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Albert Camus. A Very Short Introduction, written by Gloag, O.

In: History of Philosophy & Logical Analysis
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  • 1 Research fellow, Department of Philosophy, Faculty of Arts and Humanities, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf9170DüsseldorfGermany
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Gloag, O. 2020. Albert Camus. A Very Short Introduction. Oxford – New York: Oxford University Press. 152 pp. ISBN 978-0-19-879297-0

Am vierten Januar 2020 jährte sich zum 60. Mal der Todestag von Albert Camus. Wie schon vor sieben Jahren, als weltweit der 100. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers gewürdigt wurde, nehmen zahlreiche Interpreten auch dieses Mal das Ereignis zum Anlass, Camus’ Werk erneut zu beleuchten. Ohnehin ist das Œuvre des französischen Literaten und Philosophen in breiten öffentlichen kulturellen Debatten präsent, wenn es auch nicht den Diskurs der gegenwärtigen akademischen Philosophie dominiert. Die ungebrochene Aktualität seines Denkens zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sein Roman Die Pest durch die jüngsten Geschehnisse rundum die Covid-19-Pandemie in vielen Ländern wieder zum Bestseller aufstieg.

Dass sein Gesamtwerk bei Weitem kein einheitliches Gebilde darstellt, liegt auf der Hand: Da ist der berühmte Autor von Romanen wie Der Fremde oder Der Fall; der Journalist der französischen Untergrundzeitschrift Combat der Résistance; der einstige Verfechter und später scharfe Kritiker der Todesstrafe; der Dramaturg und Theaterschauspieler; der Philosoph des Absurden. Diese Auflistung ließe sich problemlos fortführen – all das ist Camus. Doch ,welcher‘ Camus zieht nach wie vor anhaltende Aufmerksamkeit auf sich? Die Mannigfaltigkeit sowie die Vieldeutigkeit seines Werkes erschweren eine Einordnung und Typisierung seines Denkens ungemein und stellen insbesondere den Verfasser einer Einführung in sein Leben und Werk vor besondere Herausforderungen.

Folgerichtig fragt sich Oliver Gloag bereits im Vorwort zu seiner Kurzeinführung Albert Camus. A Very Short Introduction, welcher Camus im öffentlichen Diskurs denn eigentlich ,umjubelt‘ wird. Er setzt sich das anspruchsvolle Ziel, dem Leser einen Überblick über das Leben und das Werk von Camus samt dessen Ambiguitäten zu verschaffen. Letztere seien ein wesentlicher Bestandteil, um die Haupttopoi seines Denkens sowie seine andauernde Popularität überhaupt nachvollziehen zu können (vgl. xxii). Dennoch kommt auch eine Einführung zu einem Philosophen und seinem Werk nie ohne eine gewisse Schwerpunktsetzung aus. Leben und Werk gemeinsam und aufeinander bezogen zu hinterfragen und analysieren, ist ein klassischer Ansatz in der Camus-Forschung und wird einem Autor, bei dem das Leben zum (Kunst-)Werk und das Werk zum Leben werden, zweifellos gerecht.

Gloag stellt nun insbesondere die familiäre Herkunft Camus’ als Sohn einer französischstämmigen Familie, der in der damaligen französischen Kolonie Algerien aufwächst, in den Mittelpunkt. Seine Geschichte sei die eines typischen ,pied-noir‘, wie man die französischen Bürger, die in Algerien geboren wurden und dort lebten, nannte (vgl. 1). Warum ist dieser Aspekt seiner Herkunft so entscheidend? Die soziokulturellen Rahmenbedingungen unter denen Camus aufgewachsen ist, sollten vor allem den ,politischen‘ Camus, dessen Äußerungen grundlegend durch sein ambivalentes Verhältnis zur französischen Kolonialmacht gekennzeichnet sind, prägen. Die politische Dimension des Camusschen Werks steht unverkennbar im Zentrum von Gloags Introduction, was keineswegs selbstverständlich ist. In sieben Kapiteln skizziert Gloag in zugänglicher und leicht verständlicher Art und Weise den Denk- und Lebensweg des aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Camus, der schließlich 1957 für seinen Roman Der Fall den Nobelpreis für Literatur erhält. Den roten Faden bildet die erwähnte Fokussierung auf Camus als Algerienfranzose.

Im ersten Kapitel „Camus, son of France in Algeria“ werden Camus’ Kindheit und Jugend samt seines Ausbildungswegs bis hin zu seinen frühen Tätigkeiten als Journalist und Redakteur des Alger républicain detailliert beschrieben. Schnell wird deutlich, dass Camus’ literarisches und philosophisches Schaffen von Beginn an durch persönliche Erlebnisse und Erfahrungen geprägt und inspiriert ist. Die Diagnose Tuberkulose habe seine gesamte Weltanschauung verändert. So werden der Tod und die Endlichkeit des eigenen Lebens just ab diesem Zeitpunkt zu zentralen Motiven des Gesamtwerks: „Camus had a radically new perspektive, one in which the arbitrariness and inevitability of death were impossible to ignore“ (9). Dennoch sollte die Krankheit für Camus gleichermaßen eine Befreiung sein, wie Gloag überzeugend herausarbeitet. Auf Anraten seines Arztes verlässt Camus das ärmliche Viertel Belcourt von Algier und zieht zu seinem Onkel Gustave Arnauld, der ein eifriger Leser klassischer Literatur war und dessen Bibliothek Camus nun offenstand. Einmal mehr verschmelzen Lebens- und Denkweg: „Camus’s outlook had changed as well. He now connected his awareness of death’s certainty with freedom, a central paradox that was at the core of his future works“ (11). Frühe Texte der Jugendschriften, welche ansonsten in der Forschung kaum Beachtung erfahren, bezieht Gloag in seine Ausführungen mit ein. Diese gehen demnach über den Rahmen üblicher Kurzeinführungen hinaus. So gelingt es aufzuzeigen, dass Camus’ Philosophie seit der Frühphase durch die Erfahrung der Endlichkeit und Fragilität des eigenen Lebens – Motive, die unter den später eingeführten Begriff des Absurden zu subsumieren sind – auf der einen Seite und sogenannte ,moments de bonheur‘, die durch ästhetisierende Naturerfahrung Augenblicke des Einklangs von Mensch und Natur bzw. Welt beschreiben, auf der anderen Seite geprägt ist. Jene Momente sind die Triebfeder seines Denkens, wie Gloag richtig konstatiert: „[T]hey are the ultimate goal, short-lived but repeatable solace from a resolutely hostile human environment and a meaningless world“ (17).

Am Ende des Kapitels wird das politische Engagement des jungen Camus anhand seiner Mitgliedschaft in der Parti communiste français (PCF) beleuchtet. Direkt stellt Gloag klar: „But Camus was not a Marxist“ (18). Sein Eintritt in die Partei resultiere vielmehr aus dem Umstand, dass jenes Milieu eben „the place to be for an aspiring intellectual“ (ibid.) der damaligen Zeit war. Sein Lehrer und Mentor Jean Grenier riet ihm dazu, außerdem waren die großen zeitgenössischen französischen Literaten wie Gide oder Malraux, die Camus bewunderte, selbst Mitglieder oder zumindest Sympathisanten der PCF. Des Weiteren begründet Gloag Camus’ Parteimitgliedschaft wie folgt: „[I]t was a place where he could advocate a compromise solution to the growing unrest in certain sectors of the Algerian population“ (ibid.). Camus habe ab dieser Zeit ein Bewusstsein für die ambivalente Situation und die Probleme des Kolonialismus entwickelt.

Gloag zeigt auf, wie sich in Camus’ Haltung zum Kolonialismus die innere Zerrissenheit seiner Herkunft widerspiegelt. Sie sollte seine politische Meinung diesbezüglich bis zum Ende seines Lebens prägen. In Algerien geboren und doch in einem französisch dominierten soziokulturellen Umfeld aufgewachsen, vertrat Camus einen Kompromiss, den Gloag treffend zusammenfasst: „[H]e wanted to reform, to modify colonialism, but he never challenged France’s authority over Algerian land nor was he in favour of Algerian independence“ (20). Der Bruch mit der PCF folgt jedoch bereits 1937. Ein Grund ist sicherlich in einem Leitmotiv des Camusschen Denkens überhaupt auszumachen: Die Ablehnung jeglicher Form von Gewalt, ganz gleich, welche Seite der Macht sie ausübt. Gloag sieht hier bereits eine Position bei Camus gefestigt, die Jahre später zum Bruch mit Sartre führen wird: „The problem of revolutionary violence was to become a constant in Camus’s works and would emerge in his later debates with Sartre and his play The Just Assassins“ (19).

„Camus, from reporter to editorialist“ lautet der sprechende Titel des zweiten Kapitels. Camus’ Tätigkeit als Journalist, die untrennbar mit seinem politischen Engagement verbunden ist, wird dort in extenso besprochen. Da sein Journalistendasein oft nur randständige Beachtung erfährt,1 sind diese Darstellungen im Kontext einer Kurzeinführung umso positiver hervorzuheben. Wiederum stellt Gloag den ,pied-noir‘ Camus in den Fokus; so schlage sich Camus’ Standpunkt als Algerienfranzose in seiner Journalistentätigkeit nieder, dessen Sujet der Kritik vor allem die französische Kolonialadministration sei. Dennoch sei er kein Anti-Kolonialist, wie oft behauptet, seine Position verkörpere vielmehr gewisse Widersprüche, die nur vor dem Hintergrund seiner Herkunft verständlich bzw. zumindest erklärbar seien: „[H]e wanted to find the best way for Algerians to remain French, and for France to remain in Algeria“ (25). Hinzu komme seine pazifistische Grundhaltung. Gloag kann so überzeugend darlegen, dass Camus nur schwer zu einer klaren Linie in dieser Debatte finden konnte. Dass zuweilen der ,politische‘ Camus und sein ambivalentes Verhältnis zum Kolonialismus eine Überakzentuierung erfahren, zeigt sich in Gloags folgender Interpretation des Absurden: „His theory of the absurd – that the world made no sense and was unexplainable – can certainly be seen in his stance regarding political reform in Algeria; he stopped trying to change things, or indeed to make sense of them“ (27). Die Erfahrung des Absurden kann zwar durch vielerlei Umstände hervorgerufen werden – vor allem oft als alltäglich wahrgenommene Ereignisse können hierbei entscheidend sein –, letztlich beschreibt es jedoch eine Grundstimmung der Welterfahrung des Menschen. Somit bekommt das Absurde eine gewisse metaphysische und anthropologische Bedeutung. Zu guter Letzt zieht Camus daraus keine resignativen Schlüsse, sondern fordert im Gegenteil zu einem bewussten und schöpferischen Umgang mit dem Absurden auf.

Hervorzuheben ist Gloags Thematisierung von Camus’ Kritik an den (Natur-)Wissenschaften, die er mit dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima wiederum mit dem Journalisten Camus in Verbindung setzt. „Camus’s rejection of any all-explaining narrative, be it communism, religion, science, or simply human history, was at the centre of his theory of the absurd, which he developed during his years as a journalist“ (37). So frage Camus, wie jemand nach Hiroshima noch an die Wissenschaft glauben könne. Tatsächlich sind Camus’ Wissenschaftskritik und seine Erörterungen zum Absurden eng miteinander verknüpft. Relativierend und ergänzend ließe sich anmerken, dass seine „theory of the absurd“ (ibid.), die sicherlich keine Theorie im strengen Sinne ist, bereits in den Écrits de jeunesse grundgelegt ist und somit bis weit in die Zeit vor seiner Arbeit als Journalist zurückreicht.2

Ging Gloag in den ersten beiden Kapiteln vorwiegend chronologisch vor, liegt in den nun folgenden zwei Abschnitten der Fokus primär auf einer systematischen Betrachtung der Motive des Absurden und der Revolte. Anhand der sogenannten ,drei Absurden‘ (Caligula, Der Fremde, Der Mythos des Sisyphos) wird in Kapitel 3 „Camus and the absurd“ das Phänomen der Absurdität in seinen literarischen und philosophischen Darstellungsformen untersucht. Mit den unterschiedlichen Ausdrucksformen findet somit zurecht ein wesentliches Motiv Berücksichtigung: „Camus had to use stories to illustrate both the feeling and the will of the absurd, because both are rooted in experience“ (39). Das Absurde wird sogar in Bezug auf die kontemporäre Strömung des Existenzialismus hin kontextualisiert. Für Gloag besteht der wesentliche Unterschied darin, dass für die Existenzialisten das Absurde ein Ausgangspunkt, für Camus hingegen ein Endpunkt ist (vgl. ibid.).

In Anbetracht der kontrovers diskutierten und umstrittenen Typisierung Camus’ als Existenzialist hätte der Leser sich hier jedoch eine differenziertere Einordnung anstelle einer beiläufigen Erwähnung gewünscht. Letztlich spricht einiges dafür, dass auch für Camus das Absurde lediglich einen Ausgangspunkt markiert, zumindest insofern er nicht bei einer bloßen Konstatierung des Absurden stehen bleiben möchte, sondern gerade an dessen Konsequenzen interessiert ist.3 Bereits in der einleitenden Bemerkung zum Sisyphos-Mythos stellt Camus klar: „Gleichzeitig aber ist die Bemerkung angebracht, dass das Absurde – das bisher als Schlussfolgerung verstanden wurde – in diesem Essay als Ausgangspunkt betrachtet wird“ (Camus 1942, 13).

Wahrscheinlich aufgrund seiner Perspektive als Literaturwissenschaftler legt Gloag mit seinen Ausführungen zu Caligula und insbesondere zu Der Fremde das Hauptaugenmerk auf Camus’ literarische Texte zum Absurden. So gelingt es zwar erneut, die enge Verwobenheit von Werk und Autor zu exponieren; detailaffin werden so Parallelen zwischen den Erlebnissen und Charakterzügen des Protagonisten Meursault und Camus herausgearbeitet (vgl. 47). Zugleich geraten dadurch jedoch die philosophiehistorischen Prämissen von Camus’ Absurdem in den Hintergrund. Da ansonsten die Genese des Werks im Zentrum von Gloags Einführung steht, hätte hier eine etwas ausführlichere Thematisierung des Sisyphos-Mythos als philosophischem Essay bereichernd wirken können. Gerade dort werden Camus’ Referenzautoren implizit und explizit ersichtlich – man denke zum Beispiel an Kierkegaard und Nietzsche (siehe u. a. Victor 2021, 269–272). Dennoch wird jener philosophische Essay im Rahmen einer Intellektualismuskritik treffend als „an intelligent attack on intelligence“ (51) charakterisiert. Zu Gloags Ausführungen zum Absurden ist noch zweierlei anzumerken.

Erstens sieht er einen weiteren Unterschied zwischen Camus und dem Existenzialismus Sartres in Meursaults Begeisterung für die Natur (die Sonne, das Licht und das Meer): „For Camus’s absurd, interactions with nature are desirable and ultimately the sole source of solace“ (50). Camus’ phasenweise mystisch anmutenden Naturbeschreibungen lassen sich sicherlich in dieser Form bei Sartre nicht finden. Dennoch darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch das Absurde letztlich einer Welt- und damit auch einer Naturerfahrung entspringen kann. So heißt es exemplarisch in Der Mythos des Sisyphos: „[W]ahrnehmen, dass die Welt ,dicht‘, ahnen, wie sehr ein Stein fremd ist, auf nichts zurückzuführen, und mit welcher Intensität die Natur oder eine Landschaft uns verneinen kann“ (Camus 1942, 26).

Zweitens rekurriert Gloag auf eine Entwicklung des Camusschen Denkens, die mit den Ereignissen und Erlebnissen des Zweiten Weltkriegs einhergehe. Das Absurde in seiner nihilistischen Reinheit sei für Camus nun nicht mehr vertretbar: „The Second World War and its moral aftermath led Camus to inject a degree of moralism and humanism into his thought, which then led to his notion of revolt“ (42–43). Der Begriff ,Revolte‘ werde nun neu in das Camussche Werk eingeführt (vgl. 55). Dies gilt es jedoch differenzierter zu betrachten. Zwar wird des Öfteren von einem Übergang von einem ich- hin zu einem gemeinschaftsorientierten Denken bei Camus gesprochen (siehe u. a. Lauda 2011), meines Erachtens ist das Verständnis der Revolte jedoch bereits im Gedanken der Auflehnung angesichts des Absurden im Sisyphos-Mythos grundgelegt. Dort vertritt Camus ebenso keine bloße Hinnahme oder Resignation, sondern sieht vielmehr die Notwendigkeit aufzuzeigen, dass aus dem Absurden keine Logik bis zum Tode folgt, deren Gefahren er sich stets bewusst ist. Im Französischen ist der Terminus ,révolte‘ (vgl. Camus 1965, 138) schon in Der Mythos des Sisyphos vorhanden, und bereits in den Jugendschriften findet sich folgende Aussage: „Die conditio humana annehmen? Ich glaube im Gegenteil, dass die Revolte [franz. ,révolte‘] in der menschlichen Natur liegt“ (Camus 1973, 239; trans. O.V.). Wenn dem Absurden ein Nihilismus innewohnt, so ist dieser nicht passiver, sondern aktiver Natur.

Im vierten Kapitel „Rebel without a cause“ rückt dann das Konzept der Revolte ins Zentrum. Wiederum stehen die literarischen Werke im Vordergrund, und Gloag präsentiert eine kurze und prägnante Zusammenfassung und Interpretation von Die Pest und seinen Hauptcharakteren. So werden auch einer Leserschaft ohne einschlägige Textvorkenntnisse sowohl die Handlung als auch die verschiedenen Interpretationsansätze zugänglich. Dr. Rieux, der Protagonist des Romans, sei „the incarnation of the man in revolt“ (60), motiviert durch einen säkularen Glauben an die Humanität, „which later Camus will theorize as the driving force of his revolt“ (ibid.).

Im Anschluss daran wendet sich Gloag wieder der politischen Dimension des Camusschen Werks zu. Anhand der Artikelsammlung Weder Opfer noch Henker wird die Revolte als „a political stance“ (62) interpretiert. Camus’ Revolte intendiere keine Revolution, wie Gloag angemessen festhält. Camus’ erster Schritt bestehe darin, jede Form von Gewalt – sei sie auch um der Verwirklichung eines höheren Zieles willen – zurückzuweisen, und somit werde deutlich: „His target is clearly communism“ (64). Auch nach dem Zweiten Weltkrieg sei seine Haltung zur ,Kolonialfrage‘ davon beeinflusst: „Camus wanted moderate reforms, not radical change“ (66), wohlwissend, dass Letzterer in die Unabhängigkeit Algeriens münde. Zur damaligen Zeit stieß sein Ansatz kaum auf Zustimmung. Nach dem Fall der Sowjetunion sowie der Berliner Mauer jedoch: „Camus was celebrated as having been right all along“ (66). Die Topoi des L’Homme révolté fasst Gloag unter Rekurs auf die Gegenpositionen zu Camus pointiert zusammen: „The Rebel includes a long list of counter-examples – of enemies of all kinds in all fields: political (Nazis and communists), historical (revolution), and philosophical (Hegel)“ (69).

Im fünften Kapitel steht der Streit zwischen Camus und Sartre im Mittelpunkt, der das Schicksal beider Männer entscheidend beeinflusste. Der Untertitel des Kapitels „the breaks that made them inseparable“ (71) bringt das bereits zum Ausdruck. Gloag legt die aus seiner Sicht bestehenden Differenzen zwischen Camus’ Philosophie des Absurden und Sartres Existenzialismus nun ausführlich dar: „The differences between existentialism and Camus’s absurd were clear from the start: existentialism is human-centred, about personal responsibility in a collective world, whereas the absurd is a divorce from human affairs and, ostensibly, a rejection of all systems“ (75). Doch sind die Unterschiede tatsächlich derart eindeutig? Gegen diese Gegenüberstellung ließe sich anführen, dass auch Camus’ Ansatz ein anthropozentrischer ist, er zudem Beispiele anführt, in denen das Absurde in zwischenmenschlichen Situationen zutage tritt, und letztlich kulminiert auch sein Gedanke der Revolte in dem Bewusstsein, dass das ursprünglich individuell erfahrene Leid kollektiver Natur ist (vgl. Camus 1951, 38). Wichtiger und für den Streit entscheidender erscheint mir indes die, auch in dem hier diskutierten Buch herausgearbeitete, unterschiedliche Haltung zum Kommunismus zwischen Sartre und Camus zu sein.

Eng damit sei ihre konträre Meinung zur Unabhängigkeit Algeriens verbunden, welche wiederum in den anti-kolonialistischen Positionen des Kommunismus verankert sei. Dies habe auch zum Streit zwischen Merleau-Ponty und Camus geführt, so Gloag (vgl. 76). Erneut wird überzeugend auf die familiäre Herkunft Camus’ hingewiesen, die seine ambivalente Haltung zumindest verständlich erscheinen lässt: „For Camus the colonial issue was complicated: it could not boil down to simple approval or disapproval. While he was aware of and condemned injustices towards Arabs, French Algeria was his birthplace, home to all his family and many of his friends, and he was devoted to it“ (76–77). Die bekannte Kritik Sartres an Der Mensch in der Revolte berücksichtigt Gloag gleichermaßen, letztlich legt er den Fokus jedoch auf die unterschiedlichen Positionen zur Kolonialmacht Frankreich zwischen den beiden Intellektuellen und ermöglicht somit einen gehaltvollen andersartigen Zugang zu der Kontroverse ,Camus-Sartre‘. So kann er zu dem Fazit gelangen: „In short, colonialism was at the centre of the ongoing dispute between the two men“ (85).

Dem Themenkomplex ,Camus und Algerien‘ spürt das sechste Kapitel nun mit Blick auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nach. In diesem Abschnitt geling es Gloag aufzuzeigen, wie die Konflikte und gewaltvolle Realität der Kolonialzeit letztlich immer mehr in das Zentrum von Camus’ literarischem Schaffen rücken. Dafür werden die Kurzgeschichten aus Das Exil und das Reich sowie der posthum veröffentlichte autobiographische Roman Der erste Mensch besprochen. Während des Algerienkriegs sei Camus’ Haltung weiterhin pazifistisch und sein primäres Ziel eine Einigung zwischen den Parteien, um dem Sterben Unschuldiger ein Ende zu bereiten (vgl. 91). Letztlich habe ihm diese Position jedoch Kritiker auf beiden Seiten beschert. Die Wahrnehmung, von seinen Zeitgenossen missverstanden zu werden, verarbeite Camus exemplarisch in der Erzählung „Der Gast“ in der Figur des Daru: „Kind, fair, but misunderstood by all, alone, pressured by his own, threatened by Arabs – this is how Camus saw himself in the midst of the struggle for Algerian independence“ (90).

Zurecht betont Gloag im Anschluss daran die zentrale Bedeutung des erst Jahrzehnte nach seinem Tod publizierten Der erste Mensch für die Interpretation des Gesamtwerks. Letztlich haben wir es hier mit einer autobiographischen Aufarbeitung des eigenen Lebens unter dem Pseudonym Jacques Cormery zu tun. Gloag setzt das nun in Relation zu der Grundthese seines Buches – Camus’ Wurzeln als Algerienfranzose seien der Schlüssel zu seinem Werk. So sei die letzte Erzählung „a coming out, a mask that falls: nothing is more important to Camus than France’s presence in Algeria. […] The First Man […] is the key to all his works.“ Deshalb sei sie wohl auch die beste Einführung in sein Werk (94). Der erste Mensch stelle letztlich eine Ode an und eine Verteidigung der ,pieds-noirs‘ dar, und so steht der ,politische‘ Camus zwangsläufig abermals im Zentrum. Um ihrer Verteidigung willen gebe Camus sogar seine eigenen Prinzipien preis, so zum Beispiel als er schließlich versuchte, die französischen Siedler als Revolutionäre darzustellen: „However, for the cause of the pieds-noirs, Camus was ready to undo everything, even his own beliefs and ahistorical principles“ (100).

Im letzten Kapitel widmet sich Gloag der Wirkungsgeschichte Camus’ und versucht dabei, zu erklären, was sein Denken nach wie vor so aktuell erscheinen lässt. Dass Camus kein akademischer Systemphilosoph ist, wird im Laufe des Buches deutlich. Mitunter erkläre das sogar Camus’ Popularität, wenngleich dadurch sein Werk für Missverständnisse naturgemäß anfälliger sei. Die Tatsache, kein philosophisches System konzipiert zu haben, kann gegebenenfalls erklären, warum Camus von unterschiedlichen Strömungen in Anspruch genommen wurde und weiterhin wird. Gloag kommt hier wieder auf die bereits in seinem Vorwort angesprochene Problematik der Ambiguität des Camusschen Werks zu sprechen. Wiederholt steht die politische Tragweite seines Werks dabei im Fokus: „Camus has been described as a humanist, an anarchist, an anti-communist, a social-democrat, a colonialist, even an anti-colonialist“ (105). Einem breiten politischen Spektrum dient er somit als Referenzfigur und argumentative Stütze. Die Dichotomien in der Deutung und Interpretation seines Denkens ergeben sich für Gloag aus den Widersprüchen im Werk Camus’ selbst. Gloag fasst unter Rekurs auf die Thematik des Kolonialismus den zentralen Widerspruch im Œuvre Camus’ resümierend zusammen: „[H]e is the incarnation of the resolution of an impossible synthesis between enlightenment and colonial oppression“ (106). Gloag selbst indes bezieht gegen Ende seiner Untersuchung eindeutig Position: Camus habe sich auf die Seite des Kolonialismus gestellt, allerdings sei dieser Umstand in der Rezeptionsgeschichte oft ignoriert worden. Seine pro-kolonialistischen Äußerungen „do not fit with the popular vision of Camus as a concerned humanist rising above political concerns and preoccupations“ (107). Zu guter Letzt wird sogar ein Bogen bis in die Gegenwart hinein gespannt, insofern Gloag auf den 2013 erschienenen Roman The Meursault Investigation von Kamel Daoud eingeht, der gewissermaßen eine Fortsetzung von Der Fremde sei (vgl. 108–109).

Albert Camus. A Very Short Introduction schließt mit dem Befund: „Camus lives on“ (110). Camus sei der Autor für unsere globalen Zeiten und das wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil er alltägliche Erfahrungen in das Zentrum seines künstlerischen Schaffens stelle (vgl. 111). So konnte und kann sich eine breite Leserschaft mit seinen Werken identifizieren.

Die Bereicherung der hier diskutierten Einführung besteht darin, das Hauptaugenmerk auf den ,politischen‘ Camus, d. h. insbesondere auf seine Haltung zum Kolonialismus und seine sich darin widerspiegelnde Herkunft eines ,pied-noir‘ zu legen. Kritisch anmerken lässt sich lediglich, dass dadurch der Blickwinkel auf sein Œuvre zumindest für den Rahmen einer Kurzeinführung teilweise zu stark auf diese Facette zugespitzt wird. Andere Aspekte, die für seinen Denk- und Lebensweg ebenso richtungsweisend waren, wie zum Beispiel die philosophiehistorischen Prämissen seiner Philosophie – hier wären vor allem Kierkegaard und Nietzsche, aber auch Plotin und Augustinus zu nennen – treten dadurch in den Hintergrund. Gloags Buch richtet sich im Gestus der Reihe Very Short Introductions primär an eine Leserschaft, welche sich einen ersten gehaltvollen Zugang zu Leben und Werk von Camus verschaffen möchte. Solche Leser*innen seien zudem auf die sich am Ende des Buches befindende sorgfältig ausgewählte Liste mit weiterführender Literatur verwiesen. Darüber hinaus bietet die besondere Schwerpunktsetzung der Untersuchung auch Camus-Forschern*innen eine abwechslungsreiche Perspektive auf das Œuvre des französischen Literaten und Philosophen.

Bibliographie

  • Camus, A. 1965. Essais. Quillot, R. & Faucon, L. (eds.). Paris: Gallimard.

  • Camus, A. 1973. Cahiers Albert Camus (2): Le premier Camus, suivi de Écrits de jeunesse d’Albert Camus. Viallaneix, P. (ed.). Paris: Gallimard.

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  • Camus, A. 1942. Der Mythos des Sisyphos. von Wroblewsky, V. (tr.). 2011. Reinbek: Rowohlt. (Original: Camus, A. 1942. Le Mythe de Sisyphe. Paris: Gallimard.)

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  • Camus, A. 1951. Der Mensch in der Revolte, Streller, J. (tr.), 2013. Reinbek: Rowohlt. (Original: Camus, A. 1951. L’Homme révolté. Paris: Gallimard.)

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  • Lauda, K. H. 2011. Die Entwicklung vom ich- zum gemeinschaftsbezogenen Denken bei Albert Camus. Frankfurt a. M.: Peter Lang.

  • Lévi-Valensi, J. (ed.) 2014. Albert Camus – Journalist in der Résistance. Bd. III. Hamburg: LAIKA-Verlag.

  • Santos-Sainz, M. 2019. Albert Camus, journaliste. Reporter à Alger, éditorialiste à Paris. Rennes: Éditions Apogée.

  • Victor, O. 2021. Kierkegaard und Nietzsche. Initialfiguren und Hauptmotive der Existenzphilosophie. Berlin – Boston: De Gruyter.

1

Zumindest seit der Herausgabe der zwei Bände Albert Camus – Journalist in der Résistance erfährt diese Seite seines Schaffens mehr Beachtung. Siehe dazu Lévi-Valensi 2014 sowie ferner Santos-Sainz 2019.

2

So lesen wir zum Beispiel in dem Text „L’Art dans la Communion“: „Das Unglück ist immer, dass sich unser Verlangen nach Einheit einer Zweiheit gegenübergestellt sieht, deren Worte unversöhnlich sind“ (Camus 1973, 253; trans. O.V.).

3

Siehe u. a. Camus 1942, 28: „Was mich interessiert, sind nicht so sehr die absurden Entdeckungen. Es sind deren Konsequenzen.“

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