen wisse jeder, dass diese wahr seien. Daraufhin führt Heinrichs die von Moore getroffene Unterteilung zweier verschiedener skeptischer Ansätze an: Diejenigen, die bezweifeln, dass diese Überzeugungen tatsächlich wahr seien und diejenigen, die bezweifeln, dass man wissen könne, ob diese wahr seien. Heinrichs führt dazu Moores Erwiderung an, in der beiden skeptischen Ansätzen ein performativer Selbstwiderspruch vorgeworfen wird. So setzt etwa das Vertreten und Äußern einer skeptischen Haltung voraus, dass man einen Körper hat (vgl. 70–71).

Auf die Frage, warum manche die Grundüberzeugungen des Common Sense bezweifeln, antworte Moore damit, dass diese nur deshalb bezweifelt würden, weil sie im Widerspruch zu bestimmten philosophischen Überzeugungen stünden. Der Vertreter des Common Sense dreht dies aber nun um: Sobald eine philosophische Aussage im Widerspruch zu denen des Common Sense steht, ist diese Aussage falsch. Heinrichs zitiert an dieser Stelle Alan R. White, der die epistemische Rolle der Überzeugungen des Common Sense treffend „touchstone of truth“ nannte. Wie Heinrichs herausstellt, war Moore dabei zweierlei wichtig: Erstens, es ist für die Zuschreibung des besonderen epistemischen Status nicht hinreichend, dass eine Überzeugung von der Mehrheit vertreten wird, wobei Moore den Gottesglauben oder die Annahme der Unsterblichkeit der Seele als Beispiele angibt. Da Moore die Abgrenzung jedoch selbst nicht weiter geklärt habt, verweist Heinrichs auf entsprechende Sekundärliteratur. Zweitens, es ist falsch anzunehmen, dass wir verstehen, was die Überzeugungen des Common Sense bedeuten. Heinrichs pointiert diesen letzten Aspekt als „Kombination aus „unproblematischer“ Wahrheit und problematischer Analyse“ (74).

Das Unterkapitel zum Common Sense (4.2) ist thematisch eng verknüpft mit dem zur Gewissheit (4.5) und dem zum Beweis der Außenwelt (4.4). In 4.5 wird zum Unterstreichen der epistemischen Sonderstellung Moores rhetorische Frage Wenn die Aussagen des Common Sense nicht gewiss sind, welche dann? angeführt. Hier stellt Heinrichs fest, dass von Moore allerdings ungeklärt bleibt, wie zu unterscheiden ist zwischen berechtigter und unberechtigter Gewissheit. Passend wird an dieser Stelle auch vom Autor auf Wittgenstein verwiesen, der sich – von Moore inspiriert – ebenfalls mit diesem Thema auseinandersetzte. In 4.4 wird das bekannte argumentative Vorgehen Moores skizziert: Aus der Existenz von (Moores) Händen, die typischerweise im Common Sense angenommen wird, ergibt sich bereits die Existenz einer Außenwelt. Heinrichs stellt auch Moores Erwiderung darauf vor, es handele sich hierbei lediglich um einen „Taschenspielertrick“ (86), worauf Moore antwortete, hier stelle man unbegründet überzogene Ansprüche an einen Beweis für die Existenz der Außenwelt. Insgesamt wird durch die zusammenhängenden Unterkapitel das Verständnis von Moores Positionen erheblich erleichtert.

Im Unterkapitel zu den Sinnesdaten (4.3) wird darauf eingegangen, dass Moore im Laufe seiner Tätigkeit verschiedene Positionen einnahm. Um Moores Verständnis von Sinnesdaten darzulegen, wird Hume passend zitiert, demzufolge bei der Wahrnehmung „nur ein Bild dem Geiste gegenwärtig“ sei und nicht etwa der Gegenstand selbst. Heinrichs versammelt hierzu eine Reihe von Argumenten (vgl. 77), die für die Annahme von Sinnesdaten sprechen sollen, wie z.B. dem Argument from Perspectival Variation, nach dem ein Gegenstand größer erscheine, wenn man sich diesem nähere. Es sei unplausibel davon auszugehen, dass sich dieser Gegenstand selbst vergrößere. Hingegen sei es plausibel, dass sich nur das mentale Bild oder Sinnesdatum von diesem ändere. Besonders hilfreich sind nun die Ausführungen zu Moores unterschiedlichen Positionen, die er im Laufe seiner Auseinandersetzung mit dem Thema einnahm. Zunächst sei Moore Vertreter des so genannten indirekten Realismus, später einer des direkten Realismus gewesen, welchen er schließlich aber auch aufgegeben hat, so dass es für Moore – und viele weitere – ein „ungelöstes Problem“ (83) bleibt, ob es Sense Data wirklich gibt oder nicht.

Im letzten thematischen Kapitel zur Ethik (Kapitel 5) stützt sich Heinrichs vorwiegend auf die Principia Ethica Moores. Dabei orientiert er sich an einer in der Sekundärliteratur gebräuchlichen Unterteilung in die drei Schwerpunkte: ‚Gut‘ als einfacher Begriff (5.2), Ethischer Pluralismus (5.3) sowie Ethik und Verhalten (5.4).

Es wird zunächst darauf eingegangen, dass Moore der bisherigen Ethik vorwirft, nicht ausreichend zu klären, welche Fragen überhaupt in der Ethik untersucht werden sollten. Moore selbst macht dabei die zwei Fragen aus, was ist gut an sich und welche Handlungen sind gut? Die Frage danach, was ‚gut’ bedeutet, wird somit zur „Grundfrage der Ethik“ (99). Moore vertritt allerdings die These, ‚gut’ sei undefinierbar. Heinrichs weist zu Recht darauf hin, dass dies irritierend wirken kann, klärt jedoch darüber auf, dass die These der Undefinierbarkeit als Ausgangspunkt entscheidend ist für Moores metaethische Position insgesamt. Darauf aufbauend wird Moores indirekter Beweis dieser These schrittweise und mit Zitaten der relevanten Stellen der Principia Ethica äußerst nachvollziehbar rekonstruiert. Hierbei richtet sich Moore gegen die beiden Gegenpositionen, demzufolge 1. ‚gut’ doch definierbar sei oder 2. gar nichts Eigenständiges bedeute. Bei der Zurückweisung der ersten Position wird das Argument der offenen Frage angeführt, demzufolge bei jeder Definition von „x ist gut“ die sinnvolle Rückfrage gestellt werden könne, ob x denn tatsächlich gut sei. Um die zweite Gegenposition zurückzuweisen wird darauf hingewiesen, dass etwa ‚lustvoll’ und ‚gut’ verschieden verstanden werden, so dass ‚gut’ eine eigenständige Bedeutung zugesprochen werden kann. Da beide Alternativen nicht zutreffen, gilt ‚gut’ folglich als undefinierbar. Dieser Umstand wird nun weiter genutzt, um denen, die dennoch eine Definition versucht haben, einen Fehler nachzuweisen, den Moore „naturalistischen Fehlschluss“ nannte. Heinrichs weist treffend auf die Sekundärliteratur hin, in der Bernard Williams dies eine „eklatante Fehlbezeichnung“ (110) nennt.

Die Gründe dafür werden verständlich damit angegeben, dass es sich zum einen nicht um einen Schluss handelt, sondern um ein Definieren von etwas Undefinierbaren, daher sei „Definitions-Fehler“ (110) nach William Frankena passend. Zum anderen beschränke sich dieser Fehler nicht nur auf naturalistische Theorien, schließlich habe Moore den Vorwurf des Fehlers gegen die drei Theoriearten der naturalistischen (Spencer), der hedonistischen (Bentham, Mill) und der metaphysischen Ethiken (Immanuel Kant) gewandt. Insgesamt ist das Kapitel sehr hilfreich zum Verständnis von Moores Argumentationsgang.

Einzig zwei kritische Bemerkungen lassen sich hier anführen: Zum einen wäre es bereits in diesem Unterkapitel wünschenswert zu hinterfragen, ob das Argument der offenen Frage nicht bei der Generalisierung, also der Behauptung, dass man immer fragen könne, nicht eine Petitio Principii begeht, was erst in 6.2 (vgl. 162) geschieht. Zum anderen hätte der Exkurs zu den Ausführungen zum Unterschied zwischen „gut an sich“ und „gut als Mittel“ (107) in einem späteren Unterkapitel behandelt werden können, in dem diese Unterscheidung auch weiterhin aufgegriffen wird (vgl. 5.3).

Heinrichs stellt in 5.3 dar, inwiefern Moore in einer Tradition zu Bentham, Mill und Sidgwick steht, die alle eine konsequentialistische Theorie in der Ethik vertreten. Dabei weist der Autor aber auf den entscheidenden Unterschied zu Moore hin. Dieser vertritt nämlich keinen Monismus, der nur das Empfinden von Lust als an sich gut betrachtet, sondern einen Pluralismus, der an die Stelle der Lust ästhetische Genüsse und die Freuden der Freundschaft stellt. Hierzu findet sich im Unterkapitel eine umfangreiche Darlegung der Begründung Moores, die sich auf die Methode der Isolation und das Prinzip organischer Beziehungen stützt. Erstere sorge dafür, dass Dinge einzeln, letztere dafür, dass Dinge als Teil eines Ganzen betrachtet würden, wobei sich etwa der Wert des Ganzen nicht einfach aus der Summe seiner Teile ergebe. Insgesamt ist dieses Unterkapitel sicherlich das anspruchsvollste und dichteste. Hilfreich ist hier die abschließende Frage nach der Plausibilität von Moores Begründung für die intrinsischen Werte von ästhetischen Genüssen und der Freuden der Freundschaft. Heinrichs geht dabei auf Moores Berufung auf Intuitionen ein, die nach der Anwendung der gerade genannten zwei Methoden erfolgt und laut Moore erkennen lasse, dass ästhetische Genüsse und die Freuden der Freundschaft gut an sich seien. Danach bedürfe es keines weiteren Beweises mehr, wie man auch keinen weiteren Beweis mehr brauche, dass ein gelber Gegenstand tatsächlich gelb sei, weil einfach die Tatsache, dass er gelb sei, selbst dafür spreche (vgl. 129).

In 5.4 erklärt Heinrichs, dass Moore glaubt, es könne innerhalb der konsequentialistischen Ethik einen Beweis dafür geben, dass eine Handlung gut sei, nämlich dann, wenn sie etwas Gutes hervorbringe. Irritierend ist nun jedoch, dass Moore darauf verweist, die Ethik könne aber keine Liste an Pflichten – also Handlungen, die die beste Handlungsalternative darstellen – angeben, was nach einem moralischen Skeptizismus klingt. Heinrichs klärt hier wieder hilfreich darüber auf, dass Moore epistemische Gründe angibt, um seine Haltung zu stützen. So könnte es zwar prinzipiell einen Beweis dafür geben, dass eine Handlung die besten Konsequenzen habe, aufgrund unserer epistemischen Beschränkungen könnten wir jedoch diese Konsequenzen nicht im Vorhinein herausfinden (vgl. 134).

Im letzten bilanzierenden Kapitel zu Moores Einfluss auf die Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts verweist Heinrichs auf ein Ungleichgewicht zwischen dem Einfluss von Moores Schriften zu theoretischen und ethischen Themen. So fänden seine Schriften zur theoretischen Philosophie kaum Beachtung, würden in Lehrbüchern zu solchen Themen kaum erwähnt und noch seltener diskutiert. Seine Schriften zur Ethik seien hingegen deutlich präsenter. Heinrichs scheint sich der Einschätzung anzuschließen, nach der Moores Beiträge zur theoretischen Philosophie „überwiegend verfehlt oder zumindest wenig zielführend“ (150) seien. Dabei hätte hier noch vom Autor entgegengehalten werden können, dass die Thematik um den Common Sense und Gewissheit durchaus als Ausgangspunkt gesehen wird, gegen den sich Skeptizisten argumentativ wenden müssen (vgl. etwa das Oxford Handbook of Epistemology, Kapitel 11). In der Darlegung von Moores Einfluss in der Ethik wird ausführlich und gut nachvollziehbar auf die Diskussion rund um Moores Naturalismuskritik eingegangen. Sowohl diejenigen, die Moores Kritik folgen als auch diejenigen, die diese zurückweisen, müssen Stellung zu den von Moore aufgeworfenen Fragen nehmen, ob ‚gut’ eine (nicht-)natürliche Eigenschaft ist, ob Aussagen der Ethik wahr sein und ob diese gewusst werden können. Letztlich wird auf die aktuell vorherrschende Ansicht innerhalb der metaethischen Diskussion verwiesen, dem zufolge Moores Naturalismuskritik nicht überzeugen könne, wobei auf William Frankenas Einwand verwiesen wird, es liege eine Petitio Principii in Moores Argumentation vor. Insgesamt schließt das sechste Kapitel äußerst gelungen mit den vorherigen Kapiteln ab.

Besonders stark ist die Einführung in zweierlei Hinsicht. Zum einen dort, wo thematische Zusammenhänge erkennbar werden, wie z.B. zwischen Common Sense und Gewissheit oder auch zur Methode der Analyse und der Definition vom Begriff ‚gut‘. Zum anderen an Stellen, bei denen Moore widersprüchlich wirkt, diese Irritationen jedoch von Heinrichs aufgelöst werden: Common Sense vs. Mehrheitsglaube (vgl. 72–73), Theorienwechsel bezüglich Sense Data (vgl. 83), Definition von ‚gut‘ Grundfrage der Ethik vs. ‚gut‘ undefinierbar (vgl. 101), naturalistischer Fehlschluss als Fehlbezeichnung (vgl. 110), entgegengesetzt wirkende Methoden (vgl. 119–120), Beweise in der praktischen Ethik möglich vs. keine Pflichten erkennbar (vgl. 134).

In der Einleitung wurden gute Gründe versprochen, die für eine Auseinandersetzung mit Moore sprechen sollen. Dieses Versprechen wurde eingelöst. Die Auseinandersetzung mit Moore trägt dazu bei, die Anfänge der analytischen Philosophie nachzuvollziehen (vgl. 42ff.; 147) und die wechselseitige Beeinflussung zwischen Russell, Moore und Wittgenstein zu verstehen (vgl. 33–34). Weiterhin können auch die Metaphysikfreiheit (vgl. 57) oder die Auseinandersetzungen mit den jeweiligen Themenbereichen Common Sense, Gewissheit oder dem Begriff ‚gut‘ angeführt werden, die für Moore sprechen. Dieser Band schließt die bislang bestehende Lücke einer deutschsprachigen Einführung in G.E. Moores Werk, wobei sie genau dort fundierte Orientierung bietet, wo es bei Moore kompliziert wird.

Bibliography

  • Moser, P. K. (ed.). 2002. The Oxford handbook of epistemology. Oxford: Oxford University Press.

  • Wittgenstein, L. 1921/1984. Tractatus logico-philosophicus, Tagebücher 1914-1918, Philosophische Untersuchungen (Werksausgabe Bd. 1). Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

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